Ein neuer Abschnitt
Da ein sechsmonatiges Praktikum zu meiner Umschulung gehört und dieses Praktikum am 09. Juni 2008 beginnen soll, habe ich mich kurzerhand dazu entscheiden elf Bewerbungen zu schreiben. Neben einigen Absagen erhalte ich einen Anruf von einem Autohausbesitzer, der mich kennen lernen möchte, um festzustellen, ob ich in sein Autohaus passe.
Nun befinde ich mich auf dem Weg zu dem Autohaus. Zu meinem Entsetzen trage ich ein weißes Hemd und eine Krawatte. Ich hasse Krawatten.
Mehr als pünktlich erreiche ich das Autohaus und spaziere ins Büro des Chefs. Glücklicherweise läuft das Gespräch sofort ganz gut. Man weiß ja vorher nie, ob man mit seinem Gegenüber klar kommt. Hier scheint es der Fall zu sein. Als ich die Frage zu meinen Stärken beantworte, sagt er direkt, dass alle sagen, dass sie zuverlässig und pünktlich sind. Ich sage, dass ich da nichts zu kann, dass alle so etwas sagen und dass es mir Leid tut dass es so ist. Als ich ihm meine Schwächen sage, fragt er ob es meine Antworten sind, die ich ihm da gebe. Wessen Antworten denn sonst? Er sagt, dass man die Antworten, die er von mir bekommen hat überall genauso nachlesen kann. Ich beschließe keine weiteren Schwächen zu haben. Was kann ich denn dafür, dass alle so sein wollen wie ich und deshalb meine Antworten als Musterantworten benutzen? Er blättert leicht ungläubig durch meinen Lebenslauf. "Ihr Lebenslauf ist nichts. Das ist gar nichts. Es wird langsam Zeit für Sie." Er schüttelt den Kopf, blättert erneut durch den Lebenslauf und guckt mich an." "Gucken wir einfach mal, wie es sich entwickelt. Den Lebenslauf können sie vergessen. Das wissen sie ja selbst, dass der Lebenslauf beschissen ist." - "Ja, ich weiß, den kann man vergessen." - "Bei mir lernen sie Leasing und Finanzierung und vieles, was sie woanders nie lernen würden. Hier können sie richtig was lernen, wenn sie denn wollen." - "Das klingt gut." - "Ich zeige Ihnen nun die Räumlichkeiten."
Wir gehen in die obere Etage. Er zeigt mir ein recht großes Büro mit Blick nach draußen, einem Computer und einem schönen Bürostuhl. Es sieht unbenutzt aus. "Das ist ihr Büro." Ein Büro ganz für mich alleine. Eine ganze Etage ganz für mich alleine. Jetzt bloß nicht euphorisch werden. Da muss irgendwo ein Haken sein.
Zurück in seinem Büro erklärt er mir, dass ein Praktikant kein Risiko für ihn darstellt, so lange ich keinen Schaden anrichte und dass er mich als Praktikant haben möchte, um zu testen ob es passt. Dann kommt er auch endlich zu dem Haken. Ich muss am nächsten Freitag nach der Schule Probearbeiten und danach jeden Samstag von 09.00 Uhr bis 14.00 Uhr. Damit sind meine Wochenenden bereits vor Beginn des Praktikums gestrichen. Die Arbeitszeiten während des Praktikums sind samstags identisch und in der Woche darf ich von 09.00 Uhr bis 18.30 Uhr arbeiten. Klingt locker nach einer 50 Stunden Woche. Sieht so als wäre nun Schluss mit lustig. Nächste Woche unterschreibe ich den Praktikumsvertrag. Willkommen in der Arbeitswelt.
Schnuppertage
Pünktlich um 16.00 Uhr beginnt mein Praktikumsbeschnuppern. Da der Chef noch telefoniert, wandere ich etwas durchs Autohaus und schaue mir die Fahrzeuge an. Ich muss feststellen, dass ich nicht gerade auf dem neuesten Stand bin. Von den meisten Autos habe ich noch nie gehört. Das kann ja heiter werden.
Als der Chef Zeit für mich hat unterschreiben wir direkt den Praktikumsvertrag. Er stellt mir die anderen Verkäufer vor und bringt mich in mein Büro. Ich soll es mir einrichten, wie ich es mag. Dann brauche ich dringend einen Plasmafernseher, denn Plasmafernseher mag ich. Aber wo stelle ich den hin? Er erklärt mir kurz die Telefonanlage, denn ab sofort gehört das Telefonieren auch zu meinen Aufgaben. Danach lässt er mich allein und ich bin verwirrt. Ich sitze in meinem Büro, gucke mir irgendwelche Papiere an und frage mich, was ich wegwerfen kann und was nicht. Außerdem frage ich mich, wo die ganzen Autos sind, die ich verkaufen soll und woher sie kommen. Ich bin kaum eine halbe Stunde hier und fühle mich schon maßlos überfordert und vollkommen deplatziert. Auf was habe ich mich hier nur eingelassen? Ich will nach Hause.
An meinem zweiten Schnuppertag ist der Chef nicht da. Einer der Verkäufer erklärt mir das Programm zu Finanzierung und Leasing und lässt mich dann allein, damit ich ein wenig üben kann. Ich tippe Zahlen ein, gucke was für Autos ich verkaufen kann, wandere durchs Autohaus, fasse Autos an, denn ein persönlicher Kontakt zu den Fahrzeugen kann nicht schaden, schicke zwei Kunden weg, da ich keine Ahnung habe wie ich ihnen helfen kann und schiebe meinen Schreibtisch etwas durch die Gegend.
Wenig später kommt der Chef kurz vorbei. Er scheint gutgelaunt und sagt mir, dass er gleich schon wieder weg muss. Ich habe nichts dagegen. Dummerweise sagt er mir nicht, wann ich wieder kommen soll und der andere Verkäufer meint, dass weitere Einweisungen erst Sinn machen, wenn ich täglich da bin, weil ich sonst wieder alles vergesse. Woher weiß er, dass ich immer alles so schnell vergesse?
Den Rest des Arbeitstages sitze ich in meinem Büro, von dem alle sagen, dass es das schönste Büro von allen ist, was ich nur bestätigen kann, und lese zunächst eine Fachzeitschrift und später die FHM. Es kommen noch zwei Kunden, die ich freundlich grüße, von denen ich mich aber nicht ansprechen lasse. Einmal wandere ich noch durchs Autohaus. Als ich dabei eine Kundin entdecke und auf sie zu gehe, macht sie sich sofort aus dem Staub. Komisch, dabei habe ich mir extra meinen Sonntagsanzug angezogen. Zeit nach Hause zu gehen. Hier werde ich heute nicht gebraucht.
An den nächsten Wochenenden bleibe ich dem Autohaus fern. Nicht, dass die sich noch an mich gewöhnen.
Halt Deine Fresse
Da aus unerklärlichen Gründen mein Praktikumsvertrag nicht mehr auffindbar ist, habe ich das Vergnügen, mich auf den Weg ins Autohaus zu machen, um einen neuen Praktikumsvertrag unterschreiben zu lassen. Ich befürchte, dass mir der Chef sagen wird, dass ich am Wochenende arbeiten soll und mich außerdem fragen wird, wo ich an den letzten Wochenenden war.
Als ich sein Büro betrete begrüßt er mich freundlich, unterschreibt sofort den Praktikumsvertrag und erzählt mir, wie viel Arbeit er hat. Als er sich den Praktikumsvertrag etwas genauer anguckt, entdeckt er, dass ich während des Praktikums zwölf Tage Urlaub habe. Findet er scheinbar total lächerlich. Zumindest deute ich sein Verhalten so. Er sagt "Urlaub", schüttelt dabei den Kopf und lacht irgendwie komisch dazu. Keine Ahnung, ob es für solche Reaktionen Handbücher für Chefs gibt oder ob er wirklich so schräg drauf ist, doch sind es kleine Gesten dieser Art mit denen man bei mir unheimlich viele Sympathiepunkte verliert. Weil es gerade so gut für ihn läuft, kommt er direkt zur nächsten Aktion, die ihn Sympathiepunkte kostet. "Wo waren Sie denn die letzten Wochenenden?" -"Da war ich nicht da." - "Sie müssen mehr Einsatz zeigen. Sie sollen am 09. Juni Autos verkaufen." - "Am 09. Juni fange ich ja auch hier an." - "Sie müssen mir schon zeigen, dass Sie Autos verkaufen wollen. Am 17.05. ist nur ein Verkäufer hier und am 24.05. ist auch kaum jemand hier." - "Am 17. habe ich keine Zeit. Am 24. Kann ich ja nochmal kommen." "Ich muss sehen, dass sie wollen. Ich trage sie am 24. Mai ein, damit es bald losgehen kann." 'Halt Deine Fresse und laber mich nicht mit so einer Scheiße zu. Mein Praktikum beginnt am 09. Juni 2008. Ich kann nix dafür, dass Du zu wenig Mitarbeiter hast.' Natürlich sage ich das nicht, sondern nicke nur als er mich für den 24. einträgt. Ich glaube, der sucht nur einen Deppen. Da ist er bei mir genau richtig. Ich bin jedermanns Depp. Die Frage ist immer nur, wie lange. Ich verabschiede mich und werde am 24. Mai meinen vierten Arbeitstag dort haben.
