Ein Mann ohne Zukunft

Er ist Mitte fünfzig und wirkt sehr unsicher als ich das Erstgespräch mit ihm führe und ihn in die Maßnahme aufnehme. Kaum war er zur Tür hereingekommen, war mir klar, dass er vermutlich nicht zu vermitteln sein wird. Einmal angefangen redet er sehr viel. Wie sehr er unter der Arbeitslosigkeit leidet, wie es ihn sozial beschneidet, wie sein Selbstbewusstsein schwindet usw. Er tut mir leid. Der dritte Mann wird sich um ihn kümmern. Auch das tut mir leid, dabei spielt es letztlich keine Rolle, wer von uns ihn betreut. Er sagt, er fände es schön, wenn er durch diese Maßnahme ein paar soziale Kontakte knüpfen könnte und Arbeit findet. Es ist nicht schön mit anzusehen, wie er Hoffnungen schöpft, die sich kaum erfüllen werden. Ich verspreche ihm nichts, weil jedes Versprechen eine Lüge wäre. Das könnten harte drei Monate für ihn werden. Für uns alle.

Weil der dritte Mann nicht da ist, kümmere ich mich eine Woche später um den Mann ohne Zukunft. Ich sage ihm, dass sein Lebenslauf etwas verändert werden muss und zeige ihm, wie er das am schnellsten machen kann. Er aber möchte alles noch einmal neu schreiben. Es ist sein Lebenslauf, also lasse ich ihn, obwohl das unnötig ist. Zweieinhalb Stunden später ist er scheinbar fertig. Nachdem er alles mindestens dreimal kontrolliert hat, ist er aber noch nicht sicher, ob er wirklich fertig ist. Würde ich jetzt nicht dazwischen gehen, könnte er sicher noch Stunden mit seinem Lebenslauf verbringen, ohne einen Schritt weiterzukommen. Während ich fix ein paar Änderungen vornehme, kommen wir ins Gespräch. Er scheint so dankbar zu sein, dass er mit jemandem reden darf und fragt, wie denn unsere Vermittlungsquote sei. Dass sie mittlerweile nur noch bei 33% liegt, sage ich ihm nicht. Es würde ihm nichts nützen. Wie ich denn die Chancen sehe, dass er einen Job findet. Ich hasse das, denn ich will ihn ja nicht völlig deprimieren, so sage ich ihm, dass wir viel Glück brauchen, erzähle von Erfahrungen, Arbeitgebern, versuche ihm klarzumachen, wieviel Konkurrenz er hat und dass sein Lebenslauf nicht viel hergibt. Er klebt an meinen Lippen, saugt all dieses Gefasel auf und tut mir dabei einfach nur leid. Der Arbeitsmarkt hat so wenig Verwendung für Leute wie ihn. Selbst diese Gesellschaft ist nicht für Leute wie ihn gemacht. Ohne gehöriges Glück wird er immer mehr verkümmern. Er erzählt, dass sich die Arbeitslosigkeit wie ein Strick um ihn zieht, dass er kaum soziale Kontakte hat, weil Arbeitslosigkeit abkanzelt. Wie Recht er damit hat. Ich überlege, wo man ihn unterbringen kann. Mein Kopf bleibt leer.

Zum Abschluss gebe ihm die Aufgabe am Montag sein Anschreiben zu überarbeiten und mit dem dritten Mann zu besprechen. Er möchte es aber lieber am Donnerstag mit mir besprechen. Scheinbar hat er entschieden, dass ich sein Ansprechpartner bin. Was für eine Bürde. Ich fürchte vor uns liegen drei Monate der Enttäuschung. Ich muss ihn irgendwie zu einem Vorstellungsgespräch kriegen in der Zeit. Ihm nur diesen Hauch Hoffnung geben, den er braucht. Auch wenn er anschließend enttäuscht sein wird. Das bin ich ihm irgendwie schuldig. Und am Ende muss ich ihn aufbauen und Mut machen in einer hoffnungslosen Situation in einer kalten Welt. Was für eine deprimierende Konstellation.

4 Gedanken zu „Ein Mann ohne Zukunft“

  1. Ferndiagnosen sind natürlich schwierig und funktionieren selten – aber ich mag Ihnen trotzdem schreiben, was mir beim Lesen Ihres Posts in den Sinn kam:
    Ohne zu wissen, welche Qualifikationen und Stärken er mitbringt, kam mir der Gedanke, dass Ihr Teilnehmer bei Jobs, in denen es um Schnelligkeit geht, vermutlich verloren wäre. Aber es gibt sicherlich auch Stellen, bei denen die Genauigkeit und die Präzension, die er aus Unsicherheit heraus an den Tag legt, gefragt sind. Ich dachte an ein Stellenprofil, welches ich vor kurzem las: Datenerfasser (m/w) – ein Job der, wenn ich recht informiert bin, bei Zeitarbeitsfirmen immer mal wieder angeboten wird. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit?
    Außerdem scheint Ihr Teilnehmer noch zwei Dinge mitzubringen, die, zumindest in der Region, in der ich lebe, gerade sehr dankbar von potentiellen Arbeitgebern angenommen werden: Er spricht deutsch und er kann offenbar schnacken. In dieser Jahreszeit werden auch häufig Zählerableser (m/w) eingestellt.
    Aber wie gesagt: Mir ist sehr bewusst, dass solcherlei Ferndiagnosen gerne ins Leere laufen. Ich kenne ja weder den Teilnehmer noch seine beruflichen Vorstellungen.

    Wissen Sie, das der Teilnehmer Sie als Ansprechpartner wählt, ehrt Sie doch irgendwie. Er hat Vertrauen gefasst. Und vielleicht hilft es ihm allein, wenn Sie ihm ein gutes Gefühl vermitteln. Wie Sie selbst schon schreiben: Mut und Zuversicht.
    Ich drücke die Daumen.

    (Ist er umzugsbereit? Dann würde ich Ihn kennenlernen wollen. Mit Unsicherheiten von Mitarbeitern kann ich umgehen, wenn sie Arbeitswillen mitbringen.)

    1. Ich frage ihn mal, ob das was für ihn wäre, glaube aber fast, selbst das könnte ihn überfordern. Er lebt seit gut dreißig Jahren von Maßnahme zu Maßnahme. Ich frag ihn auch mal, ob er nicht umziehen will, dann könnte ich ihn direkt übergeben. 🙂

      1. 30 Jahre…? Das ist wirklich lange. Jetzt verstehe ich die Überschrift besser.
        Himmel… Ich bin gerade über den Rechtschreibfehler dort oben in meinem Kommentar gestolpert. “Präzension” ist ja… eine großartige Worterfindung.
        Ich geh mich mal schämen. 🙂

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