Erste Woche
Als mein Telefon klingelt und ich die Nummer von der ARGE erkenne, überlege ich, ob ich nicht besser so tun sollte, als wäre ich nicht zu Hause. Dummerweise entscheide ich mich anders und das Unheil nimmt seinen Lauf. Eine Arbeitsvermittlerin von der ich noch nie gehört habe, erzählt mir total begeistert, ich sei auserwählt worden an einem neunwöchigen Kurs teilzunehmen. Dieser geht weit über gewöhnliches Bewerbungstraining hinaus, denn es geht darum, die persönlichen Stärken jedes Teilnehmers zu fördern und ihm zu helfen, diese in Vorstellungsgesprächen zu präsentieren. Das ist großartig, da ich regelmäßig Vorstellungsgespräche habe. Ich habe diese sinnfreien Informationen noch nicht verarbeitet, da erfahre ich auch schon, dass ich täglich von 08.00 Uhr bis 16.00 Uhr an diesem Kurs teilnehmen muss und es schon morgen, am 19. Oktober 2010, losgeht. Das ist mir natürlich zu früh und dauert auch viel zu lange. Außerdem ist jetzt Winter, da pflege ich meinen Winterschlaf zu machen. Da will ich nicht um 06.30 Uhr aus dem Bett klettern müssen, um sinnlose Zusatzkosten für die armen Steuerzahler zu verursachen. Als mir abschließend noch mitgeteilt wird, dass die Parkplätze sehr knapp bemessen sind und nur wer zeitig kommt überhaupt eine Chance auf einen der begehrten Parklätze hat, ist mein Tag endgültig versaut. Warum musste ich nur ans Telefon gehen?
Pünktlich erscheine ich zu meinem ersten Schultag. Das Gebäude in dem ich von jetzt an regelmäßig zu Gast sein werde, ist verdammt alt. Eine Art Ruine, die derzeit restauriert bzw. saniert wird. Einige Räume sind bereits fertig gestellt, andere sehen aus als würden sie nie mehr fertiggestellt. Es ist verdammt kalt in diesem Gebäude. Unser Unterrichtsraum ist der ausgebaute Dachboden. Zu erreichen ist er über zwei schmale Holztreppen. Der schmale Holztreppenpfad, der in den Raum führt ist nicht nur sehr kalt er verströmt auch einen äußerst unangenehmen Geruch und lässt darauf schließen, dass der Unterrichtsraum ebenfalls nicht überzeugen kann. Der Raum ist zwar renoviert, aber unschwer lässt sich erkennen, dass er alt ist und extra für diese Maßnahme oder wie auch immer man es nennen mag, hergerichtet wurde. Auch hier ist es eiskalt. Die Heizungen funktionieren nicht. Der Raum passt perfekt zum Flur mit der Holztreppe. Der erste Eindruck ist also alles andere als überwältigend und lässt Schlimmes erahnen. Die beiden Dozenten wurden auch erst kurz vor Maßnahmebeginn aus ihrer eigenen Arbeitslosigkeit befreit, um uns durch diese Maßnahme zu leiten. Von geplanten 11 Teilnehmern sind sieben anwesend. Einer hat allerdings nur bis 11.30 Uhr Zeit, weil er irgendwas anderes zu tun hat. Was auch immer das sein mag, es kann nur besser als das hier sein. Die Dozentin ist eine Sozialpädagogin, die bis vor wenigen Tagen selber noch arbeitslos war. Der Dozent ist Kaufmann und hat zuletzt bei einem Personaldienstleister gearbeitet und Personal rekrutiert und vermittelt. Beide haben einen Arbeitsvertrag für neun Wochen bekommen. Das klingt wirklich alles sehr vielversprechend.
Weil es so verdammt kalt ist, ziehen wir nach einer Stunde in den EDV-Raum um. Dort ist es allerdings kein bisschen wärmer. Ich schnappe mir eine Elektroheizung, stelle sie unter meinen Tisch, lege meine Füße drauf und schaffe es so, nicht zu erfrieren. Der Dozent erklärt uns, wie man die Internetseite der Arbeitsagentur benutzt, um nach Jobs zu suchen. Ich schlafe ein. Der Beginn dieser Maßnahme ist wahrlich bombastisch.
Gegen Mittag ziehen wir erneut um. Diesmal wandern wir ein paar hundert Meter weiter zur VHS. In der dortigen Aula verbringen wir den Rest des Tages und reden über Arbeit. Ich weiß zwar nicht, was das soll, aber ich muss auch nicht alles wissen. Die wichtigste Information für mich lautet, dass jeden Freitag das Fahrgeld ausgezahlt wird. Mehr muss ich heute nicht wissen.
Der Schüler, der immer um 11.30 Uhr gehen muss und wohl ein Architekt ist oder zumindest vorgibt einer zu sein, ist selbstverständlich mittlerweile weg. Dafür ist Sunny jetzt da. Sie kenne ich noch von meiner Umschulung zum Automobilkaufmann. Sie hat ihre Umschulung ein Jahr nach mir begonnen. Nun sitzen wir also wieder zusammen in einer Maßnahme. Zumindest ist die Optik durch sie nun um einiges besser. Neben Sunny gibt es noch die Unsichere, die Architektin und drei Männer. Klaus ist 46 Jahre und macht den normalsten Eindruck. Vermutlich reden und sitzen wir deshalb zusammen. Ein anderer Teilnehmer, Apathie, sitzt einfach nur da und starrt vor sich hin. Möglicherweise ein Autist oder anders gestörter Mensch. Ein weiterer, Mr. Bean, grinst permanent, hat furchtbaren Mundgeruch und trägt zu kurze Hosen. Keine Ahnung, ob er sich dessen bewusst ist. Da wir insgesamt 20 Teilnehmer werden sollen, bin ich schon sehr gespannt auf die Witzfiguren, die noch nachgeliefert werden.
Durch den Mittwoch, der ebenfalls in der VHS stattfindet, leitet uns Dozentin 2. Sie ist ein echter Sonnenschein und scheint mit sich und ihrem Leben sehr zufrieden zu sein. Aber nur so lange, wie alles nach ihrem Plan läuft und es keine Unstimmigkeiten oder gar Kritik gibt. Und Grund zur Kritik gibt es heute reichlich. Wir beginnen mit L/WP. Das soll die Revolution für die Arbeitslosen sein und Möglichkeiten bieten, die sonst gar nichts bietet. Man muss nur daran glauben. Zunächst wird uns unser Ziel für die nächste Woche erklärt. Wir sollen in einen Betrieb gehen, für den wir aber nicht arbeiten wollen und einem Mitarbeiter dort vier Fragen stellen. Vorher sollen wir uns folgendermaßen vorstellen. Guten Tag. Mein Name ist xxx. Ich mache zur Zeit einen Kurs zur beruflichen Orientierung und möchte mit Menschen sprechen, die als xxx arbeiten. Ich habe vier Fragen zu dem Beruf. Haben Sie einen Augenblick Zeit? Sollte der Mitarbeiter Zeit haben, müssen wir ihm folgende Fragen stellen: 1. Wie sind Sie zu diesem Job gekommen? 2. Was gefällt Ihnen besonders gut an diesem Job? 3. Was ist nicht so gut? 4. Kennen Sie noch Personen die ich ebenfalls zu diesem Thema befragen kann? Dieses lustige Fragenspiel müssen wir zunächst in kleinen Gruppen proben. Da ich alles andere als motiviert bin, spricht mich Dozentin 2 darauf an. Ich erkläre ihr, dass ich von dem System nichts halte und an dem Sinn dieser Fragerei zweifle. Das gefällt ihr gar nicht. Da ich nicht hier bin, um ihr zu gefallen, interessiert mich nicht, dass ihr etwas nicht gefällt. Die nächste Aufgabe ist noch blöder. Wir sollen aufschreiben, was wir an Chefs ätzend finden. Dann sollen wir die drei ätzendsten Eigenschaften bestimmen und dazu die gegenteiligen, positiven Worte beschreiben. Erneut muss ich passen, da mir auch hier der Sinn nicht ersichtlich ist. Danach erklärt Dozentin 2 uns, was wir, wenn wir später spontan in die Betriebe gehen, um uns dort, nachdem wir uns selber zum Vorstellungsgespräch eingeladen haben, tun müssen. Wir müssen dem Mitarbeiter mit dem wir gesprochen haben bzw. bei dem wir uns vorgestellt haben, eine Karte schreiben, mit der wir uns für das Gespräch bedanken. Dazu sagt Dozentin 2: „Die Dankeskarten haben eine bestimmte Form. Sie sind bunt.“ Ich sage dazu nichts, denn mir wird es hier gerade eindeutig zu bunt.
Als nächstes sollen wir eine Positiv-Liste erstellen. Um diese voll zu kriegen bekommen wir einen weiteren Zettel. Den Städte-Zettel mit den Fragen: Wo? Wann? Mit wem? Was habe ich (haben wir) gemacht? Sonstige Erinnerungen? Dazu die Erklärung: Denken Sie bitte an die Städte, wo sie sich gerne aufgehalten haben. Wo war das? Und wann waren Sie da? Ich schreibe Warschau, Gronau, Passau und das ich dort gesoffen habe. Macht zwar keinen Sinn, ist mir aber egal. Der nächste Zettel ist noch absurder. Es ist der Frauen-Zettel mit den Fragen: Wer? Wann? Wo? Was haben wir gemacht? Sonstige Erinnerungen? Dazu die Erklärung: Denken Sie an die Frauen, mit denen Sie in der Vergangenheit angenehme Erfahrungen gemacht haben. Wie hießen Sie? Wenn Ihnen etwas zu den anderen Spalten einfällt, dann können Sie es in den jeweiligen Zeilen ergänzen. Wieso dürfen die die Frauen eigentlich Spalten nennen?
Unter den Aufgabenzetteln steht folgende Erklärung: Diese Blätter sind ausschließlich für ihren Augen. Zu keinem Zeitpunkt im Kurs werden Sie diese Seite vorzeigen. Es stimmt, dass wir die Zettel nicht vorzeigen müssen. Wir müssen lediglich vortragen, was wir geschrieben haben. Entweder ist die Dozentin total verwirrt oder das ganze L/WP ist Scheiße. In ein paar Tagen oder Wochen wissen wir vielleicht mehr.
Am Ende des Tages fragt die Dozentin, wie es uns gefallen hat. Als ich ihr sage, dass mir das alles wie eine Psychotherapie vorkommt, verteidigt sie sich unaufgefordert und teilt uns mit, dass sie gar nicht ausgebildet wäre eine Psychotherapie zu machen und das niemand gesagt hätte, dass wir eine Psychotherapie bräuchten. Überhaupt ist sie enttäuscht von unserem Lerntempo und der Einstellung von einigen von uns, weil man so ja nicht ordentlich arbeiten kann und man sich schon ein wenig öffnen muss. Abschließend werden die Unterlagen bzw. Arbeitszettel eingesammelt und eingeschlossen. Meine Unterlagen nehme ich mit nach Hause. Es geht nämlich keinen etwas an, was ich da geschrieben habe.
Der Donnerstag findet wieder in der Kältekammer statt. Wir reden über Erwartungen an uns und von uns. Alle frieren und zittern vor Kälte, doch keiner sagt etwas. Also mache ich es und sage, dass ich nicht bereit bin den ganzen Tag in diesem kalten Unterrichtsraum zu verbringen. Da es der Dozentin ebenfalls zu kalt ist, sorgt sie dafür, dass wir ab 11.30 Uhr den Unterricht in der VHS fortsetzen. Ich erkläre mich bereit so lange zu bleiben, weise aber darauf hin, dass ich danach nie wieder bereit sein werde Unterricht in der Kältekammer zu haben. Daraufhin wird beschlossen, dass wir am nächsten Tag erst um 11.30 Uhr in der VHS mit dem Unterricht beginnen. Und zur Belohnung bekommen wir eine neue Mitschülerin. Eine 47jährige Astrologin. Mal schauen wozu die gut ist und was für eine Funktion sie hat.
Nachdem wir von der Kältekammer ins die VHS umgezogen sind, werde ich sehr müde. Das Thema des Unterrichts ist noch immer Erwartungen. Ich erwarte, dass es nicht besser wird.
Freitag ist Zahltag, denn heute bekommen die Autofahrer ihr Fahrgeld. Die Leute, die mit dem Bus kommen werden immer schon am Montag bezahlt. Ich bekomme 12,80€ für die vier Tage, die ich es hierher geschafft habe. Später bekomme ich endlich die Broschüre, die das Projekt beschreibt und in der die Unterrichtsinhalte aufgeführt sind:
Unser Projekt zum Vermittlungscoaching bietet Ihnen unter Nutzung effektiver Bewerbungsstrategien die notwendige Unterstützung für eine selbstaktive Arbeitssuche.
Mit folgenden Angeboten werden wir Ihnen Wege aufzeigen, Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt entscheidend zu verbessern:
• Kompetenzfeststellung
• Verfahren der Selbstaktivierung
• Kompetenzstärkung
• Gesundheitsförderung
• Individuelle Integrationsberatung und
• Erstellen von Bewerbungsunterlagen
Als Experte in eigener Sache werden sie aktiv Arbeit suchen und nachhaltige Integrationsstrategien entwickeln.
