Ein heißer Tag im Büro

Der
erste Gast des Tages ist Wolga. Olga, die sie begleiten wollte, ist nicht
dabei. Sie muss irgendwo verloren gegangen sein. Das passiert ihr öfter.
Vielleicht sucht sie auch irgendwo ihre Zähne. Wolga ist etwas ratlos und fragt
mich, was sie tun kann, um nicht schon wieder an einer 50plus Maßnahme, für die
sie ihre Betreuerin vom Jobcenter vorgemerkt hat, teilnehmen zu müssen. Das ist
irgendwie grotesk. Nicht nur, dass Wolga erst letztes Jahr so eine Maßnahme
machen musste, sondern vielmehr, dass sie mir ihr Leid klagt und mich fragt,
was sie tun kann, um nicht an der Maßnahme teilnehmen zu müssen. Ich gebe ihr
ein paar kluge Ratschläge, was auch irgendwie grotesk ist, weil ich ja demnächst
selber an einer Maßnahme teilnehmen muss, die ebenso unsinnig ist, wie eine
weitere 50plus Maßnahme für Wolga. So rate ich ihr, dass sie nochmal mit ihrer
Beraterin reden soll, um ihr klarzumachen, dass es keinen Sinn macht, Jahr für
Jahr eine solche Maßnahme zu machen. Ob ihre Beraterin das verstehen wird? Ich
glaube nicht, denn so eine Maßnahme ist gut für die Statistik. Und
bekanntermaßen gehen Statistiken, seien sie noch so fraglich, beim Jobcenter
über alles. Natürlich ist es offensichtlich, dass Wolga keine berufliche Zukunft
hat. Doch muss man sie deshalb dermaßen nutzlosen Maßnahmen aussetzen? Kostet Wolga
so am Ende nicht mehr als wenn man sie in Ruhe lässt? Und schadet es ihr
persönlich nicht viel mehr als das es ihr nutzt? Das Trauma ihrer letzten 50plus
Maßnahme hat Wolga nämlich noch immer nicht überwinden. Sinnfreie Kinderspiele,
Spaziergänge und Gespräche mit Psychologen sind halt nicht für jeden geeignet
und doch eher fragwürdig als sinnvoll. Wolga sagt, dass sie sich hier bei uns besser
aufgehoben fühlt als beim Jobcenter. Und viel besser als in einer sinnlosen
Maßnahme. Ich kann Wolga gut verstehen, denn mir geht es ja nicht so viel
anders als ihr. In wenigen Jahren werde auch ich an meiner ersten 50plus Maßnahme
teilnehmen. Und theoretisch ist es sogar möglich, dass ich eines Tages zusammen
mit Olga an einer 50plus Maßnahme teilnehmen werde. Wenn das nicht grotesk ist,
was dann?
Bevor
es weitergeht schaue ich mal, was meine Kollegin in den letzten Tagen so
fabriziert hat und bin entsetzt. Sie hat einem Kunden eine Bewerbung gebastelt,
die äußerst fragwürdig ist. Und ich frage mich, wo das nur enden soll. Wenn
meine Kollegin den Job nicht schon über drei Jahre gemacht hätte, dann wäre es
vielleicht zu akzeptieren, aber nach all den Jahren sollten so viele Fehler in
einer einzigen Bewerbung nicht mehr vorkommen. Andererseits, und das spricht möglicherweise
für sie, sind solche Bewerbungen, die sie teilweise abliefert, ihrer Bezahlung
entsprechend. Aber ob das wirklich als Entschuldigung reicht, wage ich zu
bezweifeln.
Im
Büro ist es zu warm, draußen ist es noch wärmer. So macht Sommer keinen Spaß.
Zwei der Kunden, die heute einen Termin haben, sehen es wohl ähnlich, und
verzichten darauf, uns zu besuchen. So geht der heiße Tag langweilig zu Ende
und wieder einmal frage ich mich, wo das alles nur enden soll.

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