Gruppeninformationsveranstaltung

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich seit jeher
Gruppeninformationsveranstaltungen vom Jobcenter. Und weil ich die Einladung zu
so einer Veranstaltung erhalten habe, begebe ich mich auf den Weg zum Jobcenter,
um mich zusammen mit weiteren Arbeitslosen informieren zu lassen. Die Einladung
verrät nicht zu viel. Nur so viel, dass sich ein Arbeitgeber aus Dortmund
vorstellen will, um mir ein konkretes Jobangebot zu machen. Solche Sätze lassen
mich immer erschaudern. Vor allem, wenn es keine weiteren Informationen zu dem
Arbeitgeber oder dem Jobangebot gibt. Meine Vermutung ist, dass es sich um eine
Zeitarbeitsfirma handelt, die Leute für eine leicht erlernbare Lagertätigkeit
sucht. Helfer ohne große Ansprüche, die für wenig Geld tätig werden wollen. Ich
bin gespannt, ob ich mit meiner Vermutung richtig lege.
Bevor es los geht, schaue ich mir die Menschen, die mit
mir auf dem Flur warten, an. Frauen und Männer. Irgendwie sehen die nicht aus
wie die typischen Lagerarbeiter. Vielleicht geht es doch um eine andere Tätigkeit.
Die Tür von Raum 415 wird geöffnet. Die Arbeitslosen
treten ein. In diesem Raum saß ich schon öfter, um mir irgendwelche Sachen
anzuhören. Zuletzt suchten Leute von Amazon Helfer, die das Weihnachtsfest
retten sollten. Ich bin gespannt, wobei ich dieses Mal helfen soll. Kaum bin
ich in dem Raum erkenne ich die Frau, die heute Mitarbeiter sucht. Es ist Frau
Stoffel von einer Zeitarbeitsfirma in Dortmund, bei der ich mich letztes Jahr
vorgestellt habe.  Sieht so aus als hätte
sei weiter zugenommen. Kann mich aber auch täuschen. Wenn ich mich Recht
erinnere, wurde ich damals nicht eingestellt, weil ich nebenbei weiter
Ehrenamtlich arbeiten wollte. Nun hat uns das Jobcenter wieder zusammengeführt.
Zum Glück für mich, bietet sie auch heute wieder dieselben Jobs an, wie im
letzten Jahr. Call Center Agent in Dortmund-Applerbeck. Oder Bochum. Oder
Essen. Telefonieren für 1 und 1, Air Berlin, Telekom, Zalando, Tschibo usw. Alles
Inbound . Klingt zu wahr, um schön zu sein. 9,38 € die Stunde. So viel hat sie
im letzten Jahr noch nicht anbieten können. Nach maximal drei bis neun Monaten
wird man, so sagt sie voller Überzeugung, bei den jeweiligen Anbietern fest
eingestellt und arbeitet nicht mehr für die Zeitarbeitsfirma. Frau Stoffel ist
ganz begeistert von dem Arbeitsklima und den Aufstiegsmöglichkeiten, die dort
herrschen. Es gibt sogar Weihnachts- und Urlaubsgeld. Außerdem feiert man
gemeinsam Sommer- und Weihnachtsfeste. Ich hasse es, gemeinsam Feste zu feiern.
Obendrein man kann sogar zum Teamleiter aufsteigen. Frau Stoffel ist auch
aufgestiegen und hat früher gerne im Call Center gearbeitet. Ich als notorischer
Pessimist, der stets nach Fehlern sucht, frage mich natürlich, wie es sein
kann, dass Frau Stoffel nun schon seit über einem Jahr ständig neue Mitarbeiter
sucht. Wird das Call Center immer größer oder bleiben die Mitarbeiter nicht in
den fantastischen Jobs, die hier angeboten werden? Wie gerne würde ich dazu
jemanden fragen, der nicht befangen ist. Optimal, so sagt Frau Stoffel nun, ist
der Job für Menschen mit Helfersyndrom. Die gehen dann abends voll glücklich
nach Hause, weil sie den ganzen Tag anderen Menschen geholfen haben. Jetzt wird
es irgendwie grotesk. Sie sollte lieber nicht mehr so viel reden und aufhören
sich über ihr Gesagtes zu freuen. Das wirkt nämlich voll dämlich. Nun erzählt
sie, dass die neuen Mitarbeiter total flexibel sein müssen und zwischen 08.00
Uhr und 22.00 Uhr eingesetzt werden. Damit fallen die alleinerziehenden Mütter
in unserer Runde, von der eine ihren Nachwuchs sogar mitgebracht hat, aus. Da
haben die echt Glück, wie ich finde.
Weil der Anblick von Frau Stoffel mich nicht begeistert
und sie lauter langweiliges Zeug redet, schaue ich mir die anderen Frauen im
Raum an. Eine hat tätowierte Füße. Das ist gruselig. Ansonsten ist nix
gruselig. Die Frau mit dem Kind ist sogar attraktiv. Und irgendwie selbst noch
ein Kind. Wann ist das hier bloß vorbei?
Wenige Augenblicke später ist Frau Stoffel mit ihren
Ausführungen fertig. Doch vorbei ist das hier doch noch nicht, weil nun Einzelgespräche
folgen. Vorstellungsgespräche am Fließband. Effektiv ist Frau Stoffel schon
irgendwie. Ich glaube, dass ich ihren Job will. Aber wen interessiert schon,
was ich so will?
Nach etwa einer halben Stunde Wartezeit bin ich mit
meinem Einzelgespräch an der Reihe. Ich sage Frau Stoffel, dass wir im letzten
Jahr schon zusammen gesprochen haben, es aber nicht zu einer Zusammenarbeit
kam. Außerdem teile ich ihr mit, dass mein Vater sehr krank ist und ich deshalb
derzeit wirklich alles andere als flexibel bin. Es ist durchaus erbärmlich,
dass ich mich hinter der Krankheit meines Vaters verstecke. Doch etwas Besseres
wollte mir einfach nicht einfallen, um aus dieser Nummer herauszukommen. Wäre
ich doch nur ein wenig flexibler und offener für neue Erfahrungen. Frau Stoffel
fragt, ab wann ich denn wieder zeitlich flexibler sein werde. Da ich ihre Frage
unmöglich beantworten kann, sagt sie, dass sie mich Ende Juli anrufen wird, um
nachzufragen. Das ist eine gute Idee. Wie schon im letzten Jahr, überreiche ich
ihr meine Bewerbungsunterlagen. Im Gegensatz zum letzten Mal habe ich
allerdings darauf verzichtet, meine Telefonnummer bei meinen
Bewerbungsunterlagen anzugeben. Ich mag es nämlich nicht, wenn ich von fremden
Leuten, auch wenn es Frauen sind, angerufen werde. Sie kann mir ja schreiben,
wenn sie meine Telefonnummer nicht irgendwo gespeichert hat. Ich werde
allerdings nicht ans Telefon gehen, weil ich nie ans Telefon gehe, wenn ich die
Nummer, die mein Telefon anzeigt, nicht kenne.
Ich bin gespannt, wann und wo Frau Stoffel und ich unser
drittes Treffen haben werden. Bis es soweit ist, genieße ich meine Zeit ohne
sie.

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