Ärztliche Untersuchung

Der lang ersehnte Termin beim Amtsarzt steht an. Möglicherweise
entscheidet sich hier und jetzt meine berufliche Zukunft. Werde ich bald ein
Lagerarbeiter, Auslieferungsfahrer oder kann mein Körper nur im Callcenter
eingesetzt werden? Schon bald weiß ich mehr.
Der Arzt macht einen sympathischen  Eindruck. Er fragt einige Dinge ab, wiegt
mich, untersucht meine alten Knochen und erklärt mir sogar, was die Schmerzen
im Sprunggelenk verursacht. Eine solche Erklärung bekam ich bisher nie. Wir
reden über meine Psyche und die Jobs, die ich machen soll, wenn ich gesundheitlich
dazu in der Lage, bin und was ich machen möchte. Ich sage, dass ich
Bürotätigkeiten bevorzuge. Wir reden eine Weile über meinen Allgemeinzustand,
den man durchaus als mäßig bezeichnen kann, und meine Probleme mit dem
Sprunggelenk im speziellen. Anschließend sagt er, dass er schreiben wird, dass
ich für einige Berufe nicht mehr in Frage komme. Zu langes gehen und stehen, so
sagt er, ist nicht mehr möglich. Selbst als Fahrer kann ich nicht arbeiten,
weil das Bremsen zu starke Schmerzen in meinem Fuß verursachen wird. Das finde
ich sehr freundlich von ihm. So bleiben mir gewisse Jobs, die ich sowieso nie
machen wollte, erspart. Obendrein meint er, dass ich zu gebildet für die
Tätigkeiten bin, die mir meine Betreuerin gerne zuweisen würde. Ich weiß nicht,
ob ich ihm da vorbehaltlos zustimmen kann.
Er fragt, wie es denn beruflich mit mir weitergehen soll. Ich
sage ihm, dass ich, egal, wie das Ergebnis hier heute ausfällt, anschließend
ein achtwöchiges Bewerbungstraining machen soll. Er findet das albern, weil ich
ehrenamtlich Bewerbungen schreibe und rät mir dazu, gegen diesen Kurs
anzugehen, mit der Begründung, dass dieser Kurs nur Kosten verursacht, die in keinem
Verhältnis zum Nutzen stehen. Außerdem sagt er, dass die Möglichkeiten der
Jobcenter begrenzt sind, was die Hilfe bei der Suche nach einem angemessenen
Job angeht. Da kann ich ihm nur zustimmen. Zum Abschied wünscht er mir viel
Glück, ich bedanke mich und nun bleibt abzuwarten, welche verrückten Ideen
meine Betreuerin auspacken wird, wenn ihr der Bericht vorliegt. Wobei das eigentlich
klar ist. Bewerbungstraining, Call-Center, 1-Euro-Job.
Sollte ich nun nicht erleichtert sein oder mich freuen, dass ich
gewisse Dinge in Zukunft nicht machen muss? Vielleicht. Stattdessen nehme ich
es als gegeben hin. Kaum eine Reaktion. Tief im Innern freue ich mich sicher,
dass mir gewisse Jobs erspart bleiben. Und irgendwo muss ich auch erleichtert
sein. Aber es dringt nichts davon wirklich zur Oberfläche vor. Ein Teil von mir
findet das Ergebnis nur gerecht und vielleicht freue ich mich deshalb nicht
merklich. Doch was ist das für eine Einstellung? Ist das Ergebnis positiv,
suche ich maximal nach einem Haken, warum es doch nicht wirklich etwas bringt
oder rede mir ein, dass es nur so ausgehen konnte und ich mich deshalb nicht
freuen muss. Ist das Ergebnis negativ, nehme ich es ebenso hin, meckere nur
mehr darüber. Was erwarte ich denn? Das man mir eine Million Euro schenkt und
sagt, dass ich mir ein schönes Leben machen soll. Aber selbst dann würde ich
mich vermutlich nicht freuen und viele Gründe finden, warum Freude nicht
angebracht ist. Ich bin echt krank. Und es wird einfach nicht besser. Schade,
dass man mich nicht reparieren kann.

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