Olga und Wolga

Neben der dämonischen Frau, die derzeit jeden Donnerstag
herkommt, um sich Bewerbungen schreiben zu lassen, gibt es zwei weitere ganz
besondere weibliche Exemplare, die regelmäßig zu mir kommen. Olga, die auch
weiterhin auf einen Zahn im Eingangsbereich ihres Mundes verzichtet, möchte
immer noch Briefzustellerin. Leider werden nirgendwo Leute gesucht, die alt
sind, schlecht deutsch sprechen und eine gewisse Trägheit an den Tag legen. Ich
suche stets vergeblich nach einer geeigneten Stelle für sie. Dennoch schreibe
ich ihr bei jedem Besuch mindestens eine Bewerbung. Sie freut sich dann immer,
ist dankbar, grinst mich an und rollt zum Abschied ihre Bewerbungsunterlagen
zusammen, um sie in der Handtasche verschwinden zu lassen. Auch wenn
Bewerbungen für Olga absolut sinnlos sind, ist sie für einen kleinen Moment
glücklich und ich denke, dass einfach nicht mehr möglich ist.
Wolga ist im Gegensatz zu Olga gesprächig und auf ihre
verschrobene Art gelegentlich unterhaltsam. Auch sie wird auf dem Arbeitsmarkt
nicht gebraucht, was sie aber nicht davon abhält weiter einen Job als
Altenpflegehelferin anzustreben. Und so suche ich ihr immer wieder aufs Neue
Stellenangebote raus, die sie sorgfältig durchliest. Erst dann bekomme ich die
Freigabe, eine oder mehrere Bewerbungen zu schreiben. Wolga bedankt sich artig,
nimmt freudig ihre Bewerbungsunterlagen entgegen, faltet sie und lässt sie in
ihrer Handtasche verschwinden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Unterlagen
dabei in einem ordnungsgemäßen Zustand bleiben, ist durchaus gering, was Wolga
aber nicht zu stören scheint. Im Gegensatz zu Olga, die sich nur brav bedankt
und, wenn sie alleine zu mir kommt, direkt wieder verabschiedet, hat Wolga
immer noch etwas zu erzählen. Ihre Erzählungen sind mir oft zu lang und
mitunter auch langweilig, doch weil sich Wolga so wohl fühlt und ich meinen Job
sehr ernst nehme, was nebenbei bemerkt fraglich ist, lasse ich sie reden und
verhalte mich, zumindest nach außen hin, professionell und gebe ihr das gute
Gefühl, bei mir gut aufgehoben zu sein. Ihr neuester Plan ist eine Ausbildung
zur examinierten Altenpflegerin. Dauert drei Jahre und wenn sie fertig ist, ist
sie erst 57 Jahre alt. Sie möchte, dass das Jobcenter ihr die Ausbildung
bezahlt. Kurioserweise schickt man sie vom Jobcenter lieber zu irgendwelchen
Maßnahmen ohne Mehrwert. Doch davon lässt sich Wolga nicht abbringen, da sie
schließlich bis 67 arbeiten muss. Ob das als Argument reicht, um so eine
Ausbildung bezahlt zu bekommen, wage ich zu bezweifeln. Jedenfalls will sie,
dass in ihrer nächsten Eingliederungsvereinbarung steht, dass sie diese
Ausbildung bekommt, weil sie die Vereinbarung sonst nicht unterschreibt. Alle
meine Versuche ihr klarzumachen, dass das so einfach nicht geht, prallen an ihr
ab. Sie will diese Ausbildung und basta. So viel Hartnäckigkeit ist ja
grundsätzlich nicht schlecht, wenn man einen Plan hat. Ich frage mich nur,
warum sie nicht schon vor 15 Jahren diesen Plan verfolgt hat, denn seit 15
Jahren ist sie mittlerweile arbeitslos gemeldet.

Als die beiden gehen bleibt nichts von Ihnen zurück als ihr unverwechselbarer
modrig, muffiger Geruch, der den unverwechselbaren Charakter der beiden
unterstreicht.

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