Da ich vor Begeisterung fast aus allen Nähten platze, sage ich beim Bildungswerk, dass sie schon mal alles für einen Praktikumsplatzwechsel vorbereiten sollen. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass es Notwendig sein wird. Dabei hat das Praktikum noch gar nicht begonnen.
Viertes Probearbeiten
Schon als ich aufwache habe ich keine Lust ins Autohaus zu gehen. Ich will meinen Samstag nicht auf diese Weise zerstören. Da gibt es bessere Methoden. Doch ich habe keine Wahl. So quäle ich mich aus dem Bett, um pünktlich um 09.00 Uhr meinen Dienst anzutreten.
Um 09.00 Uhr sitze ich in meinem Büro. Es ist herrlich warm. Eines von drei Fenstern lässt sich nicht öffnen. Wie schön. Ich starte den PC und gucke, was für herrliche Autos ich verkaufen darf.
Um 10.00 Uhr, ich habe noch keinen einzigen Kunden zu Gesicht bekommen, esse ich ein Schnittchen. Danach setze ich mich in einen Chrysler PT Cruiser. Gefällt mir nicht. Ich steige um in einen Chrysler 300C Touring. Hier fühle ich mich wohl. Als nächstes klettere ich in einen Dodge Nitro. Ist mir irgendwie zu groß und erscheint mir wenig nützlich. Ich steige aus und steige in einen Dodge Caliber. Der geht ja gar nicht. Wenn ich was zu sagen hätte, würde dieser Wagen nicht auf meiner Etage stehen. Sollte der Wagen am 09. Juni noch hier stehen werde ich alles dran setzen den möglichst schnell loszuwerden. Auf meiner Etage dulde ich Autos mit so einem schrecklichen Innenraum nicht. Zum Abschluss steige ich in den Chrysler 300C. Weil es mir so gut gefällt, bleibe ich minutenlang einfach so sitzen.
Um 11.00 Uhr gönne ich mir ein Schnittchen und starre anschließend minutenlang vor mich hin. Als ich damit fertig bin mache ich mich auf den Weg ins Büro des älteren Mitarbeiters, Willi, um mir ein paar Dinge erklären zu lassen und um nicht einzuschlafen.
Um 12.00 Uhr esse ich mein letztes Schnittchen. Ich will gerade anfangen vor mich hinzustarren als Kunden auftauchen. Jetzt wird es gefährlich, denn sie steuern direkt auf mein Büro zu. Ich werde mal fragen, was sie von mir wollen. Zunächst muss ich dem Mann, der Frau und deren Tochter die Hand geben. Das ist nicht gut. Ich werde ein Schild "Hände schütteln gefährdet ihre Gesundheit und ist daher strengstens untersagt" anbringen müssen. Ich will niemandem die Hand geben. Ich bitte die Leute in mein Büro und habe ausgerechnet das Fahrzeug nicht im Angebot, welches sie kaufen wollen. Typisch. So wird das nichts mit dem ersten großen Geschäft. Ich notiere die Telefonnummer der Kunden und verspreche mich zu melden, wenn ihr Wunschauto doch noch irgendwann auftaucht.
Da ich um 13.00 Uhr kein Schnittchen mehr habe, surfe ich rüber zu ebay und gucke mir Dinge an, die ich mir von meiner ersten Provision gekauft hätte. Zum Glück fällt mir ein, dass ich gar keine Provision bekomme, weil ich ein Praktikant bin. Da mich das irgendwie deprimiert, packe ich meine Sachen und verlasse das Autohaus mit dem Hinweis, dass ich erst am 09. Juni um 09.00 Uhr wiederkomme.
Das war mein vierter Probearbeitstag. Ich habe unendlich viel gelernt. Am 09. Juni kann ich direkt als Verkäufer eingesetzt werden. Wie gut, dass ich dieses Probearbeiten nicht abgelehnt habe, sonst würde ich an meinem ersten Praktikumstag vollkommen ahnungslos in meinem Büro sitzen und vor mich hinstarren.
Erste Praktikumswoche
Es ist herrlich warm hier, so etwa 1000°C, und natürlich gibt es keine Klimaanlage, welche meinen Aufenthalt ein wenig angenehmer machen könnte.
Ich sitze vor dem PC und bin vollkommen verspannt. Die Arbeitszeit von 09.00 Uhr bis 18.30 Uhr ist absolut nicht nach meinem Geschmack. Wie bin ich bloß auf die Idee gekommen Verkäufer zu werden? Obwohl, darf man sich Verkäufer nennen, wenn man gar nichts verkauft, sondern einfach nur so dasitzt und schwitzt? Ich kann mir nicht vorstellen mit diesen Arbeitszeiten alt zu werden. Obwohl man bei diesen Arbeitszeiten vermutlich schnell altert. Kunden, die mich aufheitern können, sind weit und breit nicht in Sicht. So kann es auf keinen Fall weiter gehen.
Am Dienstag habe ich neue Aufgaben. Doch bevor ich damit beginnen darf, werde ich darauf hingewiesen, dass ich gestern das Nummernschild am Subaru des Chefs verkehrt herum angebracht habe. Warum gibt er mir auch solch anspruchsvolle Aufgaben? Um zu testen, wie doof ich wirklich bin, darf ich heute neu angekommene Fahrzeuge in Position bringen und fotografieren. Klappt scheinbar ganz gut. Ich fahre einen PT Cruiser in die richtige Position und fotografiere ihn. Danach einen Mitsubishi Colt, einen Kia Sorento und einen Chrysler Voyager. Vielleicht ist das etwas, was ich später nach der Umschulung beruflich machen sollte, denn diese Aufgabe meistere ich fast wie ein Meister.
Am nächsten Tag, es ist Mittwoch, werde ich gefragt, ob ich jemand bin, den man ständig kontrollieren muss, da ich am Dienstag das Licht im Büro anließ. Ich entschuldige mich damit, dass ich nicht wusste wo der Lichtschalter ist. Kaum zwei Tage im Praktikum, schon zeige ich meine Qualitäten. Den Rest des Tages verbringe ich damit Daten in die Datenbank einzugeben. Ich weiß nicht, ob eine solch anspruchsvolle Aufgabe nicht etwas zu früh für mich kommt. Seit heute bin ich übrigens auch für die Post zuständig. Das heißt, dass ich jeden morgen in einen Subaru Legacy steigen und damit zur Post fahren darf. Und für Fahrzeuganmeldungen bin ich ebenfalls zuständig. Wobei mir beides recht gut gefällt, bedeutet es doch, dass ich nicht im Büro sein muss.
Am Donnerstag stellt sich heraus, dass die Aufgabe mit den Daten für die Datenbank eine Nummer zu groß für mich war, denn meine Preisauszeichnungen und die von mir eingegebenen Serienausstattungsmerkmale weichen leicht von den Fakten ab. Trotzdem geht der Chef noch recht freundlich mit mir um. Er weist mich lediglich darauf hin, dass es keinen Sinn macht, wenn er ständig kontrollieren muss, ob ich meine Arbeit auch richtig gemacht habe. Ich stimme zu und verzieh mich in mein Büro. Wenn Kunden auftauchen tauche ich ab und richte bis zum Arbeitsende keinen weiteren Schaden an.