Nachdem ich mir die Broschüre durchgelesen habe, möchte ich mich übergeben. Aber dazu habe ich keine Zeit, weil jeder Teilnehmer einen Vortrag halten muss. Das soll uns fit für zukünftige Bewerbungsgespräche machen. Ich wusste gar nicht, dass man mittlerweile bei Bewerbungsgesprächen Vorträge halten muss. Es scheint so als wäre ich nicht mehr auf dem Laufenden. Ich werde das Wochenende nutzen, um darüber nachzudenken.
Zweite Woche
Der erste Tag der zweiten Woche beschert uns Zuwachs. Fünf Frauen und zwei Männer vergrößern den kleinen Kreis. Der eine Mann ist ein redender Springbrunnen. Er redet und redet. Und das, obwohl er eben erst zur Tür herein kam. Und was für eine Scheiße aus dem heraussprudelt. Einfach Ekelhaft. Er scheint vollkommen durchgeknallt zu sein. Die versprochene, funktionierende Heizung gibt es natürlich nicht. Es ist weiterhin furchtbar kalt. Für mich eindeutig zu kalt, weshalb ich darauf hinweise, dass ich nicht bereit bin diese Zustände weiter zu akzeptieren. Daraufhin ruft die Dozentin bei Dozentin 2 an und fragt, ob wir in die VHS umziehen können. Können wir. Ab viertel nach elf. Dozentin 1 will uns gerade erklären, dass wir die drei Stunden nun, wie schon letzte Woche, in der Kälte überbrücken werden, als ich sie unterbreche und ihr erkläre, dass ich dies auf keinen Fall tun werde. Gerne bin ich bereit um viertel nach elf wieder zur Gruppe zu stoßen, aber bleiben kann ich unter keinen Umständen. Sie sagt, dass es meine Entscheidung ist. Natürlich ist es meine Entscheidung und so verlasse ich die Kältekammer. Warum alle anderen in der Kälte bleiben ist mir allerdings ein Rätsel. Menschen sind echt merkwürdig.
Als ich um viertel nach elf zur Gruppe stoße, schaue ich mir meine Leidensgenossen, besonders die Neuen, genauer an. Der sprechende Springbrunnen trägt eine Brille, nicht wirklich gut sitzende Jeans und sieht aus als hätte er es nicht leicht gehabt in seinem bisherigen Leben. Er ist schon bei fast allen unbeliebt und wird es hier wohl auch nicht so leicht haben. Vielleicht sollte man ihn einschläfern. Der zweite Mann sieht aus wie Gerd Baltus. Er ist ebenfalls eine Nervensäge und trägt, wie unser Mr. Bean, zu kurze Hosen. Vermutlich haben beide denselben Schneider. Oder sie kaufen clever bei KIK. Ich kann allerdings nicht verstehen, wieso erwachsene Männer sich zu kurze Hosen kaufen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hosen mit der passenden Länge teurer sind. Also warum kaufen die beiden sich zu kurze Hosen? Der sprechende Springbrunnen, Gerd Baltus und Mr. Bean haben sich scheinbar gesucht und gefunden. Sie bilden erst mal die Gruppe der Außenseiter. Daneben gibt es noch Klaus und Apathie. Klaus ist ein paar Jahre älter als ich und macht den vernünftigsten Eindruck. Apathie ist ein besonderer Fall. Er spricht weiterhin sehr wenig und schaut äußerst verunsichert hinter seiner Brille hervor. Sein Lachen klingt etwas merkwürdig. Letzter Mann im Team ist der Architekt. Er ist türkischer Abstammung und mit Mundgeruch zum weglaufen ausgestattet. Außerdem spricht er etwas undeutlich, so dass man oft nicht versteht, was er von einem will.
Zeit einen Blick auf die neun Frauen zu werfen. Es gibt die kleine Architektin, die einen etwas ungepflegten Eindruck macht und eine unfassbar schlechte Grammatik hat und deshalb auch nicht wirklich leicht zu verstehen ist. Wir haben also zwei Architekten hier. Beide türkischer Abstammung, mit üblem Mundgeruch und nur schwer zu verstehen. Es scheint so als hätten türkische Architekten, die schwer zu verstehen sind und dazu furchtbaren Mundgeruch haben, in Deutschland Schwierigkeiten einen Job zu finden. Doch ich weiche vom Thema ab. Ich will mir ja die anderen Teilnehmerinnen genauer anschauen. Neben der Architektin gibt es die Schüchterne, die immer schön enge Pullis trägt, die ihre durchaus brauchbare Figur betonen. Aus der Figur könnte man sicher etwas machen. Dann gibt es da noch Sunny, die optisch gelungen ist, allerdings für meinen Geschmack zu große Brüste hat. Dazu kommt die Astrologin, die schwer einzuschätzen ist, sich hier aber vermutlich auch nicht wohl fühlt. Und seit heute gibt es noch die Blonde mit dem Oberlippenflaum und dem dicken Arsch. Die dicke Blonde mit den kurzen Haaren und der trommelfelltötenden Lache. Die Dicke mit den rot gefärbten Haaren und die Lesbe mit dem praktischen Kurzhaarschnitt und der furchtbaren Stimme. Diese vier bilden auch sofort eine Einheit. Eine überflüssige Einheit, wie ich finde. Und als Bonbon gibt es noch die kleine, hübsche Frau, die ich schon öfter mal irgendwo beobachtet habe. Ich weiß allerdings nicht mehr, wo ich sie schon sah. Ich werde sie in den nächsten Tagen beobachten und dann entscheiden, ob ich Verwendung für sie habe und in welche Gruppe sie eingeordnet wird. Die alten Teilnehmer sind der Meinung, dass die neuen Teilnehmer, besonders die beiden Männer, die Harmonie der Gruppe vollkommen zerstört haben. Sehe ich auch so.
Der Unterricht ist erneut gigantisch. Zunächst reden wir über die Ansprüche der Arbeitgeber, dann kommen wir zum Thema Gesundheitsförderung. Dort erfahren wir, dass Arbeitslosigkeit depressiv machen kann und gesunde Ernährung und Sport wichtig sind. Das hätten wir auch ohne diesen Unterricht nicht gewusst. Der sprudelnde Sprechbrunnen hat permanent etwas mitzuteilen und nervt schon tierisch. Ich möchte ihm am liebsten meinen Kugelschreiber ins Auge rammen. Wieder und wieder. Da man so etwas aber nicht macht, stelle ich mir vor, dass ich mir nun den Kugelschreiber in den Hals ramme. Wieder und wieder. Bringt mich aber auch nicht weiter.
Abschließend machen wir noch ein paar Tests. Da die meisten nicht in der Lage sind, diese Tests in der vorgegebenen Zeit zu schaffen, verlängert die Dozentin die Zeit einfach beliebig. So machen die Tests gleich doppelt so viel Sinn. Und am Ende haben alle ganz hervorragende Testergebnisse, was gut fürs Selbstbewusstsein ist. Sehr clever. Meine Frage, ob wir morgen mit einem beheizten Klassenraum rechnen können, bleibt unbeantwortet. Das lässt auf einen kurzen Unterrichtstag hoffen.
Der Dienstag beginnt mit einer Überraschung. Zwei der vier Heizungen sind lauwarm. Die Dozentin ist entzückt und freut sich. Die freut sich scheinbar über jeden Scheiß. Aber nur bis ich ihr sage, dass die andren Heizungen gar nicht funktionieren und es nicht wirklich warm ist. Eine Stunde später ziehen wir in die Aula der VHS um. Wirklich warm finde ich es dort mittlerweile auch nicht mehr.
Gegen 10.00 Uhr sind auch die Langschläfer eingetroffen und die Gruppe ist komplett. Aber nur bis 10.30 Uhr. Dann muss der Architekt wieder zu seinem 400€ Job. Ich frage mich, warum jemand, der einen 400€ Job hat und täglich um 10.30 Uhr weg muss einen solchen Kurs finanziert bekommt? Dumm, dümmer, ARGE?
Die Unterrichtsthemen sind wieder vielfältig. Stress, Bewerbungen, Lebensläufe, Aufstockung. Alle wichtigen bzw. neuen Informationen sind in 20 Minuten durch. Alles andere ist Quälerei. Gegen Mittag sind meine Füße fast abgefroren und die Kälte wandert langsam höher. Ich hasse das. In einer Pause sagen Sunny und ich dem plappernden Springbrunnen, dass er ein hoffnungsloser Fall und ein Quatschkopf ist. Keine Ahnung, warum wir das tun. Vermutlich musste es einfach raus. Die Architektin scheint mich auch schon in ihr Herz geschlossen zu haben. Sie redet viel mit mir. Da sie unter Mundgeruch leidet, werfe ich einen Blick auf ihre Zähne. Diese sind eindeutig schlecht gepflegt. Der Zahnbelag ist deutlich zu erkennen. Das ist nicht schön, passt aber zum Gesamteindruck. Schade eigentlich.
Nach der Pause geht die Quälerei weiter. Mit jeder Minute wird der Vortrag vom Dozenten langweiliger und die Müdigkeit größer. Mir gegenüber sitzt die Hübsche. Sie schafft es, ebenso wie ich, kaum, die Augen aufzuhalten. Die Zeit, in der ich meine Augen offen halten kann, nutze ich, um sie anzuschauen. Sie ist echt attraktiv. Dummerweise bleibt mein Spannen nicht unbemerkt. Irgendwie bin ich schon etwas peinlich. Aber sie ist halt eine Frau zum angucken. Und sonst bietet die Maßnahme mir ja auch nichts. Die letzten zwei Stunden tun schon fast weh. Müdigkeit und Kälte haben mich fest im Griff. Ich möchte nur noch schreien. Oder sterben. Oder beides.
Nach dem Unterricht fahre ich direkt zu meinen Eltern und nehme ein heißes Bad. Ein paar Minuten später ist mir zum ersten Mal seit Stunden warm. Herrlich.
Der Mittwoch geht als erster Tag an dem die Heizungen funktionieren in die Geschichte ein. Alles was sonst passiert kann man eigentlich getrost vergessen. Wir unterhalten uns zunächst erneut über das Thema Stress. Später muss die Architektin tun als hätte sie ein Vorstellungsgespräch. Nach ihr darf die Lesbe dieses so sinnvolle Vorstellungsgespräch proben. Mehr passiert bis zum Mittag nicht.
In der Mittagspause spreche ich die Hübsche im Vorbeigehen an. Nur ein kurzer Satz, um ihre Reaktion zu testen. Sie reagiert, wie sie immer reagiert, wenn sie jemand anspricht. Sie lächelt freundlich. Mehr hatte ich auch nicht von ihr erwartet.
Nach dem Mittag kommt der sprudelnde Sprechbrunnen in den Klassenraum und erzählt uns, dass er die Toilette verstopft hat und das dort alles voll Scheiße ist. Ich sage ihm, dass ich seine Toilettengeschichten nicht hören will. „Bist Du so empfindlich?“ – „Nein, aber ich interessiere mich nicht für Deine Scheiße!“ Was für ein Vollidiot. Und da ich gerade dabei bin, sage ich ihm, dass er nicht so viel Fernsehen soll, dass ich ihn für einen unfassbar unzufriedenen Menschen halte und dass er vom vielen Fernsehen nur noch frustrierter wird. Er sagt, dass er gut damit leben kann. Aber nicht mehr lange, wenn er nicht irgendwann sein blödes Maul hält.
Der Unterricht erreicht danach einen weiteren Tiefpunkt. Thema: Essen ist Leben. Wir sollen alles dazu aufschreiben, was uns dazu einfällt. Klaus und ich schreiben gar nichts auf. Die Hübsche verzichtet ebenfalls auf diesen Unsinn. Später schreibt die Dozentin alle Dinge, die meine fleißigen Mitschüler zusammengetragen haben für uns alle auf. Allerdings nicht, ohne über jede Einzelheit zu diskutieren. So erfahre ich von der Architektin, die nebenbei auch noch Türkin ist, dass der Koran nicht von Menschen geschrieben wurde. Meine Frage, ob es Außerirdische waren, bleibt leider unbeantwortet. Sehr schade. Die Dozentin kommt mir auch immer merkwürdiger vor. Ständig fragt sie „Ist das so?“, hält dann inne, versinkt in irgendwelchen Gedanken, um dann nach einer Weile des Stillstands weiterzumachen. Irgendwie macht mir das Angst.
Nachdem wir uns über eine Stunde über das Thema Essen unterhalten haben, steigern wir den belanglosen Kram ein weiteres Mal und erstellen eine Liste. Darauf schreibt die Dozentin alle Dinge, die man zum Frühstück essen kann. Und alle Dinge, die man zum Mittagessen kann. Und die Dinge, die man zum Abendbrot essen kann. Außerdem alles, was man als Zwischenmahlzeit und/oder später vor dem Fernseher essen kann. Ich sitze fassungslos in der letzten Reihe und versuche nur mit der Kraft meiner Gedanken einige Köpfe platzen zu lasen. Es gelingt mir nicht. Die Dozentin scheint ihren Spaß zu haben. Was für Drogen die sich wohl einwirft?
