Ehrenamt – Missionen erfüllt

Zum ersten Mal seit langer Zeit, betrete ich das Büro
nicht als Leiter, sondern als zusätzliche Kraft. Auf dem Platz, den ich sonst
immer einnahm, sitzt die neue Kollegin. Alles gehört nun ihr. Und alles wird
nach und nach eine neue Ordnung bekommen. Ich sitze von nun an einem anderen
Platz und fühle mich direkt fehl am Platz, denn eigentlich gibt es hier nichts
mehr für mich zu tun. Vier Monate habe ich alleine gearbeitet, nun gibt es
wieder eine Vollzeitkraft, die den Job erledigt. Fast wie damals als die Bürgerarbeiterin
mit mir den Laden geschmissen hat, aber doch ganz anders. Der Blick in den
Terminkalender zeigt mir, dass es hier für mich heute nichts zu tun gibt. Ich
könnte auf der Stelle wegrationalisiert werden und keiner würde es merken.
Meine Mission, den Laden so lange zu leiten bis jemand gefunden ist, der ihn
weiter führt, ist erfüllt. Was kann ich jetzt noch tun, dass mein Ehrenamt
rechtfertigt? Ich sitze auf dem Bürostuhl, esse ein paar Pizzabrötchen und
frage mich, was nun aus mir wird, als eine etwas verrückte Kundin das Büro
betritt. Weil sie mich kennt, setzt sie sich zu mir, statt zu der neuen
Mitarbeiterin, und klagt mir ihr Leid. Sie hat ihre Bewerbungsunterlagen auf
einem USB-Stick gespeichert, und behauptet nun, dass die Daten beim letzten Mal
als sie hier war, an bzw. von unserem PC zerstört wurden. Angeblich machte der
PC ein Update und anschließend waren alle ihre Daten zerstört. In der Tat ist
auf dem USB-Stick nichts mehr lesbar. Ich rate der Frau, den Stick zu
entsorgen. Weil ich weiß, dass die Frau alle ihre Bewerbungen per Mail verschickt
hat, gehe ich davon aus, dass in ihrem Mailpostfach alle Mails noch gespeichert
sind. Doch weil die gute Frau nicht ganz frisch im Oberstübchen ist, hat sie
alle Mails gelöscht. Und weil Klaudia, so heißt die Frau, natürlich unschuldig ist,
ist sie nun bestürzt, weil ihre Bewerbungen echt toll waren und nun verschwunden
sind. Wie es sich für eine etwas durchgeknallte Person gehört, scheint sie mich
aber zu mögen, denn immerhin kann ich ihr eine Bewerbung und ihren Lebenslauf
retten. Außerdem bin ich ein scheinbar aufmerksamer Mensch, der ihr zuhört und
Verständnis zeigt. Dabei bin ich total genervt von ihr. Bevor sie wieder auf
dumme Gedanken kommt, sage ich ihr, dass sie nie wieder unseren PC benutzen darf
und empfehle ihr, dass sie uns erlaubt, ihre Bewerbungen in Zukunft hier zu speichern.
Nur für den Fall, dass mal wieder alles auf mysteriöse Weise zerstört wird bei
ihr. Zu meiner Überraschung ist sie einverstanden und möchte gleich noch einen
neuen Termin, um weitere Bewerbungen, die sie zu Hause vorbereiten will, zu
erstellen. Den Termin überlasse ich der neuen Mitarbeiterin, weil ich die
Mission Klaudia als erfüllt ansehe und genug von ihr habe.
Zwei weitere Stunden vergehen in denen ich einfach nur
da bin. Dann erscheint eine Frau ohne Termin, um sich einen Termin geben zu
lassen. Weil ich gerade nichts zu tun habe, findet der Termin sofort statt. Die
Frau ist sehr unzufrieden mit dem Jobcenter und den angebotenen Jobs, die nicht
zu ihr passen. Ich sage ihr, dass sie sich nicht aufregen und brav die
Bewerbungen schreiben soll. Das überzeugt sie scheinbar, denn nun möchte sie
jede Woche herkommen, um sich Bewerbungen schreiben zu lassen. Ich kann echt
voll gut mit unzufriedenen Frauen umgehen. Mission unzufriedene Frau erfüllt.
Während die neue Mitarbeiterin Bewerbungen schreibt, suche
ich nach einem Job für mich und finde drei Stellenangebote auf die ich mich
bewerben will, doch nur eines der Angebote interessiert mich tatsächlich. Aber
das ist nicht wichtig. Meine Mission, mich regelmäßig zu bewerben, habe ich
auch abgeschlossen.
Wenig später bekommen wir ein neues Türschild. Dort
steht unter dem Name der neuen Mitarbeiterin auch mein Name. Das ist fast so
als würde man mich zum Ritter schlagen oder mir einen Orden verleihen. Vierundvierzig
Jahre musste ich auf so einen Moment warten. Nun ist es vollbracht. Mission
Türschild ist erfüllt.
Da ich davon ausgehe, dass es nicht besser werden kann
und ich diesen Monat schon genug Stunden zusammen habe, beende ich meinen Arbeits-
und Missionstag um 15.30 Uhr und fahre zum Jobcenter, um dort meinen Antrag auf
ALG II abzugeben, um auch in Zukunft nicht mittellos zu sein.  Das ist meine letzte erfüllte Aufgabe des
Tages. Ich bin wahrlich ein erfolgreicher Mann. Oder ein Missionar. Oder auch
beides.

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