Ganz besondere Teilnehmer

Für den Mann ohne Zukunft haben wir einen würdigen Nachfolger vom Jobcenter geliefert bekommen. 26 Jahre, keine Ausbildung, nicht dumm, aber vollkommen Verhaltensgestört. Ständig kommt er zu spät, liefert großartige Erklärungen und hat immer Angst Ärger mit dem Jobcenter zu bekommen. Er möchte Bühnenmaler werden. Oder Koch. Vielleicht auch Konditor, weil nur diese Jobs zu ihm passen. Eine Meinung, die ich einfach nicht teilen kann. Er bewegt sich langsam, trägt stets die Kapuze seiner Kapuzenjacke auf dem Kopf, wirkt abwesend und lebt vermutlich in Wahrheit auf einem anderen Planeten. Jede Bewerbung, die er schreibt, trägt er ordnungsgemäß ins Bewerbertagebuch ein. Doch damit nicht genug. Jeder Buchstabe muss mindestens einmal übermalt werden. Ob das der Künstler in ihm so will, oder er eine Störung hat, vermag ich nicht zu beurteilen, vermute aber eine Störung. Für seine privaten Unterlagen, so sagt er, braucht er all diese Adressen auch. Doch statt das Bewerbertagebuch zu kopieren, schreibt er es einfach ab. In einer fast unerträglichen Seelenruhe wird Buchstabe für Buchstabe erst geschrieben, dann übermalt. Die hohe Kunst des Schreibens präsentiert von einem zukünftigen Bühnenmaler. Wie schade, dass wir keine Buntstifte haben. Zum Toilettengang meldet er sich ordnungsgemäß ab, davon lässt er sich nicht abbringen. Befreit sieht er nach dem Stuhlgang leider nicht aus.
In einem Gespräch erfahre ich, dass in seiner Familie während seiner Jugend etwas passiert ist, was sicher für seinen Zustand verantwortlich ist. Wieso seine Betreuerin vom Jobcenter nicht erkannt hat, dass dieser junge Mann in seinem jetzigen Zustand so gar keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben wird, ist mir ein Rätsel. Mir reichten dafür wenige Minuten. Aber ich bin möglicherweise auch ein Pessimist, der alle immer zum Therapeuten schicken will anstatt selbst alle zu therapieren. Ich würde dem Mann wirklich helfen, wenn ich könnte, aber weder ist es mein Job, noch bin ich dazu ausgebildet. Fak ist lediglich, dass dieser Mann ernsthaft gestört ist und Hilfe braucht, die er hier nicht bekommt.

Und natürlich hat man uns nicht nur einen hoffnungslosen Fall spendiert. Wir haben gleich mehrere davon. Es gibt noch einen Türken, der am Nachmittag im Nebenraum beten geht, und sagt, dass im Koran steht, dass ein guter Mann sein Geld selbst verdient. Er hat in den letzten sechszehn Jahren genau zwei Monate gearbeitet. Ob er sich dennoch für einen guten Mann hält? Es scheint jedenfalls so. Er erwartet ein Einstiegsgehalt von etwa 2000 Euro. Sicher nicht zu viel verlangt für einen ungelernten, aber gläubigen Mann. Im Moment bekommt er leider nur etwa 1800 Euro mit Kindergeld und dem ganzen Kram. Dafür ist er einer der freundlichsten Teilnehmer, die man so haben kann. Hilft nur keinem weiter.

Ein anderer Mann aus der Türkei lebt seit 16 Jahren in Deutschland, versteht nur wenig und dann bevorzugt auch nur das, was er verstehen will. Für ihn kommt nur ein Job als Polsterer in Frage. Alles andere lehnt er rigoros ab. Beim Jobcenter ist bekannt, dass er sich allem entzieht. Am liebsten sitzt er in einem türkischen Café und lässt es sich gutgehen. Seine Frau wird gelegentlich als Übersetzerin eingesetzt. Er kann weder alleine nach Stellen suchen noch sonst irgendwas tun, was nötig wäre, um einen Job zu bekommen. Doch man muss auch ein wenig Verständnis für seine Lage aufbringen, denn warum soll er etwas ändern, wenn doch längst alles gut ist? Nur Idioten tun so etwas. Und vielleicht noch solche, die zu Idioten werden wollen.
Die Frage, ob er versteht, was man von ihm will, beantwortet er stets souverän mit einem verneinenden Kopfschütteln. Lediglich als ich ihm einmal mitteilte, dass ich ihn abmahnen muss, hatte ich seine volle Aufmerksamkeit. Ich wusste schon immer, wie ich Aufmerksamkeit bekomme, auch wenn es keinem hilft.
Was wir mit ihm hier sollen, weiß ich allerdings nicht. Bei den Deutschkursen, die man ihn öfter machen ließ, hat er nie mitgemacht, weil es ihn nun einmal nicht interessiert. Das ist nur konsequent, denn man macht eh zu oft bei Dingen mit, die einen nichtinteressieren. Und so können wir am Ende auch von diesem Teilnehmer etwas lernen. Das finde ich schön. Vielleicht sollte man den Mann einfach in Ruhe lassen. Bringt eh nichts und so spart man am Ende auch noch Geld. Damit gäbe es am Ende nur Gewinner. Eine schöne Vorstellung, wie ich finde.