Am Freitag kriegt erstmal einer der Werkstattmitarbeiter sein Fett weg. "Wie alt bist Du eigentlich? Weißt Du eigentlich, wie man arbeitet?" Mehr will ich nicht hören und verziehe mich in mein Büro. Es ist kurz vor 18.00 Uhr als ich zum ersten Mal mit einem Kunden kommunizieren muss. Doch ich kann ihm nicht helfen, denn seine Fragen kann ich nicht beantworten. Trotzdem verabschiedet er sich freundlich von mir. Mein Chef ist dennoch unzufrieden, da ich die Adresse des Kunden nicht bekommen habe. Was soll ich nur mit der Adresse von einem Mann? Manchmal verstehe ich meinen Chef nicht.
Ich will mich gerade auf den Feierabend vorbereiten als ein Pärchen den Laden betritt und der Chef mich unverzüglich hinterher schickt. Obwohl ich keine Ahnung habe, verkaufe ich fast einen Dodge Nitro. Aber nur fast. Unglückliche Umstände, das Ozonloch, die Umweltverschmutzung oder etwas völlig anderes verhindern meinen ersten Verkauf. Und zu allem Unglück ist meine Arbeitszeit schon um zwanzig Minuten überzogen. Bevor ich mich verabschiede gibt es noch eine Zusatzaufgabe für den Samstag. Ich darf die Hose des Chefs aus der Reinigung holen. Es ist so herrlich ein Praktikant zu sein.
Samstag. Direkt nach dem Aufstehen habe ich ganz üble Laune. Verdammt, es ist Samstag und ich muss ins Autohaus. Ich bin dermaßen deprimiert, dass ich mir um 07.55 Uhr ein Bad einlaufen lasse und mich anschließend für zwanzig Minuten in die Badewanne lege. Während der zwanzig Minuten bleibe ich vollkommen regungslos, lediglich das Atmen stelle ich nicht ein. Nach den zwanzig Minuten klettere ich aus der Badewanne, bin aber so frustriert, dass ich auf mein traditionelles eincremen nach dem Baden verzichte.
Weil Willi, mein siebzigjähriger Arbeitskollege, heute nicht da ist und den Subaru Legacy immer mit nach Hause nimmt, darf ich mit meinem eigenen Wagen zur Post fahren. Es wird immer besser. Nachdem ich die Post abgeholt habe und in der Reinigung war fahre ich wieder zurück. Ich werde bereits vom Chef erwartet. Anstatt sich dafür zu bedanken, dass ich seine Hose abgeholt habe und mein Privatauto dafür eingesetzt habe, drückt er mir die Kaffeekanne und dreckiges Geschirr in die Hand. Ich darf also Kaffee kochen und spülen. Es ist nicht verwunderlich, dass sich weitere Aggressionen in mir aufstauen. Ich glaube, ich hasse mein Leben.
Außerdem bin ich heute der einzige Verkäufer neben dem Chef und es kommen immer dann Kunden, wenn ich in mein Brötchen beiße. Also Brötchen weg, TicTac in den Mund und ab zur Beratung. Nachdem die ersten Kunden weg sind, fragt mich der Chef, ob ich irgendwelche Adresse oder Telefonnummern habe. Natürlich nicht. Ich kann mit Telefonnummern nichts anfangen. "Da machen sie wohl was falsch." - "Scheint so. Mit Telefonnummern habe ich es nicht so." Das hätte ich besser nicht gesagt. Es folgt die millionste Belehrung, wie wichtig Telefonnummern sind. Ich will das nicht hören. Ist mein Chef der Telefonmann? Um weiteren Vorträgen über die Wichtigkeit von Telefonnummern aus dem Weg zu gehen, bringe ich drei Kunden dazu mir ihre Daten zu überlassen. Und keiner weiß warum. Später werde ich vom Chef darauf hingewiesen, dass die Arbeit neu eingeteilt werden muss. Ich kriege zu meiner Etage den kompletten Außenbereich und eventuell noch den Computerkram. Vermutlich wird meine Arbeitszeit dann nicht mehr ausreichen. Nun, ich habe in dieser Woche ja auch nur 52 Stunden und 48 Minuten gearbeitet. Das lässt sich sicher steigern. So ein bekloppter Praktikant ist schon eine praktische Sache. Und so eine Job hat auch seine Vorteile, wenn man abnehmen will. Allein in dieser Woche habe ich 3 Kilo verloren. Dumm nur, dass ich gar nicht abnehmen will.
Die Mitarbeiter
In dem Autohaus gibt es einen echten Verkäufer. Willi. 70 Jahre, eigentlich schon lange Rentner, aber einfach zu rüstig um zu Hause auf den Tod zu warten. Seine 70 Jahre merkt man ihm nicht an. Er kennt sich gut aus und verkauft gerne Autos.
Dann gibt es noch den Georg. Georg ist im dritten Ausbildungsjahr und hat im November seine Abschlussprüfung. Er kennt sich ebenfalls gut aus und ist für fast alles zuständig. Ein fleißiger und kompetenter Mitarbeiter. Er hat mir während des Probearbeitens viel erklärt und er wird mir auch während des Praktikums viel erklären müssen.
Der Chef. Ein Chef wie er im Buche steht. Ein Chef wie geschaffen für diese Verkaufswelt. Vielleicht wurde er sogar erfunden, um Chef zu sein. Er hat viele Macken, die man als Chef wohl einfach haben muss. Das Handbuch für Chefs scheint er auswendig zu kennen, da er fast alle Facetten eines Chefs abdeckt. Manchmal sogar an nur einem einzigen Tag.
Der Lagermann, die Spinne. Er sitzt auf seinem Platz und beobachtet alles, was sich um ich herum bewegt und was man mit nur einem funktionieren Auge sehen kann. Ich kann ihn nicht einschätzen, aber die meisten halten ihn für ein Arschloch. Zumindest sagen sie das.
Dazu gibt es noch einen Meister, eine Empfangsdame, einen weiteren Meister, zwei Azubis in der Werkstatt und einige Praktikanten. Praktikanten werden in den nächsten Monaten kommen und gehen. Praktikanten sind günstig.
Zweite Praktikumswoche
Die zweite Praktikumswoche geht recht schnell rum. Ich arbeite nur 46 Stunden und 30 Minuten. Ich darf Kaffee kochen, die Halle fegen, Autos entstauben, Kundengespräche führen und einen PT Cruiser aus Hamm abholen. Ich verkaufe nicht ein einziges Auto und habe ernsthafte Zweifel, dass ich hier richtig bin. Von mir aus kann das Praktikum jetzt zu Ende sein. Den Samstag nehme ich mir frei, da alle anderen auch jeden zweiten Samstag frei haben.
Dritte Praktikumswoche
Die dritte Praktikumswoche verstärkt meinen Eindruck hier genau so falsch zu sein, wie überall, wo ich bisher berufstechnisch unterwegs war. Ich kann mit Kunden nichts anfangen. Und ich habe kein Glück. Zu meinen Kollegen kommen wenigstens gelegentlich Kunden, die wirklich etwas kaufen wollen und es dann auch tun. Jene, welche zu mir kommen wollen nur gucken oder stellen mir Fragen, die sonst niemand stellt und auf die ich keine Antworten habe.
Ein Pärchen kommt gerade frisch aus Amerika und findet das Chrysler Sebring Cabrio ganz toll und würde es gerne mal sehen. Leider steht hier keins, da sich nur alle 2000 Jahre mal jemand für ein solches Cabrio interessiert. Also drücke ich den beiden einen Prospekt in die Hand und verabschiede mich. Was für Deppen. Ansonsten versuche ich den Kunden aus dem Weg zu gehen und mache, was ich am besten kann. Verstecke mich hinter dem PC, hole die Post, koche Kaffee, frage mich, was ich hier überhaupt mache, fege, kopiere, parke Autos um und träume davon, dass eine reiche, unglaublich attraktive Frau zur Tür herein kommt und mir eine Million anbietet, wenn ich mit ihr schlafe. Kaum fängt der Traum mir zu gefallen an, kommt ein Mann mit seinem Mops herein, um sich ein Leasingangebot erstellen zu lassen. Der Mops ist allerdings kein süßer Hund, sondern seine hässliche und überfettete Tochter. Während mein Kollege mehrere Angebote erstellt, betrachte ich den Mops. Wie kann man nur so jung sein und schon einen so fetten Bauch haben? Und wieso steht sie jetzt auf, dreht sich um, und lässt mich dabei auf ihre vollkommen verbeulten Körpermassen gucken? Ich will das nicht sehen. Das habe ich nicht verdient. Warum trägt sie keine Hosen, die einen solchen Anblick verhindern? Die Realität kann so grausam sein.
