Warum wir untergehen

Die letzten vier Arbeitstage vor
Ostern hat meine Kollegin Urlaub. Ich bin allein mit den wenigen Teilnehmern,
die nicht aus irgendwelchen Gründen fehlen. Unserem dritten Mann sage ich, dass
ich alleine arbeite und er irgendwas anderes machen kann. Außendiensttermine
oder was auch immer. Die Woche bringt mich rasch an die Grenzen der
Ratlosigkeit. Niemandem der Teilnehmer kann ich irgendwie helfen. Ich weiß auch
nicht wie. Ich rede auf einige ein, versuche sie zu motivieren, aufzubauen,
doch am Ende ändert sich nix für sie. Sie bleiben was sie sind und ich sehe ratlos
zu. Ein Gespräch mit der Oma bringt weder ihr noch mir etwas zählbares, maximal
ein gutes Gefühl. Immerhin schafft sie nun zwei Bewerbungen in einer Stunde.
Die 36jährige riecht wenigstens gut und ist nett. Aber wie soll sie einen
Ausbildungsplatz bekommen, der sie vermutlich nicht interessiert? Also reden
wir über ihr Parfum und dies und das und ich frage mich, ob sie vielleicht
lesbisch ist, so wie sie da breitbeinig vor mir sitzt. Unsinnige Gedanken, um
von meiner Fehlfunktion als Jobcoach abzulenken. Nächstes Problemkind ist die
28jährige. Ich finde keinen Ansatz und so sitzt sie fast drei Stunden einfach
da, spielt mit ihrem Smartphone und lehnt jeden meiner, zugegebenermaßen nicht
herausragenden, Vorschläge ab. Ich resigniere.
Ein Teilnehmer unseres dritten Mannes
kommt am Mittwoch zu uns, hält seinen Bauch und erzählt mir, dass er Durchfall
hat. „Warum gehen sie nicht zum Arzt?“ – „Wollte ich, war zu.“ – „Gehen Sie
nach Hause, ich will sie so hier  nicht haben.
Bringen sie mir, wenn Sie wieder gesund sind, einen Krankenschein und gut.“ –
„Der Arzt hat zu. Ist Mittwoch.“ – „Gehen Sie morgen zum Arzt, der gibt Ihnen
für heute einen Krankenschein.“ Gespräch beendet. Selten war ich so konsequent,
aber Seuchenvögel will ich hier nicht. Dann sitze ich wieder am Schreibtisch
und bin ratlos. Und gelangweilt. Das bringt mich alles nicht weiter, ich
verblöde hier immer mehr, obwohl ich nicht selbst arbeitslos bin. Ich kann nix
bewirken, entwickle mich weder weiter noch entwickle ich irgendeinen Plan. Ich
will wieder was mit dem SGB II machen, zur Kommende, irgendwas Sinnvolles tun.
Das hier ist eine Sackgasse.
Am Donnerstag vertritt Carsten meine
Kollegin. Er ist also Nummer vier in unserer Runde. Wir sind bald mehr Coaches
als Teilnehmer. Einer der Teilnehmer meiner Kollegin droht mit einem
Krankenschein, wenn wir nicht flexibler auf seine Anwesenheitswünsche eingehen.
Die Oma stimmt mit ein, weil auch sie so viele Termine hat. Ich dachte, nur
Rentner haben keine Zeit. Da mir das zu blöd ist, frage ich die beiden, ob das
ihr ernst ist. Sie fangen an mir zu erklären, was sie alles für Termine haben. Ich
unterbreche den Unsinn, weil es wohl kaum Coaches gibt, die so flexibel mit den
Anwesenheitszeiten umgehen wie wir. „Sie sind arbeitslos. Sie haben definitiv
zweimal drei Stunden in der Woche Zeit.“ – „Nein, ich… .“ – „Sie können froh sein,
dass sie in dieser Maßnahme sind und nicht in einer, die tägliche Anwesenheit
erfordert. Langsam wird es echt albern hier. Arbeitslose die keine Zeit haben.
Wollen Sie mich verarschen?“ Damir endet dieses Gespräch. Ich habe echt viel
Verständnis, aber so einen Unsinn muss ich mir nicht anhören. Lustig ist auch,
mit welchem Selbstbewusstsein der Teilnehmer, der mehr Flexibilität fordert,
seine beruflichen Ziele vorträgt. Er will nämlich Jobcoach werden. Dagegen ist prinzipiell
nichts einzuwenden. Ich bin es als Dauerarbeitsloser ja auch geworden. Nur
sollte man dann schon in der Lage sein, seine Bewerbungen halbwegs fehlerfrei
zu schreiben und Sätze formulieren können, die wenigstens ansatzweise einen
Sinn ergeben. Doch so weit ist er noch lange nicht. Vermutlich wird er es auch
nie sein. Da hilft ihm auch sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein kein Stück
weiter. Realitätsverlust ist eine weit verbreitete Sache. Besonders unter
Arbeitslosen. Damit kenne ich mich bestens aus.
Fazit dieser Woche. Weiterhin keine
Vermittlung in Sicht. Als trieben wir mit einem Boot auf Klippen zu. Wir werden
untergehen und ich kriege keinen aus diesem blöden Boot raus. Und gehen sie
unter gehe ich früher oder später ebenfalls unter. Trübe Gedanken sind
natürlich wenig hilfreich, wenn man etwas erreichen will. Ich bin so leer. Ratlos.
Wo bleibt eine zündende Idee? Wo ist Licht am Ende dieses Tunnels?

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