Neue Teilnehmer, neue Kollegen, altes Leid

Meine
Nichtvermittlungsquote hat auch nach meinem Urlaub beste Chancen stabil zu
bleiben, denn meine sechs aktuellen Teilnehmer haben meiner Meinung nach nicht
das Potenzial, etwas daran zu ändern.
Da ist zunächst
der Türke, der einen Arbeitsvertrag vorliegen hat, aber zum einen 12,50€
Einstiegsgehalt zu gering findet und zweitens lieber woanders arbeiten möchte.
Er steht kurz vor einer großen Karriere als Dauerarbeitsloser. Seit er den
Vertrag vorliegen hat, hat er einen Krankenschein. So ist er auf der sicheren
Seite, was Sanktionen angeht.
Der nächste,
der einen Arbeitsvertrag vorliegen hat, ist der Pole. Ihn stört weniger das
Gehalt, sondern vielmehr, dass er auch mal länger als bis 15.00 Uhr arbeiten
muss, denn am Nachmittag arbeitet seine Frau und er muss sich um die Kinder
kümmern. Bevor er das Jobangebot bekam, beteuerte er, dass er zeitlich nicht
eingeschränkt ist, weil seine Frau sich ja um die Kinder kümmert. Da bei
Lagertätigkeiten fast immer die Bereitschaft zur Schichtarbeit vorausgesetzt
wird, wird er kaum eine Anstellung finden. Mir soll es Recht sein.
Dann gibt es
noch das blonde Dummchen, welches seit ihrer Ausbildung vor etwa dreißig Jahren
nie ehr wirklich gearbeitet hat, aber Ansprüche stellt, die durchaus weltfremd
sind. Sie möchte am liebsten in der Bettenzentrale eines Krankenhauses
arbeiten, weil sie das schon öfter während irgendwelcher Maßnahmen machen
musste. Sie ist schlicht und ergreifend zu schlicht, um irgendeinen Job zu
bekommen.
Der nächste
Teilnehmer ist gesundheitlich dermaßen eingeschränkt, dass man ihn nur eine
Weile beobachten muss, um zu erkennen, dass er in dem Zustand kaum einen Job finden
wird. Seinen Betreuer vom Jobcenter hat er seit Jahren nicht gesehen, was
durchaus bedenklich erscheint. Denn hätte er ihn mal getroffen,  hätte dieser direkt erkannt, dass der
Teilnehmer körperlich völlig unbrauchbar ist.  Wir versuchen nun, dass der Teilnehmer eine
ärztliche Untersuchung bekommt, die ihm bescheinigt, dass er zu kaputt für
einen Job ist. Meiner Vermittlungsquote hilft das natürlich nicht.
Der nächste
Teilnehmer ist 27 und hat keine Ausbildung. Wir versuchen alles, damit er in
diesem Jahr noch einen Ausbildungsplatz findet. Spätestens bis zu seinem
dreißigsten Lebensjahr muss etwas passieren, sonst wird er vermutlich ein
Dauerarbeitsloser, dem nicht mehr zu helfen ist. Das wäre schade, denn er
scheint der intelligenteste meiner Teilnehmer zu sein und ist durchaus
sympathisch. Möglicherweise hat er jetzt nur den falschen Coach an seiner Seite.
Der letzte
Teilnehmer ist noch ganz frisch. Er ist Türke und will unbedingt arbeiten, aber
das behauptet der 13 Euro Türke auch von sich. Schweißer ist der neue
Teilnehmer. Schweißer sollte man vermitteln können. Aber Optimismus wäre an
dieser Stelle verfrüht. Daher gebe ich dem Neuen ein paar Tage sich einzuleben.
Meist relativieren sich bis dahin die guten Vermittlungschancen und zurück
bleiben nur Illusionen und die nüchterne Realität.
Auch bei meinen
Kollegen hat sich was getan. Brandy ist die Nachfolgerin von Mirabelle. Sie ist
klein, aber weniger kompakt als Mirabelle, trägt blondes Haar und wirkt ganz
freundlich. Ich glaube nicht, dass ich viel mit ihr zu tun haben werde.
Alpha macht
zwei Wochen Urlaub und wird von Hansi vertreten. Meine Kollegin hält Hansi eher
für einen Eindringling und findet ihn voll doof. Alpha scheint ihn auch nicht
zu mögen. Ich hingegen bin mir sofort mit Hansi einig geworden. Wir ignorieren
uns völlig, reden nicht miteinander und grüßen uns auch nicht, selbst wenn wir
nebeneinander stehen, was ich sehr interessant finde. Hoffentlich werden wir den
schnell wieder los, bevor ich irgendwann noch mit ihm reden muss.

2 Gedanken zu „Neue Teilnehmer, neue Kollegen, altes Leid“

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