Andere Zeiten

Als
ich die Tür zum Büro aufschließe, sehe ich direkt das Schild an der Tür. Wegen
Krankheit haben wir leider geschlossen. Es gab Zeiten, da wurde ich informiert,
wenn die Kollegin krank war. Diese Zeiten sind lange vorbei. Die wenigen
Kunden, die in den letzten Tagen zu ihren Terminen kamen, wurden sicher auch
nicht informiert und standen vor verschlossener Tür. Früher wurden die Kunden,
die Termine hatten, von irgendwem angerufen, damit sie nicht umsonst kommen
mussten. Doch auch diese Zeiten scheinen lange vorbei. Und Kunden haben wir,
wenn wir ehrlich sind, ja auch schon lange nicht mehr wirklich. Bei so einer
Organisation wenig verwunderlich. Und ich mache mir ernsthaft Gedanken, ob es
nicht etwas daneben ist, wenn ich mich bezahlen lasse, wenn hier nichts zu tun
ist. Wie dumm von mir. Denn so wie es aussieht, gehöre ich immerhin zu denen,
die ihre Arbeit anständig machen. Zumindest kommt es mir so vor. Andererseits
bin auch aus einer anderen Zeit, habe es zu nichts gebracht, und meine Zeit ist
auch schon lange vorbei.
Im
Kalender stehen zwei Termine. Einer um 12.00 Uhr, einer um 16.00 Uhr. Das mit
dem letzten Termin ist natürlich blöd, weil ich deshalb heute länger bleiben
muss als geplant. Alternativ könnte ich dem Kunden absagen, was aber auch blöd
wäre, weil diese ganze Sache hier dann völlig absurd wäre. Das möchte ich
nicht. Noch bevor ich mich weiter damit beschäftigen kann, ruft der Kund auch
schon an und fragt nach meiner Kollegin. Ich sage ihm, dass sie nicht da ist
und frage ihn, ob er dennoch heute hier erscheinen will. Auf jeden Fall kommt
er um 16.00 Uhr, sagt er. Ich lege auf und bin mir sicher, dass er nicht zu
seinem Termin kommen wird. Dennoch werfe ich einen Blick auf seine Bewerbungsunterlagen.
So wie die aussehen und so wie er geredet hat, wird er sicher nicht kommen. Ich
bin gespannt.
Der
12.00 Uhr Termin ist schnell vorbei. Danach wird es unfassbar langweilig. Keine
Anrufe, keine spontanen Besucher, nichts. Ich schaue aus dem Fenster, schaue
zur Uhr, drehe mich mit meinem Stuhl im Kreis und sehe dem Sekundenzeiger dabei
zu, wie er sich mühsam fortbewegt. Nichts deutet darauf hin, dass vor 16.00 Uhr
noch irgendwas passieren wird, was mich erheitert. Hätte ich mir doch nur ein
Buch mitgenommen.
Um
14.01 Uhr klingelt tatsächlich das Telefon und reißt mich aus meiner Lethargie.
Eine Frau, deren Bewerbungsunterlagen wir vor einem Monat erstellt haben, sagt,
dass sie beim Jobcenter war, und man ihr dort sagte, dass ihre
Bewerbungsunterlagen schlecht sind und dringend geändert werden müssen. Im
Lebenslauf steht, dass sie geschieden ist, was aber so nicht da stehen darf. Es
muss nämlich da stehen, dass sie ledig ist. Und sie soll statt ihrer
Festnetznummer unbedingt ihre Mobilnummer angeben. Und wenn sie das nicht will?
Seit wann ist es Pflicht eine Mobilnummer anzugeben? Das klingt für mich nicht
nach sinnvoller Kritik. Weil man so etwas aber schlecht am Telefon klären kann,
sage ich der Frau, dass sie doch einfach herkommen soll, damit wir uns
gemeinsam schauen können, was da alles so falsch sein soll. Bevor die Frau hier
ist, schaue ich mir ihre Unterlagen nochmal genauer an. Der Lebenslauf ist
tatsächlich nicht ganz so, wie er sein sollte. Es steht zwar da, wo sie
gearbeitet hat, aber nicht als was sie tätig war. Und das Anschreiben ist
gerade am Anfang eine ziemliche Katastrophe. Ich gebe ja gelegentlich auch mal
Anschreiben raus, die nicht unbedingt Preisverdächtig sind, doch dieses
Anschreiben ist weder inhaltlich noch grammatikalisch vertretbar. Besonders
dieser Teil schmerzt meinen Augen “… bereits Erfahrungen im
Bereich Friseur sammeln können”. Im Bereich Friseur? Wer schreibt denn so was? Und
warum? Nun schäme ich mich fast. Aber nur
fast, denn erstens bin ich für all das nicht verantwortlich und zweitens bin
ich dafür nicht verantwortlich. Ich korrigiere, was es zu korrigieren gibt und
warte ab, was für Fehler noch angemerkt wurden, die ich jetzt nicht sehe.
Als
die Frau wenig später erscheint, muss ich feststellen, dass sie noch ein ganz
anderes Anschreiben von uns bekommen hat. Es wurde aus dem Internet kopiert,
nicht wirklich an die Kundin angepasst und sieht aus wie ein schlechter Witz.
Nun verstehe ich die Kritik vom Jobcenter. Wie kann man nur so etwas rausgeben?
Vielleicht sollten wir den Laden hier echt langsam dicht machen. Was die Frau
absolut nicht will ist, dass in ihrem Lebenslauf steht, dass sie ledig ist. Sie
hat zwei Kinder und fände es zweifelhaft, wenn dann da ledig statt geschieden
steht. Ich stimme ihr da uneingeschränkt zu. Die Frau vom Jobcenter allerdings
besteht darauf, dass man geschieden nicht mehr in Lebensläufe schreibt.
Entweder man ist verheiratet oder ledig. Dazwischen gibt es nichts. Wir einigen
uns darauf, dass die Frau auch weiterhin geschieden ist. Nachdem das
Anschreiben, das Deckblatt  und der
Lebenslauf  in einem ordnungsgemäßen
Zustand sind, darf die Frau wieder gehen. Ich indes muss noch bleiben und auf
den 16.00 Uhr Termin warten. Wie erwartet erscheint der Typ nicht zu seinem
Termin. Manches bleibt dann doch wie in alten Zeiten.

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