Steffi – Sozialpädagogin.

Es gibt Menschen, die ich, direkt nachdem ich sie kennengelernt habe, in eine Schublade stecke, aus der sie auch nicht mehr rauskommen. Ich kann mit diesen Leuten meist nicht viel anfangen und das ist auch weiter nicht schlimm. Gibt ja genug Platz, dass man den Kontakt minimiert.  Aus unerklärlichen Gründen gehören viele Sozialpädagogen zu diesen Menschen. Ob es nun Zufall ist oder einen tieferen Sinn hat, weiß ich nicht. Seit einiger Zeit ist Steffi in unserem Team und mir war schnell klar, dass sie auch zu den Menschen gehört, zu denen ich einfach keinen wirklichen Draht bekomme. Daher ist es umso verwunderlicher, dass ich das Gespräch mit ihr suche. Möglicherweise eine Kurzschlussreaktion meinerseits, um mich persönlich weiterzuentwickeln.

Schon nach wenigen Sätzen wird klar, dass ich in meinem Sozialpädagogendilemma  stecke und nicht hätte erwähnen sollen, dass es wohl nicht so schwer ist die üblichen Listen zu führen, was in Zukunft Teil ihrer Aufgabe sein soll, wenn ich alles richtig verstanden habe. Und weil ich gerade im Flow bin, sage ich noch, dass sie die zehn Minuten täglich sicher dafür aufbringen kann. Warum rede ich nur so viel? Ist doch sonst nicht meine Art. Und nun muss ich Depp mir anhören, dass es anmaßend ist ihre Arbeit zu beurteilen und ich ja nicht wissen kann, was sie alles in ihren zwanzig Wochenarbeitsstunden zu leisten hat und eben keine Zeit für die vier Listen zur Verfügung steht. Neulich erst, so erklärt sie, saß sie abends bis 23.30 Uhr an irgendwelchen Präsentationen. Da kann ich doch nichts für, wenn sie so lange braucht, um so dämliche Präsentationen vorzubereiten. Ich weise sie erneut darauf hin, dass diese zehn Minuten täglich wohl kaum ein Problem sein können, zumal sie die Listen normalerweise eh täglich machen muss und jetzt wohl auch schon macht. Sie bestätigt, dass sie die Listen immer führt, aber das alles ja ganz anders dargelegt wurde bei ihrer Einstellung und sie diese mangelnde Wertschätzung im Unternehmen schrecklich findet. Nun würde ich so etwas sagen, wie „Heul doch“ oder  „Dann geh doch nach Hause und such Dir einen anderen Job“, aber ich habe mich ja weiterentwickelt und will mich erwachsen verhalten. Also versuche ich alles zu relativieren, schlage ihr vor sich zu entspannen und weise darauf hin, dass bald die Kollegin, welche schwer erkrankt ist, zurückkommen soll und diese dann alles, was sie, die nicht ausreichend wertgeschätzte Sozialpädagogin,  so überfordert, übernimmt. Doch wenn eine Sozialpädagogin, die sich und ihre Arbeit für einfach toll hält, einmal in Rage ist, gibt es kein halten. Erneut weist sie darauf hin, dass darunter ihre Arbeit leidet und sie keine Kompromisse mehr eingeht. Während manche mit dem Alter entspannter werden, wird sie scheinbar immer verkrampfter. Und während sie rauchend vor mir steht und blubbert, denke ich daran, wie sie heute den Tag mit ihren fünf Teilnehmern verbracht hat. Die Tagesaufgabe war es, dass alle herausfinden sollten, wie man von hier zum Hilton Hotel in Berlin kommt. Ich frage mich, wie das erwachsene Leute weiterbringen soll. Anfangs sollen die Teilnehmer voll skeptisch gewesen sein, weil keiner von denen vermutlich je ins Hilton nach Berlin reisen wird. Doch nachdem Steffi den Teilnehmern erzählt hat, dass die Reise von unserer Firma bezahlt wird, haben alle begeistert mitgemacht und hatten voll Spaß. So ist zumindest ihre Version der Geschichte. Solche Maßnahmen hielt ich schon immer für Geldverschwendung und kam ja früher selbst in den Genuss so einen Unsinn mitzumachen. Dass man sich aber für toll hält, wenn man so etwas als Unterricht anbietet, ist für mich nur schwer zu verstehen. Aber immerhin sicher wichtiger für die Teilnehmer als zu erfahren, welche Rechte ihnen das SGB II bietet. Ununterbrochen brabbelt Steffi weiter auf mich ein. Erneut irgendwas mit Wertschätzung und dass sie ihren Teilnehmern in allen Lebenslagen helfen kann. Sei es bei familiären Problemen oder einfach nur der Lebensbewältigung. Sie hat es einfach drauf. Jetzt würde ich mich gerne übergeben,  stattdessen sage ich ihr nochmal, dass sie alles entspannter sehen soll. Daher stellt sie mir die Frage, wie ich es wagen kann, ihr erneut zu raten, sie solle entspannter werden. Diese Phase in ihrem Leben ist vorbei. Scheinbar hat sie das in irgendeinem Ratgeber gelesen, dass man sich nichts mehr gefallen lassen soll und immer von sich überzeugt sein muss, egal wie blödsinnig es auch ist. Eigentlich müsste sie jetzt mal irgendwer Ohrfeigen.  Es ist mittlerweile über eine halbe Stunde vergangen und ich habe ihr noch immer nicht gesagt, dass ich davon ausgehe, dass sie einen an der Waffel hat. Sie bestätigt echt alle Vorurteile, die ich gegen Sozialpädagogen habe und ich beschließe, dass ich nach diesem Gespräch nie wieder ein solches Gespräch mit ihr führen werde. Die zieht mich mit ihrer Miesepetrigkeit und der unentspannten Einstellung nur runter. Am Ende leide ich auch noch unter mangelnder Wertschätzung. Das möchte ich nicht. Aber vielleicht liegt auch alles nur an meinen Vorurteilen und Steffi ist voll okay. Was weiß denn ich?

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