Drei


Drei freie
Teilnehmerplätze gilt es in dieser Woche zu besetzen. Kandidaten gibt es genug,
doch manche lehne ich direkt ab. So zum Beispiel die bei ihrem ersten
Aufenthalt bei uns 36 jährige Frau, die mittlerweile 37 ist und immer noch in
einer Fahrschule arbeitet. Weil sie beim letzten Mal wegen gesundheitlicher
Fehlzeiten aus der Maßnahme genommen wurde, darf sie es nun ein zweites Mal
versuchen. Unglückliche Umstände führen dazu, dass ich das Erstgespräch führen
muss. So sage ich ihr, dass ihr erster Aufenthalt hier ziemlich nutzlos war und
es mir auch egal ist, wenn sie keine Lust hat. Alternativ kann sie es aber auch
als Chance sehen. Ihre Entscheidung. Nachdem wir uns eine halbe Stunde
unterhalten haben, darf sie wählen. Entweder sie arbeitet mit unserem dritten
Mann oder erneut mit mir. Frauen brauchen nur nett zu mir zu sein, dann werde
ich sofort weich und gebe ihnen eine neue Chance. Interessanterweise
entscheidet sie sich für mich und ist in den ersten Stunden auch motiviert,
umgänglich und schreibt einige Bewerbungen. Ich bin gespannt, wie sich das
weiter entwickelt.
Der nächste
Teilnehmer ist vorbestraft, lügt, betrügt und klaut und verzichtet trotz
mehrmaliger Aufforderung darauf bei uns zu erscheinen, was ich durchaus
begrüße.
Eine weitere
Anwärterin auf einen freien Platz ist eine Frau aus Bulgarien, die seit 27
Jahren in Deutschland lebt und bereits zwei Deutschkurse hinter sich hat. Sie spricht
türkisch, aber kein deutsch und versteht eigentlich nur Bahnhof, weshalb ich
sie auffordere einen Dolmetscher mitzubringen, was leider erst beim dritten
Termin klappt. Ich spiele mit der Dolmetscherin alle Möglichkeiten durch, doch
was immer ich vorschlage kann die Frau, so wird mir übersetzt, nicht umsetzen.
Sie versteht nichts von dem, was ich sage.  Und weil die Dolmetscherin nicht permanent
dabei sein kann, melde ich das der Betreuerin vom Jobcenter. Diese beschimpft
mich, dass ich diese Kundin ja nicht will und sie das schon versanden hat.
Daraufhin werde ich etwas deutlicher und erkläre der guten Dame, dass hier jemand
sitzt der nichts versteht und ich wahrlich keine Möglichkeiten habe, dieser
Frau irgendwie zu helfen. Unverzüglich müssen Frau und Dolmetscherin ins
Jobcenter zu der Betreuerin. Wenig später ruft die Betreuerin an, sagt, dass
die Frau uns nur was vorspielt und jetzt sechs Monate einen Deutschkurs bezahlt
bekommt. Danach wird sie wieder auf unsere Warteliste gesetzt. Von mir aus.
Kaum ist das
mit der Frau geklärt stehen zwei weitere Frauen im Büro. Geschickt wurden sie von
der Betreuerin der Bulgarin. Die Frau, die bei uns teilnehmen soll besucht
derzeit einen Deutschkurs, versteht so gut wie nichts und hat deshalb eine
Freundin zum dabei, die für uns übersetzt. Großartig. Ich erkläre, was auf die
Frau zukommt und erkenne, dass die Frau absolut nicht will.  Außerdem hat sie sich ja gerade drei Bewerbungen
schreiben lassen, da kann es gut sein, dass sie schon bald einen Job hat und
das Thema erledigt ist. Da leben wieder zwei in einer Traumwelt. Als hätten
alle Arbeitgeber nur auf diese Frau, die ein paar Jahre schon in Deutschland
lebt, als Helferin in einer Fleischerei gearbeitet hat und fast nicht versteht,
gewartet. Die beiden Damen ziehen ab und streiten sich noch eine Weile wild
gestikulierend vor dem Büro.
Bevor die Woche
endet besucht mich ein weiterer Kandidat. Er ist Albaner und hat seine Ex-Frau
mitgebracht, weil er so gut wie nichts versteht. Die Frau weist darauf hin,
dass er Sprachstufe B1 hat, was für mich bedeutungslos ist, da die meisten, die
ich mit diesem berüchtigten B1 hier hatte, mich nicht verstanden oder nicht
verstehen wollten. So unterhalte ich mich mit der Frau während er mich mit
großen Augen anschaut. Weil nicht einmal geklärt ist, ob er überhaupt noch
Anspruch auf Arbeitslosengeld II hat, bitte ich die beiden nächste Woche erneut
herzukommen. Bis dahin will ich mit seiner Betreuerin klären, was das alles
soll.
Wenn das so
weitergeht sitzen hier irgendwann nur noch Leute, die entweder ihre Dolmetscher
mitbringen oder einfach nur blöd dasitzen. Wie man die dann vermitteln soll,
ist mir zum jetzigen Zeitpunkt ein Rätsel.
Und so muss ich
nächste Woche die beiden letzten freien Plätze in meiner Gruppe besetzen.
Gleichzeitig muss ich die letzten beiden Plätze in der Gruppe unseres dritten
Mannes besetzen. Meine Kollegin hat zwei Wochen Urlaub und ich habe konsequent
jede Hilfe von anderen Mitarbeitern des Hauses abgelehnt. Die würden eh nur
mehr Chaos anrichten als zu helfen. Das möchte ich nicht. So steht mir eine
spannende nächste Woche bevor, die sicherlich nicht ganz so entspannt werden
wird, wie ich es eigentlich gewohnt bin. Möglicherweise bin ich danach
Urlaubsreif oder brauche einen Sprachkurs.

2 Gedanken zu „Drei“

  1. Was passiert denn, wenn deine Teilnehmer einen Job ausschlagen? Geht der Teilnehmer dann aus der Maßnahme raus, gilt als vermittelt und wird sanktioniert? Oder wie funktioniert das?

    In meiner Region finden selbst Bewerber, die gar kein Deutsch sprechen, Jobs. Vorwiegend in Zeitarbeitsunternehmen. Weil der Arbeitsmarkt hier keine Leute mehr hergibt, die deutsch sprechen und arbeitsfähig sind. Stattdessen gab es eine Zeitlang sehr, sehr viele arbeitswillige Rumänen, die mittlerweile aber von Bulgaren abgelöst werden. Heute wird jede willige Arbeitskraft mit Kusshand genommen. Sprachunabhängig. Das geht sogar so weit, dass die Dolmetscher mit zur Arbeit kommen.

    Beim Sprachkurs helfe ich dir gerne weiter. Brocken von rumänisch und bulgarisch kann ich schon. Und zur Not empfehle ich den Suchmaschinenübersetzer. 😉
    Hab ein schönes Wochenende.

    1. Meistens passiert gar nichts. Ab und zu gibt es mal ein Gespräch beim Jobcenter und ganz selten tatsächlich Sanktionen. Meist geht es einfach weiter wie gehabt.
      Wer keinen Job bekommen hat in der Zeit bei uns, gilt natürlich nicht als vermittelt.
      Es liegt bei vielen Teilnehmern nicht daran, dass wir keine Jobs anbieten können, es liegt daran, dass sie diese Jobas halt nicht wollen. Da macht man nichts.

      Du kannst gerne bei uns übersetzen, werden ja immer mehr, die mich nicht verstehen.

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