Meine erste Fahrzeugübergabe habe ich am Samstag. Ein Hyundai Santa Fe wird abgeholt. Dummerweise entdeckt der Kunde einen Fehler auf dem Beifahrersitz. Mit diesen Dingen bringt man den Chef in Rage. Übellaunig geht er zu den Kunden. Er zwingt sich förmlich freundlich zu bleiben. Ich denke, er mag seine Kunden nur, wenn alles vollkommen problemlos abläuft. Sein Tag ist jedenfalls versaut. Ich finde die Dinge, die ich hier beobachten darf, sehr interessant. Natürlich wird mir indirekt vorgeworfen, dass ich den Wagen vor der Übergabe nicht nochmal genauestens auf Fehler untersucht habe. Ich halte mich allerdings nicht für zuständig und nehme die Kritik lediglich zur Kenntnis.
Wenig später möchte ein Kunde ein Auto mit Gasanlage kaufen. Dummerweise hat man ihm am Telefon die falschen Informationen übermittelt und eine Preisdifferenz von 1000 € ist nicht unbedingt das, was der Kunde erwartet hat. Meine Aufgabe ist es den Kunden zu besänftigen, was mir recht gut gelingt. Bevor er sich verabschiedet möchte er dem Chef sein Leid vortragen. Ich wünsche ihm viel Glück dabei. Der Chef wird sich freuen. Was für ein herrlich unproduktiver Arbeitstag zum Wochenende.
Meine Arbeitszeit in dieser Woche: Schlappe 48 Stunden und 20 Minuten.
Vierte Praktikumswoche
Der erste Tag der vierten Praktikumswoche ist unglaublich langweilig. Ich sitze meistens nur da und starre vor mich hin. Fast wie zu Hause. Der Mann, der am Samstag die 1000€ Preisdifferenz noch zum kotzen fand, kauft den Wagen heute bei meinem Kollegen Willi.
Ich habe nur einmal Kundenbesuch. Ein Pärchen, welches unbedingt einen Hyundai i30 anfassen möchte, landet bei mir. Gleich drei Hyundai i30 stehen hier rum, doch die Arschlöcher wollen eine andere Ausstattung ausprobieren. Und überhaupt will die Frau nur kaufen, was sie vorher angefasst hat. Ich schicke sie zu einem Hyundai Händler. Da können sie vielleicht das richtige Model anfassen und vielleicht sogar kaufen. Scheiß Kunden! Ich würde jetzt gerne einen Frauenarsch anfassen. Doch das kann ich wohl vergessen.
Der Dienstag spült relativ viele Kunden in unser Haus. Ich allerdings rede nicht mit denen, weil die eh nur gucken wollen. Ich sitze das jetzt aus. Es ist schweinewarm und ich schwitze völlig unmotiviert vor mich hin. Irgendwas scheint hier vollkommen falsch zu laufen. Ich bin nur noch der Postmann, welcher ab und zu einen Wagen umparkt, ein Fahrzeug abmeldet oder eines anmeldet.
Seit heute 11.37 Uhr steht ein Jeep Patriot etwa 47cm weiter links und in einem etwas anderen Winkel vor dem Zaun. Mein Verdienst. Was bin ich bloß für ein fähiger Mann!?!
Bevor ich am Mittwoch meinen Dienst antrete, kaufe ich mir ein paar Leckereien in der Apotheke. Dolormin, Gelomyrtol und Nasic Nasenspray. 26 € für Erkältungskram. Fantastisch. Und das schöne ist, dass ich die Sachen tatsächlich brauche, weil ich seit gestern übel verschnupft bin. Sollte ich endlich die dritte Erkältung des Jahres haben? Und warum muss das hier so heiß sein? Ich will jetzt duschen.
Am Donnerstag beginnt mein Arbeitstag bereits um 06.00 Uhr. Ich darf einen Kollegen nach Detmold bringen, weil er dort zu einem Lehrgang muss. Zum Glück darf ich ihn mit meinem Wagen bringen. Als Belohnung wird mein Wagen vor der Abfahrt voll getankt. Da mein Tank ziemlich leer ist, ist es ein ganz gutes Geschäft für mich. Wenn ich nur nicht so müde wäre.
An unserem Ankunftsort gibt es Brötchen und Kaffee für mich. Dummerweise ist auf den Brötchen Remoulade und Kaffe nicht gerade mein Lieblingsgetränk. Dafür ist es umsonst. Nach der schrecklichen Mahlzeit fahre ich zurück ins Autohaus, wo ich bis 16.30 Uhr einfach nur noch da sitze, vor mich hinstarre, schwitze, einen Rüffel bekomme und mich nur mit Mühe und Not wach halten kann.
Zu meinem Schnupfen hat sich nun ein nervender Husten gesellt. Das ist definitiv die dritte Erkältung des Jahres. Hat auch verdammt lange auf sich warten lassen. So wird das nichts mit einem neuen Erkältungsrekord.
In der Nacht zum Freitag ziehe ich mich zweimal um. Nicht, weil mir mein Nachtgewand nicht gefällt, sondern weil es vollkommen durchgeschwitzt ist. Ich liebe Erkältungen. Am Freitagmorgen darf ich zwei Autos anmelden und deshalb bereits um 08.15 Uhr meinen Dienst antreten. Die Anmeldungen führen mich nach Lünen und Marl. Ich darf mit einem Hyundai Santa Fe fahren und bin über drei Stunden unterwegs. Meine Erkältung nervt und meine Brote liegen zu Hause im Kühlschrank. Was für ein schöner Tag. Vor Freude kaufe ich mir in der Apotheke Aspecton. Weitere 7,50 € kommen auf das Erkältungskonto. Jetzt fehlt nur noch ein Antibiotikum, dann ist die Erkältung perfekt.
So geht eine deprimierende Praktikumswoche zu Ende. Vielleicht sollte ich mich direkt nach meiner Umschulung einschläfern lassen.
Arbeitszeit in dieser Woche: 48 Stunden und 15 Minuten.
Fünfte Praktikumswoche
In dieser Woche habe ich das Vergnügen zu erfahren wie es ist, wenn der Chef im Urlaub ist. Einmal im Jahr gönnt er sich diesen Luxus. Und kaum ist er fort ist die Situation viel entspannter. Ein Zustand, den man fast schon genießen kann. Außerdem fehlt der Lagermann für drei Tage, was für weitere Entspannung sorgt, da er definitiv der unbeliebteste Mann im Hause ist.
Wir parken ein paar Autos um, ich erstelle Preisschilder und in dieser Woche ist mein Fahrzeug für Erledigungen ein Subaru Impreza. Gefällt mir gar nicht die unübersichtliche Klapperkiste.
Nachdem ich mich am Montag darüber beschwert hatte, dass hier keine schönen Frauen herein kommen, betritt eine attraktive Osteuropäerin den Laden. Durch Zufall bin ich bei Willi im Büro und sie kommt direkt auf mich zu. Lecker Schnitte. Sie möchte einen Chevrolet Matiz 0.8 S kaufen. Ich bin verwirrt, zeige ihr einen Chevrolet Kalos und sage "Den wollen Sie ja nicht." Gucken und verkaufen ist gar nicht so einfach. Wenige Augenblicke später habe ich mich wieder einigermaßen im Griff und nehme sie mit in mein Büro, um sie zu vernaschen. Ich berechne eine Finanzierung und ohne es zu merken verkaufe ich einen Matiz in Orange. Zumindest fast, denn da der Wagen finanziert werden soll, muss die Bank erst zustimmen. Daran wird es vermutlich scheitern. Vernascht habe ich sie natürlich auch nicht. Knapp zwei Stunden später hat sich mein erster Verkauf erledigt. Die Kundin bekommt keinen Kredit. Ich denke, dass ist ein Zeichen. Ich bin hier falsch. Es soll nicht sein. Ich spiele ein wenig im Internet Bubbles, um mich zu beschäftigen. Von Kunden lasse ich die Finger. Die bringen nur Unglück.
Am Mittwoch fahre ich mit einem Kollegen nach Kerpen, um einen Kia Picanto abzuholen. So komme ich wenigstens mal aus meinem Büro heraus und muss mich nicht mit Kunden, die kein Geld haben, rumärgern. Der Kia ist in der Stadt akzeptabel. Auf der Autobahn ab Tempo 100 vergeht jeglicher Spaß. Bei 120 fühlt man sich recht unwohl und mehr als 140 trau ich uns nicht zu, da das Auto meiner Meinung nach auch nicht für mehr gebaut wurde. Man muss nicht alle Grenzen austesten.
