Der letzte Tag

Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, früh aufstehen zu
müssen. Früh bedeutet heute für mich, dass ich schon um 06.27 Uhr aus dem Bett
klettere, obwohl ich erst um neun im Büro sein muss. Da ich zu dieser Zeit so
gar nicht in die Gänge komme und tatsächlich fast zwei Stunden brauche, bis ich
das Haus verlassen kann,  werde ich in den nächsten Tagen noch früher
aufstehen müssen, weil der Unterricht schon um 08.00 Uhr beginnt. Aber da mag
ich heute nicht weiter drüber nachdenken.
Mein erster Besucher am letzten Bürotag des Jahres,
möglicherweise meinem letzten Tag hier überhaupt, ist der junge Mann, der ein
Problem mit dem Geruch von Nitro hat, aber dennoch eine Ausbildung zum Maler-
und Lackierer machen will. Natürlich schreibe ich seine Bewerbung ein wenig um.
Damit hat er sicherlich noch keine gute Bewerbung, aber immerhin eine bessere
als zuvor. Vielleicht ist es doch das Beste, wenn hier ab Januar geschlossen
ist und die interessierten Bewerber sich in Zukunft woanders ihre Bewerbungen
erstellen lassen. Fragt sich nur wo das sein soll.
Damit ist mein letzter Arbeitstag, wenn man es denn Arbeitstag
nennen darf, fast vorbei, da nur noch ein Besucher um 11.00 Uhr vorgesehen ist.
Sollten niemand spontan das Büro stürmen, wird es ein ruhiger und entspannter,
möglicherweise auch langweiliger, letzter Tag.
Ein Mann möchte einen Termin für Januar vereinbaren. Ich sage
ihm, dass ich nicht weiß, ob hier im Januar  überhaupt noch jemand ist.
Wir einigen uns darauf, dass er in zwei Wochen anruft und nachfragt. Vielleicht
wissen wir dann mehr. Vielleicht aber auch nicht. So bleibt es vermutlich
wieder einmal spannend bis zum letzten Tag des Jahres. Ich finde sowas ja
albern, aber zum Glück ist meine Meinung irrelevant.
Die Kaffeeflecken auf dem Boden werden mit Sicherheit nächstes
Jahr noch da sein. Es sei denn, man tauscht die Putzfrauen gegen Putzfrauen,
die wirklich putzen, aus. Wie mies die Putzfrauen hier arbeiten fällt ganz
besonders dann auf, wenn ich zur Toilette muss. Oberflächlich sauber, aber der Uringestank
ist bestialisch. Es riecht schon auf dem Flur nach altem Urin und ist drinnen
kaum auszuhalten. So versuche ich natürlich möglichst selten zur Toilette zu
gehen. Wenn es sich mal nicht vermeiden lässt, will ich mich anschließend
desinfizieren und duschen. Am besten beides zugleich. Normal ist das sicher
nicht.
Ansonsten ist es hier teilweise erschreckend still. Der 11.00
Uhr Termin fällt einfach so aus. Perfekte Bedingungen, um einzuschlafen, was
ich nur mit großer Mühe verhindern kann. Nachdem ich mich erfolgreich gegen das
Einschlafen gewehrt habe, versuche ich herauszufinden, wie Bewerbungen und
Lebensläufe derzeit denn korrekt auszusehen haben. Ich stelle fest, dass einige
Sachen an unseren Lebensläufen mittlerweile wohl anders gemacht werden. Bei
anderen Sachen gibt es verschiedene Meinungen. Sollte ich nächstes Jahr zurück
kommen, werde ich die Lebensläufe dem aktuellen Standard anpassen. Vermutlich
wird es dann aber schon wieder anders gemacht. Nur gut, dass unsere Besucher in
der Regel noch weniger Ahnung von der Materie haben als wir. Wenig später endet
der Bürotag und ich fahre nach Kamen, weil dort im Cafe Extrablatt ein
gemeinsames Treffen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und des Chefs
stattfindet. Bei so einem Treffen darf ich natürlich nicht fehlen. Schließlich
bin so etwas wie eine Koryphäe im Bewerbungsgeschäft.
 Der ehrenamtliche
Veranstalter und ich sind die ersten unserer erlesenen Runde. So unterhalten
wir uns eine Weile und er erzählt mir, dass sich meine Kollegin völlig
überschätzt. Kunden fahren sogar nach Bergkamen, nur um nicht zu ihr zu müssen.
Viele halten sie, so sagt er, für faul und schlecht. Ich äußere mich nicht
weiter dazu, weil ich den ehrenamtlichen Veranstalter für ein Plappermaul halte.
Ein Plappermaul mit stinkender Kleidung, einem Zahnproblem und einer Frau, die
nicht nur Lehrerin ist, sondern den ehrenamtlichen Veranstaltungskalender auch
noch heiraten und zum Hausmann machen will. Und wer wäscht dann die Wäsche?
Endlich erscheinen zwei der drei Mitarbeiterinnen und die ehrenamtliche QM-Wachtel.
Wir gehen ins Extrablatt und setzen uns an die reservierten Tische. Kaum sitzen
wir, ist der Chef auch schon da und die Party beginnt. Ach ne, ist ja gar keine
Party. Zum Glück sitze ich neben dem Chef und nicht wieder neben dem
übelriechenden Ehrenamtler, der ja durchaus ein netter Kerl ist, mir aber
dennoch suspekt bleibt. Erstaunlicherweise muss ich gestehen, dass die Person
mit der ich hier absolut am wenigsten anfangen kann, meine Kollegin ist. Warum
ist das so? Liegt es an den Kaffeeflecken? Dem Zigarettengeruch? Der Frisur?
Ihrer Arbeitsweise? Ihrer Haarfarbe? Am Ozonloch? Ich weiß es einfach nicht.
Sie ist doch eigentlich immer freundlich und nett. Vielleicht bin ich einfach nur
ein Arschloch.
Nachdem wir gegessen haben und uns irgendwie auch unterhalten
haben, teilt uns die ehrenamtliche QM-Wachtel mit, dass sie Ende des Jahres
aufhört. Dann hat es sich ausgewachtelt. Emotionslos nehme ich die Mitteilung
auf und frage mich, wer sie ersetzen wird? Meine Kollegin vielleicht?
Ich frage den Chef, wie es weitergeht, wenn es weitergeht. Er
sagt, dass er weiter der Chef bleibt und ihm nur jemand einen Teil der Arbeit
abnimmt. Aber erst, wenn er wirklich kürzer tritt. Im nächsten Jahr.
Irgendwann. Mal sehen, wann es ein wird, was es bringt und welche Auswirkungen
es für mich, die ahnungslose Koryphäe des Bewerbungswahns, bedeuten wird.

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