Der Maler und der Schimmel

Gespannt warte
ich auf den Maler, der heute den Schimmel entfernen will, bevor er morgen mit
dem Tapezieren beginnt. Ich erwarte, dass er, wie der letzte Maler, den
verschimmelten Putz von den Wänden entfernt und dann die Wände neu verputzt.
Doch als der Maler vor mir steht, weiß ich, dass ich zu hohe Erwartungen hatte.
In ziviler Kleidung und mit einer Flasche Schimmelentferner steht er vor mir.
Ich bitte ihn herein und er sagt, dass dieses Spray ganz toll ist. Ich bin
enttäuscht und als er mir dann noch erklärt, dass ich den Rest
Schimmelentferner behalten darf, sage ich ihm, dass ich eigentlich davon
ausgehe, dass das Thema Schimmel für mich erledigt ist. Schwerer Fehler, denn
nun erklärt er mir, dass immer und überall mit Schimmel zu rechnen ist,
besonders in Schlafzimmern, weil es da feucht ist. Ganz besonders hinter Betten
muss mit Schimmel gerechnet werden. Ein besorgniserregender Monolog, der mich
daran zweifeln lässt, dass hier ein Fachmann vor mir steht. Nachdem ich fast
eingeschlafen bin, legt er los und sprüht in der Küche die Wände voll und sagt,
freudig erregt, wie ein kleiner Junge, dass die Stellen gleich weiß werden.
Anstatt mich ebenfalls zu freuen, frage ich ihn, ob er nicht eine Leiter
möchte, da der kleine Mann sich ganz schön strecken muss, um die Decke
einzunebeln. Möchte er nicht. So sprüht er fröhlich von unten weiter und der
Sprühnebel verteilt sich im ganzen Raum. Normal kann das nicht sein. Nachdem
der Schimmel in der Küche schön eingesprüht ist, geht es weiter ins Wohnzimmer.
Aus sicherer Entfernung beobachte ich, wie er selbst Stellen einsprüht, die nie
von Schimmel befallen waren. Dabei verteilt sich der Sprühnebel auf meiner
einzigen noch lebenden Pflanze, der Fensterbank, dem Teppich und dem kleinen
Maler. Fasziniert beobachte ich das Schauspiel. Schimmelreiniger läuft an den
Fenstern herunter, der Maler ist begeistert von seinem Werk und zieht weiter
ins Schlafzimmer. Dort das gleiche Schauspiel. Großzügig verteilt der das Zeug,
steht im Sprühnebel und bekommt einen Hustenanfall. Hoffentlich stirbt er mir
jetzt nicht noch weg. Vorsichtshalber bin ich im Wohnzimmer geblieben, weil es mir
sicherer schien. Zurück in die Küche. Dort zeigt er mir, wie die besprühten
Stellen weiß geworden sind und sieht glücklich dabei aus. Ich frage mich, was
er wohl beruflich macht. Noch ein paar Sprühstöße, dann ist es vollbracht.
Morgen kommt er tapezieren und Übermorgen streicht er alles weiß. Ich sage ihm,
dass ich die Küche wieder in einem Gelbton haben will, so wie es derzeit auch
ist und dass ich weiß absolut nicht haben will. Er wiederum hält nichts von
gelb und erst nach kurzer Diskussion willigt er ein, einen Ton anzurühren, der
farblich eventuell in Richtung gelb geht. Aber die Decke, die wird auf jeden
Fall weiß, weil das einfach besser aussieht. Ich gebe mich geschlagen.
Samstag erwarte
ich Gäste und ich kann mir so gar nicht vorstellen, dass er bis dahin fertig
ist, da er ja immer erst ab 17.00 Uhr bei mir ist. Nachdem er sich
verabschiedet hat, suche ich im Internet nach irgendwelchen sachdienlichen
Hinweisen zu dem von der Hausverwaltung geschickten kleinen Maler. Ich finde
nicht einen Hinweis. Womöglich gibt es den Mann gar nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.