Schizophren

Der erste Gast des Tages kommt mir, kaum hat er mein Büro
betreten, etwas merkwürdig vor.  Statt
auf einem Stuhl, nimmt er auf dem Tisch Platz und erzählt gleich drauflos.
Seine Kleidung verströmt einen eigenartigen Geruch und auch er wirkt irgendwie als
käme er aus einer längst vergangenen Zeit. Seinen Ausführungen kann ich nur
schwer folgen. Irgendwas von Geheimdienst und so. Aber ich brauche mir keine
Sorgen machen, weil er ganz sicher nicht vom BND ist. Ich frage mich, ob sich
da jemand einen Scherz mit mir erlaubt. Oder er ist so eine Art Testkunde. Anders
kann ich mir das nicht erklären. Er erzählt, dass er von einer Versicherung
angerufen wurde und will sich da nun bewerben. Per Mail, aber ohne ein Foto.
Aus guten Gründen, wie er sagt. Da ich ein Dienstleister bin, darf er, obwohl
er keinen Termin hat, bleiben. Und so diktiert er mir penibel seinen
Lebenslauf, steht dabei in unmittelbarer Nähe, also direkt neben mir, und weist
mich auf jeden Fehler, der mir beim Schreiben unterläuft, hin. Dazu ist er
ständig in Bewegung, stellt sich von einem Fuß auf den anderen, geht hin und
her, zappelt irgendwie und redet manchmal etwas zu undeutlich für mich. Ich
weiß noch immer nicht, was ich von all dem halten soll. Eigentlich ist er
längst in Rente, aber irgendwas treibt ihn an. Daten im Internet preiszugeben
hält er für gefährlich. Nebenbei gesteht er mir, dass er schizophren ist und
mir vertraut. Das ist fast wie in einem Film. Vermutlich kein guter Film, aber
doch ein Film. Oder werde ich hier für Verstehen Sie Spaß…? veralbert?
Zumindest frage ich mich das zwischendurch immer wieder. Doch niemand kommt
herein, um die Sache aufzulösen. Also muss es was Ernstes sein. Sein Zustand
erklärt jedenfalls, warum er schon so früh Rentner wurde. Er sagt, dass er
nicht möchte, dass ich seine Daten hier speichere. Ich erkläre ihm, dass wir
dann ja jedes Mal, wenn er herkommt, alles neu schreiben müssen, was mir
missfällt. Nach einer Weile willigt er ein, dass ich seine Daten speichere.
Aber nicht unter seinem Namen. Wir brauchen einen Decknamen. Remy Martin. Vermutlich
ein Klassiker unter den Decknamen. Zumindest kann ich mir das gut vorstellen.
Klingt jedenfalls gehaltvoll und geheim. Nun will er mehr über meine Kollegin
erfahren, weil ich ihm sagte, dass sie sonst hier sitzt und Bewerbungen
erstellt. Er teilt mir mit, dass er ihr nicht traut und nicht möchte, dass sie
Einblick in seine Daten bekommt, weil er ja nicht weiß, was sie damit anstellt.
Ich sage ihm, dass das so nicht geht, weil er meine Kollegin ja noch gar nicht
kennt und sie seine Daten sicher vertraulich behandeln wird. Dennoch bevorzugt
er es, in Zukunft mit mir zusammen zu arbeiten. So sehe ich aufregende Zeiten
auf mich zukommen. Sollte ich irgendwann nicht mehr hier tätig sein, wird
meinem Leben so einiges fehlen. Bevor er sich verabschiedet, sagt er, dass er
sich gute Männer merkt. Vermutlich will er mich abwerben, damit ich ihn Zukunft
mit ihm die Geheimnisse der Gesellschaft aufdecke oder wir gemeinsam einen Remy
Martin trinken gehen. Es bleibt jedenfalls spannend. So viel ist sicher.
Olga ist die nächste Kundin des Tages. Sie verzichtet auch
weiterhin auf einen Teil ihrer Zähne. Dafür rollt sie die Bewerbungen, die ich
für Sie erstelle, ordentlich ein, bevor sie sie in ihre Tasche steckt. Olga hat
wirklich Stil und wird nie verstehen, dass Bewerbungen nicht gerollt werden.
Den Rest des Tages passiert nichts Aufregendes mehr und ich kann
den Tag im Büro ganz entspannt ausklingen lassen.

2 Gedanken zu „Schizophren“

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