Bewerbungsbegleiter

„Ich bin nicht unfreundlich, aber ich gebe Ihnen keine Hand,
weil ich glaube, dass ich einen Magen-Darm-Virus habe.“ Mit diesen Worten
begrüßt mich meine zukünftige Chefin im Büro meines  aktuellen, möglicherweise erkälteten Chefs
und setzt sich neben mich. Fortan will ich nur noch weg hier, doch das geht
nicht, denn ich muss fünf Arbeitsverträge unterschrieben. Also fünfmal
denselben für verschiedene Abteilungen. Bürokratie ist eine feine Sache. Dazu
muss ich noch andere Dinge unterschreiben und aufpassen, dass ich mich nicht
von den Seuchenvögeln anstecken lasse. Meinen ersten Arbeitstag hatte ich mir
irgendwie anders und ungefährlicher vorgestellt. Zum Glück macht der neue
Kollege keinen geistesgestörten Eindruck. Gesundheitlich scheint es ihm auch
gut zu gehen. Noch zumindest.
In meinem Arbeitsvertrag stehen lustige Sachen. Die
Berufsbezeichnung finde ich sehr gelungen. Ich darf mich zukünftig Bewerbungsbegleiter
nennen. Klingt als würde ich Bewerbungen auf ihrer Reise begleiten. Die
Entlohnung ist passend zu meiner Tätigkeit fürstlich. 1122€ Brutto für eine
30-Stunden-Woche sind vermutlich viel mehr als ich verdient hätte. Dazu gibt es
29 Uhrlaubstage. Da sollte ich mich vermutlich ein wenig freuen. Doch ich mag
mich nicht freuen, weil mir Freude nicht liegt und ich mir in diesem Moment
nichts weiter wünsche als gesund zu bleiben und mir keinen Virus einzufangen.
Nachdem der Papierkrieg erledigt ist, gehen wir gemeinsam ins
Büro des neuen Kollegen, den ich ab sofort Bewerbungsbetreuer nenne. Die
Einarbeitung beginnt, was bedeutet, dass ich ihn einarbeiten darf. So kann ich
zum ersten Mal testen, ob ich ein würdiger Ausbilder sein könnte. Nachdem die
beiden Seuchenvögel uns verlassen haben, erkläre ich dem neuen
Bewerbungsbetreuer, was er in den nächsten Monaten täglich zu tun hat. Schnell
wird klar, dass der größte Teil der Tätigkeit was mit QM zu tun hat. Die Bewerbungsbetreuung
ist schnell erklärt und nimmt nur einen Bruchteil der Arbeitszeit in Anspruch.
Schnell qualmt meinem Zögling der Kopf. Ob ich zu viel rede oder ob es andere
Gründe dafür gibt, weiß ich nicht. Womöglich sind es erste QM Nebenwirkungen.
Weil ich ein Mann mit Ideen bin, schlage ich vor den
Einarbeitungsplan der nächsten Tage etwas zu ändern, was die zukünftige Chefin,
die mit unserem Einarbeitungsplan gerade bei uns sitzt, gut findet. Der Chef,
dem ich dies später vorschlage, findet meinen Vorschlag weniger gut, weshalb er
ihn ablehnt. Am Donnerstag werden wir wissen, wer von uns beiden recht hat.
Wenn ich es nicht bin, sollte ich wirklich niemals jemanden ausbilden.

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