Leitern und Leiter

Beim Wort Leiter denke ich zuerst an ein Gerät, dass man benutzt, um hinauf zu steigen. Unter einem Leitertreffen stelle ich mir eine Zusammenkunft verschiedener Leitern vor, die über ihre Erfahrungen im Alltag reden. Strickleitern, Klappleitern, Anlegeleitern, Schiebleitern und auch Allzweckleitern diskutieren darüber, wie es weitergehen soll und was für Zukunftsaussichten sie haben. Doch das heutige Treffen hat mit Leitern dieser Art nichts zu tun. Beim heutigen kleinen Leitertreffen treffen sich der Maßnahmeleiter des Jobcenters, seine Stellvertreterin und der Leiter dieser Maßnahme, der wohl ich bin, um ein paar Daten abzugleichen und zu besprechen. So sitzen wir zusammen in dem kleinen Büro, in dem es nicht eine einzige Leiter gibt, und die Stellvertreterin fragt mich, wieso es von mir kein Foto auf der Firmenwebseite gibt. Weil ich das nicht möchte. Diese Antwort scheint nicht zu helfen, denn als Maßnahmeleiter gehört ein Foto einfach auf die Seite, sagt die Stellvertreterin. Ich wusste gar nicht, dass mein Name überhaupt auf der Seite erwähnt wird. Das muss ich mir später unbedingt ansehen. Während wir so vor uns hin plaudern und Daten abgleichen, bin ich etwas irritiert, dass das alles wirklich passiert. Zu surreal erscheint es mir, dass ich hier als Maßnahmeleiter sitze, gelobt werde und dem Jobcenter scheinbar offiziell als Maßnahmeleiter gemeldet wurde. Bei den vielen positiven Kommentaren zu meiner Arbeit, weiß ich nie, was ich sagen soll. Es kommt mir vor als reden die über jemand anderen. Wie gut und übersichtlich ich die Listen führen würde, wird mehrfach gelobt. Das hat aber nichts mit mir zu tun, sondern ist eine QM-Vorgabe. Da kann ich wirklich nichts dafür. Das sage ich natürlich nicht, weil es keinem helfen würde und ich auch nicht weiter auffallen möchte. Am Ende merken die noch, dass ich irgendwie komisch bin. Auch sage ich nicht, dass ich keine Maßnahme leiten will und erwarte, dass ich spätestens im April abgelöst werde. Dann sind wir fast fertig und schon wieder beim Thema Foto. Die Stellvertreterin gibt nicht auf, versucht es nun auf die billige Tour und sagt, ich sei doch fotogen. Ich sage nichts und bin froh, dass der Maßnahmeleiter vom Jobcenter nun eingreift und sagt, dass das jeder für sich entscheiden muss und nicht wichtig ist. Guter Mann. Außerdem hat die Frau mich doch jetzt gesehen, da wird es durch ein Foto auch nicht besser. Dann geht unser Treffen langsam zu Ende und ich finde all das, was sich hier abspielt, abermals surreal. Wenn ich nicht selbst dabei wäre, würde ich es definitiv nicht glauben. Es ist schon immer wieder schwer zu glauben, dass ich nicht als Arbeitsloser Teil des Ganzen bin, aber Maßnahmeleiter zu sein, erscheint mir komplett abwegig. Als wäre ich im Universum falsch abgebogen und keiner hat es gemerkt.

Kaum sind die beiden weg, schaue ich auf der Firmenwebseite nach, ob irgendwo mein Name auftaucht. Zum Glück nicht. Auch in der Datenbank steht nirgends geschrieben, dass ich Maßnahmeleiter bin. Vielleicht besteht doch noch Hoffnung, dass es nur vorübergehend ist.

Was würden meine Eltern nur sagen, wenn sie das erleben müssten? Die würden es sicher auch nicht glauben, war ich doch zu ihren Lebzeiten fast durchgehend arbeitslos und jetzt sowas. Das ist doch völlig unglaubwürdig und kann eigentlich auch gar nicht sein. Reales fernab der Realität. Realer geht es wohl kaum.

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