Besser weniger reden

Während ich keine Teilnehmer habe, redet der dritte Mann nicht mit seinen Teilnehmern. Normalerweise mache ich das dann immer, weil ich es irgendwie absurd finde, die einfach nur dasitzen zu lassen. Doch heute mag ich auch das nicht, weil eine Kollegin von einem anderen Standort zwischen den Teilnehmern sitzt und Berichte schreibt. Ich finde die Situation sehr befremdlich, werde mich wohl nie an solche Umstände gewöhnen und frage mich, ob die das jetzt den ganzen Tag so durchziehen. Schnell wird mir klar, wie bescheuert meine Frage ist, denn ich sehe keinen Grund, warum die das nicht tun sollten. Eventuell wird die Kollegin nach der Mittagspause, wenn andere Teilnehmer des dritten Mannes da sind, in einen anderen Raum, der dann frei ist, umziehen. Vielleicht bleibt sie aber auch einfach nur dort sitzen, wo sie jetzt sitzt. Und so frage ich mich abermals, wieso ich mir überhaupt Gedanken über so etwas mache. Die Arbeitswelt ist vermutlich einfach so, weil Menschen seltsame Wesen sind. Nur sind die meisten Menschen anders seltsam als ich es bin, weshalb ich manchmal etwas irritiert bin und die Dinge, die um mich herum passieren nicht begreifen mag. Ich sollte mir echt nicht so viele Gedanken machen, die anderen tun es anscheinend auch nicht. Man muss also davon ausgehen, dass nicht alles, was seltsam erscheint es am Ende tatsächlich auch ist.

Schon nach neunzig Minuten versage ich allerdings kläglich, bringe einem der Teilnehmer Jobvorschläge und quatsche etwas mit ihm. Ich bin echt ein Versager, dass ich es nur neunzig Minuten schaffe, nicht mit den Teilnehmern zu reden. So wird nie etwas aus mir. Und so einer wie ich ist, hoffentlich nur vorübergehend, Maßnahmeleiter. Logisch, dass das Land vor die Hunde geht. Ich muss echt härter an mir arbeiten, wenn ich nicht ständig negativ auffallen will mit meinen Anbiederungsversuchen bei den Teilnehmern.

Eine weitere Stunde später versage ich endgültig und rede auch mit dem anderen Teilnehmer. Dieser erzählt mir, dass er dem dritten Mann erst am Montag sechs Stellenanzeigen gegeben hat, damit er für ihn die Bewerbungen erstellt. Heute hat er schon wieder zehn gesammelt. Ein Blick ins Bewerbertagebuch erhärtet meinen Verdacht, dass bisher möglicherweise keine Bewerbungen des Teilnehmers verschickt wurden, denn es befinden sich keine Einträge in dem Tagebuch und im Ordner befinden sich auch nur drei Bewerbungen. Ob diese je verschickt wurden, entzieht sich meinen Kenntnissen. Ich bin wirklich äußerst gespannt, ob das alles wirklich so ist, wie es zu sein scheint und glaube, dass ich echt noch viel lernen und meine Kleinlichkeit ablegen muss. Und ich muss verdammt nochmal aufhören so viel zu reden. Schließlich mag ich in Filmen immer die Leute am meisten, die am wenigsten reden. Mich würde ich folglich nicht mögen mit meinen ständigen Plapperattacken.

Dass ich jemals die Arbeitsweise des dritten Mannes verstehen werde, erscheint mir mit jedem Tag unwahrscheinlicher. Dabei könnte ich noch einiges von ihm lernen. Er ist scheinbar tiefenentspannt, lässt sich nie aus der Ruhe bringen, ist mir kommunikativ weit überlegen, wenn es darum geht mit den richtigen und wichtigen Leuten zu reden und greift bei den Teilnehmern nur ein, wenn es wirklich nötig ist. Ich hingegen will immer, dass alle sich wohlfühlen und finde es befremdlich, länger als eine Stunde Stille zuzulassen. Wieso bin ich nur so eigenartig anders und wieso habe ich das Schweigen im Büro nicht drauf?

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