Neu bei uns ist eine junge Türkin, die stets Kopftuch und einen langen Mantel trägt. Angeblich gelernte Islamtheologin. Aber Genaues weiß man nicht. Sie sagt, sie will eine Ausbildung machen. Das Jobcenter will, dass sie als Theologin arbeitet. Sie sagt, außer einer Ausbildung zur Arzthelferin kommt für sie nichts in Frage. Ihr Schulzeugnis ist mittelmäßig, aber in zwei immens wichtigen Fächern konnte sie eine gute Note ergattern. In den Fächern „Herkunftsprachlicher Unterricht – Türkisch“ und „Türkische Folklore“. Ich wusste nicht einmal, dass so etwas unterrichtet wird. Mir fehlt vollkommen die Fantasie, was wir hier mit ihr machen wollen. Ein Tänzchen könnte sicher nicht schaden, würde aber keinem von uns wirklich helfen.

Ich habe mit alldem keine Probleme, denn jeder soll machen und werden, was er kann und will. Was mich allerdings ärgert ist die Tatsache, dass wir hier eine Quote zu erfüllen haben, die mit solchen Menschen niemals zu erreichen ist. Und das ist dann am Ende ein Problem, welches ich zwar erklären kann, was aber kaum einer akzeptieren wird, weil nur Zahlen die Wahrheit sprechen und gute Gründe maximal als Ausreden taugen.

9 thoughts on “Ganz besondere Teilnehmer”

  • Und was passiert, wenn die Quote nicht erfüllt wird? Ich meine, dass ist doch nicht wie eine Fertigungsqoute im Automobilbau.
    Sehr naiv gedacht?

    • Was genau passiert, wird vorher in Verträgen festgelegt, die ich nicht kenne. Und man hat schlechtere Karten bei Neuvergaben. Im Normalfall ernennt man dann noch den Maßnahmeleiter zum Depp des Monats und gibt ihm keine Leitung mehr. Letzteres wäre das Gute in diesem Fall. 🙂

  • also ich wäre froh, wenn ich die 1800,-euronen mal hätte.

    herr dr. schwein: kämpfen sie nicht gegen windmühlen. das ermüdet. wir können den karren nicht mehr aus der scheiße ziehen. so ist das.

  • Guten Morgen… Hab vielen Dank, ich habe gerade herzlich gelacht und das morgens um 05:15 Uhr. Mein Lieblingsabsatz: “Wieso seine Betreuerin vom Jobcenter nicht erkannt hat, dass dieser junge Mann in seinem jetzigen Zustand so gar keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben wird, ist mir ein Rätsel. Mir reichten dafür wenige Minuten. Aber ich bin möglicherweise auch ein Pessimist, der alle immer zum Therapeuten schicken will anstatt selbst alle zu therapieren.”
    Das kenne ich aus meinem eigenen Berufsalltag.
    Komm, wir retten die Welt. Jeden Tag wieder. Oder halt eben nicht.
    Aber wir geben unser Bestes im Kampf gegen die Windmühlen. 😉

    (Bei dir zu lesen zeigt mir immer, dass ich nicht alleine bin mit meinem Berufsalltag. Das ist ein wahrhaft tröstlicher Gedanke.)

    • Freut mich, wenn es Dich erheitert hat.
      Und es ist vermutlich so, dass es noch ganz viele gibt, denen es ähnlich geht. Was es leider auch nicht besser macht.

  • Japp, Argumente, die man nicht hören will, sind Ausreden. Das hat unser Geschäftsführer auch auf der Geschäftsführerschule gelernt. Es treibt in den Wahnsinn, führt aber nicht wirklich weiter, weil die Probleme so auch nicht gelöst werden.

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