Ein viel zu langer Bericht über eine bescheidene Woche eines verwirrten Mannes. Teil 1

Wenn ich arbeite, dann bin ich beschäftigt. Und wenn ich beschäftigt bin, bleibt das kranke Hirn oft aus, was ich sehr angenehm finde. Auch scheint es mir gesundheitlich besser zu gehen. Mein Darm lässt mich meist bis kurz vor Feierabend in Ruhe und man könnte glauben, ich sei ein gesunder, junger Mann. Spätestens zu Hause ändern sich die Dinge. Es ist allerdings in der Woche eher der Körper als der Geist, der mir zeigt, dass ich körperlich nicht mehr viel zu erwarten habe. Meine Darmprobleme empfinde ich mittlerweile so intensiv, dass ich nun jeden Tag sicher bin, dass ich Krebs habe. Ich bin zwar kein Arzt, aber was soll denn das sonst sein? Alternativ könnte es maximal so sein, dass ich ein vollkommener Psycho bin und mir all das nur einbilde. Das würde es zwar nicht angenehmer machen, aber ich könnte es vielleicht eines Tages abstellen. Ärztliche Untersuchungen lehne ich dennoch weiter ab, da ich keine Zeit habe und es am Ende nur auf eine Darmspiegelung hinauslaufen würde. Das kann ich nicht machen, es würde auch nichts ändern. Wäre ich tatsächlich ernsthaft erkrankt und hätte Recht, könnte man mir eh nicht helfen. Bin ich nur ein Psycho hätte ich die ganze Abführerei völlig unnötig über mich ergehen lassen. Schon bei dem Gedanken an diese Darmentleerung wird mir schlecht. Vielleicht ist es auch die traditionelle Familienbauchspeicheldrüsenkrebstradition, die ich konsequent fortführe. Da wäre dann eine Darmspiegelung vollkommen unsinnig. Also werde ich irgendwann einfach umfallen, qualvoll sterben oder nur ein Spinner bleiben. Wir werden sehen. Okay, Hypochonder sterben selten an ihren eingebildeten Krankheiten, doch da ich schon immer besonders war und immer Recht haben muss, um mich nicht schlecht zu fühlen, gehöre ich zwangsläufig zu denen, die sich nicht irren. Sollte ich also in nächste Zeit qualvoll zu Grunde gehen, kann mir jeder bestätigen, dass ich Recht hatte. Das möchte ich dann bitte auch schriftlich irgendwo hinterlegt haben. Für die Nachwelt und die Zweifler.

Meine lieben Kolleginnen Anke und Jessi essen mittags gerne zusammen und möchten, dass ich mitesse. Ich esse nur selten gerne ich Gesellschaft, weshalb ich das immer ablehne. Irgendwelche Unverträglichkeiten habe ich immer, um nicht mitzuessen. Dummerweise will Anke nun extra für mich einen Salat zubereiten, der nur Zutaten enthält, die ich vertrage. Wenn die mich nicht leiden könnten, würden die nicht auf so verrückte Ideen kommen. Warum bin ich nur so nett zu meinen Kolleginnen? Jetzt stehe ich da und muss bald Salat mit denen essen. Ich habe dieses Jahr übrigens noch keinen Salat gegessen und im letzten Jahr auch fast nie. Dennoch werde ich demnächst, wenn das Wetter wieder besser ist, in den Pausen wieder spazieren gehen. Dann muss ich mit niemandem Salat essen. Das ist mir nämlich irgendwie zu privat.

Nur am Rande verfolge ich ein Gespräch zwischen Anke, Jessi und einer dritten Kollegin, die uns mittwochs hier unterstützt. Nennen wir sie die Mittwochsfrau. Es geht um Haustiere, Familie, Partnerschaft. Irgendwas in der Art. Irgendwann schweigen die drei und ich schaue kurz rüber als die Mittwochsfrau sagt: „So, und jetzt Du.“ Ich schaue irritiert und erkenne, dass tatsächlich eine Antwort von mir erwartet wird. „Ich habe keine Katze, weil meine Wohnung zu klein ist. Ich habe keinen Hund, weil meine Wohnung zu klein ist. Es wohnt auch sonst niemand bei mir, weil meine Wohnung zu klein ist.“ Es scheint die absolut richtige Antwort gewesen zu sein, da nicht weiter nachgefragt wird und die drei ohne mich weiterreden. Was haben die denn von mir erwartet?

