Der dritte Weisheitszahn

Ob die Natur es gut mit mir gemeint oder es schlicht vergessen hat, meinen vierten Weisheitszahn wachsen zu lassen, weiß ich nicht. Doch wenn ich daran denke, dass die Weisheitszähne als überflüssig bezeichnet werden und sie bei immer mehr Menschen gar nicht wachsen, muss es nicht schlecht sein. Andererseits sollen Menschen, denen ein oder mehrere Weisheitszähne nicht wachsen, durchaus Probleme haben können, die von den nicht gewachsenen Weisheitszähnen ausgehen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Nachdem das Entfernen meines ersten Weisheitszahns im Unterkiefer vor vielen Jahren eine einzige Quälerei war, ich anschließend etwa zwei Wochen meinen Mund nicht mehr wirklich öffnen konnte und unfassbare Schmerzen hatte, gestaltete sich die Entfernung des Weisheitszahnes im Oberkiefer als Kinderspiel. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, dass die heute anstehende Entfernung des Weisheitszahnes aus dem Unterkiefer, eine recht einfache Angelegenheit wird. Und so erscheine ich, nach einer recht schlaflosen Nacht, welche ich meiner Zahnarztangst zu verdanken habe, pünktlich zu meinem Termin. Nach einer kurzen Wartezeit sitze ich auf dem Behandlungsstuhl, sehe die Spritze und andere Instrumente und möchte eher gehen als bleiben. Der Zahnarzt kommt herein, gibt mir zwei Spritzen und die letzte Stunde meines Zahnes hat geschlagen. Sobald die Spritze wirkt, ist er Geschichte. Doch dann nehmen die Dinge eine unerwartete Wendung. Weil ich auch nach Minuten nicht das Gefühl habe, dass alles wirklich betäubt ist, kommen mir erste Zweifel, ob alles ist, wie es sein soll. Der Zahnarzt kommt zurück, betrachtet die Röntgenaufnahme, sagt, dass die Zahnwurzel mächtig ist, und beginnt mit seiner Arbeit. Sein Plan ist es, den Zahn in zwei Teilen zu entfernen. Kaum beginnt er mit dem Durchtrennen, trifft er den Zahnnerv und ein köstlicher Schmerz durchfährt meinen Körper. Er fragt, ob es geht, ich gebe ihm zu verstehen, dass er weiter machen soll, frage mich aber sofort, wieso ich das getan habe. Wenige Augenblicke später trifft er erneut den Nerv. Ich zucke zusammen und der Zahnarzt beendet sein Vorhaben, gibt mir die dritte Spritze und ich darf warten. Dummerweise habe ich nicht das Gefühl, dass die Spritze irgendwas bewirkt. Und kaum beginnt die Behandlung erneut, bestätigt sich mein Verdacht. Der Zahnarzt trifft den Nerv und stellt fest, dass wir so nicht weiter kommen. Und so kommen wir zu Plan B. Zahn lockern und entfernen. Auch das klappt wegen starker Schmerzen nicht. Ich sinke tiefer und tiefer in den Behandlungsstuhl. Und schon folgt Plan C. Irgendwelche Hebel und ein Skalpell kommen zum Einsatz. In mir ist längst alles auf Flucht eingestellt. Nur weil ich weiß, dass mir das nicht wirklich helfen würde und ich mich irgendwie zusammenreißen muss, weil eine Flucht auch ziemlich peinlich wäre, laufe ich nicht schreiend davon.
Mit dem Skalpell soll vermutlich das Zahnfleisch von der Wurzel entfernt werden. Jedenfalls stelle ich mir das so vor. Der Eingriff fühlt sich gruselig an, tut aber nicht zu sehr weh. Im Vergleich zu den vorherigen Schmerzen jedenfalls nicht. Nachdem Skalpell kommen wieder andere Geräte zum Einsatz. Erst was zum lockern des Zahnes, dann wird erneut gebohrt. Der Bohrer bereitet wieder üble Schmerzen. Ich will sofort nach Hause, raus aus diesem Stuhl. Aber das geht noch immer nicht, weil der Zahn noch da ist. Nun kommt die Zange zum Einsatz. Ich weiß nicht, was genau der Zahnarzt da macht, aber es tut höllisch weh, so dass ich noch weiter nach unten rutsche und eine weitere Pause gemacht werden muss, weil ich die Schmerzen nicht mehr ertrage. Kurz Atmen. Ich schwitze, bin völlig verkrampft und der Weisheitszahn ist noch immer in meinem Kiefer. Die ganzen Geräusche, welche die Behandlung bisher verursacht hat, bekomme ich sicher nie mehr aus meinem Kopf.
Der Zahnarzt fragt, ob ich bereit bin noch einmal Schmerzen zu ertragen. Ich bin es nicht, gebe aber zu verstehen, dass es weiter gehen kann. Und dann tut es nochmal richtig weh bevor es endlich vorbei ist. Ich bin völlig verwirrt und will schon durchatmen als ich bemerke, dass das Loch nun noch zugenäht werden muss.
Das Nähen ist unangenehm und ich denke schon jetzt daran, dass die Fäden irgendwann gezogen werden müssen. Das regt mich irgendwie sehr auf. Ich will das nicht, will nie wieder herkommen. Als auch der Schritt endlich geschafft ist, sagt der Zahnarzt, dass ich nun durchatmen kann und noch eine Weile sitzen bleiben soll. Ich bin derweil wütend auf alle und alles. Die sollen mich in Ruhe lassen und abhauen. Sofort. Ich verschränke die Arme und sitze so auf dem Behandlungsstuhl und warte. Worauf ich wirklich wütend bin, weiß ich allerdings  nicht genau. Es muss so etwas wie eine Trotzreaktion sein. Ich dachte immer, so etwas kommt nur bei Kindern vor. Eine Helferin sagt, dass noch Blut in meinem Gesicht ist und wischt es ab. Normalerweise würde ich das selber machen. Aber weil ich sauer bin, sitze einfach nur da und lasse sie machen. Ich will auch mit keinem mehr reden. Die sind alle böse und gemein.
Als ich wenige Minuten später aus der Praxis bin, bin ich zwar erleichtert, habe aber Schmerzen und ärgere ich mich, dass ich mir den Zahn hab ziehen lassen. Denn schließlich war er nur von Karies befallen, aber tat nur ganz selten mal weh. Drei Jahre habe ich den Eingriff immer wieder verschoben. Und jetzt weiß ich wieder, warum ich es getan habe.

