Der Mann, der weint

Erneut sitzt der psychisch angeschlagene Mann in meinem Büro. Völlig
aufgelöst, kurz vor dem Zusammenbruch. Zumindest ist das mein Eindruck. Ich
frage ihn, was denn passiert ist. Schon bricht es aus ihm heraus, die Tränen
fließen und ich sitze da, schaue ihn an, gebe mich verständnisvoll und denke an
meine Gruppentherapie vor ein paar Jahren. Da saßen auch oft Leute, erzählten,
weinten und ich habe gelernt, dass böse Kommentare und zynische Bemerkungen
nicht angebracht sind. Ich lernte zu schweigen, zuzuhören und über das
Vorgetragene nachzudenken. Glücklicherweise musste ich nie etwas sagen zu all
dem. Heute aber werde ich sicher etwas sagen müssen, denn ich kann den armen
Mann nicht einfach ansehen und so tun als ginge mich das nichts an. Ich muss aktiv
werden, ihn etwas aufbauen und motivieren aktiv sein Leben zu gestalten. Aber
mit Tränen kann ich echt nicht umgehen, weshalb ich warte bis das Schluchzen
nachlässt und der Tränenfluss in geordneten Bahnen verläuft.  Dann äußere ich mich, bleibe sachlich
distanziert, gebe Tipps, die mir wirklich großartig erscheinen und hoffe, dass
sie es am Ende auch sind.
Was er erzählt finde ich mitunter interessant, schweife aber immer mal
kurz ab und führe mir vor Augen, wie absurd das alles eigentlich gerade ist.
Nicht nur, dass ich vor ein paar Jahren selbst eine Therapie brauchte, heute
sitze ich hier, habe einen Job, der mir noch immer ein Rätsel ist und bin der
einzige mit dem ein Mann, der ziemlich am Ende ist, reden kann. Dieser dankt
mir für meine Zeit und dass ich ihm zuhöre und sagt, dass es ihm gut tut und
hilft, weil er sonst niemanden hat. Er bittet mich, die Dinge für mich zu
behalten und ich frage mich, ob ich nicht zu schlecht bezahlt werde für diese
ganze Verantwortung. Aber das ist Quatsch, denn es ist ja gar nicht mein Job,
sondern eher eine freiwillige Zusatzleistung, die man exklusiv bei mir bekommen
kann. Möglicherweise will ich mich so aufwerten. Oder ich will, dass mich alle
mögen. Was weiß denn ich?

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