Helen

Kurz nachdem Helen mein Büro betreten hat, redet sie auch schon
auf mich ein. Sie ist 54 Jahre, blond, schlank, für ihr Alter durchaus
attraktiv und definitiv zu redselig. Denn dafür, dass ich Ihr nur
Bewerbungsunterlagen erstellen soll, sind die Dinge, die sie mir erzählt absolut
unwichtig. Warum sie ihren Job wechseln will, dass sie gerne arbeitet, ihren
Job liebt, aber die Bedingungen sich so verändert haben usw. Wir leben in einer
beschissenen Welt, da ist das nun einmal so. Sie ist mir jedenfalls total dankbar,
dass ich ihr helfe. Dabei habe ich bisher gar nichts gemacht, sondern sitze nur
da und versuche ihr zuzuhören. Wie so oft, wenn mich ein Gespräch nicht
wirklich interessiert, schalte ich ab, höre nur minimal zu, nicke gelegentlich,
grinse gelegentlich und beteilige mich lediglich mit kurzen Kommentaren, von
denen ich glaube, dass sie zu den Worten des Gesprächspartners, in diesem Fall Helen,
passen. Während ich den Lebenslauf abschreibe, läuft sie im Büro hin und her,
redet permanent und wirkt etwas nervös und deplatziert. Nachdem sie genug
gelaufen ist, steht sie schräg hinter mir und sagt, dass ich ja noch jung bin
und beruflich noch alle Chancen habe. Ich sage ihr, dass ich schon lange nicht
mehr jung bin. „Wie alt sind sie denn?“ – „46.“ – „Das hätte ich nicht gedacht,
ich hätte sie auf 35 geschätzt.“ Entweder versucht sie sich als Schmeichlerin
oder ist extrem kurzsichtig.
Später fragt sie, was ich denn von ihr dafür geschenkt haben
möchte, dass ich ihr helfe. Sie schlägt auch irgendetwas vor, was sie mir
mitbringen will, aber da ich nicht zuhöre, sage ich spontan, dass ich Weingummi
möchte und kümmere mich weiter um die Bewerbungsunterlagen. Helen plappert
weiter, ich kommentiere gelegentlich und höre sie plötzlich sagen, dass sie am
Abend mit mir etwas trinken gehen will, weil ich ihr so helfe. Das ignoriere ich
natürlich völlig, weil ich nicht mit ihr ausgehen will. Wo kommen wir denn da
hin, wenn ich mit jeder fremden Frau, die danach fragt, etwas trinken gehe?
Weil Helen sehen will, was ich aus ihrer Bewerbung mache, setzt
sie sich neben mich. Das machen Frauen in letzter Zeit hier regelmäßig, doch Helen
steigert das Ganze in dem sie sich so dicht neben mich setzt, dass unsere Arme
und Schultern sich berühren. Sofort rücke ich etwas ab. Wir sind hier
schließlich nicht auf einer Schlummerparty. Nun teilt sie mir mit, dass sie
Apres Ski mag. Ich grinse sie kurz ratlos an, weil ich mit dieser Information
gar nichts anfangen kann, und kümmere mich dann weiter um ihre Bewerbung. Sie
stützt sich auf ihren Ellenbogen ab, rückt dabei wieder näher und scheint sich wohl
zu fühlen. Was stimmt nicht mit ihr? Sie sagt, dass sie es ganz toll findet,
dass wir die Bewerbung zusammen erstellen und wirkt weiter eigenartig vergnügt.
Ich sage ihr, dass das mein Job ist und mache weiter. Alles andere wäre
unprofessionell und würde keinem helfen.
Als die nächste Besucherin anklopft, muss Helen gehen, weil ihre
Zeit um ist. Morgen will sie wieder kommen, damit wir die Bewerbung verfeinern
können. Hoffentlich bringt sie Weingummi mit und setzt sich ordnungsgemäß auf den
Besucherplatz.

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