Anspruch und Nutzen

Seit fast fünfzig Jahren schaffe es nicht meinen Ansprüchen gerecht zu werden. Nicht einmal annähernd. Ich schaffe es nicht einmal mich zu mögen. Ich versuche Verhaltensmuster zu ändern, scheitere aber fast immer kläglich, so dass ich die Ernsthaftigkeit meiner Bemühungen hinterfragen muss. Gibt es doch mal Veränderungen, sind sie mir zu klein, um mich nachhaltig zufrieden zu stellen. Manchmal ist es echt schwer mich zu ertragen. Besonders in der dunklen Jahreszeit, deprimiere ich mich besonders. Ich bin echt eine einzige Enttäuschung und frage mich, welchen Nutzen mein Dasein wohl haben könnte. Vermutlich diene ich ausschließlich zur Unterhaltung der Macher dieses Spiels, das sich Leben nennt, und bin ausschließlich zu deren Belustigung hier platziert worden. Mehr Sinn kann es jedenfalls kaum haben, mich auf diesem Planeten, oder auf diesem Spiellevel, abgesetzt zu haben.

Immerhin war mir schon früh klar, dass ich nicht dazu gemacht wurde, um mit einem anderen Lebewesen zusammen zu wohnen. Wenn nämlich jemand mit mir zusammen leben müsste, hätte ich ständig ein schlechtes Gewissen, der Person so etwas zuzumuten. Ich würde auch nicht mit mir wohnen, wenn ich nicht müsste. Ich frage mich, ob ich bis zum Ablauf meiner Spielzeit noch herausfinde, welchen Nutzen ich wohl habe.

4 Gedanken zu „Anspruch und Nutzen“

  1. Offen gesagt, finde ich den letzten Satz einen ganz brauchbaren icebreaker für ein tinder-date:

    “Wieso bist Du bei tinder?” – “Weil ich rausfinden will, welchen Nutzen ich bis zum Ende meiner Spielzeit vielleicht noch für jemanden habe?”

    Und übrigens, die “eigenen Ansprüche “zählen zur Gruppe der “eigenen Einstellungen” – und die kann man ändern.
    Man SOLLTE es, sofern man feststellt, dass die eigene Einstellung einen selbst nicht glücklich macht.
    Es ist sogar ein einzigartig eindeutiges Signal dafür, dass man es sollte.

    Oder, wie Frau Muschelmädchen jetzt sagen würde,
    “Ein bisschen mehr Zauber, ein bisschen mehr Pippi Langstrumpf in sein Leben herein bitten.”

    1. Sollte ich je Tinder oder ähnliches nutzen, nehme ich den Satz mit.

      Mit der Einstellung haben Sie vermutlich Recht.

      Was Pipi Langstrumpf angeht, muss ich mal schauen, ob dafür Platz ist in meinem Leben ist.

  2. Ich kann das nachvollziehen, was die Verhaltensänderungen angeht. Ich bin auch eine harte Nuss, die sich oft an sich selbst die Zähne ausbeißt, darum muss ich mich austricksen aka “Mir die Möglichkeit nehmen, mich selbst zu belügen”. Um mir zu beweisen, dass ich mich ändern kann, suche ich mir also seit einigen Wochen kleine Herausforderungen, um meine Alltagsroutine zu durchbrechen, die mich selbst furchtbar nervt. Derzeit: Weniger am Smartphone hängen (ich schalte es erst im Lauf des Mittags ein und abends recht früh aus, manchmal bleibt es ganz aus) und nur noch einen Bruchteil der Blogs lesen, die ich vorher auf der Liste hatte. Dazu: Jeden Tag irgendwas machen, was in die Sportrichtung geht. Schwere Hanteln von A nach B tragen oder so.^^ Und damit ich mich nicht selbst beschummeln oder mir irgendwas schönreden kann (und dazu neige ich), mache ich jeden Tag ein Häkchen auf meiner Liste, wenn ich das durchgezogen habe. Ich würde jetzt gerne sagen, dass es viel mit Zauber und Pippi Langstrumpf zu tun hat, aber das stimmt nicht. Dahinter steckt knallharte Disziplin und der Wille, das durchzuziehen, von dem ich denke, dass es besser für mich ist. Klar sind das nur winzige Veränderungen. Dennoch: Alleine dadurch, dass ich weniger Blogs lese, mir infolgedessen weniger Gedanken mache, wird Zeit frei, die ich anders nutzen kann etc.

    @Nutzen des Daseins: Vielleicht ist die Welt nur ein riesengroßer Spielplatz. Oder ein Experiment und wir sind die Laborratten. Und irgendwann sitzen wir oben auf einer Wolke und schauen zu, wie sich da unten alle furchtbar abstrampeln und sich selbst sehr, sehr wichtig nehmen. Und ernsthaft glauben, dass sie ihr Leben fest in der Hand haben und alles steuern können, wenn sie nur die “richtigen” Dinge tun…

    [Sorry für den Roman. Kaum blogge ich nicht mehr, schreibe ich monströs lange Kommentare.^^]

    1. Für Romane muss man sich hier nicht entschuldigen. Schließlich muss raus, was raus muss.

      Vielleicht schaffe ich es nach der Dunkelheit mir auch mal ein paar Aufgaben zu geben. Möglicherweise warte ich aber auch, dass der Spielleiter mir was anbietet. Ich weiß es nicht.

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