Teilnehmer unter Druck

Ein Teilnehmer meiner Kollegin fragt,
wie unser Bericht über ihn ausfallen wird und wie viele Bewerbungen er nächste
Woche noch schreiben muss, damit es keinen Ärger gibt. Da alles hier endet und
ich schon einige fruchtlose Diskussionen mit ihm geführt habe, einigen wir uns
auf drei Bewerbungen. Damit könnte er es eigentlich belassen, doch er fragt anschließend
noch meine Kollegin und wieder einmal zeigt es sich, dass er besser nicht so
viel reden und fragen sollte. Denn damit haben sich die drei Bewerbungen für
ihn erledigt. Mindestens sechs verlangt meine Kollegin, besser noch sieben bis
acht. Und weil er es schon anspricht, bekommt er nun eine Ansage zu seiner
Einstellung, zu seinem Verhalten und zu seinem ewigen lamentieren. Dagegen ist
das, was ich ihm vor einer Woche dazu sagte, eine sanfte Vorbehandlung gewesen.
Aber er wollte es nicht anders. Und so steht er mit rotem Kopf in unserem Büro,
seine durchaus wortgewandten, aber fruchtlosen Einwände und Kommentare
zerschellen im Nichts und er muss sich eine Menge anhören. Immer mit dem Ziel
ihn aufzurütteln und aus seiner Traumwelt zu holen. Ich kenne die Situation.
Oft war ich an seiner Stelle. Meine Kommentare waren dann meist zynischer, aber
ebenfalls nichts weiter als der verzweifelte Versuch der Situation zu
entfliehen. Ich hatte allerdings keine so hartnäckigen Coaches. Vermutlich weil
damals noch keine Coaches erfunden waren. Meine Argumentation wurde erstmals
völlig zermalmt als ich bei einer Supervisorin war. Und wie ich feststelle sage
ich nun zu dem Teilnehmer Dinge, die ich mir damals während der Supervision und
auch meiner Gruppentherapie anhören musste. Was für eine unerwartete
Entwicklung. Völlig surreal.
Nach einer Weile befreit sich der
Teilnehmer aus unseren Fängen und bringt wieder seine Sprüche. Ich sage ihm,
dass er endlich aufhören soll gegen uns zu kämpfen, denn diese Maßnahme endet
nächste Woche, dann sitzen wir immer noch hier (was bei mir gar nicht zutrifft)
und er ist zurück in seinem Scheißleben. Kaum habe ich es gesagt, bestätigt er
mir, dass ich Recht habe. Natürlich habe ich Recht, er hat mir ja in der
letzten Woche quasi gesagt, dass sein Leben Scheiße ist. Trotzdem frage ich
mich, ob ich da jetzt nicht einen Schritt zu weit gegangen bin. Andererseits
will ich ihn ja motivieren, da muss man vielleicht etwas direkter sein.  An dieser Stelle wäre ein guter Zeitpunkt,
diese Diskussion zu beenden, doch irgendetwas in ihm will nicht aufhören und er
kaspert wieder rum. Erzählt was von philosophischen Dingen, unklaren Ansagen
und scheint völlig den Verstand zu verlieren. Mir läuft die Zeit davon, denn
ich will pünktlich nach Hause. So sage ich zu ihm, “Sehen Sie, genau deshalb
sind Sie hier.“, stehe auf, nehme meine Tasche und beende diese
Endlosdiskussion. Er hat es übersanden und kann das Wochenende nutzen, um über
all das nachzudenken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.