Am Donnerstag kehrt der Lagermann zurück. Wie eine Spinne sitzt er auf seinem Platz und beobachtet alles ganz genau. Er wartet nur darauf, dass irgendwo jemand unachtsam ist, dann schnappt er zu. Alle halten ihn für eine linke Petze. Warum er mir heute zum ersten Mal seit ich hier bin zur Begrüßung die Hand gibt weiß ich nicht. Irgendwie unheimlich.
Ich flüchte nach Marl, um ein Auto anzumelden. Nicht, dass ich mich in seinem Netz verfange. Den Rest des Tages sitze ich einfach nur da und warte, dass es vorbei ist. Herrliches Praktikum.
Der letzte Tag der Woche beginnt mit einer Fahrzeuganmeldung. Danach passiert lange Zeit nichts, bis gegen 14.00 Uhr ein merkwürdiger Mensch den Laden betritt. Er sieht aus wie einer, der noch bei Mama wohnt, Frauen nur aus dem Fernsehen kennt und den weder Frisur noch Kleidung interessieren. Meine Kollegen meinen, dass sie mir diesen großartigen Kunden schenken. Ich will zwar nicht, aber der Typ sieht so kurios aus, dass ich doch ein wenig neugierig bin, wie schräg er am Ende wirklich ist. Seine Haare sehen aus wie angetackert und seine Kleidung verströmt einen muffigen Geruch. Seine Zähne könnten ein wenig weißer sein und ich frage mich, ob er nur hier ist, um sich mit jemandem zu unterhalten. Schnell stellt sich heraus, dass es so ist. Er arbeitet beim DRK, ist Elektriker und macht nebenbei seinen Meister, er ist 38 Jahre und hat fast alles erlebt. Er kennt sich mit zertrümmerten Gelenken ebenso gut aus wie mit schlechter Verdrahtung. Wenn er die Geschichten seines Großvaters aus dem 1. und 2. Weltkrieg erzählt, hat man das Gefühl er wäre selbst dabei gewesen. Nein, dieser Mann wird kein Auto kaufen. Dieser Mann hat einfach nur viel zu erzählen. Etwa anderthalb Stunden lausche ich seinen Geschichten, dann ist es überstanden. Es war anstrengend, doch es hatte auch einen gewissen Unterhaltungswert. Den zwar erst im Nachhinein, aber immerhin. Scheinbar habe ich ein Händchen für besondere Kunden.
Arbeitszeit in dieser Woche: 45 Stunden und 27 Minuten.
Sechste Praktikumswoche
Noch bevor ich am Montag mein Büro betrete habe ich das Gefühl, dass der Zeitpunkt gekommen ist mich nach einem anderen Praktikumsplatz umzusehen. Hier wird es mit Sicherheit nicht besser. Warum also länger bleiben als nötig? Der Chef ist wieder da und Willi, mein siebzigjähriger Arbeitskollege, hat ab heute drei Wochen Urlaub und weiß nicht, ob er noch einmal wiederkommen wird. Georg, meinem jüngeren Kollegen wurde mitgeteilt, dass er seinen Augusturlaub besser nicht fest einplant. Eine Begründung wurde nicht mitgeliefert. Herrliche Informationen am frühen Morgen. Und als Krönung darf ich mit einem Subaru Libero die Post abholen. Wenn das keine Zeichen sind, was dann?
Nach dem Postdienst wird mir eine neue Aufgabe zugeteilt. Ich darf den kompletten Fahrzeugbestand überprüfen, alle Daten abgleichen und in den Autobörsen nach Fehlern in den Auszeichnungen suchen. Klingt zunächst nicht kompliziert, erweist sich aber als eine äußerst undankbare Aufgabe, da hier doch einiges arg durcheinander zu sein scheint. Da werde ich wohl viel Zeit mit verbringen.
Es ist bereits nach 17.00 Uhr als mein Chef mich darauf hinweist, dass ein Kunde zu mir kommt, der ein Auto kaufen wird. Wie unpassend, wollte ich doch gerade eine Kleinigkeit essen. Da der Kunde ja bekanntlich König ist, bitte ich ihn in mein Büro. Er interessiert sich für einen Chevrolet Lacetti. Sehr interessant, da mir das Auto gänzlich unbekannt ist. Sage ich ihm aber nicht. Wir verhandeln über eine Stunde. Knackpunkt ist sein altes Fahrzeug, welches ich nicht haben will. Und er will nicht kaufen, wenn sein Fahrzeug nicht weg kommt. Da eh gleich Feierabend ist, beschließe ich, dass die Verhandlungen zu nichts führen und lasse ihn gehen. Ich begleite ihn selbstverständlich nach draußen. Dort kommen wir allerdings nicht an, da mein Chef uns abfängt, ein wenig plaudert und den Kunden dann anweist mit mir in mein Büro zu gehen, um dort den Vertrag zu besiegeln. Alles deutet darauf hin, dass ich nicht pünktlich hier raus komme. Der Kunde folgt mir in mein Büro. Er zögert noch ein wenig und willigt dann in den Kauf ein. Mein Anteil an diesem Verkauf ist immens groß. Ich habe mein Büro zur Verfügung gestellt, ihm ein Glas Wasser gegeben, ihn rauchen lassen und am Ende einen Vertrag gebastelt, den er, nachdem ich ein paar kleine Änderungen vorgenommen habe, unterschrieben hat. Vielleicht werde ich der Verkäufer der Woche. Wenn man bedenkt, dass ich sogar 45 Minuten länger geblieben bin, um dem Kunden ein Auto zu verkaufen, dann kann nur ich der Verkäufer der Woche werden. Ich freue mich schon auf die Auszeichnung.
Der Dienstag beginnt mit einem Besuch bei der ARGE. Es scheint der Tag der dicken Frauen zu sein, denn im Wartebereich sitzen sechs echte Maschinen. Eine schwerer als die andere. Was für ein herrlicher Anblick am frühen Morgen. Da ich etwas früh dran bin, kann ich obendrein noch drei weiteren Wuchtbrummen dabei zuschauen, wie sie keuchend zur Arbeit kommen. Welch erschütterndes Schauspiel zu so früher Stunde. In einem Zimmer am Ende des Wartebereichs lacht eine dieser fetten Hummeln vollkommen ausgelassen vor sich hin. Wieso müssen so auffällige Frauen eigentlich obendrein noch eine dermaßen auffällige Lache haben? Das ist verdammt gruselig. Hin und wieder wandert eines dieser Trampeltiere über den Flur, um Kopien zu machen oder einfach nur, um mich mit ihrem herrlichen Anblick zu erfreuen. Planschkühe.
Nach einer Weile bittet mich meine Sachbearbeiterin herein. Sie wird auch mit jedem Besuch fetter und unfreundlicher. Ihr wird sicher bei jedem Blick in den Spiegel kotzübel, weshalb sie vermutlich so eine Fresse zieht. Oder sie ist generell frustriert, weil sie so fett und unattraktiv ist. Mir ist das egal, ich will nur meinen halbjährlichen Antrag auf Arbeitslosengeld II abgeben. Dummerweise gefallen ihr meine Kontoauszüge nicht. Der Ausdruck beinhaltet nur die letzten sechs Wochen. Planschi möchte aber Nachweise über die letzten zwölf Wochen. Mein Einwand, dass es bisher immer reichte nur die letzten sechs Wochen vorzulegen, wird sofort damit abgeschmettert, dass ich dann bisher wohl immer Glück hatte. So wie sie aussieht hatte sie schon lange kein Glück mehr. Doch soll ich ihr das sagen, um sie noch mehr gegen mich aufzubringen? Besser nicht. So sage ich ihr, dass ich meine Kontoauszüge immer sofort wegschmeiße und ihr nicht helfen kann. Sie deutet an, dass sie mir dann auch nicht helfen kann und ich besser mit meiner Bank spreche, denn ohne die Kontoauszüge vom Mai 2008 wird es kein Geld geben. Blöde Kuh. Steck Dir doch eine Salatgurke in den Arsch, vielleicht geht es Dir dann besser. Zeit für mich zu gehen, bevor ich ausspreche, was ich denke.
Kaum im Büro angekommen muss ich schon wieder los. Ein Kunde aus Rumänien muss zur Zulassungsstelle gebracht werden, um dort eine Kurzzeitanmeldung zu erhalten. Dummerweise spricht der Mann kein Deutsch und ich kein Rumänisch. Bleibt nur Englisch, was ich seit mindestens zwanzig Jahren nicht mehr sprechen musste. Irgendwie schaffen wir es dennoch alles zu erledigen und ihn glücklich und zufrieden zurück zu bringen. Ein erster kleiner Lichtblick an diesem trüben Tag.
