Verschiedene Blickwinkel

Blickwinkel 1:
Die Woche steckt voller Überraschungen.
Noch immer sehe ich mich genötigt für ein besseres Arbeitsklima zu sorgen.
Überhaupt scheine ich hier für das Wohlfühlklima zuständig zu sein. Vor allem
einige Kollegen, die völlig unzufrieden hier rumeiern, versuche ich immer
wieder darauf hinzuweisen ihre Arbeit zu machen und endlich aufzuhören
irgendwelche Kriege zu führen. Ohne mich wäre die Stimmung hier sicher weniger
gut. Brandy scheint so zufrieden, dass sie sich vorstellen kann in Zukunft nur
noch oder zumindest hauptsächlich in dieser Maßnahme zu arbeiten. Vermutlich
hatte sie noch nie, seitdem sie in diesem Unternehmen arbeitet, ein so
entspanntes Arbeitsklima.
Ein Teilnehmer,  der in zwei Wochen die Maßnahme verlassen
muss, weil die Zeit um ist, fragt, ob er nicht länger bleiben kann, weil es ihm
so viel bringt hier zu sein und er die erfolgreiche und entspannte Zusammenarbeit
fortsetzen will. Ich rufe seine Betreuerin vom Jobcenter an. Sie ist total
erstaunt, weil sie mit dieser Entwicklung nicht gerechnet hat und willigt ein,
dass der Teilnehmer weitere drei Monate bei uns bleibt.
Eine weitere Teilnehmerin, die nächste
Woche zum Jobcenter muss, um über ihre Zukunft und diese Maßnahme zu reden,
fragt, ob sie, sollte sie bis zum Ablauf der Maßnahme keinen Job finden, nicht
bleiben darf, weil es ihr hier viel bringt und wir ihr so geholfen haben. Ich
sage ihr, dass ich das sicher hinbekomme, dass sie bleiben darf.
Einer anderen Teilnehmerin hat es hier so
gut gefallen, dass sie mittlerweile wieder hier ist und eine weitere sagte,
dass sie gern wiederkommt, wenn sie in einem halben Jahr noch keinen Job
gefunden hat,
Diese vier Teilnehmer werden bzw. wurden überwiegend
von mir betreut, was verdeutlicht, wie gut ich mit Menschen umgehen kann, dass
sie sogar eine Maßnahme vom Jobcenter freiwillig verlängern oder wiederkommen
wollen und es nicht als Strafe sondern als Chance sehen. Das kriegt auch nicht
jeder hin.
Blickwinkel 2:
Ich bin auch weiterhin der erfolgloseste
Coach des Unternehmens. Meine Teilnehmer nehmen äußerst selten Arbeit auf,
stattdessen kommen sie manchmal sogar wieder, um weitere drei Monate mit uns zu
verbringen. Um ihre Chancen zu erhöhen, haben wir festgelegt, dass sie bei
ihrem zweiten Anlauf nicht mehr von mir betreut werden.
Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist
teilweise schon arg angespannt. Unzufriedenheit gehört einfach dazu.
Brandy  kann sich gut vorstellen, dass
sie in Zukunft mehr in dieser Maßnahme  arbeitet
und ihre anderen Aufgaben aufgibt oder zumindest reduziert. Das kann ich gut
nachvollziehen, denn seit sie hier ist, muss sie so gut wie nichts für diese
Maßnahme tun.  In der Regel unterschreibt
sie nur, dass sie anwesend war und ich mache ihre Arbeit mit, weil ich nicht
weiß, ob sie nächsten Monat überhaupt noch für diese Maßnahme arbeitet. Ich will
das nach meinem Urlaub geklärt haben, bis dahin ist mir fast egal, was sie
macht. Oft macht sie sich während meiner Mittagspause aus dem Staub, so dass
meine Mittagspause ausfällt. Das ist natürlich mein Fehler, weil ich keine
klaren Ansagen mache und ihr auch nicht zutraue, dass sie mich gut vertritt.
Einer meiner Teilnehmer fragt, ob wir die
Maßnahme für ihn nicht verlängern können, weil er sich zu Hause langweilt und fürchtet,
dass seine Betreuerin ihn mal wieder einen sogenannten „Ein-Euro-Job“ machen
lässt, wozu er keine Lust hat. Da verbringt er lieber zwei Tage in der Woche
bei uns. Da wir das kleinere Übel für ihn sind, rufe ich seine Betreuerin an.
Sie sagt, dass er sich anfangs total gegen diese Maßnahme gewehrt hat, und erst
zu uns kam, weil sie ihm das Geld kürzen wollte und sie ständig mit ihm Ärger
hat. Sie verlängert natürlich gerne, weil sie sich dann nicht mit ihm
auseinander setzen muss.
Ähnlich verhält es sich mit einer anderen
Teilnehmerin. Auch sie will irgendwelchen Diskussionen mit ihrer Betreuerin aus
dem Weg gehen und lieber ihre Zeit hier bei uns verbringen. Das kann ich
verstehen, denn ich lasse meine Teilnehmer meist gewähren und komme nicht auf
die Idee, sie gegen ihren Willen irgendetwas machen zu lassen. Dazu fehlen mir
auch die Ideen und Kontakte. Doch hat es auch für mich Vorteile, wenn die
Teilnehmer bleiben. So wird meine Vermittlungsquote erst zu einem späteren
Zeitpunkt weiter nach unten gedrückt und ich erspare anderen Teilnehmern, die
dann die Plätze der ausgeschiedenen Teilnehmer einnehmen, meine
Kompetenzlosigkeit. Wie kann man mich nur eine Maßnahme leiten lassen?
Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo
dazwischen. Vielleicht gibt es auch gar keine Wahrheit, sondern nur verschiedene
Blickwinkel. Wie dem auch sei, jetzt ist Wochenende, dann muss ich noch vier
Tage arbeiten bis ich Urlaub habe. Wenn ich danach ins Büro zurückkehre, kann
schon wieder alles ganz anders sein. Das Wochenende werde ich jedenfalls
genießen, weil sich schon wieder eine Erkältung ankündigt. Vielleicht liegt es
an meinem Alter, dass ich so anfällig bin. Möglicherweise mache ich es ja nicht
mehr lange und die ständigen Infekte sind die Vorboten meines nahenden Endes.
Oder ich habe einfach nur einen an der Waffel. Vermutlich auch alles nur eine
Frage des Blickwinkels.

7 Gedanken zu „Verschiedene Blickwinkel“

  1. Ganz eindeutig: Blickwinkel 1.
    Begründung: Weil Sie einer von den Guten sind. Ob mit oder ohne Waffel.

    Und damit verabschiede ich mich wieder ins Bett. Danke für Ihre Genesungswünsche. Ich hoffe, dass Sie, im Gegensatz zu mir, um die Erkältung herumkommen.

    1. Die Wahrheit wird sicher in der Mitte liegen. Aber Blickwinkel Nr. 1 fand ich wunderbar erfrischend, weil Sie über sich selbst etwas Gutes geschrieben haben. Das tun Sie nicht allzu oft. Können sich es aber sicher leisten, das öfter zu tun.

  2. Hi,
    ich habe mir aus Deiner Bücherliste das Buch "Die letzten vier Tage des Paddy Buckley" gekauft und möchte mich bedanken, für diesen genialen Buchtipp. Schade dass der Herr Autor nur diesen einzigen Titel verlegt hat bisher.

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