Kerstins Beziehungsprobleme

Nachdem es bei ihrem ersten Besuch lustig mit ihr war, bin ich
gespannt, ob es heute ähnlich wird. Kerstin begrüßt mich fröhlich und
entschuldigt sich für ihr zu spät kommen. Dann reicht sie mir ein paar Stellenangebote
und erzählt, dass sie zurzeit an einer Maßnahme teilnimmt. Bewerbungstraining.
Die Maßnahme läuft in der Regel so lange bis man einen Job hat. Momentan scheint
wirklich eine Maßnahmenschwemme das Land zu überrollen. Gut für die
Arbeitslosenstatistik, sehr gut für alle, die daran verdienen, aber leider nur
selten für die Teilnehmer. So plaudern wir ein wenig über sinnlose Maßnahmen
und ich sage ihr, dass sie sich keine Sorgen machen muss, weil sie ja sowieso
meine Nachfolgerin wird.
Dann mache ich mich an die Arbeit, während sie mit ihrem Freund
telefoniert. Sie fragt ab, was er für Gemüse mag und er scheint es nicht zu wissen.
Nach dem Gespräch, ich bin noch mit ihren Bewerbungen beschäftigt, fragt sie
plötzlich etwas, was mich etwas überrascht. „Sie sind bestimmt verheiratet!?“ –
„Nein.“ – „Waren Sie mal verheiratet?“ – „Nein. Und Sie?“ Daraufhin erzählt sie
mir, dass sie mit 18 und 20 heiraten wollte, es aber nicht geklappt hat. Deshalb
hat sie entschieden, dass sie, wenn sie mit 30 nicht verheiratet ist, nicht
mehr heiraten wird. Wenig später erzählt sie, dass ihre Beziehung nicht so gut
läuft, ihr Freund lügt, sie immer misstrauischer wird und sich nicht erklären
kann, warum sie noch mit ihm zusammen bleibt. Das kann ich ihr auch nicht
erklären. Sie erzählt viele Dinge, die sie misstrauisch an ihm machen und sagt
dann, dass sie normalerweise nicht über ihre Beziehungen redet. Warum sie es
gerade jetzt tut kann sie sich nicht erklären. Ich vermute, dass es daran
liegt, dass ich so gut rieche und meine neue Brille mir gut steht. Das weckt
sicher Vertrauen und lässt Frauen offener werden. Möglicherweise braucht sie
aber auch nur jemanden zum reden. Das geht vielen meiner Besucher so. Und ich
erfahre oft mehr als nötig wäre.
Kerstin sagt, dass sie zu viel redet und fragt mich dann, ob sie
zu viel redet. Ich verneine und sie erzählt mehr über sich und die unglückliche
Beziehung. Einige Details gehen mir dabei allerdings verloren, weil ich nicht
gleichzeitig Bewerbungen schreiben und zuhören kann. Selbst als die Bewerbungen
fertig gestellt sind, redet sie weiter. Ich kann ihr zwar nicht helfen, aber
darum ging es vermutlich auch gar nicht. Da ich, nachdem sie alles erzählt hat,
nichts zu sagen habe, wird es Zeit sich zu verabschieden. Wir wünschen uns ein
schönes Wochenende und mein Arbeitstag ist beendet. Ich glaube, Kerstin mag
mich irgendwie.

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