Weiter geht es zur Abholung einer Tafel mit den Kfz-Reparaturbedingungen. Ich gehe in ein Büro und treffe dort auf ein junges Mondkalb. Auch hier scheint der Tag der übergewichtigen zu sein. Schnell packe ich die Tafel und verschwinde. Langsam wird es unheimlich.
Zurück im Büro darf ich den Kaufvertrag von gestern noch einmal überarbeiten und ausdrucken. Zu viele Kleinigkeiten missfallen dem Chef. Dazu darf ich die bekloppte Arbeit von gestern fortführen und muss mir von der Spinne Scherze über meine verlorene Jungfräulichkeit als Verkäufer anhören. Wenn das kein herrlicher Tag ist, dann weiß ich es auch nicht. Vielleicht ist es jetzt der richtige Zeitpunkt mir den Finger in den Hals zu stecken und auf irgendeine Motorhaube zu kotzen.
Am Mittwoch muss ich bei Staples Toner bestellen. Die Frau an der Kasse gefällt mir. Und so habe ich das Vergnügen sie anzugucken. Toppen werde ich dieses Erlebnis heute mit Sicherheit nicht mehr.
Etwas merkwürdiges ereignet sich am frühen Nachmittag. Ein Mann mit Krücken inspiziert die Fahrzeuge in unseren Ausstellungsräumen. Er spricht unsere Sprache nicht, weshalb er mir sofort zu verstehen gibt, dass er nicht belästigt werden will. Hin und wieder legt er seine Krücken weg, um in oder unter das eine oder andere Fahrzeug zu klettern. Außerdem begutachtet er jeden Motorraum und klopft hier und da, um die Qualität der einzelnen Fahrzeuge besser beurteilen zu können. Wir lassen ihn gewähren. Möglicherweise hat sein Therapeut ihm dieses Verhalten empfohlen oder er hat als Kind nicht mit Autos spielen dürfen. Jedenfalls ist er bei allem was er tut hochkonzentriert und sehr gründlich. Nachdem er unter einem Chrysler 300C gelegen hat ist es Zeit für ein paar Prospekte. Auch diese studiert er unglaublich genau. Ist er am Ende gar ein Spion? Nach über zwei Stunden ist der Spuk vorbei.
Kurz vor Feierabend kommt ein Pärchen in den Laden. Sie interessieren sich für einen Chevrolet Kalos. Ich fürchte, ich werde auch heute wieder ein wenig länger bleiben. Ich verkaufe den Wagen zwar nicht, aber immerhin werde ich von den Kunden für die gute Beratung gelobt. Das tut gut. Hätte nicht gedacht, dass ich so etwas eines Tages erleben darf. Um 19.13 Uhr ist mein Arbeitstag beendet.
Am Donnerstag gegen 08.47 Uhr wird der Chevrolet Lacetti geliefert. Ich bin entzückt. Jetzt kann nicht mehr viel schief gehen. Danach passiert einige Zeit nichts.
Gegen 15.00 Uhr kommt der Kunde, wegen dem ich gestern etwas länger bleiben durfte, vorbei. Er hat noch ein paar Fragen und sagt, dass er auf jeden Fall sein Fahrzeug hier kaufen wird. Nachdem mein Chef ihm gesagt hat, dass er schnell zugreifen muss, bevor das ausgewählte Fahrzeug verkauft ist, fährt er seine Frau abholen. Gegen 16.00 Uhr, ich gönne mir gerade eine Schnitte Brot, hat er seine Frau dabei. Wir diskutieren noch ein Weilchen, dann verkaufe ich den beiden einen roten Chevrolet Kalos. Mein zweiter Verkauf in dieser Woche. Langsam wird es unheimlich. Vielleicht sollte ich mich bei Chevrolet bewerben.
Freitag nach dem Postdienst darf ich ein Fahrzeug anmelden. Im Wartebereich des Straßenverkehrsamtes stinkt es nach Pisse. Kurz bevor ich vor Übelkeit vom Stuhl falle setzt sich ein älterer Mann neben mich. Er sieht unauffällig aus, doch sein Mundgeruch ist alles andere als unauffällig. Wieso muss der neben mir sitzen und wieso stellt er das Atmen nicht ein? Ich drehe mich weg, um diesen üblen Gestank nicht weiter ertragen zu müssen. Gibt es denn wirklich keine Gesetze gegen derartige Belästigungen?
Ab 13.00 Uhr bin ich neben dem Chef der einzige Verkäufer im Haus. Und schon klingelt permanent das Telefon, ich habe ständig Kunden, muss eine Probefahrt machen, mich mit einem frustrierten Kunden, der nur Englisch spricht, rumärgern und Fragen beantworten, die ich definitiv nicht beantworten kann. Es wird scheinbar täglich schlimmer und stressiger. Wenn das so weitergeht bekomme ich noch während des Praktikums einen Herzinfarkt.
Da eine Fünf-Tage-Woche nicht genug ist, bin ich am Samstag selbstverständlich auch im Büro und darf nach langer Zeit mal wieder Kaffee kochen. Ansonsten passiert nichts. Es ist Love Parade...
Arbeitszeit in dieser Woche: 53 Stunden und 05 Minuten.
Siebte Praktikumswoche
Seit heute ist ein Praktikant für eine Woche hier. Ich darf mich ein wenig um ihn kümmern und so muss er sich nun ein wenig um die Schaufensterwerbung kümmern. Besser er als ich. Unglücklicherweise funktioniert nach kurzer Zeit der Drucker nicht mehr und so kann ich ihn nicht mehr wirklich beschäftigen. Das Leben eines Praktikanten ist kein Zuckerschlecken. Mein Praktikant gehört zur Generation Dick. Er ist zwanzig Jahre und könnte locker zwanzig Kilo weniger wiegen. Gesünder wäre es jedenfalls. Anderseits sind diese gemütlichen Typen ja so knuffig. Ich lach mich schlapp.
Am Dienstag passiert lange Zeit nichts. Ich erledige ein paar Botengänge, beschäftige den Praktikanten und starre vor mich hin. Gegen 14.17 Uhr kommen Kunden. Mein Kollege und ich einigen uns darauf, dass er sich darum kümmert. Dummerweise geht sein Telefon und da ich gerade da bin, frage ich die Kunden, ob ich ihnen irgendwas antun kann. Sie interessieren sich für einen roten Chevrolet Matiz. Ich zeige ihnen den Wagen und ohne dass ich etwas dazu kann, kaufen sie ihn. Ich bin mehr als überrascht, denn damit habe ich beim besten Willen nicht gerechnet. Der Tag ist gerettet.
Der Mittwoch ist ein blöder Tag. Ich bekomme ein paar Notizen, die Willi, der sich im Urlaub befindet, gemacht hat und soll herausfinden, was die Notizen zu bedeuten haben. Manchmal habe ich nichts weiter als eine Telefonnummer. Das ist wieder eine dieser vollkommen behinderten Aufgaben für Praktikanten. Da mein Praktikant mich heute auf 29 Jahre geschätzt hat, lasse ich ihn zur Belohnung einige Leute anrufen. Er freut sich tierisch, dass er das tun darf. Und ich freue mich, dass er sich freut, denn mir sind solche Aufgaben zuwider. Wirklich weiter bringt uns diese Aktion nicht, weshalb sie am Donnerstag fortgesetzt wird, da wir eine Menge dieser Notizen auf Willis Schreibtisch gefunden haben. Herrlich sinnloser Schwachsinn, der mir den Tag versaut.
Georg sagt mir am Donnerstag, dass er mich auf höchstens 32 geschätzt hätte. Auch er kann nicht glauben, dass ich schon so alt bin. Nun, ich kann es auch nicht glauben.
Mit der Kundin, mit der ich schon letzte Woche eine Probefahrt machen durfte, mache ich heute eine weitere Probefahrt. Nachdem sie beim letzten Mal ihre Tochter dabei hatte, hat sie heute eine Freundin dabei. Ich glaube, die haben Langeweile und wandern von Händler zu Händler, um Probefahrten zu machen. Alles Verrückte. Bin schon gespannt wen sie nächste Woche mitbringt.
