Drei-Tage-Woche

Drei Tage arbeiten, vier Tage frei. Wenn es finanziell möglich
wäre, könnte ich mir diese Variante auf Dauer vorstellen. Doch weil es das
nicht ist, bleibt es bei gelegentlichen Ausnahmen. In dieser Woche, um den
Resturlaub abzubauen.
Mimosen Jim, der Sohn einer weißen Hexe, nervt mich immer mehr.
Ständig jammert er nur rum, wie viel er zu tun hat. Mal regt er sich auf, dass
ihm der größte Teil der Verwaltungsarbeiten entzogen wurde, dann regt er sich
weinerlich darüber auf, dass er den verbliebenen Verwaltungskram noch erledigen
muss und ihn das von seiner ursprünglichen Arbeit abhält. Als ursprüngliche
Arbeit sieht er nur die rührenden, kumpelhaften Gespräche mit seinen
Teilnehmern und die Dokumentation dazu an. Alles andere strengt ihn nicht nur
an, es scheint ihn regelrecht zu überfordern. Wenn er mir sagt, dass „wir“ noch
etwas tun müssen, heißt es in Wahrheit, dass ich das machen soll. Ich suche
sogar nach Stellenangeboten für seine Teilnehmer, im Gegenzug hat er Angst, ich
könnte seine Provision einstreichen. Er ist so ein Jammerlappen. Und ich bin
der Einzige hier, der noch nie eine Provision bekommen hat. Dennoch will ich
seine nicht. Voll der Spinner.
Der neueste Schwachsinn, den er sich ausgedacht hat. Er bietet mir
seinen Schreibtisch und die Maßnahmeleitung an. Und zwar deshalb, weil ich mich
mit Sonja und Anke so gut verstehe. Ich kann immer mehr verstehen, dass er so
unbeliebt ist. Und ständig dieser Neid, dass ich mir irgendwem besser auskomme
als er es tut. Sollte er sich einfach mal hinterfragen, wie das wohl kommt.
Kleiner Hexensohn.
Wenn er nur halb so viel arbeiten, wie jammern würde, er wäre
sicher längst Mitarbeiter des Monats. Selbst zum delegieren ist er zu blöd. Bei
ihm merkt man sofort, dass er sich um seine Arbeit drücken will. Ihm passt es
natürlich überhaupt nicht, dass ich mich mit Carsten so gut verstehe. Er will
auch einen Vertrauten, sagt er ständig. Freunde hat er sicher auch keine. Der
unbeliebteste Mann im ganzen Unternehmen wird man wohl kaum, wenn man dazu
nicht ein gewisses Talent hat. Weil das alles nicht genug ist, teilt er mir
mit, er hätte gedacht, dass ich sozialer eingestellt bin. Und alles nur, weil
ich ab und zu Witze mache, die er natürlich nicht versteht. Es tut mir Leid,
dass mein Humor ein gewisses Maß an Intelligenz voraussetzt.
Damit es nicht böse endet und ich mich nicht wirklich zu seinem
komischen Verhalten äußere und er nicht unter meinem Humor leiden muss,
reduziere ich den Kontakt zu ihm so gut es geht. Ich will einfach nicht
derjenige sein, der ihn völlig aus der Bahn wirft. Und das ist schwer genug.
Und irgendwie auch erwachsen. Also von mir. Ich scheine in meiner Entwicklung
doch noch nicht am Ende angekommen zu sein. Er hingegen leider schon. Während
ich mich um alle Teilnehmer kümmere, wenn es sich ergibt, hält er sich strikt
daran, nur die ihm zugewiesenen Teilnehmer zu betreuen. Wenn er doch mal Kontakt
zu einem anderen Teilnehmer aufnehmen muss, geht sofort das Gejammer los. Und
wenn er mal nicht jammert, dann erzählt er von seinen Erfolgen aus der
Vergangenheit. Er muss ein toller Typ gewesen sein. Schade, dass er irgendwann
zu dem mutiert ist, was er jetzt ist. Ein hartes Schicksal, eine fast schon
tragisch, rührende Geschichte.
Am Donnerstag, meinem letzten Arbeitstag der Woche, gehe ich ihm,
so gut es geht, aus dem Weg. Denn schon sobald ich seine Stimme höre, verspüre
ich einen unglaublichen Drang etwas zu sagen, was ihn völlig aus der Bahn
werfen würde. Doch das wäre böse. So etwas tut man nicht. Zumindest jetzt noch
nicht. Nächste Woche wird er mich sicher darauf ansprechen, dass ich ihm
offensichtlich aus dem Weg gegangen. Das wird sicher eine tolle Erfahrung für
uns alle.

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