Mein Weg zur Ausbilderprüfung 2

Obwohl ich gestern schon um 21.25 Uhr im Bett war und eine Stunde später das Licht ausgemacht habe, bin ich alles andere als ausgeschlafen als der Wecker um 05.47 Uhr Lärm macht. Es ist dunkel und entschieden zu früh, weshalb ich unverzüglich den Tag verfluche. Mich verfluche ich gleich mit, weil ich mich für die Ausbilderprüfung entschieden habe und dafür Geld ausgebe. Das
ist eine Unverschämtheit.
Da es mir gestern zu voll auf der B1 war, fahre ich heute durch die Stadt und spare ganze 20 Minuten. Der Dozent des Tages ist 75 Jahre und macht einen vernünftigen Eindruck. Mal sehen, was er so im Angebot hat. Links vor mir sitzt ein Typ, der irgendwie Probleme mit seiner Hose hat. Immer, wenn er sich bückt bietet diese Hose freien Blick auf seine Arschritze. Ich weiß echt nicht,
ob das wirklich nötig ist. Außerdem bietet sich der Anblick jedes Mal, wenn er auf seinem Stuhl nach vorne rückt. Das ist nicht schön. Während der Dozent plaudert, fällt ihm auf, dass der Arschritzenmann einschläft und spricht ihn darauf an. Gestern ist er auch eingeschlafen. Da sind wir uns sehr ähnlich, er hat nur das Problem, dass er so blöd sitzt, dass es auffällt. Irgendwie
erinnert er mich an Stiffler aus American Pie. Damit ist er der erste, dem ich einen Namen gebe. Stiffler. Der Dozent sagt, dass er im Prüfungsausschuss der Jüngste ist. Der Älteste dort ist 96. Erstaunlich. So ein Job scheint gut für die Gesundheit zu sein. Möglicherweise ist das was für mich. Aber wahrscheinlich muss man von irgendwas eine Ahnung haben, wenn man das machen
will. Dann ist es doch nichts für mich. Der Dozent erzählt nun, wie er vor ein paar Jahren mal fast gestorben wäre. Wegen eines Kaliummangels. Seitdem hat er einen Defibrilator, der aber noch nie angesprungen ist, weil er für sein Alter topfit ist. Sollte er mal umkippen, sollen wir ihn liegenlassen, der Defibrilator kümmert sich um alles. Sehr gut, ich mag es, wenn alles geregelt ist.
Später sollen wir eine Gruppenarbeit machen. Ich schaue mich um. Mit wem würde ich zusammen arbeiten wollen? Mein Sitznachbar scheint okay zu sein. Die blonde Frau am Ende unserer Tischreihe auch. Der Typ, der mich gestern gesiezt hat auch. Einen brauche ich noch. Stiffler? Oder lieber der Mann, der lange bei der Bundeswehr war? Ich nenne ihn ab heute Soldat. Ja, den
nehme ich in meine Gruppe. Doch da hat der Dozent etwas gegen. Er sagt, wir ziehen Karten, um die Gruppen festzulegen. Herrschaftszeiten, ist der völlig verrückt? Ich will nicht mit den anderen arbeiten. Wie ich sehen kann, zieht der Soldat Herz. Die blonde Frau Kreuz, mein Sitznachbar Karo. Ich bekomme den Kreuz Buben. Also habe ich die blonde Frau bekommen. Aber wen gibt es dazu? Die Kreuzgruppe hat das Thema Mutterschutzgesetz. Raum 203 ist unser Arbeitsort. Ich bin der erste dort und warte, wer da kommen wird. Es kommen ein Typ aus der zweiten Reihe und die 22 jährige, die neben ihm sitzt. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Es folgt die blonde Frau, gefolgt von der 29 jährigen aus der ersten Reihe. Drei von fünf Frauen für mich. Irgendwie cool und da sitzen wir nun. Alle distanziert, abwartend. Der Typ aus der zweiten Reihe hat immer wieder Ideen zum Thema, an denen er uns teilhaben lässt. Ich bin froh, dass er redet, denn ich weiß nichts zu sagen. Es muss eine Ewigkeit her sein, dass ich mit fremdem Menschen zusammen arbeiten musste. Das hier ist nicht zu vergleichen mit den Situationen meiner ehrenamtlichen Tätigkeit. Ich fühle mich nicht im Stande mit den Leuten hier wirklich zu reden. Es ist erschreckend, was aus mir geworden ist. EWenig später schweigen alle und wir lesen im Arbeitsschutzgesetz nach. Ich weiß allerdings nicht wirklich, was ich lesen soll. Mir fehlt hier die Struktur. Möglicherweise auch der Verstand. Außerdem komme ich mir voll blöd vor, weil die anderen so viel jünger sind als ich. Ich
schaue mir mein Team an. Alle sind vertieft in die Gesetze. Die Jüngste hat rote Haare und wirkt älter als 22. Ich weiß nur nicht, woran es liegt. Vermutlich irgendwas Genetisches. Der Typ wird um die dreißig sein. Er hat immer wieder hilfreiche Ideen, hält die Gruppe in Aktion und muss oft zur Toilette. Vielleicht hat er eine schwache Blase. Die blonde Frau hat schöne Zähne und schöne blaue Augen. Optisch ist sie wirklich schön anzusehen. Außerdem ist sie schwanger, wie sie sagt. Dann sollte das Mutterschutzgestez doch genau ihr Thema sein. Neben ihr sitzt die 29 jährige, die mir gestern schon auffiel. Ich weiß nicht, was ich von ihr halten soll. Irgendwie ist sie interessant. Ich weiß nur nicht, auf welche Art ich sie interessant finde. Immer noch keine Struktur in der Gruppe.
Also frage ich, was mich eine Menge Überwindung kostet, wer denn eine ordentliche Schrift hat und unsere Präsentationsblätter beschriftet. Die Junge, der Hilfreiche, die Schwangere und ich lehnen ab. Ich fürchte schon, dass die Eifrige, so nenne ich die 29 jährige, weil sie sich gestern so eifrig am Unterricht beteiligt hat, auch nicht will, doch sie erklärt sich einverstanden, das zu übernehmen. Dann reden wir kurz durcheinander, bevor alle wieder die Gesetzestexte betrachten. Immer noch keine Struktur und noch immer komme ich mir blöd vor, weil ich keine Ahnung habe, was ich tun soll. Fast zeitgleich fangen die vier nun an etwas in ihre Blöcke zu schreiben. Erscheint  mir unsinnig, weshalb ich frage, ob es nicht besser wäre, wenn nur einer schreibt und die Eifrige, wenn es fertig ist, dies dann ordentlich überträgt. Sofort sind alle einverstanden. Es muss nur jemand gefunden werden, der die Schreibarbeit übernimmt. Wieder wird es die Eifrige. Sie macht ihrem neuen Namen alle Ehre und ich finde sie ab sofort positiv interessant.

