Vorstellungsgespräch

Völlig zwanglos verläuft das Vorstellungsgespräch. Ich erfahre, dass es das erste Mal ist, dass die ZA Direkt GmbH Hilfsarbeiter sucht. Meine Gehaltsvorstellung von 10,50 Euro findet der Mitarbeiter gut. Ich würde 9 Euro plus Provision bekommen, was mich angeblich auf 11,50 Euro katapultiert. Ich glaube zwar nicht, dass ich gut genug bin, um wirklich Provision zu bekommen, höre aber weiter gespannt zu. 17,50 Euro bekommt die ZA Direkt GmbH pro Mitarbeiter von
KiKxxl bezahlt. Wenn ich kein solcher Depp wäre, dann hätte ich auch irgendwann
eine Zeitarbeitsfirma gegründet. Da ich aber ein Depp bin, nehme ich zur
Kenntnis, dass es völlig egal ist, was ich irgendwann mal beruflich gemacht
habe und ob ich einen an der Waffel habe. Ich bin hier, also bekomme ich den Job.
So einfach kann es auch für einen unfähigen, aber stets überheblichen, Menschen wie mich sein. Dumm nur, dass es mir aus privaten Gründen derzeit so gar nicht passt. Ab Januar könnte ich das vielleicht machen, jetzt aber nicht. Doch wie kann ich das erklären, ohne Ärger mit dem Jobcenter zu bekommen? Gar nicht. Deshalb halte ich meine Klappe. Ich erinnere mich, dass ich vor ein paar Monaten den gleichen Job bei der Ostermann-Group angeboten bekam. Da betrug der Stundenlohn 9,25 Euro. Um das Gespräch etwas aufzulockern, teile ich das dem Mann mit. Er fragt, ob es da auch Provision gegeben hätte. Ich verneine. Nun ist der Mann irgendwie stolz auf sein Unternehmen, weil die Mitarbeiter, also bald ich, Provision
bekommen können. Er ist so begeistert, dass er mit seinem Kollegen, der ein paar Meter weiter am Schreibtisch sitzt, abklatschen will. Dieser aber schaut nur einmal kurz hoch, lächelt milde und widmet sich wieder seiner Arbeit. Wie leicht man sich doch begeistern kann. Da geht meinem Gegenüber fast einer ab, weil Mitarbeiter eine Provision bekommen, die es woanders nicht gibt und ich überlege ernsthaft, ob der einen an der Waffel hat. Vielleicht ist das mit ein Problem dafür, dass ich es in meinem Leben zu nichts gebracht habe. Ich bin ein Pessimist, der sich nicht über die kleinen Dinge des Lebens freuen kann. Und obendrein bin ich arrogant, weshalb ich den Mann, der so fröhlich abklatschen wollte, fortan komisch finde. Immer diese verdammten Vorurteile. Ich bin echt eine Wurst. Noch bevor ich weiter über meine Einstellung und meine Erfolglosigkeit nachdenken kann,  erfahre ich, dass schon morgen eine Vorstellung der Firma KiKxxl stattfindet. Morgen kann ich nicht, da muss ich arbeiten. Damit hat der Mitarbeiter nicht gerechnet. Doch nach kurzer Überlegung finden wir einen Ausweichtermin. Dienstag 09.00 Uhr. Man, habe ich ein Glück.
Nach drei Monaten werden alle Mitarbeiter, die gut am Telefon sind, von KiKxxl übernommen. Dann gibt es 8,50 Euro die Stunde, aber statt der halben wird dann die volle Provision ausgezahlt. Da frage ich mich natürlich, was bis dahin mit der anderen Hälfte der Provision passiert. Auf jeden Fall klingt das alles nach unverschämt guten Aufstiegsmöglichkeiten. Allerdings brauche ich mir da keine Gedanken drüber machen, denn ich werde schon vorher scheitern. Schließlich bin ich bisher überall
gescheitert und verkaufen konnte ich noch nie etwas. Dennoch einigen wir uns darauf, dass ich am Dienstag hier erscheine und wir dann gemeinsam nach Dortmund-Eving fahren. Anschließend bekomme ich meinen Arbeitsvertrag und es geht los. Da sag nochmal jemand, dass es in Deutschland kompliziert ist einen Job zu bekommen. Selbst so unqualifizierte Menschen wie ich können das. Ich bin überrascht und bin es auch nicht. Ich muss dennoch am Dienstag versuchen, dass ich nicht sofort, sondern erst in ein paar Wochen, wenn alle privaten Angelegenheiten erledigt sind, angestellt werde. Und dann beginnt ein neues Kapitel auf meiner sagenhaften Karriereleiter.  So kann es gehen.

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