Möglicherweise denkwürdig

Ich
finde einen Drei-Monats-Kalender im Büro schon irgendwie sinnvoll, weil man da
nicht nur gucken kann, welcher Tag gerade ist, man kann auch nachschauen, wann
Feiertage sind usw. Meine Kollegin hatte schon immer Probleme damit, die
Kalenderblätter abzureißen. So ist es wenig verwunderlich, dass sie bei ihrem
letzten Abreißversuch gleich so viele Blätter entfernt hat, dass der Kalender
erst ab Oktober wieder nutzbar ist. Mir ist diese Unfähigkeit ein Rätsel, aber
vermutlich (ver)urteile ich wieder einmal voreilig und es gibt eine plausible
Erklärung für die Aktion. Zu denken gibt es mir dennoch.
Noch
mehr zu denken gibt mir ein Rundschreiben, welches meine Kollegin produziert
hat. Dort schreibt sie Strasse statt Straße.  Später am Telefon weise ich
sie auf den Fehler hin. Sie sagt mir, dass man Straße mit Doppel-s schreibt,
weil das ß abgeschafft wurde. Ich versuche ihr zu erklären, dass das ß nicht
wirklich abgeschafft wurde. So richtig überzeugt scheint sie nicht, stimmt aber
dennoch zu, Straße wieder ordnungsgemäß zu schreiben. So gibt es eine weitere
Sache, die mir heute zu denken gibt. Vielleicht ist das heute ein denkwürdiger
Tag.
Nach
langer Zeit ruft endlich mal jemand an, der ausdrücklich einen Termin bei
 mir will. Normalerweise wollen alle immer zu meiner Kollegin. Der Mann
allerdings sagt, dass er das nicht möchte, weil es beim letzten Mal doch
irgendwie nicht so gelaufen ist, wie er sich das vorstellt. Vielleicht hat sie
ihm alle ß aus seiner Bewerbung geklaut. Ich weiß es nicht, lade den Mann aber
für nächsten Donnerstag ein.
Wenn
eine Frau sagt, dass sie eben strullen geht, bin ich durchaus irritiert und
sofort geneigt, die Attraktivität der Frau abzuwerten. Ich finde es
grundsätzlich fragwürdig, wenn jemand so etwas sagt, aber bei einer an und für
sich attraktiven Frau, kann ein solcher Satz verheerende Folgen haben. Ich weiß
echt nicht, wie ich in Zukunft damit umgehen soll. Denn schließlich sehe ich
diese Frau fast jeden Donnerstag und kann noch immer nicht abschließend
beurteilen, ob ich sie wirklich attraktiv finde oder ich mir nur wünsche, dass
sie es ist. Ich bin auch nicht sicher, ob es ihre Art ist, die ihre Attraktivität
abwertet, oder ob es ihr Aussehen ist, welches Zweifel an ihrer Attraktivität
aufkommen lässt. Ich bin gespannt, ob ich mir im Laufe meiner Tätigkeit hier
noch in ein abschließendes Urteil zu ihrer Attraktivität bilden kann.
Spontan
kommt die Frau, die vor einiger Zeit zusammen mit mir an einer
Informationsveranstaltung in Raum 415 teilnehmen musste, vorbei, um sich
Bewerbungen schreiben zu lassen. Sie ist 33 Jahre, attraktiv und duzt mich ab
heute. Scheinbar verbindet einen so eine Veranstaltung in Raum 415 irgendwie.
Ich duze sie heute noch nicht, weil mir das zu schnell geht und ich so schnell
nicht von sie auf du umschalten kann. Vielleicht duze ich sie beim nächsten
Mal. Vielleicht auch nicht.
Der
Mann mit den Schweißhänden, dem wir die Warnschilder zu verdanken haben, lässt
sich heute, trotz Termin, nicht blicken. Vielleicht hat er gehört, dass
Händeschütteln hier nicht erwünscht ist und mag deshalb nicht kommen. Oder er
hat seinen Termin vergessen. Was auch immer der Grund ist, ich kann nicht sagen,
dass ich es bedauere.  Sieben Besucher an
einem denkwürdigen Tag sind durchaus genug. Und so beende ich meinen Arbeitstag
und mache mich auf den Heimweg.

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