Alphamännchen

Erster Arbeitstag mit Alpha. Dieser ist fast sechzig und hat alles
im Griff. Er zeigt mir, wie der Laden läuft, gibt mir Tipps, warnt mich vor
gewissen Mitarbeitern, weil alles, was die Wissen, kurze Zeit später auch die
Chefin weiß, und erzählt viel aus seinem Leben. Je mehr er erzählt, desto
dämlicher komme ich mir mit meinem beruflichen Lebenslauf vor. Wann fällt es
wohl auf, dass ich eigentlich auf die andere Seite gehöre und einen Dachschaden
der besonderen Art habe? Dennoch frage ich mich, wieso er mir so ausgiebig von
seinen beruflichen Erfolgen und all seinen Preisen und Auszeichnungen erzählt.
Ist er einfach nur stolz auf sich oder will er hier glänzen und sich von mir,
dem Neuen, der beruflich wenig zu bieten hat und sich alles artig anhört,
abgrenzen? Legen wir als nächstes unsere Schwänze auf den Tisch, um den
Rudelführer zu huldigen? Das wäre lustig, denn ich glaube, dass Alpha seinen
Schwanz seit Jahren nicht von oben gesehen hat, bei seinem Bauchumfang. Möglicherweise hat er deshalb Komplexe und ist tief in seinem Inneren traurig
darüber. Erzählt er mir all seine Geschichten also nur, um sich aufzuwerten,
weil er um seine Rolle im Rudel fürchtet? Denke ich zu viel über solchen Unsinn
nach? Vermutlich.
Eine Vielzahl von Informationen wird im weiteren Verlauf des
Tages durch meinen Kopf gewirbelt. Dazu bekomme ich einen QM-Ordner, den ich im
neuen Büro auf den Rechnern ablegen soll, wenn es soweit ist. QM ist eine
Seuche, die man wohl nie mehr loswird.
Was mich etwas irritiert, fast schon abstößt, ist die Art, wie Alpha
über die Arbeitslosen redet. Er sagt, sie müssen funktionieren und wenn sie
nicht funktionieren, dann fliegen sie raus. Funktionierende Arbeitslose. Braucht
Alpha das, um sich besser zu fühlen? Was passiert eigentlich, wenn irgendwer
entscheidet, dass Alpha nicht funktioniert? Weint er dann?
Ist Alpha eines dieser Alphatiere von denen ich immer gehört,
aber noch nie viel gehalten habe? Gehört er zu dieser Spezies, die sich besser
fühlt, wenn andere ihn und seine Arbeit bewundern? Ist er jemand, der andere gerne
klein hält? Oder ist er einfach nur stolz auf alles, was er bisher erreicht
hat? Und was bilde ich mir überhaupt ein, darüber urteilen zu können?
Vielleicht wäre ich ja genauso, wenn ich irgendwann in meinem Lebe etwas
erreicht hätte, worauf ich stolz sein kann.
Wenn Alpha seine Alphamännchenrolle verlässt, ist er viel
umgänglicher. Dann lobt er die Zusammenarbeit mit der desillusionierten
Kollegin und bietet mir Hilfe an, wenn es mal in meiner Maßnahme hakt oder ich
Probleme haben sollte, die 30% Vermittlungsquote zu erreichen. Ich denke, wenn
man nicht an seinem Alphamännchenstatus kratzt und zu ihm aufschaut, kann Alpha
hilfreich und nützlich sein.
Später gibt es per Mail die Anweisung der Chefin, dass ich
morgen mit dem Bewerbungsmann zusammen Bewerbungen schreibe und am Donnerstag
wieder von Alpha lerne. Am Mittwoch habe ich demzufolge frei, was bedeutet,
dass ich eine 4 Tage Woche habe. Ob das nun immer so sein wird, dass ich
mittwochs frei habe, geht aus der Mail nicht hervor.

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