Der Donnerstag beginnt mit einem total verschwitzen Klaus. Er hat die Kälte der letzten Tage wohl nicht verkraftet und sich trotz Fieber hergeschleppt. Das gefällt mir absolut nicht. Die Ansteckungsgefahr erscheint mir zu groß, weshalb ich ihn auffordere sich abzumelden und zum Arzt zu gehen. Glücklicherweise ist er einsichtig und kommt meiner Aufforderung nach. Nachdem Klaus gegangen und Sunny nicht erschienen ist, stelle ich mich auf einen ruhigen Tag ein. Doch es kommt alles ganz anders. Zunächst erscheint die Architektin, doch anstatt sich, wie sonst immer, neben die Unsichere zu setzen, nimmt sie neben mir Platz. Das kommt gar nicht gut, weil sie nicht wirklich frisch riecht und zu Mundgeruch neigt. Außerdem nötigt sie mich immer zu reden. Das wollte ich doch heute vermeiden. Wenig später erscheint Sunny. Sie war wohl etwas müde und hat sich deshalb verspätet. Das erste Unterrichtsthema bekomme ich nicht wirklich mit. Vermutlich irgendwas Sinnfreies. Das nächste Thema ist der Hartz IV Satz. Wir versuchen herauszufinden, ob 30,50€ für Lebensmittel in der Woche genug sind. Dazu sollen wir in verschiedene Geschäfte gehen und die Preise vergleichen und eine Einkaufsliste erstellen. Die Aufgabe stößt auf wenig Begeisterung. Lediglich die drei Aussätzigen wollen gemeinsam Preise vergleichen. Da es kaum etwas Schlimmeres als diesen Unterricht hier gibt, bilden Sunny und ich auch spontan eine Gruppe, um wenigstens für eine Weile hier raus zu kommen. Wir verlassen den Unterricht und fahren zu KAUFLAND, wo wir zunächst einen Gratiskaffee mit Sirup trinken und dann eine Einkaufsliste erstellen. Ist zwar irgendwie lächerlich, aber deutlich unterhaltsamer als der schwachsinnige Unterricht. Als wir zurück sind wird der Klassenraum gerade gelüftet. Der Luft kommt rechts herein und muss links wieder heraus. Dummerweise sitzt rechts von mir die Architektin. Und so bekomme ich statt frischer Luft bei jedem Luftzug eine ordentliche Portion Architektinnenmundgeruch, der sich während meiner Abwesenheit prächtig entwickelt hat, ab. Kurz bevor ich daran verende schließt jemand die Fenster. Das war verdammt knapp.
Um 13.00 Uhr soll es in der VHS mit L/WP weitergehen. Überraschenderweise fehlt Dozentin 2. Die Dozentin, die gegen 13.15 Uhr in der VHS eintrifft, ist über das Fehlen von Dozentin 2 überrascht und ruft diese an, um festzustellen, was das Problem ist. Ich vermute, dass Dozentin 2 verwirrt ist und sich vor uns versteckt. Ob ich Recht habe erfahren wir leider nicht. Wir erfahren lediglich, dass Dozentin 2 den Tag wohl anders geplant hat und nicht mehr erscheinen wird. Die muss mehr als verwirrt sein. Weil Dozentin 2 nun auch nichts mehr mit uns anzufangen weiß, schlägt sie vor, dass wir gemeinsam in die Stadt gehen. Ich verliere kurz die Kontrolle und nenne es einen Behindertenausflug. Ein Raunen geht durch die kleine Gruppe und ich werde arg merkwürdig angeschaut. Man sind die empfindlich. Scheiß Behinderte. Da die Behinderten keinen Ausflug machen wollen, dürfen wir um 13.45 Uhr nach Hause. Jetzt kann der Tag doch noch schön werden.
Am Freitag ist der EDV-Tag. Dazu ziehen wir in den unbeheizten EDV-Raum. In dem Raum stehen 13 Computer. Leider funktionieren nur 7 davon. Aber auch nur etwa eineinhalb Stunden, dann verweigern sie den Internetzugang. Somit ist das Thema durch und wir können uns mit noch wichtigeren Themen beschäftigen. Dem Bewerbungsanschreiben in der Theorie und Arbeitsverträgen. Letzteres macht besonders viel Sinn, da wir von einem Arbeitsvertrag in etwa so weit entfernt sind, wie die Sonne vom Mond.
Dritte Woche
Der erste Tag der dritten Woche findet ohne Klaus, Sunny und die Astrologin statt. Glücklicherweise fehlt die Architektin ebenfalls. So bleibt mir ihr Mundgeruch erspart. Den Platz neben mir nimmt die Hübsche ein. Mehr kann ich kaum verlangen. Und zur Krönung des Tages bekommen wir vier neue Teilnehmer. Zwei Frauen und zwei Männer. Wirkliche Prachtexemplare, wie ich finde. Die eine Frau sieht einfach nur alt aus, hat einen osteuropäischen Akzent und ihre Stimme schmerzt in meinen Ohren. Die zweite Frau hat kurze, blonde Haare und einen komplett verformten Körper. Die Deformationen haben selbst vor ihrem Gesicht nicht Halt gemacht. Sie ist angelernte Krankenschwester oder Pflegerin und sieht für ihre 32 Jahre echt zum Fürchten aus. Die beiden Männer sind ebenfalls Prachtexemplare. Der eine erhofft sich unglaublich viel von dieser Maßnahme und hat schon viele Jobs gehabt. Er scheint ein naiver Träumer zu sein. Der andere ist ein unzufriedener Kasache, der mal als Gärtner ausgebildet wurde. Sein Deutsch ist eher mäßig. So sehen also leicht vermittelbare Arbeitslose aus. Entzückend. Wenn ich mich hier so umsehe, dann sehe ich nicht wirklich viele Leute mit einer beruflichen Zukunftsperspektive. Zum Glück kann ich das aber gar nicht beurteilen und deshalb denke ich nicht weiter darüber nach. Die Gruppe endgültig verlassen hat der 400€ Jurist. Alles andere wäre auch albern gewesen.
Lustigerweise funktionieren die Heizungen nicht mehr wirklich und es ist kalt. Für mich zu kalt. Also beschwere ich mich bei der Dozentin. Sie fragt daraufhin irgendwo nach und teilt mir mit, dass die Heizungen entlüftet werden müssen und bald jemand kommt, um das zu machen. Großartig. Die sind hier sogar zu blöd, um Heizungen zu entlüften. Bevor ich mich weiter aufregen kann, werde ich zu einem Einzelgespräch mit der Dozentin verschleppt. Das Gespräch dauert unglaublich lange und am Ende steht „Berufsfindung“ auf dem Zettel. Meine Aufgabe der nächsten Wochen ist es also einen passenden Job für mich zu finden. Als ob es so etwas gibt. Da erscheint mir die Suche nach dem heiligen Gral eindeutig einfacher. Als ich zurück zum Gemeinschaftsunterricht komme wird gerade der Stoff der letzten Wochen für die vier Neulinge wiederholt. Das ist selbst bei der zweiten Wiederholung noch vollkommen langweilig. Der Klassenraum hat sich während meiner Abwesenheit auch merklich abgekühlt und ich bin tatsächlich gezwungen meine Jacke anzuziehen. Der Dozent liest uns aus dem SGB 2 vor. Vorher hat er die Paragraphen 119 und 121 des SGB 3 vorgelesen. Diesen Teil habe ich leider verpasst, weil ich zum Einzelgespräch war. Ich weiß echt nicht, ob ich diesen Rückstand je wieder aufholen kann.
Die Kälte wandert weiter an mir hoch. Ich bekomme Halsschmerzen und Reizhusten. Die Hübsche legt sich ihren Schal um und macht ihre Jacke zu. Langsam reicht es mir und so teile ich der Dozentin mit, dass ich jetzt gehen muss. Ihren Einwand, dass gleich der Heizungsmann kommt, ignoriere ich und sage, dass ich morgen früh wiederkomme, um die Heizung zu testen. Sollte sie dann immer noch nicht funktionieren, werde ich unverzüglich wieder gehen.
Weil ich einfach nicht mehr warm werden will, Kopf- und Nackenschmerzen, Halsschmerzen und Husten habe, fahre ich direkt zu meinen Eltern, um ein Bad zu nehmen. Wirklich gesund fühle ich mich danach auch noch nicht. Ich glaube, es würde mir und meinem Körper gut tun, wenn ich eine kurze Auszeit von dieser Maßnahme nehme. Und da mich die Aussicht auf ein paar freie Tage innerlich aufwärmt mache ich mich auf den Weg zum Arzt meines Vertrauens, klage ihm mein Leid und bekomme den Rest der Woche frei. Geht doch.
Vierte Woche
Scheiße. Das ist das Wort, welches ich seit Maßnahmebeginn täglich sage. Und zwar immer direkt nachdem ich von meinem Wecker aus dem Schlaf gerissen werde. Das kann nicht gesund sein. Ab heute weckt der Wecker mich bereits um 06.17 Uhr, weil ich es meinem Auto nicht mehr zumuten mag, die Nacht im Freien zu verbringen. Und so habe ich jetzt jeden Morgen einen etwa zwölfminütigen Marsch zur Garage vor mir. Es ist verdammt unpraktisch, wenn man die Garage nicht in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung hat.
Nach meinem morgendlichen Spaziergang bin ich alles andere entzückt, als ich in der Schule feststellen muss, dass die Heizungen nicht wirklich warm sind. Doch noch bevor ich mich beschweren kann, kommt ein Mitarbeiter und entlüftet die Heizungen, was zur Folge hat, dass es einigermaßen warm wird. Lediglich die Füße bleiben während des gesamten Vormittags kalt. Mehr kann man von dieser Maßnahme scheinbar nicht verlangen.
Den Platz neben mir nimmt die Architektin ein. Sie setzt sich extra für mich um. Das hätte sie wirklich nicht tun müssen. Zunächst machen wir etwas recht Sinnvolles und besprechen Bewerbungsanschreiben. Trotzdem langweile ich mich und beobachte die Hübsche dabei, wie sie sich die Fingernägel feilt. Dabei gerate ich ins Träumen und stelle mir vor, wie ich unanständige Dinge mit ihr anstelle. Der Gerd Baltus Doppelgänger ist heute besonders nervig. Er spricht mittlerweile mehr als der sprechende Sprudelbrunnen. Aber im Gegensatz zu dem verblödeten Sprechhaufen, amüsiert er uns wenigstens. Mein Blick wandert wieder zur Hübschen. Sie kaut einen Kaugummi und selbst das macht mich an. Miststück. Ich bin definitiv untervögelt.
Gegen 11.00 Uhr habe ich das Bedürfnis die Toiletten aufzusuchen. Kaum öffne ich die Toilettentür kommt mir ein beißender Uringestank entgegen. Was soll denn der Scheiß? Die Antwort ist schnell gefunden. Bei keiner der drei Toiletten funktioniert die Spülung. Diese Maßnahme ist echt abartig.
Der Mundgeruch der Architektin hat mittlerweile auch seinen Tageshöhepunkt erreicht. Und irgendwie passt das zu der defekten Toilettenspülung und dem chemischen und sicher nicht gesunden Duft in unserem Klassenraum. Diese Maßnahme könnte tödlich enden.
Um 13.00 Uhr ziehen wir ins Gebäude der VHS um. L/WP ist angesagt. Zunächst müssen wir wieder irgendwelche Erlebnisse aufschreiben und vortragen. Ich weigere mich, was ein Privatgespräch mit Dozentin 2 zur Folge hat. Ich erkläre ihr, dass ich L/WP für Blödsinn halte. Sie sagt, dass es mich weiterbringen wird. Da mich diese Diskussion nicht weiter bringt, erfinde ich einfach irgendwelche Erlebnisse. Wo ist da der Sinn?
Später wird uns mitgeteilt, dass wir am Mittwoch unseren Aktivtag haben. Dann gehen wir in sechs Betriebe und stellen unsere vier Fragen und versuchen die Mitarbeiter in ein Gespräch zu verwickeln, um so einiges über den Betrieb herauszufinden. Klaus macht so etwas nicht mit. Ich will auch nicht mitmachen. Doch meine Argumente sind heute wenig brauchbar. Dozentin 2 erklärt mir, dass ich nur so eine Chance habe jemals einen Job zu bekommen, weil meine Bewerbungen ja bisher zu nichts geführt haben und in Zukunft auch zu nichts führen werden. Ich bin schlecht vorbereitet und der Punkt geht an sie. Da ich nicht alleine gehen will, muss ich versuchen die Unsichere zu überreden mich mitzunehmen, weil alle anderen schon jemanden haben mit dem sie diesen Unsinn machen können. Obwohl sie absolut keine Lust hat mit mir diesen Mist zu machen, hat sie keine Chance. Jetzt hat sie mich am Hals.
Am Dienstag bleibt der Platz rechts neben mir frei. Die Architektin hat ein Zahnproblem und muss zum Zahnarzt. Vielleicht wird bei der Gelegenheit auch ihr Mundgeruch bekämpft. Obwohl ich heute zwei Paar Socken anhabe, bin ich um 08.30 Uhr durchgefroren. Um nicht endgültig zu erfrieren, muss ich meine Jacke anziehen. Interessanterweise bin ich das einzige Weichei in der Klasse, denn außer mir scheint niemand zu frieren. Das erste Unterrichtsthema sind Zeitarbeitsfirmen. Das ist in etwa so interessant, wie einen vertrockneten Kaktus zu bewundern.
Nach der Frühstückspause wird es erträglicher. Die Temperatur ist leicht gestiegen und das Thema lautet nun „Initiativbewerbung per Telefon“. Ziel ist es, später gemeinsam ‚Telefonbewerbung‘ zu spielen. Ich hasse Rollenspiele.