Der erste Sextraum des Jahres ist sehr intensiv. Dennoch versuche ich alles, um aus dem Traum rauszukommen. Vielleicht sind die Sexträume auch deshalb so selten, weil ich immer versuche dem zu entfliehen. Und auch dieses Mal bin ich erfolgreich und schaffe es vor dem Höhepunkt den Traum zu beenden. Da soll mal jemand sagen, ich sei nicht konsequent. Wenn ich etwas nicht will, dann will ich nicht.

Am Donnerstag bin ich ohne Smartphone im Büro, was einer Behinderung sehr nah kommt. Es ist natürlich ungewohnt und ich weiß teilweise gar nicht, was ich tun soll. Als würde man einen Teil von mir amputiert haben. Interessanterweise habe ich mir gestern noch gewünscht, dass es keine Smartphones gebe, weil irgendwelche Nachrichten mich aus meinem spontanen Nickerchen rissen. Da ich im Büro allerdings nicht schlafe, bringt mich das auch nicht weiter. Sinnvoller wäre es vermutlich, ich würde das olle Smartphone ständig im Büro liegen lassen, um während meiner Nickerchen nicht gestört zu werden. Ich muss mal darüber nachdenken, ob das eine Option für mich ist.

Noch immer kann man nirgendwo lesen, dass ich Maßnahmleiter bin, sodass ich weiter davon ausgehen darf, dass der Zustand nur vorübergehend ist. Dadurch, dass der dritte Mann nur noch einen Tag hier im Büro ist und wir nicht wirklich zusammenarbeiten, habe ich hier zeitweilig sogar Sachen auf dem Tisch liegen, die ich am nächsten oder übernächsten Tag abarbeiten muss. Für mich ist das echt übel, weil ich am Ende des Tages immer alles abgeschlossen haben will. Doch dadurch, dass derzeit ziemlich viele Teilnehmer gehen und durch neue ersetzt werden, muss ich viele Berichte schreiben und Erstgespräche führen. Da ich von 15 Teilnehmern mindestens elf betreue, wird es gelegentlich dann etwas viel für mich. Meine Ansprüche, die immer eine gewisse Perfektion erwarten, sind manchmal echt nervig und zeitaufwändig. Aber, und damit sind wir wieder beim Anfang, sie halten mich davon ab zu viel über andere Dinge, die mich nur wahnsinnig machen, nachzudenken. Und so stellt sich nun tatsächlich und ernsthaft die Frage, ob eine 7-Tage-Arbeitswoche nicht etwas für mich sein könnte.

Die Kollegin, die bei der Weihnachtsfeier ihr Firmendebut feierte, erinnert mich irgendwie an den dritten Mann. Sie spricht auch nicht wirklich mit ihren Teilnehmern und sitzt meist alleine im Büro und guckt sich irgendwelche Seiten im Internet an. Mittlerweile scheint sie auch Filme zu gucken. Ich weiß nicht, ob diese irgendwas mit ihrem Job zu tun haben, aber ich glaube es nicht. Es scheint so als würde sie darum betteln, dass man sie von ihrem Job, dem sie nicht nachzukommen scheint, erlöst werden will. Sie kommt mir jedenfalls völlig deplatziert hier vor und unterstreicht meine Meinung, die man auch als Vorurteil abtun kann, gegenüber Sozialpädagogen stets aufs Neue. Ich hätte nie gedacht, dass es in der Arbeitswelt solch eine hohe Anzahl an nutzlosen Flachpfeifen gibt. Befürchtet hatte ich es allerdings. Tun kann ich leider nichts dagegen.

Die größte Herausforderung auch in dieser Woche ist der Kampf gegen fiese Viren. Einige Teilnehmer sind krank und bleiben zum Glück zu Hause. Allerdings ist Alpha kurz hier unten und bringt die Seuche mit. Zu allem Überfluss benutzt er auch noch eines der Telefone, einen Block und fasst den Tisch an. Ich halte den größtmöglichen Seuchenabstand und sprühe, nachdem er gegangen ist, alles großflächig mit Hygiene Spray ein. Das Telefon bade ich quasi in dem Desinfektionsspray. Selbst den Block, den Alpha benutzte, sprühe ich ausgiebig ein. Vielleicht sollte ich ihn besser wegwerfen. Anfassen möchte ich hier irgendwie nichts mehr. Verdammte Seuchenvögel. Gegen Mittag fallen die Heizungen in meinem Büro aus und ich friere irgendwann vor mich hin. Der Arbeitstag kann wirklich nicht überzeugen.

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