Früher war ich ein witziges Kerlchen, welches es verstand, andere zum Lachen zu bringen. Heute will es mir zunächst nicht gelingen mit unsinnigen Sprüchen die Situation etwas aufzulockern, was mich etwas entsetzt. Habe ich nun auch meinen Humor verloren? Ich versuche es erneut und als alle aus der Gruppe endlich lachen, glaube ich, dass noch ein Rest Hoffnung für mich besteht, weshalb ich von nun an bei jeder sich bietenden Gelegenheit etwas einwerfe, von dem ich glaube, die anderen könnten es witzig finden. Da meine Einwürfe scheinbar ankommen, wird in unserer Gruppe gelegentlich gelacht und ich gehe nicht davon aus, dass nur aus Höflichkeit gelacht wird. Das wäre fatal und auch irgendwie erniedrigend. So bilde ich mir ein, dass ich zwar blöd, aber immerhin witzig bin, was gut für meinen Gemütszustand ist. Es muss Jahre her sein, als ich zuletzt drei Frauen auf einmal zum Lachen brachte. Vielleicht ist dieses letzte und vermutlich einzige Talent noch nicht völlig verkümmert. Fast fühle ich mich wie der Hahn im Korb, doch dann wird die Zeit knapp und es wird Zeit mit der Aufgabe, zu der ich nicht wirklich etwas beitrage, fertig zu werden. Die Eifrige beginnt, die Präsentationsblätter zu beschriften, während wir anderen noch den Rest zusammentragen müssen. Ich bitte die Junge für uns zu schreiben, damit die Eifrige es nachher so übernehmen kann. Sie ist einverstanden. Ich habe zwar von nichts wirklich Ahnung, kann aber ganz gut delegieren und flache Witze um mich werfen. Immerhin. Ich schaue mir die Eifrige, die mit dem Rücken zu mir die Blätter beschreibt, an. Breite Hüften, breiter Hintern. Schönes Haar. Meine Gruppe ist vermutlich ein absoluter Glücksfall für mich. Da wir alles zweimal
vortragen sollen, brauchen wir nun noch Leute, die das übernehmen. Der Hilfreiche ist sofort bereit. Die Schwangere will auf keinen Fall, daher bin ich verwundert, wie sie die Gruppe zusammenstellt. Männer und Frauen getrennt. Für mich optimal, da der Hilfreiche vorträgt und ich somit schweigen darf. Weil die Jüngste das mit der Gruppenaufteilung nicht versteht, sage ich ihr, dass sie sich das aussuchen darf. Sie kommt zu uns, weil der Hilfreiche hilfreich ist und wir so nichts weiter tun müssen. So müssen die Eifrige und die Schwangere sich noch überlegen, wer von ihnen vortragen darf. Als wäre das nicht längst geklärt.
In der anschließenden Pause, kommt es, wie es kommen muss. Die Gruppen machen so wie sie zusammengearbeitet haben Pause. Uns fehlt nur die Schwangere, während wir der Eifrigen beim Rauchen zusehen und eine entspannte Unterhaltung führen, bei der ich allerdings nicht viel zu sagen habe, weil ich gestört bin. Die Eifrige hat schöne Hände und Fingernägel. Sowas mag ich. Da
sie noch eine zweite Zigarette raucht, überziehen wir die Pause. Als sie bemerkt, dass wir ihretwegen länger draußen blieben, sagt sie, dass sie das voll nett findet, weil sie sonst nicht so gut behandelt wird, weil sie raucht. Ich sage, dass ich das gar nicht verstehen kann und es mich überhaupt nicht stört, was sie erfreut. Was bin ich nur für ein verlogener Arsch? Aber ich fühle mich
einfach zu wohl in der Gesellschaft von sympathischen Frauen, da bleibt die eine oder andere Lüge halt nicht aus, damit ich auch in Zukunft diese Gesellschaft angeboten bekomme.
Die abschließende Präsentation verläuft ganz entspannt. Der Hilfreiche ist ein guter Mann und die Jüngste, die die ganze Zeit neben mir steht, riecht gut. Und als es vorbei ist dürfen wir nach Hause. Dabei ist es noch nicht einmal 14.00 Uhr. Im Gegensatz zu gestern war das ein Fortschritt. Ich weiß allerdings noch immer nicht, welches Thema ich bei der Prüfung vortragen soll. Glücklicherweise geht es den meisten anderen auch so. Aber wirklich weiter bringt mich das auch nicht.

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