Als sich wenig später ein Ehepaar ein Chevrolet Captiva anschaut, frage ich direkt, ob ich den Wagen für die beiden einpacken soll. Die Frau findet den Wagen etwas schmal, worauf ich ihr sage, dass wir bestimmt irgendwo Zubehör finden, um den Wagen ein wenig zu verbreitern. "Sie sind wohl ein Witzbold." Ich glaube nicht, dass ich ein Witzbold bin, weshalb ich auf ihren Kommentar nicht weiter eingehe. Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass die beiden einfach nur Autos gucken wollen. Sagen sie zwar nicht, doch für mich ist das offensichtlich. So zeige ich ihnen noch ein paar Autos und versuche kein Witzbold mehr zu sein. Nachdem sie alles gesehen haben fahren sie zum nächsten Händler. Vielleicht wartet dort der nächste Witzbold auf sie.
Unser dicker Praktikant taugt auch nichts. Die Hälfte von dem, was man ihm sagt, vergisst er wieder. Er guckt Filme auf seinem Laptop und frisst mir alle Bonbon weg, er lässt sich so lange Zeit mit den arbeiten anzufangen bis er einen dezenten Einlauf bekommt. Nach knapp fünf Tagen nimmt er sich viel raus und leistet wenig. Nächste Woche kommt ein anderer Praktikant. Danach wird entschieden welcher von den beiden ein drei- oder viermonatiges Praktikum hier machen wird. Wenn der Typ nächste Woche kein Vollidiot ist, dann hat der Praktikant von dieser Woche verloren. Der ist ja noch fauler und unnützer als ich. Außerdem sagt er mir ständig, dass er hier gerne sein Praktikum machen möchte und ich ein gutes Wort für ihn einlegen soll. Der spinnt wohl. Der soll lieber aufpassen, dass er nicht platzt.
Arbeitszeit in dieser Woche: 46 Stunden und 10 Minuten.
Achte Praktikumswoche
Was hat man von dem schönen Wetter, wenn man von 09.00 Uhr bis 18.30 Uhr in einem Büro sitzt, welches nicht einmal klimatisiert ist und in dem man selbst dann schwitzt, wenn man sich kein bisschen bewegt? Wie soll man dem schönen Wetter da etwas Gutes abgewinnen? Jedes Jahr gibt es neue Gründe den Sommer zu verfluchen, in diesem Jahr ist es halt ein Praktikum. Verfluchter Sommer. Hau ab, Du nervst.
Unser neuer Praktikant ist Klasse. Ein verpickeltes Bürschchen ohne Führerschein. Was soll man mit so einem anfangen? Den kann man nirgends hinschicken. Außerdem sieht sein verpickeltes Gesicht ziemlich Scheiße aus. Vielleicht wäre eine Gesichtsmaske hilfreich. Oder er lässt sich den Kopf abschlagen. Stop. Jetzt gehe ich zu weit. Schließlich ist er ein Mensch, der mitten in der Pubertät steckt. Da hat man halt so seine Probleme. Und wer weiß, vielleicht sind wir am Ende der Woche alle von ihm überzeugt. Er ist 20 Jahre alt und wird täglich von seinem Vater zur Arbeit gebracht und auch wieder abgeholt. Er und sein Vater sehen sich ziemlich ähnlich. Sein Vater verzichtet allerdings auf die Pickel. Irgendwie ist es süß, dass er von seinem Vater abgeholt wird. Ich finde dafür bekommt er spontan ein paar Sympathiepunkte. Einen Führerschein hat er übrigens deshalb nicht, weil es ihm am nötigen Kleingeld fehlt. Armer Kerl. Immerhin scheint er sich Dinge besser merken zu können als der Praktikant der letzten Woche. Überhaupt ist er ziemlich unauffällig. Er ist allerdings auch ziemlich träge, vor allem was seine Bewegungen angeht. Fürs Abstauben der Fahrzeuge hat er einen neuen Langsamkeitsrekord aufgestellt. Wenn er in mein Büro kommt, um mich irgendwas zu fragen, hat das Zeitlupencharakter. Selbst George A. Romeros Zombies bewegen sich schneller. Ist er gar schon tot? Vielleicht hören diese zombieartigen Bewegungsabläufe mit Ende der Pubertät ja spontan auf und er wird ein Bewegungswunder. Insgesamt ist er jedenfalls ein unglaublich netter Kerl mit chronischem Durchfall. Neben seiner Führerscheinlosigkeit ist sein Durchfall das zweite wichtige Kriterium gegen ein langes Praktikum hier im Haus. Denn wenn man mal zur Toilette muss, nachdem er dort seinen Durchfall losgeworden ist, ist man einer üblen Situation ausgesetzt. Das geht einfach nicht.
Ich soll neben Autos mittlerweile auch Versicherungen und eine Bankkarte verkaufen. Dummerweise habe ich eine üble Abneigung gegen Versicherungen. Und Bankkarten gehören auch nicht unbedingt zu meinen Steckenpferden. Doch wer weiß, vielleicht mutiere ich hier noch zum Gedönsverkäufer. Bin echt gespannt, was ich den Kunden im Laufe meines Praktikums noch alles anbieten muss. Ich glaube Ayurverda-Wellness Produkte würden gut passen. Denn was kann es schöneres geben als nach einer ausgiebigen Autofahrt von Ayurveda Produkten gepflegt zu werden? Oder Autopolitur. Denn der Kunde will sicherlich, dass sein Auto lange schön bleibt. Ich wette, das Angebotssortiment lässt sich noch um einiges erweitern. Denn wie heißt es so schön: "Egal ob Autos, Versicherungen oder Häufi-Windeln, ein guter Verkäufer verkauft alles." Schade nur, dass ich kein solcher Verkäufer bin. Aber wer weiß, vielleicht irgendwann.
Neulich bekam ich einen Strafzettel, weil ich in Marl ohne Parkscheibe geparkt habe. Ich hätte ja die Parkscheibe benutzt, aber im Wagen des Chefs gab oder gibt es eine solche nicht. Und so wurde mir gestern der Strafzettel zum bezahlen auf meinen Schreibtisch gelegt. Woraufhin ich dem Chef mitteilte, dass ich nicht verstehe, dass in seinem Fahrzeug keine Parkscheibe liegt. Er meinte, dass er nur dort parkt, wo man keine Parkscheibe braucht und ich selber Schuld habe. Dann forderte er mich auf eine Parkscheibe in seinen Wagen zu legen. Selbstverständlich habe ich mich geweigert, da er nur dort parkt, wo man keine Parkscheibe benötigt und deshalb eine Parkscheibe vollkommen überflüssig ist.
Vermutlich bin ich der einzige Praktikant, der nicht nur unverhältnismäßig lange arbeiten muss, sondern für sein Praktikum auch noch bezahlt. Ich glaube, ich bin ein hervorragender Praktikant.
Am Dienstag verkaufe ich erstmals keinen Chevrolet, sondern einen Dodge Avenger mit Gasanlage. Weil die Kunden sehr nett sind bekommen sie obendrein demnächst einen Anruf von der Versicherung. Eine Bankkarte hat der Chef ihnen ganz nebenbei auch angedreht. Möglicherweise hätten sie uns auch Häufi-Windeln abgekauft, wenn wir ihnen welche angeboten hätten.
Am Freitag verkaufe ich einen Chevrolet Nubira mit Gasanalge und bin fast zufrieden mit mir.
Zum Abschluss der Woche wird mein Chef etwas patzig. Ich habe einen Kunden, der einen Fiat angucken und Probe fahren will. Da wir kein solches Fahrzeug haben, verweise ich den Kunden an einen Fiat Händler, um dort zu testen und dann bei uns zu kaufen. Findet der Kunde witzig. Kaum ist der Kunde fort, fragt mein Chef, ob ich die Telefonnummer des Kunden habe. Natürlich nicht. Nun rennt er wie blöde los, um den Kunden noch zu erreichen. Schafft er aber nicht. Es folgt ein Vortrag über die immense Wichtigkeit von Telefonnummern. Wie immer sind wir geteilter Meinung. "Sie wollen mich nicht verstehen. Dann gebe ich Ihnen solche Kunden halt nicht mehr. Ich hätte nämlich die Telefonnummer bekommen. Und dann? Einen darauf runter geholt oder was? Soll er diese Art von Kunden doch behalten und sich ein Propellerflugzeug aus Zetteln mit Telefonnummern basteln, wenn es ihm dann besser geht. Oder irgendwann ein Telefonbuch schreiben mit dem Titel 'Wie ich es schaffte mehrere Millionen Telefonnummern zu sammeln, ohne dabei verrückt zu werden'. Wird bestimmt ein Bestseller.
