Ein Verlorener namens Karl

Er ist 53 Jahre und die wenigen Zähne, die er noch hat, sind in einem desolaten Zustand. Seine Haare sollten mal wieder zum Friseur. Manchmal riecht er streng, heute zum Glück nicht. Sein Schnauzbart ist alles andere als gepflegt. Wir kennen uns seit mindestens dreißig Jahren und er war schon immer etwas zurück in seiner Entwicklung. Doch früher war es noch nicht ganz so schlimm, da kümmerte sich seine Mutter noch um ihn und er hatte nicht so merkwürdige und kaputte Freunde. Auch trank er damals noch nicht und seine Zähne befanden sich in ordnungsgemäßem Zustand in seinem Mund. Doch das ist lange her. Mir kommt es vor als wäre das in einem anderen Leben gewesen. Wie es ihm wohl vorkommt? Soll ich ihn fragen? Besser nicht.
Alle paar Wochen passiert es, dass er mich in ein Gespräch verwickelt und es gab Zeiten, da war es mir äußerst peinlich. Mittlerweile macht es mir nichts mehr aus. Die Gespräche interessieren mich zwar nicht, aber ich denke, dass es ihm ganz gut tut, wenn sich mal jemand mit ihm unterhält. Außerdem kennen wir uns schon so lange und ich habe ihn sogar mal besucht als er noch nicht in diesem desolaten Zustand war. Dennoch war es irgendwie gruselig.

Es muss etwa zwanzig Jahre her sein, dass ich ihn besuchte. Damals war er noch nur irgendwie merkwürdig und etwas schlicht in seinem Kopf. Und so ließ ich mich von seinem Betteln, ihn doch mal zu besuchen, erweichen. Wir saßen in seinem Zimmer, plauderten belanglos daher und während des Gesprächs bekam ich mehr und mehr den Verdacht, dass Karl sich sexuell eher zu Männern hingezogen fühlt, was sich mittlerweile längst bestätigt hat. Damals war das neu für mich, aber irgendwie passte es auch, denn selbst in seinem damaligen Zustand konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich Frauen für ihn interessieren. Wobei ich mir auch nicht vorstellen kann, dass ein Mann, der nicht ebenso merkwürdig wie Karl selbst ist, Gefallen an ihm finden könnte. Lediglich Menschen, die ebenfalls in ihrer Entwicklung weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind, kamen meiner Meinung nach als Partner für Karl in Frage. Während er von seinen Erlebnissen berichtete, war ich gedanklich ganz woanders. Ich versuchte mir tatsächlich vorzustellen, was für Frauen und Männer das wohl waren, von denen er sprach. In meiner Vorstellung waren es ziemlich merkwürdige Gestalten und ich fragte mich, was ich hier eigentlich machte. Die Welt in der Karl und die Leute von denen er mir erzählte lebten, war mir nicht nur fremd, sie kennenzulernen erschien mir auch alles andere als erstrebenswert. Egal, wie viele Orgien sie auch feiern würden. Langsam kehrte ich aus meiner Gedankenwelt zurück und fragte mich, wie lange ich noch bleiben muss, damit meine Entscheidung zu gehen nicht unhöflich ist und ihn verletzt. Er sollte ja nicht merken, dass ich der Meinung war, dass irgendwas mit ihm ganz und gar nicht stimmt. Und damit meinte ich nicht, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Eher seinen komischen Allgemeinzustand. Als er wenig später eine leicht homoerotisch angehauchte Geschichte erzählte, war ich zwar nicht wirklich überrascht, wollte aber keine weiteren Details über seinen Kontakt zum männlichen Geschlecht und beschloss zu gehen. Dass ich ihn nicht noch einmal besuchen würde, stand indes schon vor der Geschichte mit dem berührten Geschlechtsteil eines anderen Mannes fest. Zu gering war mein Interesse an seinen komischen Geschichten, zu verschieden unsere Leben. Er suchte Freunde, ich wollte kein Freund werden. Weder auf die eine, noch die andere Art.

Im Gegensatz zu mir, weiß er bis heute nicht, dass ich ihn nie wieder besuchen werde. Und so lädt er mich seitdem immer wieder zu sich ein. Wie auch jetzt. Und wie immer erkläre ich ihm, dass ich keine Zeit habe, trainieren muss und ständig zu tun habe. Ich bringe es einfach nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass er in einer anderen Welt lebt und ich diese nicht betreten möchte. Ich möchte nicht, dass er weint. Sein Weinen ist nämlich beängstigend. Er schluchzt und scheint vollkommen außer sich, wenn er weint. Ich habe bisher nie mit Sicherheit sagen können, ob diese Anfälle komplett gespielt sind oder echte Emotionen widerspiegeln. Nachdem seine Mutter starb, brach er oft in dieses Schluchzen aus, was mir immer unangenehm war, weil ich damit so gar nichts anfangen kann. Und ebenso heftig und schnell, wie es ihn überkam, verschwand es wieder. Und genau das ist es, was ich nie verstand. Gespielt oder nicht gespielt? Ich weiß es nicht, möchte es aber auch nicht mehr erleben. Also bin ich nett zu ihm, ignoriere alle seine verzweifelten Einladungen und verhalte mich meiner Meinung nach angemessen. Mehr kann ich nicht für ihn tun.
Ich will gerade gehen, da weist er mich darauf hin, dass ich im August Geburtstag habe, und dass er das von meiner Mutter weiß. Ich habe da so meine Zweifel, da ich bisher nie im August Geburtstag hatte und davon ausgehe, dass auch meine Mutter das weiß. Selbstverständlich widerspreche ich ihm nicht. Die Illusion meinen Geburtstag zu kennen, möchte ich ihm nicht rauben. Sein Geburtstag ist auch bald. Dann wird er 54. “54!”, ruft er es fast theatralisch heraus und macht eine Geste mit den Händen, die ich nicht verstehe. “Ich könnte Dein Vater sein.”, sagt er ganz aufgeregt. Ich finde das etwas unwahrscheinlich, ist er doch nur elf Jahre älter als ich. Doch darauf hinweisen möchte ich ihn nicht, weil ich fürchte, dass dann eine Welt für ihn zusammenbricht. Weil er so fasziniert von der Vorstellung ist, er könnte mein Vater sein und mich immer als jung bezeichnet, frage ich ihn, wie alt ich denn bin. “Mitte 30”, sagt er sehr überzeugt. Dann kann er tatsächlich mein Vater sein. So habe ich das bisher nicht gesehen. Als er mich erneut anbettelt, ihn doch mal zu besuchen, verabschiede ich mich unverzüglich, mache mich auf den Weg und lasse ihn in seiner speziellen Welt zurück.

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