Der Freund der Nachbarin

Als ich im Hausflur kurz mit einem Handwerker, der eine Etage
tiefer das Fenster repariert, rede, kommt der Freund der Nachbarin aus der
gegenüberliegenden Wohnung und spricht mich an. Sofort vermute ich, dass er alkoholisiert
ist. Zumindest hätte er dann eine Ausrede dafür, dass er so beschränkt auf mich
wirkt. Wobei er eigentlich schon immer beschränkt auf mich gewirkt hat. Schon
als ich ihn zum ersten Mal sah, fand ich ihn merkwürdig. Vermutlich war er auch
zu dem Zeitpunkt angetrunken. Menschen, die eh etwas beschränkt sind, sind noch
beschränkter, wenn sie Alkohol konsumiert haben. Und nun weist dieser meiner
Meinung nach Degenerierte mich in seinem Zustand darauf hin, dass der
Handwerker eine Etage tiefer seine Arbeit nicht richtig macht. Er selbst, so
sagt er, was mich aber nicht interessiert, hat 14 Jahre im Handwerk gearbeitet
und weiß, dass man, bevor man die Scheiben mit Silikon verschmiert, erst die
losen Reste vom alten Kitt, oder was da sonst verarbeitet wurde, abkratzen muss,
was, wie er sagt, der Handwerker nicht macht. Mir ist das völlig egal, weil ich
nicht weiß, was der Handwerker da tut und was sein Auftrag ist. So sage ich dem
betrunken Klugschwätzer, dass ich sicher bin, dass der Handwerker seinen Job
gut macht, weil ich hoffe dass sich das  Gespräch damit erledigt hat. Doch mein Plan
geht nicht auf, denn der Freund der Nachbarin wechselt einfach das Thema und
wir landen bei geklauten Schuhen und dem Kellereinbruch. Wenn ich cool wäre,
würde ich einfach zurück in meine Wohnung gehen. Stattdessen höre ich mir seine
abstrusen Ausführungen dazu an. Alkohol gepaart mit Dummheit. Eine grausige
Mischung. Zunächst beschwert er sich über die ehemalige Hausmeisterin, weil
diese ja angedeutet hat, dass er die Kellertür nicht abgeschlossen hat und es
der oder die Einbrecher deshalb so leicht hatten. Anschließend will er ihr den
Einbruch quasi anhängen. Als Schabernack ihrerseits. Oder weil sie es nicht
leiden kann, dass bei ihm und seiner Freundin etwa 12 Paar Schuhe vor der Tür
stehen. Nichts ist widerwärtiger als angetrunkene Menschen, die so eine Scheiße
daherreden. Ich frage ihn, wie die alte Dame denn die Schlösser hätte aufbiegen
sollen. Darauf hat er keine wirkliche Antwort. Dafür sagt er, dass man einfach
mal seine Gedanken kreisen lassen muss und über all das nachdenken. Er sollte
weniger die Alkoholflaschen kreisen lassen, vielleicht würde er dann weniger
Unsinn reden. Ich wundere mich, dass ich so freundlich bleibe, obwohl sein
abstruser Schwachsinn mich unglaublich nervt. Kurz danach beende ich endlich dieses
sinnfreie Gespräch, welches eigentlich mehr der Monolog eines geistig
Minderbemittelten ist. Es ist entsetzlich, dass es so viele Menschen gibt, die
noch blöder als ich sind. Noch schlimmer finde ich allerdings, wenn sich solche
Leute für klüger halten als sie es tatsächlich sind. Anderseits sollte ich da
nicht so streng sein, denn ich halte mich auch manchmal für klüger als ich es
bin. Wird zwar mit zunehmendem Alter weniger, kommt aber immer wieder vor.
Nach dem durch und durch erbaulichem Gespräch kontrolliere ich
tatsächlich die Arbeit des Handwerkers und ich muss sagen, dass können
vermutlich selbst Schimpansen besser. Er hat das Fenster vollgeschmiert und
auch sonst sieht es eher so aus als hätte ein Vollpfosten das Silikon verteilt.
Mag sein, dass es nun dicht ist und das Fenster so nicht aus dem Rahmen fällt,
aber für so eine liederliche Arbeit würde ich nicht einen Cent bezahlen. Der
betrunkene Freund der Nachbarin, das muss ich zugeben, hatte mit der
Einschätzung der Arbeit des Handwerkers doch Recht. Vielleicht ist er doch
nicht so blöd, wie ich dachte und ich muss endlich was gegen meine ganzen
Vorurteile tun, weil die durchaus zu Fehleinschätzungen verleiten können. Das
ändert aber nichts daran, dass ich den Freund der Nachbarin auch weiterhin
komisch finden werde. Mäßig intelligente Menschen, die zu viel Alkohol trinken,
sind einfach ein rotes Tuch für mich. Daran wird sich niemals etwas ändern und
ich kann gut verstehen, dass mich Menschen, mich eingeschlossen, oft einfach
nur anwidern.

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