Geburtstagsgrau

Der Himmel ist grau und wolkenverhangen. Regen fällt keiner. Und so wie sich das Grau präsentiert ist auch meine Stimmung. War mein Leben vor kurzem scheinbar noch in bester Ordnung, so ist es das nun nicht mehr. Was so ein bisschen grau am Himmel doch für eine durchschlagende Wirkung haben kann. Alles, was vor ein paar Tagen noch selbstverständlich und im Fluss war, muss unverzüglich hinterfragt werden. Stimmungsschwankungen sind echt was für die Tonne. Und passend dazu bin auch ich für die Tonne. Eigentlich mein ganzes Leben. Da nützt auch das Wissen, dass diese Stimmungsänderungen kommen und gehen, wenig. Ich will vermutlich auch nicht, dass sich wirklich etwas ändert, kenne ich mich doch in der Niedergeschlagenheit am besten aus. Grau ist keine Farbe, grau ist mein Zustand. Da ist es fast bedauerlich, dass es schon bald wieder schön werden soll und es nach jedem Tief irgendwann besser wird. Somit steigt schon bald die Laune wieder und die Lächerlichkeit dieser unnützen grauen Gedanken wird mir schmerzlich bewusst. Wenn ein Mann ohne Zukunft keine Zukunft hat, was wird dann aus mir?

Dieses Tief hat sich in den letzten Tagen schon angekündigt. Fünf freie Tage am Stück sind vielleicht doch nichts mehr für mich. Da kann ich nämlich nichts mit mir anfangen und lasse mich nur zu gern von düsteren Gedanken gefangen nehmen. Möglicherweise fördert der heutige Geburtstag die Niedergeschlagenheit sogar noch. So eine Kombination von grau kann durchaus mal für Unbehagen sorgen und Geburtstage können desolate Zustände fördern und intensivieren. Ist nichts Neues für mich. Da erscheint es fast widersprüchlich, dass mein Geburtstag sich einerseits so gleichgültig anfühlt, mich andererseits mein Alter irgendwie fertigmacht. Die 50 ist nicht mehr fern, obwohl ich nicht wirklich daran glaube, wirklich noch bis zum 50ten Geburtstag zu leben. Den Gedanken an eine tödliche Krankheit, die mich in absehbarer Zeit qualvoll sterben lässt, kann ich nie dauerhaft verdrängen. Wenn graue Wolken und mein Geburtstag zusammentreffen, dann weiß ich aus jahrelanger Erfahrung, dass es eine grausame Mischung ist. Wie überaus vereinnahmend so finstere Gedanken doch sein können. Erschreckend.

Ich mag es interessanterweise, wenn das Lebensjahr eine Zahl hat, die meinen optischen Prämissen entspricht. Von solchen Jahren erwarte ich, dass sie überdurchschnittlich sind. Beim vergangenen Jahr bin ich sicher, dass es nicht über dem Durchschnitt lag, obwohl die Zahl optisch schön anzuschauen war. Wie soll also dieses Jahr besser werden, wenn die Zahl schon nicht schön anzuschauen ist?

Der erste Gratulant des Tages ist Heiko, dicht gefolgt von einer Art Geburtstagsnewsletter. In dem steht nicht nur „Herzlichen Glückwunsch“, nein, es muss auch noch die optisch nicht ansprechende Jahreszahl angegeben werden. Eine Zahl, die ich eine Weile anstarre und die mich deprimiert. Alles am heutigen Tag hat das Zeug mich zu deprimieren. Nach der Arbeit muss ich zum Heilpraktiker, um die Blutwerte zu besprechen. Die können ja nur schlecht sein an so einem Tag. Und wieder denke ich an eine Darmspiegelung, um die ich nicht herumkomme und die bestätigen wird, dass alles keinen Sinn mehr hat. Der Tag hat kaum begonnen, da ist er schon eine einzige Enttäuschung. Aber weil Tage nur Tage sind und keine Enttäuschungen, bin wohl ich die Enttäuschung. Ich sollte echt wieder über irgendwelche Mittelchen nachdenken, die meine Stimmung eventuell anheben, wenn ich sie mir nur regelmäßig zuführe. Sonst wird es echt finster um mich.

Es folgen weitere Geburtstagsgrüße per WhatsApp. WhatsApp ist toll, denn so muss ich mit niemandem reden. Auf dem Weg zur Arbeit höre ich Cock Robin. Meine Stimmung ändert sich davon nicht. Alles andere hätte ich auch nicht zugelassen.

