Ehrenamt – Agatha

Der erste Arbeitstag in meinem neuen Büro verlief recht
unspektakulär, abgesehen davon, dass ich kaum dazu kam Pausen zu machen, weil
so viele Leute das Bedürfnis hatten, von mir Bewerbungsunterlagen erstellt zu
bekommen. Auch heute ist der Terminkalender wieder gut gefüllt. Der dritte
Termin des Tages geht an Agatha. Sie ist etwas älter als ich und ich habe
sofort das Gefühl, dass ich ihr sympathisch bin. Abgesehen davon, dass ich in
Wahrheit nur selten sympathisch bin, verläuft der Termin recht normal. Sie
redet auf mich ein, während ich ihre Bewerbungsunterlagen erstelle und weil ich
nicht wirklich zwei Dinge zugleich tun kann, konzentriere ich mich auf die
Bewerbung und tue an den passenden Stellen so als würde ich ihr konzentriert
zuhören. Ab und zu mal ein Kopfnicken und ein kleiner Kommentar und Agatha fühlt
sich wohl. Nachdem ihre Unterlagen erstellt sind und sie zufrieden ist, habe
ich noch eine halbe Stunde Zeit bis zum nächsten Termin. Die Zeit möchte ich
nutzen, um eine Kleinigkeit zu essen. Ich warte nur noch, dass Agatha das Büro
verlässt. Sie ist schon fast soweit als sie mich fragt, ob sie mir eine
Geschichte, die ich sicher so noch nie gehört habe, erzählen darf. Wenn etwas
so anfängt, dann kann es nicht gut werden. Doch weil ich ein gelegentlich
sympathischer Mann bin, tue ich interessiert und bin gespannt, was sie zu
erzählen hat. Und schon geht es los. Agatha gesteht mir, dass sie über zehn
Jahre ein Verhältnis mit dem Mann ihrer Schwester hatte. Ihre Schwester, so
sagt sie, ist etwas zurückgeblieben und der Mann nur noch bei ihr, weil die
Schwester alleine nicht lebensfähig ist. Ich frage mich, ob ich in einer dieser
nachmittäglichen Sendungen auf RTL oder RTL2 bin. Da gibt es auch immer so
abstruse Geschichten. Da allerdings kann ich wegschalten. Hier geht es noch
weiter. Nun gesteht mir Agatha etwas, was sie noch nie jemandem erzählt hat und
was auch niemand in ihrer Familie wissen darf, weil sie sonst verstoßen würde.
Sie hat nämlich ein Kind mit dem Mann ihrer Schwester. Ihr Kind ist zwar etwas
zurückgeblieben, aber sie hofft, dass das Kind eines Tages in der Lage sein
wird, alleine und selbständig zu leben. Dafür tut sie alles. Ich weiß gar
nicht, was ich dazu sagen soll, dass ich nun Dinge weiß, die sonst angeblich
keiner weiß. Ihre Schwester hat auch ein Kind mit dem Mann. Das nimmt ihr
Agatha aber nicht übel. Dem Mann auch nicht, weil es ja seine Frau ist. Sie
versteht nur nicht, wieso der Mann sich nicht trennen will, weshalb sie einen
Schlussstrich unter die Beziehung gezogen hat. Der Mann geht zwar noch davon
aus, dass sie ihre Meinung irgendwann ändert, aber sie sagt, das wird nie
geschehen. Und ich frage mich, womit ich es verdient habe, dass sie mir ihr
Herz ausschüttet. Ich bin doch kein Pfarrer und auch nicht ihr Beichtvater. Ich
bin nur ein ehrenamtlich tätiger Arbeitsloser, dem aus unerklärlichen Gründen
die Leute Sachen anvertrauen, die ihn gar nichts angehen. Und ich will das auch
nicht wissen. Wenn mich so etwas interessieren würde, würde ich den ganzen Tag
diese Sendungen im TV gucken. Agatha ist nun irgendwie stolz auf sich und
stellt mir eine Frage, die ebenso eine Aussage sein kann. „So etwas haben Sie
noch nicht gehört?“ Darauf kann ich nicht viel antworten außer „Nein“, weil ich
so etwas ja wirklich noch nicht gehört habe. Außer im Fernsehen, aber das zählt
ja nicht. Wie kommt man nur auf die Idee so etwas einem Fremden zu erzählen?
Und macht uns das jetzt zu Verbündeten? Verbindet uns das nun bis zum Ende
unseres Daseins? Und wenn ja, auf welche Weise und warum? Und wie viele
Geschichten wird mir Agatha noch erzählen? Für heute ist sie jedenfalls fertig
und verabschiedet sich von mir. Dabei wirkt sie irgendwie glücklich, eventuell
sogar befreit. Vielleicht hat es ihr ja gut getan, den ganzen Ballast mal loszuwerden.
Vielleicht bin ich doch nicht so unsympathisch, wie ich immer denke, denn ich
habe konzentriert bis zum Ende zugehört und keine blöden Kommentare dazu
abgegeben. Vielleicht wird doch noch etwas aus mir. Aber was?

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