Arztbesuch

Weil mein
Hausarzt seine Nachfolgerin bereits in der Praxis hat und ich wegen diverser
Beschwerden zum Arzt sollte, lasse ich mir einen Termin geben und weise
ausdrücklich darauf hin, dass ich zu der neuen kleinen, runden Ärztin möchte, obwohl
ich es durchaus befremdlich finde, wenn eine Ärztin so klein und rund ist, dass
man zwei Frauen daraus machen könnte. Aber vielleicht gibt es ja eine plausible
Erklärung dafür.
Am Tag des
Termins warte ich 35 Minuten bis ich aufgerufen werde. Ich gehe ins
Behandlungszimmer, die Ärztin geht telefonieren und der Arzt kommt zu mir.
Genau das wollte ich nicht. So reden wir erst darüber, dass er bald seine
Praxis aufgibt und wie er sich damit fühlt. Er erzählt, dass er eigentlich noch
gar nicht wollte, aber unerwartet die Bewerbung der Ärztin bekam und es sich
dann so ergeben hat. Es gab keine anderen Bewerber, was natürlich auch nicht
unbedingt für die kleine, runde Ärztin spricht. Aber da ich nicht nur zum
Plaudern da bin, schildere ich mein erstes Problem. Diffuse Schmerzen in der
Nierengegend. Kurze Abtastung der Nieren. Befund: Schmerzen kommen vermutlich
von der Wirbelsäule. Ich soll mehr Sport machen. Schwimmen wäre toll. Ich sage,
dass ich nicht schwimmen kann, weil ich da immer untergehe. Der Arzt überlegt
kurz, erzählt eine Anekdote aus seinem Freundeskreis, die um eine Frau, die
auch nicht schwimmen kann, geht und schlägt eine Ultraschalluntersuchung vor. Damit
ist das Thema durch.
Nächstes Thema
sind meine niedrigen Leukozytenwerte. Der Arzt erzählt etwas von dem
Durchschnitt der Gesellschaft und dass ich wohl zu den 5% gehöre, bei denen die
Werte von der Norm abweichen. Wenn die Werte sich geändert hätten, dann wäre es
was Anderes, aber so muss ich mir keine Sorgen machen.  Zum Glück bin vorbereitet und habe alle
Ergebnisse der Blutuntersuchen der letzten sechs Jahre dabei. Daraus ist zu
erkennen, dass meine Leukozytenwerte früher sehr wohl im Normbereich lagen. Ein
guter Arzt würde jetzt Ursachenforschung betreiben, mein Arzt ändert einfach
seine Geschichte und erklärt, dass es erst bedenklich wird, wenn der Wert unter
3 sinkt. So einen Arzt braucht kein Mensch. Plötzlich entdeckt er, dass die
diesjährige Krebsvorsorge noch nicht stattgefunden hat. Möglicherweise meint er
auch nur der jährlichen Check Up. Sicher kann man bei ihm nie sein. Er sagt,
dass bei der Gelegenheit die Blutwerte kontrolliert werden. Also die sechs
Standardwerte, die er für gewöhnlich damit kommentiert, dass er mit mir kein
Geld verdient. Ich denke, er hat schon genug Geld und wir damit leben können.
Bevor wir
diesen äußerst interessanten Termin beenden, bitte ich um eine Überweisung zum
Osteopathen, welche ich zu meiner Überraschung tatsächlich bekomme. Dazu
bekomme ich einen Urinbecher für den Morgenurin und einen Termin zum
Ultraschall. Der Termin zur Krebsvorsorge und zur Blutuntersuchung wird
vergessen und ich erwähne es auch nicht weiter. Zur Krebsvorsorge wollte ich eh
zum Urologen, erscheint mir sinnvoller. Und so endet der Arzttermin in etwa so
unbefriedigend wie eh und je. 
Hoffentlich hört der Arzt bald auf und hoffentlich ist die kleine, runde
Ärztin nicht so, wie meine Vorurteile es befürchten. Falls doch muss ich nach
einer neuen Hausarztpraxis Ausschau halten oder eben gar nicht mehr zum
Hausarzt gehen.

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