Tröster, Telefonseelsorger, Beziehungsberater

Als Sonja im Büro anruft, um mit Anke zu sprechen, ahne ich noch nicht, dass wir ein längeres Telefonat führen werden. Da Anke nicht zu sprechen ist, gehe ich davon aus, dass damit das Gespräch beendet ist, doch stattdessen plaudern wir eine Weile und ich erfahre Dinge, von denen ich sicher nicht sagen darf, dass ich sie weiß. Ich tue mich immer schwer, das zu unterscheiden und würde es begrüßen, wenn man mir so Sachen nicht erzählt, oder immer wieder darauf hinweisen würde, dass ich das auf keinen Fall weitersagen darf und so tun soll als wüsste ich von nichts. Mir würde das wirklich helfen. Wie schon bei unserem letzten Telefonat Anfang des Jahres, landen wir wieder beim Thema Beziehungen. Beim letzten Mal war ich da wohl als Tröster tätig, was scheinbar gut ankam. Ich finde das witzig, weil ich von Beziehungen auch nicht mehr Ahnung habe als der Durchschnittsbürger, aber so daher rede als wäre ich ein weiser Mann. Doc, der Fachmann für Beziehungsprobleme und wie man sie löst. Großartig. Wie es sich gehört, erzähle ich dabei möglichst wenig bis gar nichts über mich. Auf Nachfragen weiche ich aus und scheine für einen Moment unkonzentriert, denn plötzlich höre ich, wie Sonja sagt, dass ich sie, wenn sie mal wieder Probleme hat, trösten soll. Vielleicht spricht sich das dann rum und alle Kollegen und Kolleginnen rufen mich eines Tages an, um mit mir ihre Beziehungsprobleme zu besprechen. Ich könnte der Beziehungsbeauftragte des Unternehmens werden und somit einen neuen Berufszweig gründen. Toll. Eine Antwort auf die Tröstergeschichte bleibe ich schuldig, denn Anke ist zurück im Büro und ich gebe den Hörer schnell weiter. Nachdem Anke und Sonja fertig sind mit ihrem Gespräch, möchte Sonja nochmal mit mir sprechen, doch Anke sagt, dass ich nach Hause will, ich rufe „Auf Wiedersehen“ und mein erster Tag als Beziehungströster endet so abrupt, wie er begann. Vielleicht wäre ein Job bei der Telefonseelsorge etwas für mich. Da könnte ich auch klug daherreden und müsste keine persönlichen Kontakte haben.

Später denke ich nochmal über das Gespräch nach und frage mich, wieso jemand auf die Idee kommt, mich als Tröster engagieren zu wollen. Dann fällt mir ein, dass ich mit Anfang zwanzig oft von Sam als Beziehungsberater eingesetzt wurde und er meine Vorschläge und Ansichten teilweise sehr gut und hilfreich fand. Er fragte dann oft, wie ich all das wissen kann, wenn ich doch noch nie eine Frau hatte. Vielleicht gerade deshalb. Und wer weiß, vielleicht wäre ich heute Deutschlands Beziehungsberater Nummer 1, wenn ich nie der Versuchung nachgegeben hätte selbst eine Beziehung zu führen. Denn seitdem weiß ich, dass ich gar nichts weiß.

2 Gedanken zu „Tröster, Telefonseelsorger, Beziehungsberater“

  1. Ich habe eine leise Vermutung, warum du ein guter Tröster bist: Es ist leicht sich bei dir sicher zu fühlen. Du weißt nichts besser, überhäufst nicht mit gut gemeinten Ratschlägen, die über das Ziel hinausschießen und bewertest deinen Gegenüber nicht. Aber du bist dennoch da.
    Das ist das, was hilft.

    Und nochmal: Danke dir.

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