Die Toiletten stinken weiter bestialisch und es würde mich auch nicht wundern, wenn hier im Gebäude mittlerweile Ratten leben. In dem schmalen Treppenhaus, das zu unserem Klassenraum führt, riecht es passend dazu nach Verwesung. Die Treppe zur Hölle, nenne ich sie ab heute. Der sprudelnde Sprechbrunnen bringt sich immer sein ganz persönliches Sitzkissen mit, um es etwas bequemer auf den harten Stühlen zu haben. Allerdings ist es kein normales Sitzkissen, sondern ein Hämorrhoidenkissen. Vielleicht redet er deshalb so viel, weil er hofft, durch sein ständiges Gequatsche die Hämorrhoiden in die Flucht schlagen zu können. Die alte, dicke, blonde Frau mit der trommelfelltötenden Lache gibt es nicht mehr in unserem Kurs. Sie hat es, ebenso wie der 400€ Jurist, geschafft dem Teufelskurs zu entkommen. Irgendwie beneide ich die beiden schon ein wenig.
Sunny und die Astrologin fehlen auch weiterhin. Dafür erfreut uns der Kasache täglich aufs Neue mit seinem ständigen Lachen. Immer wenn er etwas tun soll, sagt er „Nix verstehen“ oder „Kann nix“ oder „Weiß nix“ und bricht dann in ein ziemlich blödsinniges Gelächter aus. Klaus und ich finden es köstlich und amüsieren uns mit ihm. Weil ich ein neugieriger Mensch bin, spreche ich ihn auf sein merkwürdiges Verhalten an. In gebrochenem Deutsch sagt er mir, dass er keinen Bock auf das alles hat. Da er mit der Masche meist durchkommt, beneide ich ihn fast ein wenig. Vielleicht sollte ich auch nach jedem Satz einfach loslachen. Lachen soll einen außerdem sympathischer erscheinen lassen. Zur Belohnung, dass endlich mal jemand mit ihm gesprochen hat, scheint der Kasache mich nun zu mögen.
Die Gerd Baltus Kopie hat es sich angewöhnt mich vollzuquatschen. Ich weiß zwar oftmals nicht, worum es in unseren Gesprächen bzw. seinen Ausführungen geht, aber es scheint ihm gut zu tun mit jemandem zu reden. Wenn das so weiter geht, werde ich noch der beliebteste Mann in diesem Kurs. Die Dicke mit den rot gefärbten Haaren ist irgendwie merkwürdig und erzählt, dass sie Probleme beim telefonieren hat. Zumindest klappt es mit dem essen. Denn so dick wird man kaum, wenn man Probleme beim bzw. mit dem essen hat. Bei ihr auf dem Tisch stehen allerdings, wie bei vielen unter Adipositas leidenden Menschen, nur gesunde Sachen. Meist Mineralwasser und Obst. Aber davon lasse ich mich nicht beeindrucken. Ihr Körperumfang kann mich nicht täuschen. Sie ist eine verfressene und träge Planschkuh. Da hilft ihr auch kein Döschen voller Obst. Dick bleibt dick und doof bleibt doof.
Die Frau mit dem verformten Körper ist übrigens auch aus dem Kurs verschwunden. Vermutlich hat sie einen Job in einer Geisterbahn bekommen.
Der hoffnungsvolle Typ mit dem osteuropäischen Akzent sitzt mit geöffnetem Mund im Unterricht uns lauscht den Ausführungen des Dozenten. Ob es sich bei dem geöffneten Mund um eine spezielle Atemtechnik handelt oder ob der Mund vor lauter Begeisterung offen steht, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend beurteilen.
Der Aktivtag beginnt um 09.00 Uhr. Ich hole die Unsichere ab und als ich gerade losfahren will, taucht eine dicke etwas unförmige Frau vor uns auf. Da ich finde, dass sie im Weg ist sage ich, dass wir die ruhig überfahren können, weil die es sicher nicht leicht hat in ihrem Leben und wir sie so erlösen könnten. „Das ist meine Tante.“, sagt die Unsichere. Autsch. Da hätte ich wohl besser geschwiegen. Bevor ich weiteren Unsinn rede oder ihre Tante tatsächlich überfahre, fahren wir zu einem Seniorenpflegeheim nach Alstedde und befragen die Dame am Empfang. Da die Unsichere mir zu unsicher ist, übernehme ich das Gespräch. Ich stelle einfach irgendwelche Fragen, die mir spontan einfallen. Die Unsichere fragt abschließend, ob sie sich eventuell um einen Arbeitsplatz bemühen darf. Darf sie. In vier Jahren wird möglicherweise eine geeignete Stelle frei. Das ist ja großartig. Zeit uns zu verabschieden. Das war herrlich sinnlos.
Weil der Spaßfaktor während des Gesprächs fast ins Unermessliche gestiegen ist, beschließen wir, dass wir ein zweites Interview führen. Wir fahren in einen anderen kleinen Ort und befragen dort in einem Seniorenwohnheim einen Mitarbeiter des sozialen Dienstes.
Abschließend ziehen wir folgendes Fazit. Die Aktion macht nur dann Sinn, wenn man einsam ist und mit Leuten sprechen möchte. Quereinsteiger haben nicht wirklich eine Chance auf einen Job im Seniorenwohnheim. Und wir haben unsere Zeit vergeudet und kamen uns dabei ziemlich bescheuert vor. Ein weiteres Mal brauchen wir den Quatsch definitiv nicht. Um 10.00 Uhr ist der Schultag für uns beendet.
Am Donnerstag wird unsere Gruppebermals vergrößert. Ein weiterer Mann und eine weitere Frau bereichern ab sofort diese lustig zusammengewürfelte Truppe. Der Mann ist gelernter Koch, hat einen Spitzbart, zurückgekämmte und mit Gel fixierte Haare und trägt Sachen, die ihm etwas zu groß sind. Vielleicht ist er auch nur zu klein für seine Sachen. Was auch immer der Grund ist, schön sieht das nicht aus. Die Frau ist 28 Jahre. Sie ist dünn, hat ein spitzes Kinn, eine große Nase und trägt eine Brille. Um das merkwürdige Gesamtbild abzurunden trägt sie eine etwas zu kurze Jeans mit einem roten Streifen auf jeder Seite. Ich dachte, solche Hosen werden seit Jahren nicht mehr hergestellt. Entweder habe ich mich geirrt oder sie hat die Hose aus ihrer Kindheit ins Erwachsenenleben mitgenommen. Zumindest weiß ich nun endlich, wer solche Hosen trägt. Unfassbar. Sie ist erotisch wie eine vertrocknete Erbse.
Der sprudelnde Sprachcomputer, der nur Müll produziert, ist entzückt, als sich die vertrocknete Erbse neben ihn setzt. Sofort schwallt er sie zu. Dazu hat er sein Dauergrinsen aufgesetzt und seine Brille abgenommen. Heute gibt er alles. Und es läuft ganz gut für ihn. Die Erbse springt scheinbar auf seine penetranten Balzversuche an. Pervers.
Neben mir sitzt die Architektin. Ihr Zahnproblem wurde gelöst indem ihr der Zahn gezogen wurde. Ich bin mir nicht sicher, aber es scheint als wäre der Mundgeruch dadurch auch zurückgegangen. Aber ich trau der Sache noch nicht. Positiv lässt sich anmerken, dass die Toilettenspülung wieder funktioniert und der bestialische Uringestank verschwunden ist. Jetzt macht der Toilettengang endlich wieder Spaß.
Bis 11.00 Uhr spielen wir wieder Telefonrollenspiele. Die Zeit bewegt sich im Zeitlupentempo. Ab 11.00 Uhr starten wir ein neues Thema. E-Mail-Bewerbungen. Die Zeit verlangsamt sich noch einmal. Gefühlte sechsundvierzig Stunden später ist es 12.30 Uhr. Mittagspause und Zeit in die VHS umzuziehen. Klaus und ich haben es tatsächlich geschafft bis zu diesem Zeitpunkt nicht ein Wort im Unterricht zu sagen. Nicht ein einziges Wort. Unglaublich.
In der VHS besprechen wir zunächst kurz die gestrigen Tagesausflüge. Die Frage, ob ich auch etwas dazu sagen möchte, beantworte ich mit „Nein. Danke.“ Was soll ich auch sonst sagen? Danach müssen wir wieder einen Erlebnisbericht schreiben. Leider brauchen einige dafür etwas länger, weshalb Klaus zu mir sagt „Du solltest denen mal erklären, wie man so schnell wird wie Du“ und dabei in Richtung der langsamen Gruppe deutet. „Du meinst die Gruppe der Lernbehinderten?“, frage ich. Dozentin 2 schaut mich etwas irritiert an. Da muss sie jetzt durch. Wenig später müssen die Erlebnisberichte in Dreiergruppen ausgewertet werden. Klaus und ich bekommen den Kasachen zugelost. Und ab sofort darf gelacht werden. Der Kasache ist echt genial. Er versteht kaum, was um ihn herum passiert, aber er hat einen Mordsspaß. Und weil er ständig lacht, lachen wir auch ständig. Wir sind völlig außer Rand und Band. Weil ich ein netter Mensch bin erkläre und buchstabiere ich dem Kaschen das Wort ‚lernfähig‘, welches er vorher wohl noch nie gehört hat. Beim letzten Buchstaben bekommt er Schwierigkeiten. Was er auch versucht, das g ist eine zu hohe Hürde für ihn. „Das G ist nicht so Dein Ding, was?“ Kaum habe ich es ausgesprochen fängt Klaus an zu lachen. Und obwohl er es nicht versteht, lacht der Kasache mit. Jetzt muss auch ich lachen. Das ist doch nicht normal. Nachdem wir uns wieder beruhigt und dem Kasachen ein paar Dinge erklärt haben, kommt Dozentin 2 an unseren Tisch. „Eigentlich wollte ich heute noch etwas anderes mit Ihnen machen. Aber die Gruppe da hinten braucht noch etwas Zeit. Deshalb können Sie schon jetzt nach Hause gehen.“ Ich schaue zu der Gruppe und kann mir einen Kommentar nicht verkneifen. „Ach, die Lernbehinderten da hinten.“ – „Ja. Haben Sie ein Problem damit?“ – „Ja. Es deprimiert mich.“ – „Ehrlich?“ – „Nein.“ Sichtbar erleichtert erzählt Dozentin 2 nun von einer anderen Gruppe in der einige Teilnehmer wohl davon deprimiert wurden, dass sie in einer Gruppe mit weniger intelligenten Teilnehmern arbeiten mussten.“ Eine sehr traurige Geschichte, die mich allerdings nicht interessiert, weshalb ich meine Sachen packe und mich auf den Weg nach Hause mache.
Als ich am Freitag an der Schule ankomme ist das Gebäude nicht beleuchtet und schnell stellt sich heraus, dass es noch verschlossen ist. Einige Teilnehmer und der Dozent stehen frierend davor. Noch bevor ich irgendwelche Fragen stellen kann, werde ich darauf hingewiesen, dass wir keinen Zutritt zu dem Gebäude haben und deshalb ins Gebäude der VHS umziehen. Dort empfängt mich Dozentin 2 und weist darauf hin, dass in der Aula kein Platz für uns ist. Wieder einmal erweist sich die Maßnahme als perfekt organisiert und durchgeplant. Letztlich werden wir in einen Kellerraum der VHS weitergeleitet. Logischerweise ist dieser nicht beheizt. Doch es kommt noch besser. Ich habe das Vergnügen neben dem Kasachen zu sitzen. Und so wird meine Nase mit leicht muffigen Gerüchen, die der Kleidung des Kasachen entweichen, umschmeichelt. Das muss ein Alptraum sein. Weil niemand mit dem Unterrichtsthema ‚Tagesimpuls‘ etwas anfangen kann, wiederholen wir einfach den aufregenden Unterricht vom Vortag. Und so hält der Dozent den Vortrag über Online-Bewerbungen einfach erneut. Passend dazu bewegt sich der Uhrzeiger in Zeitlupe. Als der Dozent feststellt, dass wir das alles gestern schon gemacht haben, sieht er trotzdem keinen Grund damit aufzuhören. Warum auch? Macht schließlich einen Mordsspaß.
Um 08.34 Uhr erscheint die Dozentin und wir ändern das Thema. Der Tagesimpuls wird hervorgeholt und wir reden plötzlich über öffentliche Verkehrsmittel und unsere Erfahrungen damit. Da kann und will ich nicht mitreden. Erstaunlicherweise ist die Hälfte der Klasse nun mit vollem Einsatz dabei und so entsteht eine rege Diskussion. Ich bin schockiert und meine Füße werden trotz zwei Paar Socken immer kälter. Hört der Wahnsinn denn nie auf? Die Scheiben des Unterrichtsraums beschlagen immer mehr, während der Dozent uns die Vorteile von Bus und Bahn gegenüber dem PKW erklärt. Ich habe einen Mercedes. Was interessieren mich Bus und Bahn? Während der Dozent weiterredet versuche ich mit der Kraft meiner Gedanken die dicke, rothaarige Frau platzen zu lassen. Leider gelingt mir das nicht und so müssen wir warten bis sie irgendwann von alleine platzt. Das war es dann auch zum Thema Tagesimpuls.
Spontan geht es zurück in unser versifftes Schulgebäude. Dort angekommen weist die Dozentin mich darauf hin, dass ich die Heizung nicht wieder höher drehen soll, weil es warm genug ist und alle von der Wärme so müde werden. Ich weise sie darauf hin, dass es nicht die Wärme ist, die uns müde werden lässt. Dieser Einwand gefällt ihr, wie sollte es auch anders sein, nicht. Sie mag es wohl nicht, wenn der hochwertige Unterricht kritisiert wird. An alter Wirkungsstätte sitzt die Architektin wieder neben mir und ich muss feststellen, dass es nicht wirklich etwas gebracht hat, dass ihr ein Zahn gezogen wurde. Sie riecht wieder wie zu besten Zeiten.