Im Büro wird weiter gratuliert. Nach meinen Kolleginnen, die mir persönlich gratulieren, zum Glück aber auf die Umarmungsorgie verzichten, geht es per WhatsApp weiter. wirklich begeistern kann mich das nicht mit dem gratulieren. Wenn ich mich einer Unzufriedenheit hingebe, dann richtig. Zum Glück habe ich zumeist so viel im Büro zu erledigen, dass ich kaum Zeit für all die trübsinnigen Gedanken habe. Vielleicht sollte ich in Zukunft nur noch schlafen und arbeiten. Glücklicherweise kümmert sich Resi den ganzen Tag um die Kunden, so dass ich mich um den ganzen organisatorischen Kram kümmern kann, ohne dabei auch nur im Geringsten Emotional zu werden oder viel reden zu müssen. Es ist bereits kurz vor Feierabend als es irgendwie skurril wird. Die Thai-Frau steht plötzlich vor meinem Schreibtisch und guckt mich an. Ich verstehe nicht, was das soll, weil sie das sonst auch nicht macht. Zu meiner Verwunderung hält sie mir nun die Hand hin. Ich hasse Händeschütteln, mag aber nicht unfreundlicher als nötig sein, weshalb ich ihr die Hand gebe. Ehe ich mich versehe hält sie meine Hand in ihren Händen. Verdutzt schaue ich sie an, da wirft sie mir einen Kussmund zu. Ich versuche verwirrt zu nicken, weil das alles ziemlich verstörend für mich ist. Direkt nach dem Kussmund bekomme ich meine Hand zurück, die Thai-Frau lächelt freundlich und geht. Was auch immer das sollte, ich hoffe, sie verzichtet in Zukunft darauf. Der einzige Gedanke, der mir danach einfällt ist folgender: „Sie war mal ein Mann, ich hätte einer werden sollen.“ Was für eine Konstellation in einer grotesken Situation. Nach dem Schock bade ich meine Hände in Desinfektionsmittel.

Gegen 17.00 Uhr sitze ich beim Heilpraktiker und erfahre, dass meine Blutwerte doch nicht so schlecht sind, wie ich es erwartet habe. Nichts spricht für meinen baldigen Tod. Zumindest nicht die Blutwerte. Möglicherweise war meine morgendliche Prognose falsch. Die Mineralienverarbeitung meines Körpers ist zwar auch weiterhin ein Problem, aber wie gesagt, daran sterben werde ich wohl nicht. Na gut, der Himmel ist auch nicht mehr grau, was habe ich da erwartet?

Zu Hause telefoniere ich mit Agnes. Sie kann am besten von allen menschlichen Lebewesen auf diesem Planeten meine Stimmung anheben. Anschließend bringe ich den Müll runter und werde von dem Rottweiler, der immer auf dem Hof unterwegs ist, als Spielpartner auserkoren. Er spielt gerne so etwas wie fangen und rennt völlig ausgelassen um mich und die parkenden Autos herum. Irgendwann wird er übermütig und springt an mir hoch. Unsere Köpfe sind für einen Moment auf gleicher Höhe. Das ist schon ein schweres Riesenvieh. Glücklicherweise habe ich seine übermütige Attacke erwartet und stoße ihn spielend weg. Um nicht erneut angesprungen zu werden, schnappe ich nun seinen Ball und fordere ihn auf diesem nachzujagen und mir zurück zu bringen. Freudig und ausgelassen macht er eine Weile mit und kurzzeitig vergesse ich den grauen Geburtstag, bevor ich mich von meinem Hundefreund verabschiede und einen Spaziergang mit Petra mache.

Nach dem Spaziergang folgt ein weiteres Telefonat mit Agnes, die meint, dass ich wohl schon am Morgen entschieden hätte, dass dieser Geburtstag ein grauer Tag werden würde. Ich bin mir da nicht so sicher, widerspreche aber auch nicht wirklich. Ich bin halt nicht ganz richtig im Kopf, da kann sie durchaus Recht haben, dass ich mir den Tag selbst versauen wollte und es auch habe. Oder es war das morgendliche Wetter, mein Alter, meine Gesamtsituation oder die Erkenntnis, dass ich dieses Leben schon ziemlich heftig gegen die Wand geknallt habe und trotzdem nach dieser Depressionsphase weitermachen werde wie bisher. Weil ich eben bin wie ich bin, obwohl ich, zumindest theoretisch, gerne ganz anders wäre. Mit all diesen Eindrücken und Erkenntnisse, die nicht neu sind, neigt sich mein Ehrentag dem Ende entgegen. Schnell noch das Geschirr spülen, etwas lesen und dann hoffentlich fix einschlafen und von mir aus nie wieder aufwachen. Und falls doch, dann bitte wieder in einem halbwegs erträglichen Zustand.

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