Die weiße Hexe, Erbensuppe und andere Frauen

Die Arbeitswoche fängt damit an, dass
mich der Maßnahmeleiter zu nerven beginnt. Entweder man ist witzig, oder eben
nicht. Er ist es nur bedingt, versucht aber alles, um auf diesem Weg zu
glänzen. Das wird nur in diesem Leben nichts mehr, was  ich ihm auch jederzeit schriftlich bestätigen
kann. Was ebenfalls nichts wird, ist die Sache mit der Maßnahmeleitung. Nicht
nur, dass ihn weder die Damen aus der Verwaltung, noch die Chefs ernst nehmen;
auch ich kann es nicht. Da passt es natürlich prima, dass er mir eine Anweisung
gibt, die ich so unsinnig finde, dass ich die Umsetzung direkt ablehne. Bei ihm
kann ich es mir leisten. Dennoch tut es mir Leid, dass sowohl Carsten, der
derzeit auch in dieser Maßnahme eingesetzt ist, als auch Gunda anwesend sind. Damit
steht er natürlich ziemlich blöd da. Was gibt er mir auch so dämliche
Anweisungen?
Später schießt er endgültig den Vogel
ab, als er mir mitteilt, dass er der Sohn einer weißen Hexe ist. Ich sehe ihn ungläubig
an, verkneife mir aber jeden Kommentar, weil das besser für uns alle ist.
Allerdings frage ich mich, ob wir sein Hirn nicht der Forschung zur Verfügung
stellen sollten nachdem wir ihn eingeschläfert haben.
Am Mittwoch unterhalte ich mich mit
Carsten. Wir machen Witze, beachten den Maßnahmeleiter wenig, planen die
Teilnehmer mit Stellenangeboten zu füttern und reden aus unerklärlichen Gründen
über Erbsensuppe. Sofort wird der Maßnahmeleiter hellhörig und glaubt, dass
Erbensuppe ein Codewort ist mit dem wir uns über ihn lustig machen. Erbensuppe
ist aber nichts weiter als Erbsensuppe und das teilen wir ihm auch mit. Da er
das nicht glauben will, sage ich ihm, dass er endlich aufhören soll zu denken,
dass wir hier sind, um gegen ihn zu arbeiten und wir alle im selben Boot
sitzen. Ich glaube nicht, dass er uns glaubt. Der Job und die Umstände scheinen
ihn völlig zermürbt zu haben. Möglicherweise hat es aber auch mit der weißen Hexe
zu tun. Was weiß denn ich?
Später lästert er über ein paar
Teilnehmer, um sich beliebt zu machen oder witzig zu sein. Er macht Witze über
die Tschechin, die ich seit heute betreue. Die Witze sind erwartungsgemäß
schlecht und unangebracht. Dabei ist die Tschechin nicht nur süß, sondern
riecht auch noch gut. Als nächstes sagt er, dass die 26 jährige Gepiercte ihm
zu kindisch und unerwachsen ist. Und das von einem Mann, der einen albernen
Knicks macht, wenn er Frauen begrüßt. Ich sage ihm, dass ich ihre Art mag und überhaupt
nicht so kindisch finde. Sofort lenkt er ein und sagt, dass es auch gar nicht
schlecht ist etwas kindisch zu sein. Was ist nur alles bei ihm schief gelaufen?
Zu meiner Freude habe ich mehr Frauen
als Männer zu betreuen und hoffe, dass das Verhältnis von 6:3 auch beibehalten
wird.
Zwischendurch habe ich
Bewerbergutscheine zu bearbeiten und Teilnehmer aus anderen Maßnahmen zu
unterstützen. Eine Teilnehmerin aus einer anderen Maßnahme sagt mir, dass die
Leute über mich sprechen. Und zwar positiv. Ich frage, welche Leute das tun und
sie erwidert, dass es die Frauen aus ihrer Maßnahme sind. Ich sage ihr, dass
ich das komisch finde, weil ich erst für eine der Frauen eine Bewerbung erstellt
habe. Sie antwortet, dass sie froh ist, dass ihr Name auf meiner Liste steht
und sie nicht zu der Frau, damit meint sie Gunda, muss. Niemand scheint zu
Gunda zu wollen. Das tut mir Leid.
Als ich eine Teilnehmerin aus einer
anderen Maßnahme abhole, sagt eine attraktive Frau, die ebenfalls zu der Gruppe
gehört, dass sie will, dass ich auch für sie zuständig bin. Ich teile ihr mit,
dass ich darauf keinen Einfluss habe und verlasse den Raum. Wenn so viele
Frauen zu mir wollen, dann kann es nicht lange dauern bis ich völlig
überheblich werde und glaube, dass ich ein toller Hecht bin. Das kann nicht gut
sein.
Donnerstag fragt Sonja, ob ich mit ihr
rauchen komme. Da ich nicht mitrauchen muss und die Gesellschaft attraktiver
Frau schätze, erkläre ich mich bereit. Da wir dazu von der zweiten in die
fünfte Etage müssen, schlage ich vor, dass auch sie auf den Fahrstuhl
verzichtet. „Wenn ich laufen muss, dann sterbe ich.“ – „Du bist viel zu jung,
um zu sterben.“ – „Und ich sehe zu gut aus.“ – „Ja. Stimmt.“ Bevor es nun
privat wird, verschwinde ich im Treppenhaus und wir treffen uns wenige
Augenblicke später in der obersten Etage wieder. Da ein anderer Kollege
dringend mit ihr reden möchte, sagt sie mir, dass wir nie in Ruhe reden können
und kümmert sich um das Anliegen des Kollegen. Nachdem der Kollege sich
verabschiedet hat,  teilt sie mir mit,
dass sie täglich sagt (wem sie das sagt, weiß ich nicht), dass sie möchte, dass
ich auch in Zukunft hier arbeite. Ich lehne ab, biete ihr aber an, dass sie
mitkommt, wenn ich zurückgehe. Da sie das ablehnt, ist unsere Zusammenarbeit
wohl begrenzt. Wenn sie weiter so nett zu mir ist, werde ich möglicherweise das
Ende der Zusammenarbeit bedauern. Irgendwie ist das echt ein Schlaraffenland
hier für mich. Komisch. Trotzdem will ich wieder zurück.
Der Tipp des Maßnahmeleiters, woanders
zu parken erweist sich schnell als guter Tipp. Denn dadurch spare ich täglich
fünf bis zehn Minuten und kann ab sofort fünf Minuten länger schlafen. Ich bin
entzückt. Was mich allerdings stört ist die Tatsache, dass er immer noch
glaubt, dass Erbsensuppe ein Codewort ist und er mich immer wieder danach
fragt.
Am Freitag erfahre ich von Sonja, dass
sie 31 Jahre ist und sich die Haare färben lässt, weil sie tatsächlich schon
weiße Haare hat. Weiße Haare finde ich unnütz, weshalb ich gut verstehen kann,
dass sie sich die Haare färbt. Ich wäre gerne auch nochmal 31 Jahre.
Am Ende der Woche muss ich
feststellen, dass ich mich zum ersten Mal, seit ich zu einem Brillenträger
mutiert bin, wie ein Hahn im Korb fühle. Und obendrein viel jünger. Und
begehrenswert. Und überhaupt neige ich zur Übermütigkeit, obwohl
Schwermütigkeit eher meinem Naturell entspricht. Schon verrückt, wie leicht
positive Reaktionen von Frauen mich aufbauen und aufwerten können. 

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