Als nächstes bekomme ich einen 2GB USB-Stick ausgehändigt. Dieser wird zu Unterrichtsbeginn ausgeteilt und am Ende eines jeden Tages wieder eingesammelt. Und so liegt ‚mein‘ USB-Stick den ganzen Unterrichtstag lang vor mir auf dem Tisch. Der Sinn dieser Aktion bleibt mir leider verborgen.
Das Unterrichtsthema ist jetzt ‚Hunger‘. Dazu halten nun einige Teilnehmer Referate. Der sprudelnde Sprechhaufen beginnt und hält einen Vortrag über Bio-Lebensmittel. Und ich habe das Gefühl hier zu einem Bio-Bauern ausgebildet zu werden. Weitere Referate folgen. Sie behandeln folgende Themen: Nahrungsergänzungsmittel, Chemie in Lebensmitteln und Ausgewogene Ernährung. Die Referate und die folgenden Diskussionen dazu, nehme ich nur entfernt wahr. Gedanklich reise ich auf einem fliegenden Teppich über Obstfelder und pflücke hier und dort einen garantiert naturbelassenen Apfel. Plötzlich passiert etwas Unerwartetes. Der Dozent hat meinen Lebenslauf überarbeitet und eine Bewerbung für mich geschrieben. Der neue Lebenslauf ist wirklich gelungen. Das Anschreiben auch. Warum ich mich jetzt allerdings in Arnsberg bewerben soll, verstehe ich nicht so ganz. Das ist etwas zu weit weg. Doch ich will nicht meckern. Für einen so schönen Lebenslauf und ein so gelungenes Anschreiben, kann ich mich auch mal in Arnsberg bewerben. Bevor ich euphorisch werde, beginnen wir mit dem letzten Unterrichtsteil. Wir sollen in neunzig Minuten den Wochenplan einer alleinerziehenden Mutter erstellen. Dreißig Minuten später bin ich fertig und darf eine Stunde einfach nur so dasitzen und meine Mitschüler beobachten. Ich beobachte wie der sprechende Sprudelkopf die vertrocknete Erbse angräbt und sie ganz verzückt darauf reagiert. Die beiden sind ein echtes Traumpaar. Er sollte nicht zu lange zögern, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwo auf der Welt noch eine Frau gibt, die seine flachen Witze und Erzählungen ohne Pointe so toll findet wie die Erbse.
Der hoffnungsvolle Typ mit dem offfenen Mund heißt ab heute „Synapsen Joe“, weil er immer so spontan und unfassbar drauf los spricht oder schreit, wenn irgendwelche Kurzschlüsse in seinem Gehirn stattfinden. Man zuckt regelmäßig zusammen, wenn er loslegt. Und obwohl er so laut spricht oder schreit ist er nur sehr schwer zu verstehen, was an seiner furchtbaren Stimme und seinem schlechten Deutsch liegt. Was haben die uns nur für Chaoten in diesen Kurs gesteckt?
Fünfte Woche
Montag. Es fehlen Sunny, die Astrologin und der Spitzbart. Ich beneide sie um jeden Tag, den sie nicht hier sein müssen. Das Thema des Tages ist „Selbständig(keit)“. Klingt langweilig und ist es auch. Zur Belohnung bekommen wir wieder Zuwachs. Eine weitere Teilnehmerin wird uns von der ARGE geschenkt. Die können sie echt nicht alle haben bei der ARGE. Die neue Teilnehmerin ist blond und hat eine ansprechende Figur. Nur schade, dass ihre beste Zeit seit zwanzig Jahren vorüber ist. Somit ist sie uninteressant für mich. Wer mich etwas irritiert ist die Architektin. Entweder hat sich ihr Bauchumfang am Wochenende spontan verdoppelt oder ich habe vorher einfach übersehen, was für einen Kugelbauch sie vor sich her trägt. Sie sieht aus wie kurz vor der Entbindung. Sehr merkwürdig.
Um 09.15 Uhr gibt es in der Küche der VHS Frühstück für uns. Als Entschädigung für die ersten Tage ohne Heizung und eine willkommene Abwechslung vom langweiligen Unterricht. Die Tischgespräche sind allerdings furchtbar. Es geht um Selbstmord, Versagen und andere deprimierende Themen. Kein Grund sich an irgendwelchen Tischgesprächen zu beteiligen. Wobei ich zugeben muss, dass ich auch bei anderen Themen nicht mitdiskutiert hätte. Es gibt schließlich für alles seine Grenzen. Etwa eineinhalb Stunden später sitzen wir wieder in unserem übel riechenden Klassenraum. Ein faulig-süßer Duft umschmeichelt unsere Nasen und erfüllt uns mit Ekel. Vermutlich ist das genau der richtige Raum für Arbeitslose wie uns.
Am Nachmittag geht es erneut rüber zur VHS. Weil wir etwas früh dran sind und Dozentin 2 noch nicht beginnt, dürfen wir eine weitere großartige Show der durchgeknallten Sprechblase bewundern. Zunächst zitiert er vollkommen losgelöst von jeglichem Verstand irgendwelche Filmzitate oder spricht ganze Passagen aus verschiedenen Filmen nach. Das ganze versetzt ihn dermaßen in Verzückung, dass er lachen muss. Als er merkt, dass sein Publikum, also wir, nicht wirklich auf ihn achtet, macht er das, was er in solchen Situationen stets zu tun pflegt. Er steht auf, stellt sich in die Mitte unseres Stuhlkreises und zündet die nächste Stufe des Sprechblasenwahnsinns. Er zitiert etwas, dann fängt er an zu singen. Die anderen Teilnehmer schauen weg oder schütteln den Kopf, was ihn nur noch mehr motiviert. So hebt er die Stimme, trällert wie ein schwer Gestörter und gibt danach wieder irgendwelche Geschichten, die selbst er wohl kaum versteht, zum Besten. Keine Ahnung, wovon er redet oder was er singt. Vermutlich kann niemand, nicht mal er, seinen Ausführungen folgen. Und außer ihm will das vermutlich auch niemand. Er schaut halb vergnügt, halb verwirrt, aber insgesamt doch recht sparsam auf sein Publikum und gibt dann endlich auf. Eine weitere Sprechblasenshow ist vorüber. Der Applaus bleibt aus und der L/WP-Schwachsinn beginnt. Zunächst wiederholen wir die „Ätzend“ Liste und schreiben auf, was an einem Chef ätzend sein kann. Mein Einwand, dass wir das alles schon einmal gemacht haben, wird zur Kenntnis genommen. Die Wiederholung erklärt Dozentin 2 damit, dass mittlerweile so viele neue in der Gruppe sind und es deshalb notwendig ist es zu wiederholen. „Und wenn in zwei Wochen wieder ganz viele Neue dabei sind, wiederholen wir es nochmal?“, frage ich sie. Sie verneint. Doch davon wird es auch nicht besser. Und so darf zuerst Synapsen Joe seinen Text vortragen. Natürlich muss er dazu aufstehen. „Mein Name ist Synapsen Joe. Ich finde es ätzend wenn mein Chef cholerisch ist.“ Es folgt Mr. Bean. Er steht auf und legt los. „Ich heiße Mr. Bean. Synapsen Joe findet es ätzend, wenn sein Chef cholerisch ist. Ich finde es ätzend, wenn mein Chef unehrlich ist.“ So geht es einmal rum. Beim Kasachen gibt es eine kurze Unterbrechung, weil er mal wieder nichts versteht, aber freundlich lacht. Nach einer kurzen Erklärung, die er auch nicht versteht, geht es ohne ihn weiter. Allerdings steht jetzt niemand mehr auf. Die Blonde mit dem Oberlippenflaum findet es übrigens ätzend, wenn ihr Chef inkonsequent ist. „Inkontinent?“, frage ich. „Ja, das auch.“ Und so endet unsere lustige Kinderrunde vergnügt und völlig ohne Sinn. Was uns das auf dem Weg zur Selbstvermittlung bringt, bleibt uns auch weiter verborgen. Zum Abschluss des Tages schreiben wir einen weiteren Erlebnisbericht, den wir anschließend von unseren Mitschülern auswerten lassen. Man könnte fast darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre.
Der Dienstag beginnt mit einer Gruppendiskussion ohne Dozenten. Das Ergebnis unserer Diskussion ist, dass wir alle kein L/WP mehr wollen und erst Recht keine Aktivtage. Meine Frage, ob wir uns alle wirklich einig sind, wird bejaht. Und so teilen wir unsere Meinung dem Dozenten und der Dozentin mit. Sie sind etwas ratlos und sagen uns, dass die ARGE L/WP vorgegeben hat und es deshalb keine Möglichkeit gibt es vom Unterrichtsplan zu nehmen. Mir ist es egal, was die ARGE will.
Nach der ersten Pause schlagen ein paar Teilnehmer vor den Aktivtag zu nutzen, um zur Zeitung zu gehen und dort von dem Kurs, den unmöglichen Zuständen und der Steuergeldverschwendung zu erzählen. Ich finde die Idee hervorragend. Doch die Teilnehmerinnen, die am lautesten protestiert haben und auf keinen Fall mehr L/WP machen wollten, sind längst eingeknickt und haben, nachdem die Dozenten gesagt hatten, dass die ARGE sicher nicht vom L/WP abweichen wird, beschlossen weiter am Unterricht teilzunehmen, weil es nur noch fünf Wochen sind. Bis dahin wollen sie sich unauffällig verhalten und so tun als würden sie aktiv mitmachen. Das finde ich sehr Interessant, weil diese Dumpfbacken gestern, als ich eben dies vorgeschlagen habe, völlig entsetzt waren und meinten, dass sie keine Lust haben so zu tun als würden sie mitmachen und das auf jeden Fall etwas passieren muss. Ich glaube, die sind verwirrt. Oder haben ihre Tage. Oder beides.
Die vertrocknete Erbse scheint kurzzeitig von der sprudelnden Sprechblase genervt zu sein. Ob sie doch nicht so verrückt ist, wie ich es befürchtete habe? Die Neue, Blondie, hält mich für aggressiv und schaut immer wieder skeptisch über ihre Lesebrille hinweg zu mir herüber, um zu sehen, was ich mache. Meistens einschlafen. Im Klassenraum ist es wieder mal bitter kalt. Viele frieren, doch keiner sagt etwas. Ich ziehe, wie viele andere, eine Jacke an. Das kann es echt nicht sein. Die Scheiben sind beschlagen und in der Pause stelle ich fest, dass die Heizungen nur auf drei stehen und nicht wirklich warm sind. Ich drehe alle Heizungen höher. Wirklich warm wird mir deshalb nicht. Wenig später ist die Dozentin der Meinung, dass es zu warm ist und dreht wieder alle Heizungen runter. Diese ganze Maßnahme ist eine einzige Zumutung. Da ich so viel Schwachsinn nicht länger ertrage und mein Auto in die Werkstatt muss, beende ich den Tag um 14.30 Uhr.
Am Aktivtag bin ich sehr aktiv. Ich beantrage einen neuen Personalausweis, putze die Wohnung inkl. 2 Fenster, gehe einkaufen und zum Training. Ich bin sehr zufrieden mit mir.
Am Donnerstag wird uns mitgeteilt, dass Sunny einen Job als Immobilienmaklerin bekommen hat. Vermutlich wird das jetzt sofort irgendwo als Vermittlungserfolg verbucht. Wenig später meldet sich der Kasache krank. Die Hübsche ist ebenfalls abwesend. Nur ich Trottel sitze hier und erfreue mich an dem Geruch und der Kälte in diesem Gemäuer. Ich muss echt bekloppt sein.
Den Vormittag verbringen wir mit lustigen Rollenspielen. Wir spielen Vorstellungsgespräche nach oder vor. Das macht zwar keinen Spaß, verhindert aber, dass ich einschlafe. Als Gerd Baltus an der Reihe ist wird es lustig. Er spielt den Arbeitgeber und interpretiert seine Rolle so: „Ich muss meine Opfer richtig demolieren.“ Mit Opfer meint er die Architektin, die die Rolle der Arbeitssuchenden spielt. Gerd Baltus ist eindeutig witziger als Mario Barth. Und er kann nicht einmal etwas dafür.
Wegen der angenehmen Temperaturen sitzt die Lesbe, die in Wahrheit keine Lesbe ist, direkt vor der Heizung. Wenige Meter weiter kämpft die Unsichere mit der zweiten Erkältung, die sie während der Maßnahme bekommen hat. Ob es da einen Zusammenhang gibt?
