Andere Herkunft, andere Sitten

Bei mir sitzt eine junge Frau, die sich als Helferin bewerben
will. Während ich ihre Unterlagen erstelle, frage ich sie, warum sie keine
Ausbildung machen will. Sie druckst rum und sagt dann, dass es kompliziert ist.
Da sie einen guten Schulabschluss hat, frage ich sie, was so kompliziert ist,
obwohl ich die Antwort schon kenne. Sie sagt, dass es wegen familiärer Probleme
nicht geht. Ihre etwa ein Jahr ältere Schwester, die ebenfalls einen guten
Schulabschluss hat, ist in der gleichen Situation. Auch sie sucht
ausschließlich nach Helfertätigkeiten. Früher kam sie öfter her, um sich
Bewerbungen schreiben zu lassen. Weitere weibliche Familienmitglieder sind
einer ähnlichen Situation. Alle kommen mehr oder weniger regelmäßig her, um
sich Bewerbungen schreiben zu lassen. Während ich der jungen Frau die Bewerbung
erstelle, wartet draußen ein Mann, der schon vor einer Stunde hätte hier sein
sollen, aber von Pünktlichkeit nicht ganz so viel hält. Interessanterweise gehört
der der gleichen Familiengruppe an. Er hat auch keine Ausbildung, ist seit
sechs Jahren selbständig, arbeitet aber nebenbei, wechselt öfter den
Arbeitgeber, gehört zu meinen Stammbesuchern und verändert je nach Lust und
Laune seinen Lebenslauf bzw. lässt den Lebenslauf von mir anpassen. Während des
Termins bekommt er ständig irgendwelche Anrufe und ich weiß oft nicht, ob er
noch telefoniert oder schon mit mir redet. Männliche Familienmitglieder, die
regelmäßig herkommen, gibt es noch mehr als weibliche. Und diese behandeln ihre
Bewerbungen ähnlich. Rollen, Falten oder mit Büroklammern fixieren, gehören zum
Standardprogramm. Ich hab es aufgegeben irgendwas dazu zu sagen. Passend zum
Familientag ruft gegen 13.00 Uhr ein weiteres Mitglied der Familie an. Er will
gleich vorbei kommen, weil er einen Lebenslauf braucht. Er benötigt in der
Regel nie ein Anschreiben, sondern immer nur Lebensläufe. Ich sage ihm, dass
ich nur bis 14.00 Uhr hier sein werde und frage ihn, ob sich etwas an seinem
Lebenslauf verändert hat. Er ist umgezogen und hat mal wieder zwei Monate
irgendwo gearbeitet. Auch er hat keine Ausbildung und die längste Zeit, die er
irgendwo beschäftigt war, sind vier Monate. Zu Terminen kommt er stets
unpünktlich, so dass es wenig verwunderlich ist, als er um 13.55 Uhr anruft, um
mir mitzuteilen, dass er zehn Minuten später da sein wird. Weil mir das zu spät
ist und bei ihm aus zehn Minuten auch mal dreißig bis sechzig Minuten werden
können, vereinbaren wir, dass ich ihm die Unterlagen hinterlege und er sie dann
von dort mitnehmen kann. Alles andere wäre albern und würde keinem nützen.

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