Jobcoach / Arbeitsvermittler / Bewerbungstrainer

Mein Arbeitsplatz, an dem ich meine nächsten Tage verbringen
werde, besteht aus einer Küche, einer Toilette, zwei Büros und zwei
Schulungsräumen, die miteinander zu einem großen Raum verbunden sind. Meine
Kollegin, die mich in den nächsten Tagen hier informieren wird, ist eine
desillusionierte fast sechzigjährige Sozialpädagogin. Der Kollege, der außerdem
hier arbeitet, hat zwei Tage frei und wird mich ab Montag anlernen.
Vier Arbeitslose sind heute zu der Maßnahme erschienen. In
dieser Maßnahme bleiben Arbeitslose bis zu sechs Monaten, schreiben viele
Bewerbungen, haben aber auch die Möglichkeiten, sich in bestimmten Bereichen zu
qualifizieren. Einer dieser vier Teilnehmer möchte mit der Kollegin sprechen,
so dass diese mich kurz der Gruppe vorstellt und dann verschwindet. Und so
stehe ich nun vor zwei Frauen und einem Mann und weiß nichts wirklich zu sagen.
Um diese unangenehme Situation nicht eskalieren zu lassen, spreche ich die
Teilnehmer einzeln an, stelle Fragen zu deren beruflicher Qualifikation und
biete meine Hilfe an. Da scheinbar niemand etwas mit mir anfangen kann, stehe
ich anschließend ratlos da und schweige.
Nachdem meine Kollegin zurück und der vierte Teilnehmer gegangen
ist, suchen wir nach geeigneten Jobs für die Teilnehmer. Und während ich da so
sitze, vergesse ich manchmal, dass ich gar kein Teilnehmer, sondern deren Coach
bin. Fühlt sich aber nicht so an.
In der Pause denke ich darüber nach, wie sehr alle über
Arbeitslose schimpfen und wie viele Menschen doch an Arbeitslosen verdienen.
Die Agenturen für Arbeit und Jobcenter mit ihren Mitarbeitern. Diejenigen, die
Unterrichtsräume vermieten. Dazu die Firmen, die Materialien verkaufen mit
denen gearbeitet wird. Unternehmen wie dieses, für das ich arbeite. Die
Angestellten solcher Unternehmen.  Somit verdiene
sogar ich nun daran, dass es Arbeitslose gibt. Je mehr ich darüber nachdenke,
desto perverser erscheint es mir. Sicherlich werden etwa 30% der Teilnehmer
vermittelt, es stellt sich nur die Frage wohin und für wie lange. Es besteht ja
ständig Bedarf an solchen Maßnahmen. Vielleicht wäre ein wenig mehr Respekt den
Arbeitslosen gegenüber angebracht. Schließlich ermöglichen sie unglaublich
vielen Menschen ihren Verdienst.
Von meiner Coachin weiß ich, dass sie heute noch den Bericht
über mich verfasst. Schon bald werde ich Berichte über andere verfassen. Gerade
lese ich etwas, was über die Teilnehmer dieser Maßnahme geschrieben wird.
Schuppenflechte, Tinnitus, ablehnende Haltung, Desinteresse, Nervosität,
Unsicherheit sind nur einige Schlagworte, die mir auffallen. Auf all diese
Berichte hat das Jobcenter Zugriff. Ich kann die Arbeitslosen beurteilen, gar
verurteilen, und die haben es dann in deren Akten stehen. Woher habe ich das
Recht und die Qualifikation über andere zu urteilen? Und ist dieses verliehene
Recht nicht auch eine Macht? Muss das wirklich sein?
Einer Arbeitslosen schreibe ich eine Bewerbung. Sie bedankt sich
und ich kann immer noch nicht glauben, dass ich ihr Jobcoach, Bewerbungstrainer
und auch Arbeitsvermittler in einem bin. Früher gab es nur Shampoo, Haarspülung
und Duschgel in einem. Heute gibt es das auch in der Arbeitswelt. Das ist alles
völlig verrückt, fast schon absurd.
Den Rest des Tages lese ich mir die QM-Dokumentationen durch und
frage mich, wie diese Welt nur ohne QM funktionieren konnte. Nebenan ist die
Stimmung aufgelockert. Es wird gespielt. Wörter finden, Markennamen raten. Als
ich später in den Raum schaue haben alle Zettel auf der Stirn und müssen raten,
wer oder was sie sind. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

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