Am Nachmittag gibt es L/WP. Da wir alle noch immer nicht wissen, was das alles soll und was es uns bringt, stehen heute Einzelgespräche auf dem Programm. Nach dem Gespräch darf jeder nach Hause. Dazu warten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf dem gut gekühlten Flur der VHS. Damit es keine Unstimmigkeiten wegen der Reihenfolge gibt, ziehen wir Zetteln mit Nummern drauf. Ich bekomme die Nummer 9 von 13. Weil die Gespräche bis zu vierzig Minuten dauern verbringe ich 140 Minuten wartend auf dem gut gekühlten Flur. Dann bin ich endlich an der Reihe. Das Gespräch verläuft sehr merkwürdig. Ich werde dafür gelobt, dass ich trotz meiner großen Skepsis und meiner mangelnden Begeisterung für L/WP so aktiv mitmache. Versteh ich nicht, aber gut. Dann wird meine Zusammenarbeit mit der Unsicheren angesprochen. Dozentin 2 ist total überrascht, dass ich mit der Unsicheren zusammen arbeite und erklärt mir, wie gut es der Unsicheren tut, dass ich sie so tatkräftig unterstütze. Dazu kann ich ja so gar nichts sagen. Als wäre es noch nicht genug, schlägt mir die Dozentin 2 nun vor beruflich irgendwas in diese Richtung zu machen. Zum Beispiel etwas mit Kindern. Trotz meiner Verwirrung schaffe ich es, ihr mitzuteilen, dass ich auf keinen Fall etwas mit Kindern machen will. Ich habe schließlich keine Ahnung von diesen kleinen und unberechenbaren Lebewesen. Bevor die Gehirnwäsche weitergeht und ich anfange diese positiven Dinge zu glauben, ist es Zeit das Gespräch zu beenden und mich auf den Weg nach Hause zu machen.
Freitag ist EDV-Tag. Das bedeutet, dass wir in den EDV-Raum mit den Heizungsattrappen umziehen müssen. Wie soll man sich da wohlfühlen? Als erstes machen wir einen IT-Test. Die Zeit dafür beträgt eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde, die der Dozent dazu nutzt, um uns zu verlassen. Der Sinn dieser Testaktion bleibt mir leider verborgen. Später suchen wir nach Stellenangeboten und schreiben Bewerbungen. Ich bewerbe mich bei KODi als Verkäufer. Und weil ich gerade in Stimmung bin noch irgendwo als Empfangsmitarbeiter und als Schulbusbegleiter für den Transport von Behinderten. Langsam macht die Maßnahme auch für mich Sinn und ich denke, dass ich schon bald kein Arbeitsloser mehr bin. Ich könnte vor Freude durchs Klassenzimmer hüpfen, entscheide mich aber dann doch meine fast grenzenlose Freude zu unterdrücken.
Um 13.00 Uhr wechseln wir zurück in unseren müffelnden Unterrichtsraum. Das Thema ist Mobbing. Sehr langweilig, sehr überflüssig und sehr ermüdend. Nach einer Stunde machen wir deshalb etwas ganz anderes. Wir spielen ein merkwürdiges Spiel. Dazu wird jedem ein Zettel vor den Tisch geklebt auf dem steht, welche Rolle er spielt, z.B. Chef, Pedant, Vorstandsvorsitzender , Schleimer, Azubi, usw. So weiß jeder, was die anderen für eine Rolle spielen, aber nicht, was für eine Rolle man selber spielt. Mir erscheint das alles ziemlich nutzlos. Nun wird die Aufgabe, welche die Gruppe zu erledigen hat genannt. Es geht irgendwie um Integration und eine Veranstaltung. Richtig folgen kann ich weder dem Thema noch dem Rollenspiel. Und so wirklich scheint keiner zu verstehen, was die Dozenten von uns wollen. Dennoch hat vor allem die Dozentin viel Spaß. Irgendwas stimmt ganz sicher nicht mit ihr. Nach dem Spiel besprechen wir es noch kurz. Ich verstehe noch immer nicht, was das soll und was das Ziel dieser Spielerei ist. Vermutlich bin ich einfach noch nicht so weit, solche Dinge zu verstehen.
Sechste Woche
Nachdem ich am Wochenende leicht erkältet war und es irgendwie noch immer bin, macht es doppelt Spaß in den gut gekühlten Unterrichtsraum zurück zu kommen. Die Gruppe ich heute etwas kleiner, weil die alte Frau, der Autist und Mr. Bean diese Woche in Unna verbringen, um dort auf ihre Bürotauglichkeit getestet zu werden. Die Unsichere, der sprudelnde Sprechbrunnen und Gerd Baltus scheinen krank zu sein. Zumindest sind sie heute nicht da. Wir beginnen mit einer Diskussion über das Rollenspiel vom Freitag. Der Dozent ist etwas enttäuscht und fragt, warum es so schlecht lief. Ich sage ihm, dass ich es vollkommen albern fand und es nicht ernst nehmen kann, wenn so etwas gemacht wird. Den Rest der Diskussion lasse ich an mir vorüber ziehen. Anschließend werden unsere Pläne und Wünsche für die nächsten vier Wochen abgefragt. Niemand scheint einen Plan oder Wünsche zu haben. So werden wir vermutlich wie gewohnt weiter machen. Der Unterrichtsraum ist kälter als je zuvor. Fast alle haben ihre Jacken an, ihren Schal umgelegt und leiden still vor sich hin. Zwei der vier Heizungen sind leider ausgefallen. Mir ist das alles zu doof, ich will hier nicht mehr leiden. Und so verlasse ich den Unterricht um 09.30 Uhr mit dem Hinweis darauf, dass ich erkältet bin und es hier viel zu kalt ist. „Dann brauchen Sie eine AU, die sie im Büro abgeben.“ Sollen sie haben.
Am Nachmittag erzähle ich meinem Arzt von meiner Erkältung, dem kalten Klassenraum und dass ich da nicht mehr hin kann. Er hat vollstes Verständnis für mich und schreibt mich eine Woche krank. Schade finde ich nur, dass ich in dieser Woche deshalb auf die 16€ Fahrgeld verzichten muss. Verdammte Drecksmaßnahme.
Siebte Woche
Der Montag startet mit L/WP. Für Dozentin 2, die Urlaub hat, springt Dozentin 3 ein. Sie ist Sozialpädagogin und macht ebenso wie Dozentin 2 derzeit ihre Ausbildung zur L/WP Trainerin oder Ausbilderin oder was auch immer. Zunächst fragt sie, ob wir uns siezen oder duzen sollen. Alle Teilnehmer sagen, dass es ihnen egal ist. Da es egal nicht gibt, fragt Dozentin 3 erneut, was wir bevorzugen. Wieder ist es allen egal. Weil wir so nicht weiterkommen, entscheide ich. „Bleiben wie beim Sie, um eine gewisse Distanz zu wahren.“ Für einen Augenblick scheint sie überrascht. Damit hat sie wohl eher nicht gerechnet. Aber so kommt sie wenigstens nicht auf die Idee eine von uns zu sein. Ich bin für klare Grenzen. Bevor es losgeht stellt sie noch folgendes klar: „Humoristische Fähigkeiten gehören nicht zu meinen Eigenschaften.“ Wieso ich nicht wirklich über diese Aussage überrascht bin, kann ich spontan gar nicht sagen. Leider schafft sie es nicht wirklich ein Gespräch mit uns zu führen. Außer der alten Frau, Gerd Baltus, Klaus und mir redet keiner mit ihr. Was auch immer sie fragt, die Teilnehmer starren vor sich hin und bleiben die Antwort schuldig. Das liegt aber nicht unbedingt an Dozentin 3, sondern an L/WP. Die Abneigung gegen dieses Thema ist in der Woche meiner Abwesenheit unglaublich gestiegen. Passend zu dem frostigen Klima in der Gruppe ist die Temperatur in der Aula. Meine Beine sind abgefroren vor Kälte und ich fürchte, dass ich, wenn ich versuche aufzustehen, direkt wieder hinfalle, weil meine Beine dann wegen der Kälte sofort zerbrechen. Weil die Dozentin es auch kalt findet, stellt sie uns eine wirklich intelligente Frage. „Was sollen wir machen? Jacken anziehen?“ Würde ich ja gerne, geht aber nicht, da ich meine Jacke schon anhabe. Und so machen wir nichts und frieren weiter bis zum bitteren Ende.
Um 13.00 Uhr geht es zurück in unseren müffelnden Klassenraum. Dieser ist mäßig warm, dafür steht die Tür auf. Noch bevor ich nachfragen kann, bekomme ich die Erklärung geliefert. Die Tür steht auf, weil das Licht ausgefallen ist und der schmale Treppenaufstieg unbeleuchtet ein zu hohes Unfallrisiko darstellt. Dafür ziehen nun Kälte und Gestank vom Flur in den Klassenraum. Da das Licht nicht repariert werden kann, weil niemand weiß, wo sich der Sicherungskasten befindet, ziehen wir um in den unbeheizten EDV-Raum. Wir nehmen zwei kleine Lüfter mit, die den Raum, laut Aussage der Dozentin in kürzester Zeit ausreichend erwärmen. Ich frage mich, was für Drogen die Dozentin nimmt oder unter was für Wahnvorstellungen sie wohl leidet. Mit jedem Tag wird diese Maßnahme unglaublicher. Natürlich schaffen die zwei Lüfter es nicht den Raum wirklich aufzuheizen und so bleiben die Füße kalt, die Jacke an und der Schal um. Da die Hälfte der PCs heute nicht ins Internet kommt, dürfen heute zwei Personen an einem PC arbeiten. Hat den Vorteil, dass man sich so gegenseitig wärmen kann. Ich verzichte aufs Internet und aufs gegenseitige wärmen und wandere stattdessen durch den Klassenraum, um nicht zu erfrieren.
Kurze Zeit später bittet die Dozentin mich zum Einzelgespräch. Das Gespräch nutze ich, um darauf hinzuweisen, dass ich noch nie eine derart üble und unorganisierte Maßnahme machen musste und weise erneut darauf hin, dass neun Wochen viel zu lang sind und es so gar nichts bringt. Die Dozentin erklärt mir daraufhin, dass die Maßnahme sehr wohl für einige Teilnehmer etwas gebracht hat und einige Teilnehmer sich prima weiterentwickelt haben. Ich sage ihr, dass ich davon nichts mitbekommen habe, mag aber nicht anzweifeln, dass es so ist, weil ich es ja eben nicht weiß. Mir hat jedenfalls niemand gesagt, dass es ihn weitergebracht hat. Als nächstes kommen wir zum Hauptgrund meines Einzelgesprächs. Meine berufliche Zukunft. Meinen Plan, einen 400€ Hilfsjob anzunehmen, findet sie nicht gut. Stattdessen einigen wir uns darauf, dass ich eine Coaching Ausbildung machen soll, um später mit Erwachsenen zu arbeiten. Allerdings sind diese Ausbildungen teuer und müssen selber bezahlt werden. Damit kommt eine solche Ausbildung für mich nicht in Frage. Dennoch muss ich eine Zielvereinbarung für die nächsten zwei Wochen unterschreiben. Und so verpflichte ich mich, mich über eine Coaching-Ausbildung zu informieren und auch weiter Bewerbungen zu schreiben. Ich unterschreibe die Vereinbarung und ein durch und durch furchtbarer Tag geht zu Ende.
Da das Licht auch am Dienstag noch nicht funktioniert, werden wir in einem anderen unbeheizten Raum untergebracht. Sofort schalte ich die beiden kleinen Heizlüfter ein und nehme einen Sitzplatz direkt neben einem der Heizlüfter ein. Heute werde ich keine kalten Füße bekommen. Doch kaum erfreue ich mich an der Situation wird uns mitgeteilt, dass wir zurück in unseren müffelnden Klassenraum können, weil dort das Licht wieder funktioniert. Der Klassenraum hat zwar Licht, aber die vier Heizungen sind nur auf einer Seite warm. Vermutlich sind sie voller Luft, aber das scheint niemanden zu stören. So machen wir zwei kleine Heizlüfter an und glauben, dass uns davon warm wird. Wird es natürlich nicht und die Scheiben beschlagen langsam. Was für eine Bruchbude. Zumindest sitze ich neben der Hübschen. Sie friert auch fürchterlich und so sage ich, natürlich nicht uneigennützig, zu ihr, dass ich einen weiteren Lüfter besorge. Ich glaube, das findet sie gut. Der Heizlüfter sorgt allerdings auch nicht wirklich für Wärme, was mich natürlich deprimiert. Gegen meine Depressionen bekomme ich ein Bonbon von der Hübschen. Läuft richtig gut heute. Sieht ganz danach aus als würden wir uns endlich näher kommen.
Die Architektin scheint heute auch etwas verwirrt zu sein. Fragt sie mich doch, ob ich sie und die Unsichere nach der Maßnahme näher kennenlernen will. „Hm?“ – „Willst Du uns nach der Maßnahme denn noch näher kennenlernen?“ – „Nein. Das reicht mir hier mit dem kennenlernen.“ Manchmal könnte ich mich direkt für meine offene und direkte Art lieben. Warum kann ich nicht immer so sein? Thema des Unterrichts ist das Kommunikationsquadrat. Da kann man herrlich drüber diskutieren.
Um 11.08 Uhr bin ich dermaßen durchgefroren, dass es mir reicht. Da meiner Aufforderung, dass die Heizungen entlüftet werden müssen, nicht nachgekommen wurde, organisiere ich mir diesen Schlüssel zum entlüften der Heizungen und entlüfte selbst. Wenige Minuten später wird es spürbar wärmer. Das scheint Synapsen Joe nicht zu gefallen, weshalb er ein Fenster kippt, um die alte Kälte wiederherzustellen. Ein offenes Fenster kommt bei der Rothaarigen nicht gut an, weshalb sie es wieder schließt. Ich glaube Synapsen Joe hat seine Tabletten nicht genommen, denn in der Pause dreht er alle Heizungen runter. Dass es einfacher wäre seinen Schal und seine Trainingsjacke abzulegen scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen. Ich glaube, dass er etwas durcheinander ist und drehe die Heizungen auf meiner Seite wieder auf.
