Kaffeeflecken

Nachdem ich festgestellt habe, dass
meine Kollegin gestern nicht da war, steht auch schon der erste Besucher vor
der Tür. Er hatte eigentlich gestern einen Termin, aber weil da ja niemand da
war, ist er spontan vorbei gekommen. Kaum ist er weg, steht der nächste
Besucher im Büro. Auch er stand gestern vor verschlossenen Türen. Geht ja gut
los hier. Noch bevor ich mit ihm fertig bin, steht der nächste Besucher vor der
Tür. Er ist der erste, der heute einen Termin hat, muss aber warten. Erst zwei
Stunden nachdem ich das Büro aufgeschlossen habe, sind keine Besucher mehr da
und ich kann mich endlich um die Kundendaten auf der Festplatte kümmern. Die
übliche Überprüfung, was meine Kollegin in den letzten Tagen so verzapft hat. Und
wie ich sehe, hat sie konsequent für das übliche Durcheinander gesorgt. Ich
ordne alles ordnungsgemäß und erinnere mich daran, was der letzte Besucher
vorhin über meine Kollegin sagte. Manche kann man in keinem echten Beruf
gebrauchen und bei meiner Kollegin ist es logisch, dass sie keinen wirklichen
Job findet. Außerdem sagte er, dass sie jedes Mal, wenn er einen Termin hat,
privat telefoniert, wenn er die Tür öffnet. Das könnte erklären, warum hier so
manches im Argen liegt. Sie hat ganz klare Prioritäten gesetzt. QM und
telefonieren. Beides definitiv wichtiger als alles, was ich hier so mache. Da
könnte man fast von perfekter Arbeitsteilung sprechen. Aber nur fast. Zwei
halbe Kräfte leisten, zumindest hier nicht, keine wirklich gute Arbeit. Das
kann ich jederzeit bestätigen.
Meine Kollegin hat mittlerweile eine
Kaffeefleckenspur auf dem Fußboden von der Kaffeemaschine zum Arbeitsplatz
gelegt. Vermutlich damit sie sich in dem weiträumigen Büro nicht verläuft. Was
ich ebenso fragwürdig finde ist die Tatsache, dass die Putzfrau diese Kaffespur
nicht beseitigt. Ich frage mich sowieso schon länger, was die Putzfrau hier
macht. Denn bis auf geleerte Papierkörbe gibt es keine weiteren Hinweise, dass
sie da war. Die Kaffeekanne ist so verschmiert, dass ich sie nicht anfassen
würde. Für mich gehört die  entsorgt und die
Kaffeemaschine müsste dringend mal gereinigt werden. Ich weiß nicht, ob ich da
besonders empfindlich bin, aber diese Kaffeeschmierereien widern mich total an.
Das ist abstoßend. Total abstoßend.
Dass der Aktenvernichter schon wieder
so voll ist, dass man ihn nicht benutzen kann, ohne ihn vorher zu leeren, nehme
ich nur am Rande war. Vielleicht würden den Aktenvernichter ein paar
Kaffeeflecken aufwerten. Einen Versuch ist es allemal wert. Alleine schon,
damit er sich dem Gesamtbild besser anpasst.
Gegen Ende des Tages schaue ich mir
an, was für beindruckende Mails die ehrenamtliche QM-Wachtel geschickt hat.
Alles fürs Audit. Wir sollen die Anhänge ausdrucken und abheften. Nachfolgend
schreibt sie einen Satz, der mich fast vom Stuhl kippen lässt. „Das Audit wird
Ihnen danken.“ Ich glaube, nun ist es soweit. Da geben wir den Kunden teilweise
Bewerbungen, dass man sich schämen muss und alles, was wirklich zählt ist die
Dankbarkeit eines Audits. Ich frage mich, wie so ein Audit wohl aussieht und
was es frisst. Haben die Menschen echt so einen an der Klatsche, dass sie
glauben, ein Audit hätte Gefühle? Frisst das QM-Virus Hirnzellen oder wie sind
solche Sätze sonst zu deuten? Ich frage mich, wie es wohl nach so einem Audit
abgeht. Warten alle, dass es sich artig bedankt und gehen dann in einen
Konferenzraum um sich ordentlich selbst zu feiern?  Mit gegenseitigem abklatschen, freudigem
einnässen und abschließendem Kaffeeflecken produzieren?  Ich bin fassungslos, dass ich so etwas
miterleben muss. Wenn ich nur etwas klüger wäre, dann wäre ich schon längst auf
den QM-Zug aufgesprungen. Dann hätte ich eine Karriere wie die Wachtel machen
können. Von der Zwergenfrau zur QM-Wachtel. Ich bin schwer beeindruckt und
dennoch unglaublich froh, dass ich bei dem Audit nicht dabei bin. Nicht
auszudenken, was passieren würde, wenn sich das Audit am Ende noch bei mir
bedankt. Da wäre ich völlig aus dem Häuschen. Das möchte ich nicht.

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