Hämorrhoiden, üble Gerüche und ein Heiligenschein

Einmal in der Woche
besucht mich auch weiterhin die Frau, die von einem Dämon heimgesucht wurde, um
sich zwei Bewerbungen schreiben zu lassen. Ihr Starren ist einer fröhlichen
Ausstrahlung gewichen. Möglicherweise habe ich den Dämon in ihr tatsächlich besänftigt.
So erzählt sie mir heute von ihren Hämorrhoiden, die erfolgreich operativ
entfernt wurden und ich wünsche mir die Zeit zurück, als sie einfach nur da
saß, die Rückseite des Monitors anstarrte und manchmal spontan teuflisch
lachte. Bei mir werden selbst Dämonen handzahm und zutraulich. Ich weiß echt
nicht, was ich davon halten soll.
Ich stelle insgesamt
fest, dass die Leute mir viel mehr erzählen als früher. Pamela ruft an, um von
ihrem Vorstellungsgespräch zu erzählen. Wir reden fast zwanzig Minuten und am
Ende bedankt sie sich für meine Tipps und Ratschläge. Auch sie würde mir, wenn
es nicht nur ein Sprichwort wäre, aus der Hand fressen. Früher oder später
wickel ich sie alle ein. Keine Ahnung, wie ich mich zu so einer vertrauenswürdigen
Person entwickeln konnte. Aber es ist auch eine Art Auszeichnung. DrSchwein,
das Ohr der Hoffnungslosen, die Hand der Gestolperten, der König der
Arbeitslosen. Ja, daran könnte ich mich gewöhnen.
Eine echte
Herausforderung stellen die beiden letzten Besucherinnen dar. Beide etwa in
meinem Alter und ziemlich… . Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, wie ich
sie bezeichnen soll. Mein altes Ich hätte da nur abfällige und unnötige
Bemerkungen im Angebot, der König der Arbeitslosen verhält sich tadellos und
gibt den beiden einfach ein gutes Gefühl. 
Obwohl mir das Atmen mit zunehmender Aufenthaltsdauer der beiden immer
schwerer fällt. Der Geruch, der sich wie ein Nebel des Grauens immer weiter
ausbreitet, ist eine beinah tödliche Mischung. Schweiß, Essensreste, ein Hauch
von Urin, möglicherweise Giftgase, alles haben die beiden vereint und
mitgebracht. Vielleicht sind das all die Gerüche, die die Frau von ihrer
Tätigkeit als Reinigungskraft aufgesaugt und mitgebracht hat. Anders kann ich
es mir nicht erklären. Trotzdem bin ich so unfassbar nett, dass man mich für
einen Engel halten könnte. Die beiden wirken zufrieden und glücklich als sie
mit den Bewerbungsunterlagen das Büro verlassen und ich fühle fast, wie ein
Heiligenschein über meinem Haupt zu leuchten beginnt. Wenn das so weitergeht, werde
ich noch zu einer Lichtgestalt. Der Kaiser der Bewerbungen. Hier bleibe ich bis
zur Rente, denn hier tue ich Gutes. Amen.

2 Gedanken zu „Hämorrhoiden, üble Gerüche und ein Heiligenschein“

  1. hihihi. cool. ich war ja auch ein, zweimal auf dem arbeitsamt, direkt nach meinem studium, weil zwischen studiumsende und praktikumsbeginn in hh noch ein monat lag, in dem ich offiziell als "arbeitslos" geführt wurde und "akademikerberatung" genoss. da dachte ich mir in anbetracht derer, die da teils so rumkrebsten, so manches mal: interessant, dass menschen mit einem negativen iq offenbar lebensfähig sind. 😉

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