Kurz vor Ende der Pause, hat die Dozentin plötzlich etwas zu tun. Sie will testen, ob ihr Auto, das sie gestern wegen des Schnees vor der Schule stehen ließ, um mit dem Zug zurück nach Münster zu fahren, noch funktioniert. Also geht sie raus, befreit ihr Auto von Schnee und Eis, setzt sich rein und startet den Motor. Weil ihr das nicht genügend Sicherheit gibt, legt sie den Rückwärtsgang ein und fährt zwei bis drei Meter. Dann legt sie den Vorwärtsgang ein und fährt wieder zurück in die ursprüngliche Parkposition. Sie steigt aus und ist glücklich, dass ihr Auto noch funktioniert. Es ist schon erstaunlich, wie merkwürdig manche Leute so drauf sind. Und ich frage mich abermals, was mit der Dozentin nicht stimmt.
Dafür ist heute mein Tag des Lächelns. Ich lächle abwechselnd die Architektin, die Blonde mit dem Oberlippenflaum und die Hübsche an. Außerdem kommuniziere ich recht viel mit der Hübschen, die irgendwann fragt, wie alt ich bin. Ob diese Frage bedeutet, dass sie Interesse an mir hat? Mein Alter verrate ich ihr trotzdem nicht. Während des Unterrichts sehe ich dabei zu, wie die Scheiben auf der gegenüberliegenden Seite wieder beschlagen. Die Frauen fangen an zu frieren und fordern mich in der nächsten Raucherpause auf, die Heizungen erneut zu entlüften, weil die ganz kalt sind. Ich zeige auf Synapsen Joe und sage, dass er vorhin alle Heizungen abgedreht hat. Synapsen Joe und Spitzbart spielen währenddessen auf der beschlagenen Scheibe Tic-Tac-Toe. Vielleicht sollten wir sie einschläfern lassen.
Die Pause verbringe ich mit der Architektin, der Unsicheren und der Hübschen. Ich fühle mich wie der Hahn im Schulkorb. Die Hübsche hat eine 12jährige Tochter und ist 29 Jahre. Als sie sagt, dass sie bald 30 wird und das nicht gut findet, sage ich ihr, dass Frauen ab 30 die interessantesten sind und ihre beste Zeit bald kommt. Ob sie sich jetzt freut bald 30 zu werden, weiß ich nicht.
Mittwoch ist Aktivtag und das bedeutet, dass wir frei haben, um Dinge zu tun, die getan werden müssen.
Am Donnerstag sind wir wieder in der VHS. Und zwar in der Küche. Den Unterricht leitet heute eine Ökotrophologin. Sie möchte, dass wir etwas backen. Aber ganz ohne Zucker und ganz gesund. Ich bin mehr als perplex als sie uns das mitteilt und kann gar nicht glauben, dass es ihr ernst ist. Doch es ist ihr ernst und wir bekommen drei Rezepte. Müsliriegel, Waffeln und Plätzchen.
Ich gehe als einziger Mann in die Frauengruppe, um Müsli zu backen. Erfreulicherweise ist die Küche der VHS gut geheizt und so ist heute der erste Tag an dem die Temperatur genau richtig ist. Was Backen allerdings mit Jobfindung zu tun hat, verstehe ich nicht. Nachdem wir unser Müsli hergestellt haben, können wir Pause machen. Allerdings im Vorraum der Küche. Dort ist es schön kalt. So wie wir es gewohnt sind.
Nach mehr als einer Stunde sind die anderen Gruppen auch fertig und wir können unsere Leckereien probieren. Die Müsliriegel schmecken nach Karton. Die Plätzchen sehen aus wie Frikadellen und ich finde sie so furchtbar, dass ich mein Plätzchen direkt nach dem Probieren in den Müll werfe. Zum Schluss gibt es die Vollkornwaffeln. Diese wurde mit Zitronenscheiben geschmacklich veredelt. Und sie sind unfassbar widerlich. Meine Waffel landet ebenfalls im Müll. Backen auf die gesunde Art und ohne Zucker ist Scheiße.
Nachdem alles gespült wurde, dürfen wir zurück in unsere Miefbude. Dort erwarten uns der Dozent, die Dozentin und all die üblen Gerüche, die uns schon fast ans Herz gewachsen sind. Auf dem Stundenplan steht Sport und Bewegung. Das bedeutet, dass wir über Sportarten reden und typische Männer- und Frauensportarten aufzählen. Während wir das tun frage ich mich, ob die ARGE weiß, was wir hier tun. Und wenn sie es weiß, dann wüsste ich gerne, wie sie diese Art der Steuergeldverschwendung rechtfertigt. Ob die Dozentin weiß, was wir hier tun, kann ich auch nicht einschätzen. Ich weiß nicht einmal, ob sie weiß, was sie hier tut. Sie ist auf jeden Fall voll bei der Sache und es scheint als würde wenigstens sie Spaß an dem Unsinn haben. Und wenn sie mal wieder unsicher ist, hält sie inne und fragt „Ist das so?“, starrt vor sich hin und man kann förmlich spüren, wie es in ihrem Hirn arbeitet. Manchmal, wenn sie besonders verwirrt ist, sagt sie „Nein. Ist das wirklich so?“, und ich frage mich was sich unter ihrer Kurzhaarfrisur wohl gerade abspielt. Ist sie wirklich so oder wurde ihr dieses Verhalten während ihrer Ausbildung zur Diplomsozialpädagogin antrainiert? Und weiß sie, warum sie so ist oder ist es ihr völlig egal? Da ich nie eine Antwort auf diese Fragen bekommen werde, freue ich mich auf 16.00 Uhr. Denn um 16.00 Uhr werden wir alle erlöst.
Am Freitag besuchen uns zwei Arbeitsvermittlerinnen, um uns irgendwas zu erzählen. Wirklich interessant finde ich weder die Vermittlerinnen noch deren Vortrag. Vielleicht würde ich für Geld mit einer der beiden schlafen. Ich bin mir aber nicht sicher. Außerdem hat der erste Satz der beiden sie sofort unsympathisch gemacht. „Hier ist es aber schön warm.“ Ja, genau. Und ihr habt einen an der Waffel.
Während des Vortrags kommuniziere ich nonverbal mit der Hübschen. Auch heute lächeln wir uns häufig an oder schütteln den Kopf, wenn uns der Blödsinn der beiden Vermittlerinnen dazu verleitet. Und je öfter wir das tun, desto interessanter finde ich sie. Zum Ende des Vortrags weisen die beiden Vermittlerinnen nochmal darauf hin, dass es bei uns so schön warm ist. Außerdem sagen sie, dass die Maßnahme ja schon ein Erfolg ist, weil nach Sunny nun auch die Lesbe, die keine ist, einen Job bekommen hat. Dabei ist das definitiv nur Zufall, aber das interessiert keinen. Die Maßnahme ist erfolgreich und wird vermutlich mit anderen Opfern, ich meine Arbeitslosen, eine Fortsetzung finden. Die beiden Vermittlerinnen sind jedenfalls glücklich und zufrieden. Jetzt würde ich nicht einmal mehr für Geld mit einer der beiden schlafen.
Als die beiden endlich weg sind, übernimmt der Dozent den Unterricht. Und ich glaube, dass ich mittlerweile sogar mit der Hübschen flirte. Sie bekommt das vermutlich nicht mit, aber ich denke, dass ich flirte. Warum sonst sollte ich sie ständig angrinsen und mit ihr reden? Und auch wenn ich es nicht zugeben mag, würde ich sie mir gerne mal gönnen. Je länger der Tag andauert, desto mehr Zweifel habe ich, dass sie nicht merkt, dass ich mir ihr flirte. Denn sie ist heute anders als sonst. Viel offener, viel aufmerksamer und viel interessanter. Sehr merkwürdig.
Als wir in den EDV-Raum wechseln setzt sie sich nicht, wie sonst immer in die letzte Reihe, sondern folgt mir in die dritte Reihe und fragt, wo wir uns hinsetzen. Ob sie mich vielleicht doch ein wenig interessant findet? Wenig später stelle ich ihr ein paar Fragen über ihr Leben und erfahre, dass sie weder eine Ausbildung noch einen Führerschein hat. Von Gerd Baltus, der unser Gespräch kurzzeitig stört, erfahre ich, dass sie einen Freund hat. Das finde ich irgendwie gut, denn so muss ich mir keine Gedanken machen, ob ich irgendwie bei ihr landen könnte. Nachdem Gerd Baltus uns nicht mehr stört, plaudern wir weiter. Für mich völlig unerwartet holt sie ihr Portemonnaie raus und zeigt mir ein Foto ihrer Tochter. Ich bin dermaßen irritiert, dass ich nur sagen kann, dass sie die gleichen Haare wie ihre Mutter hat. Darf man fremden Männern überhaupt solche privaten Fotos zeigen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich Lust habe sie zu vernaschen. Nur gut, dass in zwei Wochen alles vorbei ist. Aber schön, dass wir uns heute so gut verstanden haben.
Unterricht findet übrigens keiner im EDV-Raum statt, weil kaum ein PC ins Internet kommt und man mit den meisten PCs nicht drucken kann. Der ganze Unterricht bleibt weiter ein einziges Chaos.
Achte Woche
Der Montag findet im kleinen Kreis statt. Nur neun Teilnehmer haben den Weg in die Bauruine gefunden. Ich sitze neben der Hübschen, die auch heute wieder sehr kommunikativ ist und dafür sorgt, dass ich einen recht angenehmen Tag habe. Sie versorgt mich mit Bonbons und bietet mir sogar ein Stück ihrer frisch geschälten Mandarine an. Unsere Kommunikation ist recht vertraut und sie erzählt mir viel über sich. Ich erzähle wenig über mich. Ich hätte nie gedacht, dass wir zwei Mal so nett miteinander kommunizieren würden. Im Unterricht arbeiten wir auch zusammen. Sie muss Gründe gegen Britt – Der Talk um eins vortragen und ich muss Gründe dafür zusammentragen. Diese müssen wir dann in einem Rollenspiel der Klasse vortragen. Wie nah uns das an den Arbeitsmarkt heranbringt können wir noch gar nicht abschätzen. Wir vermuten, dass es uns direkt auf einen Arbeitsplatz katapultieren wird, wenn wir unsere Aufgabe gut meistern.
Nachdem alle ihre Rollenspiele gespielt haben, wird es Zeit in die VHS umzuziehen. Dort wartet Dozentin 2 mit L/WP auf uns. Und so füllen wir wieder einen Erlebnisbogen aus und zwei Ätzend-Berichte. Diesmal geht es um ätzende Kollegen und um ätzende Kunden. Auch dies bringt uns unglaublich weit nach vorne. Dank der netten Gesellschaft der Hübschen geht der Tag dennoch recht schnell vorbei.
Am Dienstag sind wir zunächst zwölf Teilnehmer. Neben mir sitzt die Architektin. Die Hübsche sitzt auf der anderen Seite des Klassenraums. Das kann kein guter Tag werden. Um einen leichten Einstieg in den Tag zu bekommen, liest uns der Dozent die Geschichte Ein Tisch ist ein Tisch von Peter Bichsel vor. Danach sollen wir die Geschichte aus unserer Erinnerung nachschreiben. Ich fasse die Geschichte in drei Sätzen zusammen und bin natürlich als erster fertig. Nachdem auch der letzte seine Geschichte zu Papier gebracht hat, diskutieren wir ein wenig über den alten Mann, um den sich die Geschichte dreht. Wozu wir das machen erfahren wir nicht. Bevor wir die nächste Aufgabe bekommen, erhält die Architektin einen Anruf. Ihr gestriges Vorstellungsgespräch irgendwo in Niedersachsen hat zum Erfolg geführt. Ab morgen muss sie dort arbeiten. So schnell kann es gehen. Nun sind schon drei Frauen nicht mehr arbeitslos. Die Maßnahme wird mehr und mehr zu einer Erfolgsgeschichte. Meine Hoffnung, dass sie die Hübsche nun auf den freien Platz neben mir setzt, bleibt unerfüllt. Dafür ist unsere nächste Aufgabe zum Thema Entscheidungsmanagement schön doof, weshalb ich sie auch nur halbherzig mache. Danach machen wir ein 9-Punkte-Spiel und zum Abschluss des Tages soll nochmal jeder ein Referat halten. Thema wie gestern. Und so darf ich erzählen, warum Britt - Der Talk um eins auf keinen Fall abgesetzt werden darf. Schön doof und herrlich sinnlos.
Da wir am Mittwoch wie immer frei haben, bleiben der Hübschen nur noch sechs Unterrichtstage mich mal einzuladen. Ob sie es schaffen wird?
Am Donnerstag bin ich dermaßen deprimiert, dass ich zu Hause bleibe.
Am Freitag sitzen wir den ganzen Tag im EDV-Raum und machen ein paar Exceltabellen. Alleine fürs eingeben der Daten brauchen wir mehrere Stunden. Über den Sinn dieser Aktion denke ich einfach nicht nach. Die Hübsche ist leider nicht da.
