Was kommt denn da auf mich zu?

Zur Belohnung,
wenn man gut arbeitet, wird man gelegentlich in höheren Positionen eingesetzt.
In der Regel bedeutet dies, dass man mehr Arbeit und mehr Verantwortung hat.
Daraus folgt, dass man selbst für Fehler, die andere abgeliefert haben,
durchaus mal verantwortlich gemacht wird. Also sind berufliche Aufstiege nicht
unbedingt eine Verbesserung. Es sei denn man hat irgendwelche Ziele. Ich weiß
nicht, was meine Kollegin für Ziele und Pläne hat, aber wenn sie sich nicht
dagegen wehrt, wird sie bald beruflich auf einer Stufe mit Alpha stehen.
Meine Kollegin
und ich wollten ja schon länger an einen anderen Standort. Sie kommt nun
tatsächlich an den gewünschten Standort. Nur anders als geplant. Sie wird die
Hälfte ihrer Arbeitszeit dort als Standortleitung verbringen und die andere
Zeit weiter hier. Dumm nur, dass sie hier dann nicht mehr als Maßnahmeleitung
tätig sein soll oder kann oder darf. Für mich bedeutet es, dass mein
Wohlfühlklima zerstört wird. Zumindest an den Tagen, die meine Kollegin an
einem anderen Standort weilt. Dafür werden Brandy und der dritte Mann stärker
involviert, was mich auch nicht weiter bringt. Und während mir meine Chefin all
das erzählt, fragt sie mich, ob ich diese Maßnahme leiten kann. Anstatt nun
schreiend aufzulegen, zu protestieren oder wenigstens zu wimmern, erwidere ich,
dass das ja logisch ist, weil ich eh schon da bin und mich auskenne. Manchmal
sollte ich wirklich denken bevor ich rede. Denn als Leiter trage ich
Verantwortung, was ich schon immer abgelehnt habe. Ich muss mich um Dinge
kümmern, um die sich meine Kollegin bis jetzt hervorragend gekümmert hat, und
die Mitarbeiter ein wenig dahin lenken, dass sie mir nützlich sind. Und wenn es
nicht läuft, wer bekommt dann einen vor den Latz? Genau. Jetzt kann ich nur
hoffen, dass meine Kollegin sich gegen ihre neue Aufgabe wehrt oder zusätzlich
diese Maßnahme weiter leitet. Alles andere wäre absolut fatal. Während ich noch
paralysiert der Chefin zuhöre und weiter antworte als wäre die Entwicklung nur
logisch und gar kein Problem für mich, bekomme ich schon die erste Aufgabe
gestellt. Der Einsatzplan muss komplett überarbeitet werden und die Teilnehmer entsprechend
neu aufgeteilt. Statt sechs habe ich schon bald acht Teilnehmer fest zu
betreuen. Noch ist gar nichts offiziell und ich stecke schon mitten drin. Weil
ich die Dinge immer einfach passieren lasse, nimmt mein Leben auf meine alten
Tage plötzlich eine vollkommen absurde Wendung.
Eigentlich ist
das, was sich hier abspielt, eine Unmöglichkeit. Ich bin ein Pubertierender im
Körper eines älteren Mannes, der in seinem Berufsleben nie etwas geplant hat. Bisher
konnte ich zumeist damit Leben, denn nie zuvor kam jemand auf die Idee, dass ich
etwas anderes als einfach nur anwesend bin. Da frage ich mich schon, wie so
etwas sein kann. Man muss doch wissen, dass ich damit überfordert bin. Meine
fortwährende Unkonzentriertheit und meine Einstellung sprechen eindeutig
dagegen mich mit so einer Aufgabe zu betrauen. Unser dritter Mann leitet noch
bis Ende des Monats seine Maßnahme und wäre dann frei.  Wieso er keine Option ist, kann ich mir nur
damit erklären, dass er entweder nicht will oder weil er in mehreren Projekten
einsetzbar ist. Müßig darüber nachzudenken. Die nächste Stufe meiner
gnadenlosen Karriere wird gezündet. Fast emotionslos nehme ich es hin,
weil  ich wohl so bin.

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