Als ich endlich zu Hause bin, schaue ich, nachdem ich die Mullbinde, oder wie auch immer man es nennt, was der Zahnarzt mir auf die Wunde gelegt hat, entfernt habe, in meinen Mund. Blutet noch. Neue Binde drauf und abwarten. Binde raus, blutet noch. Egal. Da die Schmerzen sich steigern nehme ich eine Ibuprofen. Vielleicht hilft das ja.

Der Nachmittag und Abend verlaufen weniger schmerzhaft als befürchtet. Mein größtes Problem ist, dass ich meinen Mund kaum öffnen kann. Da macht essen gleich doppelt Spaß. Bis 23.00 Uhr halte ich es ohne weitere Schmerztablette aus. Dann nehme die zweite Tablette des Tages  und gehe ich ins Bett..

Am nächsten Tag muss ich zur Kontrolle, was mir nicht gefällt, weil es draußen viel zu kalt ist und mein Mund sich noch weniger öffnen lässt. Da kann der Zahnarzt eh nichts sehen. Das macht doch keinen Sinn. Und erst recht keinen Spaß. Irgendwie sieht der Zahnarzt dann aber doch genug und sagt, dass die Schwellung den Umständen entsprechend ist. Dafür, dass er was am Knochen weggefräst hat, ist mein jetziger Zustand absolut okay. Irgendwie tröstet mich das wenig und die Tatsache, dass nächsten Montag die Fäden gezogen werden sollen,  verdirbt meine Laune nur noch mehr. Wie soll man so seine Zahnarztphobie loswerden?

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