Neunte Woche
Der Beginn der letzten Woche bringt uns zum letzten Mal ganz weit nach vorne. Nachdem die Dozentin fragt, ob wir noch irgendwelche Wünsche für die Woche haben und auf ihre Frage keine Antwort bekommt, muss sie improvisieren, weil sie nichts vorbeireitet hat. Da es nicht das erste Mal ist, dass sie unvorbereitet ist, überrascht es mich nicht. Und so spielen wir Stille Post und fühlen uns ein wenig in den Kindergarten zurückversetzt. Die Dozentin hat dabei ihren Spaß. Es ist erstaunlich, dass jemand für so eine Leistung bezahlt wird. Andererseits würde ich ihren Job liebend gerne machen. Nach der äußerst unterhaltsamen und lehrreichen Stillen Post starten wir die nächste Spontanaktion. Sechs Teilnehmer gehen in den EDV-Raum, um dort Bewerbungen zu schreiben und sechs Teilnehmer bleiben in dem tollen Klassenraum zurück. Ich gehöre zu denen, die bleiben und erlebe einen weiteren Höhepunkt der Maßnahme. Dieser sieht vor, dass wir uns alle etwas vorlesen. Ich darf das Märchen von Hänsel und Gretel vorlesen. Um mir zu schmeicheln sagt man mir hinterher, dass ich eine gute Märchenvorlesestimme habe. Da werde ich mich am besten nach dem Kurs als Märchenvorleser bewerben. Die Blonde mit dem Oberlippenflaum verabschiedet sich gegen Mittag bis Freitag von uns. Sie kann den Rest der Woche leider nicht mehr kommen, weil sie sich einen kleinen Hund gekauft hat, der nicht so lange alleine bleiben kann. Unglaublich. Hätte ich gewusst, dass man so einfach aus dem Kurs rauskommt hätte ich mir auch einen Hund gekauft. Bei der nächsten Maßnahme ist das jedenfalls eine Option.
Am Nachmittag haben wir ein letztes Mal L/WP. Es ist ergiebig wie eh und je und gibt uns den entscheidenden Kick für eine großartige Zukunft. Zumindest sollte es so sein. Ist es aber nicht. Es ist lediglich der Tag, der uns von dieser Scheiße und Dozentin 2 erlöst. Wie sehr werde ich wohl ihre Türkisfarbene Jack Wolfskin Winterjacke, ihre bunt zusammengewürfelten Outfits und ihre fröhliche Naivität vermissen? Vermutlich gar nicht.
Am Dienstag bin ich etwas unpünktlich und erscheine erst gegen 09.00 Uhr im Unterricht. Schon im Flur höre ich Synapsen Joe. Er hat wohl gerade wieder einen Kurzschluss im Gehirn und hält einen Vortrag. Als ich den verfilzten Klassenraum betrete, erfahre ich, zu welchem Thema sich Synapsen Joe geäußert hat. Religion und das Leben nach dem Tod. Fassungslos setze ich mich auf meinen Platz und schweige. Bringt ja nichts. Wenig später stellt die Dozentin fest, dass der Tacker kaputt ist. Ich schlage daraufhin vor diesen wegzuwerfen, was die Dozentin aber ablehnt. Stattdessen versucht sie das Teil zu reparieren. Weil es nicht klappt, fordere ich sie erneut auf das Teil wegzuwerfen. Doch sie weigert sich. „Nein. Der hat gestern doch noch funktioniert.“ - „Und wenn jemand stirbt? Heben Sie den dann auch auf, weil er gestern noch gelebt hat?“ Nachdem alle genug gelacht haben, setzen wir den Unterricht, oder was auch immer wir hier tun, fort. Was die Dozentin neben ihrer Begeisterungsfähigkeit für Tacker und die Dinge, die wir im Unterricht so tun, ganz besonders auszeichnet sind ihre Lieblingsfragen, wenn irgendwer irgendetwas sagt oder es unter ihrer Kurzhaarfrisur zu arbeiten beginnt. „Ist das so?“ oder „Was machen wir denn da?“ Es ist unglaublich, wie sie diese simplen Sätze jedes Mal aufs Neue betont und welche Mimik sie dabei produziert. Sie wirkt dabei wie eine Parodie ihrer selbst. Und das täglich.
In der Mittagspause werde ich von Synapsen Joe angesprochen und bin etwas irritiert, fragt er mich doch ob ich Herr F. bin und gibt mir dann, nachdem ich bestätigt habe Herr F. zu sein, einen Teil der Zeitung vom Samstag. Genauer gesagt einen Teil der Stellenanzeigen und weist mich darauf hin, dass er eine Stellenanzeige für einen Automobilkaufmann gefunden hat und da ich ja ein solcher bin, hat er es extra für mich aufgehoben. Das ist jetzt echt zu viel für mich. Er nent mich Herr F. und möchte mir bei der Suche nach einem Job behilflich sein. Wortlos nehme ich die Stellenanzeige entgegen und muss mich erstmal sammeln. Nach dem sammeln, was etwa vier bis fünf Minuten dauert, lese ich mir die Stellenanzeige durch. Gesucht wird ein zertifizierter Automobilkaufmann. Das bin ich nicht. So bringe ich Synapen Joe seine Zeitung zurück, bedanke mich für sein Engegement und erkläre ihm, dass ich nicht zertifiziert bin und der Job deshalb nichts für mich ist. Danach muss ich über die ganze Freundlichkeit des Synapsen Joe nachdenken. Er scheint ein netter Kerl zu sein. Komisch.
Den Abschluss des Tages bildet ein abschließendes Gespräch mit der Dozentin. In diesem Gespräch erfahre ich, ob die Maßnahme für mich ein Erfolg oder Misserfolg war. Doch bevor es so weit ist, sagt die Dozentin mir, dass ich auf sie autistisch wirke. Ihre Vermutung ich könnte unter Autismus leiden, gefällt mir irgendwie. Und sie muss es wissen, denn sie ist nicht nur ausgebildete Diplom-Sozialpädagogin, sie hat auch schon ein Kind betreut, welches an Asperger-Autismus leidet. Meine Maßnahemziele habe ich jedenfalls erreicht und kann beruhigt durchatmen. Abschließend bekomme ich noch den Auftrag mich auch weiterhin zu bewerben. Ein positives Feedback zur Maßnahme, ein Auftrag und eine Diagnose. Das ist viel mehr als ich mir jemals erhofft habe. Das muss ich erst mal verarbeiten.
Am Mittwoch findet der letzte Aktivtag statt. Also darf ich zu Hause bleiben.
Am Donnerstag fahren wir zur DASA. Wozu wir diesen Ausflug machen ist schnell erklärt. Die beiden Hauptdozenten haben es in den letzten Wochen nicht auf die Reihe gekriegt den Papierkam zu erledigen, weshalb sie unseren Ausflug nutzen müssen, um das Versäumte nachholen. Insgesamt haben sie in den letzten Wochen nicht wirklich viel auf die Reihe gekriegt, was aber auch damit zusammenhängen kann, dass sie nach dem Kurs wieder arbeitslos sind. Und das trägt möglicherweise nicht unbedingt zur Motivation bei.
Um 08.31 Uhr soll unser Zug Richtung Dortmund fahren. Um 08.00 Uhr treffen wir uns am Bahnhof. Die Dozentin hat noch keine Fahrkarten besorgt und scheinbar auch keine Ahnung wie das geht. Trotzdem macht sie sich zuversichtlich an die Arbeit. Um 08.20 Uhr sehen wir sie telefonierend an uns vorbeilaufen. Wenige Momente später läuft sie erneut telefonierend ans uns vorbei. Diesmal in die andere Richtung. Ich vermute, dass sie ihren Telefonjoker angerufen hat, weil sie nicht in der Lage ist die Karten für uns zu besorgen.
Pünktlich um 08.31 Uhr taucht sie wieder bei uns auf. „So, wir nehmen den nächsten Zug, weil es ja jetzt schon zu spät ist und der Zug gerade abfährt.“ Jetzt reicht es mir. „Das ist typisch für diese Maßnahme und die miserable Organisation.“ – „Dazu muss ich jetzt nichts sagen.“ – „Brauchen Sie auch nicht. Sie können ja nicht einmal Fahrkarten rechtzeitig besorgen. Dass passt perfekt zur kompletten Organisation hier.“ – „Sie müssen flexibler sein.“ – „Sie müssen nur ihre Aufgaben richtig erledigen. Sie hatten eine Woche Zeit und wussten, dass der Zug um 08.31 Uhr fährt und kriegen es nicht einmal hin Fahrkarten zu besorgen. Das ist lächerlich.“ – „Seien sie doch nicht so unflexibel.“ – „Ich bin nicht unflexibel, sie sind unfähig. Es kann ja wohl nicht so schwer sein Fahrkarten zu besorgen. Aber hier passt einfach alles zusammen. Zu blöd irgendwas zu organisieren …“ Dann drehe ich mich weg bevor ich noch beleidigend werde.
Um 08.50 Uhr steigen wir in den nächsten Zug und fahren zur DASA, wo uns Dozentin 2 in ihrer türkisfarbenen Jack Wolfskin Winterjacke schon aus beträchtlicher Entfernung ins Auge sticht. Jetzt erkenne ich endlich den Sinn dieser Jacke. Sie ist hergestellt worden, damit man die Besitzerin schon von Weitem erkennt. Nur gut, dass es nicht viele Leute gibt, die eine solche türkisfarbene Jacke tragen. Sonst wäre der Entdeckungseffekt dahin.
Kaum haben wir uns um Dozentin 2 versammelt sagt sie einen Satz, der mich verzweifeln lässt. „So, sie geben jetzt ihre Jacken an der Garderobe ab und dann gehen wir in die Ausstellung.“ Wir machen was? Ich glaube nicht, dass irgendwer für mich entscheidet, ob ich meine Jacke abgebe oder nicht. Erstaunlicherweise kommen alle, einige allerdings unter leichtem Protest, ihrer Aufforderung nach. Nur die Erbse weigert sich ebenfalls ihre Jacke abzugeben. Und so betreten Erbse und ich die Ausstellung mit unseren Jacken. Geht doch.
Mit der Architektin, der Dicken mit den rotgefärbten Haaren und der Schüchternen, mache ich mich auf den Weg durch die Ausstellung. Die Schüchterne trägt ein enganliegendes Shirt, welches ihre durchaus ansprechende Figur perfekt zur Geltung bringt. Und so habe ich mehr Augen für ihren Körper als für die Ausstellung.
Mit der Dicken mit den rotgefärbten Haaren kann man sich, wie ich schon in den letzten Tagen feststellen musste, recht gut unterhalten. Vielleicht sollte ich meine Vorurteile den Menschen gegenüber überdenken. Die Dicke mit den rotgefärbten Haaren hat übrigens damals, als ich meine Umschulung zum Automobilkaufmann gemacht habe, ebenfalls eine Umschulung beim gleichen Bildungsträger gemacht und erzählt mir nun, dass Dozent Werner Lorant, bzw. seine Kopie, dort immer von mir erzählt hat. Der Herr F. hat dies, der Herr F. hat das. Scheinbar habe ich einen unglaublichen Eindruck auf Werner Lorant, bzw. seine Kopie, gemacht. Wieso sollte er sonst in irgendwelchen Klassen von mir erzählen? Vielleicht bin ich ja doch eine beeindruckende Persönlichkeit. An meinen Vorurteilen sollte ich dennoch arbeiten, weil ich jetzt ein schlechtes Gewissen habe. Ich bin echt froh, dass ich die dicke Frau mit den rotgefärbten Haaren neulich nicht mit der Kraft meiner Gedanken zum Platzen gebracht habe.
Um 11.00 Uhr sind wir fertig mit der Ausstellung. Doch leider können wir noch nicht gehen, weil Dozentin 2 uns ja gesagt hat, dass wir uns um 12.00 Uhr wieder am Eingang treffen. Und da wir 5er Fahrkarten haben, aber nur zu viert sind, müssen wir eine weitere Stunde mit Warten verbringen. Das ist echt behindert.
Der letzte Schultag findet dann überraschend ohne mich statt. Mein Körper streikt und macht es mir unmöglich an der Abschiedsveranstaltung teilzunehmen. Um kurz nach 08.00 Uhr rufe ich die Dozentin an, um ihr mitzuteilen, dass es mir unmöglich ist heute zu erscheinen. Sie findet es total schade und wünscht mir alles, alles Gute. Das wünsche ich ihr auch. Und bevor wir uns durchs Telefon umarmen, frage ich sie, was mit meinem USB-Stick ist. Denn auf dem sind ja meine neuen Bewerbungsunterlagen und die hätte ich schon gerne. Sie scheint ratlos. Ich frage, ob es möglich ist mir den Stick zuzuschicken. Sie hält es für unmöglich. Also sage ich ihr, dass sie Klaus meinen Stick geben soll, damit er ihn mir irgendwann überreichen kann. Von der Idee ist sie total begeistert und sagt, dass sie das auf jeden Fall machen wird. Wir verabschieden uns überschwänglich, ich lege mich zurück ins Bett und nehme schlafend Abschied von dieser Maßnahme.
Nachtrag
Als ich ein paar Tage später Klaus anrufe und ihn frage, ob er meinen USB-Stick von der Dozentin bekommen hat, weiß er von nichts. Stattdessen sagt er mir, dass der Dozent am letzten Tag selbst um 13.00 Uhr noch gerätselt hat, wo ich denn bleibe und warum ich mich nicht melde. Da war die Dozentin wohl etwas überfordert mit der Übergabe des USB-Sticks und der Weitergabe der Information, dass ich gar nicht mehr erscheinen werde. Die Unfähigkeit hat auch am letzten Tag noch einmal gnadenlos zugeschlagen und ich stehe jetzt ohne neue Bewerbungsunterlagen da. Damit waren die neun Wochen für mich vollkommen für die Katz. Mein Fahrgeld der letzten Tage habe ich selbstverständlich auch nicht bekommen. Und sogar auf ein Teilnahmezertifikat wurde, allerdings bei allen, verzichtet. Solche Maßnahmen braucht echt kein Mensch.
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