Swingerin

Seit gestern habe ich
in meinem Büro eine Ledercouch stehen. Damit habe ich meine Büro nicht nur aufgewertet,
ich stelle mir auch vor, dass sich meine Kunden auf die Couch setzen oder legen
und mir ihre Probleme erzählen, während ich auf meinem Bürostuhl daneben sitze
und Notizen mache. Was für schräge Ideen ein einfaches Ledersofa doch hervorrufen
kann.
Das meine Idee gar
nicht so abwegig ist, wird mi bei meiner nächsten Besucherin bewusst. Obwohl
sie nicht auf dem Sofa Platz nimmt, hat ihre Besuchszeit sehr viel von einer
Therapiestunde. Geht es anfangs noch um Bewerbungen, erfahre ich schon bald von
ihr, dass es ihr nicht so gut geht und sie in therapeutischer Behandlung ist. Wenig
später sind wir beim Thema Beziehungen und folglich schnell beim Thema Männer,
bevor wir beim Thema Sex ankommen. Wobei ich, abgesehen von gelegentlichen
Kommentaren, nur zuhöre und sie Dinge erzählt, nach denen ich niemals gefragt
hätte. Die gute Frau, Anfang 50, lebt schon viele Jahre ohne Partner und hatte
einige Jahre keinen Sex. Dann hat sie einen Swingerclub aufgesucht und war so
davon begeistert, dass sie zweimal wöchentlich dort ihren Spaß hatte. Sie ist
sehr zufrieden, dass sie alles ausprobiert hat und auch nicht immer nur mit
einem Partner/einer Partnerin Sex hatte. Ich sitze auf meinem Stuhl und frage
mich, ob das alles real ist oder ich Teil einer 
Show bin. Erzählt die Frau jedem von ihren Erlebnissen oder liegt es an
mir? Wirke ich so vertrauenswürdig, dass man mir selbst seine intimsten
Geheimnisse verraten will? Hätte ich Therapeut werden sollen?
Nach neunzig Minuten
endet unsere Therapiestunde und ich frage mich, ob ich die Zeit mit irgendeiner
Krankenkasse abrechnen kann und was sie mir beim nächsten Mal erzählen wird.

2 Gedanken zu „Swingerin“

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