Am Samstag verkaufe ich einen Suzuki Swift. Bringt ja nix, wenn die Autos im Laden rumstehen.
Arbeitszeit in dieser Woche: 51 Stunden und 25 Minuten.
Neunte Praktikumswoche
Am Montag ruft der dicke Praktikant bei mir an, um zu fragen, ob er bei uns arbeiten darf. Ich sage ihm, dass er besser nicht davon ausgehen soll. Was ich ihm nicht sage ist, dass ich kein gutes Wort für ihn einlegen werde, wenn man mich fragt.
Als der Chef fragt, welchen der Praktikanten wir nehmen sollen, sage ich ihm, dass beide nicht überzeugen konnten und der Dicke definitiv ungeeignet ist und nur Ärger machen wird. Den anderen finden wir alle zu träge und sehen seine Bewegungsfreude als Zumutung für die Kunden an. So werden wir vermutlich keinen der beiden hier wieder sehen.
Am Dienstag wühlt der Chef in meinen Schränken herum und findet ein paar hundert Zettel mit Gesprächsnotizen, die er und andere Mitarbeiter in den Jahren 2005 und 2006 erstellt haben. Ich soll nun alle diese Zettel alphabetisch sortieren, abheften und danach alle Leute deren Telefonnummern auf den Zetteln stehen belästigen. Wie immer erkenne ich keinen Sinn darin. Zwischendurch soll ich noch Nummernschilder an- und abschrauben. Dabei versaue ich mir mein weißes Hemd mit Schmiere. Das Hemd ist ruiniert und kann entsorgt werden. Langsam wird mir das Praktikum zu teuer. Meine Laune sinkt von Minute zu Minute.
Ständig kommen Kunden, die ihre alten Autos loswerden wollen. Ich kann die alten Kisten nicht gebrauchen und deshalb kaufen die Leute nichts bei mir.
Es ist viel zu warm und ich sortiere die blöden Gesprächsnotizen. Loche ein paar hundert Blätter und komme mir ziemlich verarscht dabei vor. Und noch immer sehe ich keinen Sinn in der Aktion.
Vielleicht bin ich einfach nur ein faules Schwein, denn nach etwa zehn Minuten sortiere ich die Gesprächsnotizen nicht mehr alphabetisch, sondern hefte sie willkürlich ab.
Mein Chef erzählt mir oft, dass ich zu lange mit Kunden rede, die am Ende nichts kaufen oder dass es zu lange dauert bis sie endlich unterschreiben. Komischerweise ist es bei ihm nicht anders. Er kaut seinen Kunden oft stundenlang ein Ohr ab und hat am Ende auch nicht immer eine Unterschrift. Will er etwa, dass ich nicht so Ende wie er? Oder braucht er nur jemanden, dem er seine Weisheiten unter die Nase binden kann?
Eine völlig neue Aufgabe wird mir außerdem diese Woche übertragen. Ich fahre ab heute Autos in die Waschstraße. Gigantisch.
Und weil es in dieser Woche so gut läuft verkaufe ich nicht ein einziges Auto. Ich brauche Urlaub.
Arbeitszeit in dieser Woche: 46 Stunden und 28 Minuten.
Zehnte Praktikumswoche
Am Montag ist der Chef sehr unzufrieden. Er beschimpft die komplette Mannschaft und sieht danach ziemlich verzweifelt aus. Ich bin mit seiner Kritik allerdings nicht einverstanden, denn ich war bei der angesprochenen Katastrophe nur kurz anwesend.
Am Dienstag bekommen wir einen neuen Mitarbeiter. Dieser macht eine Ausbildung und muss neben dem theoretischen Teil mehrmals für ein paar Monate in einem Betrieb die praktischen Dinge erlernen. Zuletzt war er bei Suzuki, nun ist er hier. Ich habe die Ehre ihm alles zu zeigen. Er trägt Anzug und Krawatte und einen fetten D&G Gürtel. Mit ihm sind wir jetzt sechs Verkäufer. Was für ein Blödsinn.
Natürlich hat unser neuer Mitarbeiter noch keinen Führerschein. Das ist mehr als nur lächerlich. Mein Chef nimmt echt jeden, den er kostenlos kriegen kann. Dummerweise haben wir auch kein Büro mehr frei, so dass man davon ausgehen darf, dass einer von uns, vermutlich ich, ab der nächsten Woche sein Büro mit dem Neuen teilen darf. Bescheuert.
Am Mittwoch habe ich einen sehr erbosten Kunden bei mir. Nicht nur, dass Termine bei ihm nicht eingehalten wurden, jetzt muss ich ihm auch erklären, dass es für ihn teurer als abgesprochen wird. Er ist alles andere als begeistert und schimpft wie ein Rohrspatz. Ich sage, dass ich ihn verstehen, aber nichts für ihn tun kann. Während er durchs Haus poltert beleidigt mein Chef seine Frau. Es ist wie in einem Kindergarten.
Als ich den Mann wieder in meinem Büro habe, kommt der Chef dazu. Ich befürchte schon das Schlimmste, doch der Kunde hat sich in der Zwischenzeit beruhigt. Dafür bekomme ich vom Chef einen Einlauf, weil ich das Chaos nicht erkannt und im Vorfeld beseitigt habe. Ich hasse es, wenn ich Kunden übernehmen muss und dann auch noch dafür verantwortlich bin, dass die Unterlagen nicht korrekt hinterlegt wurden.
Nachdem der Chef endlich verschwunden ist und der Kunde komplett beruhigt, gibt er mir 10€ für die Kaffeekasse. Die Mitarbeiter sind sehr überrascht. Ich bin es auch. Dennoch werde ich in Zukunft nicht mehr alles daran setzen Kunden zu beruhigen, da ich hier nicht der Fußabtreter des Monats werden will. Soll der Chef seine Kunden halt beschimpfen und am Ende ohne Kunden heulend und ratlos in seinem Büro sitzen.
Am Donnerstag möchte ein Kunde ein Hyundai Coupe mit Flügeltüren. Weil mein Chef glaubt der Kunde will ihn verarschen schickt er ihm eine Mail in der er schreibt, dass er den Wagen auch mit halben oder ganz ohne Türen haben kann. Als er feststellt, dass der Kunde seine Anfrage ernst meinte, muss ich dem Kunden schreiben, dass wir selbstverständlich einen Hyundai mit Flügeltüren für den Kunden beschaffen bzw. umbauen können. Als nächstes fragt der Kunde nach dem Endpreis für das Coupe mit Flügeltüren, Metalliclackierung und Automatikgetriebe. Da mein Chef keine Lust hat darauf zu antworten bzw. nicht weiß, was er darauf antworten soll, habe ich die Scheiße nun auf meinem Tisch liegen. Wir haben selbstverständlich kein Automatikfahrzeug und können es nur schwer beschaffen. Außerdem haben wir noch nie Flügeltüren eingebaut. Woher soll ich also wissen, was der Endpreis für das Fahrzeug inklusive TÜV-Gutachten ist? Unsere Werkstatt
kann mir auch keinen Preis nennen. Manchmal scheint mein Chef echt nix mehr zu merken.
Im weiteren Verlauf des Tages werden 14 Fahrzeuge angeliefert. Platz haben wir dafür nicht wirklich. Meinem Chef ist das egal. Er meint, wir sollen Gas geben und schließt die Tür zu seinem Büro. Was stört ihn das Chaos was er angerichtet hat? Scheinbar gar nichts. Als gegen 17.00 Uhr der zweite LKW abgeladen wird setze ich mich in meinem Büro und esse endlich etwas. Schließlich ist das da draußen nicht mein Chaos. Vielleicht sollte ich meine Bürotür jetzt schließen.
Kurz vor Feierabend werde ich vom Chef darauf hingewiesen, dass ich zu lange brauche, wenn ich ein Fahrzeug in Marl anmelde. Er unterstellt mir, dass ich noch irgendwo zum essen fahre oder etwas anderes mache anstatt sofort zurück in mein Büro zu kommen. Für mich bedeutet es, dass ich in Zukunft entweder tatsächlich etwas essen gehe oder einfach irgendwo parke und Kühe beobachte. Wenn mir sowieso vorgeworfen wird, dass ich Zeit vergeude, dann kann ich es auch tun. Alles andere wäre unlogisch und inkonsequent. Manchmal glaube ich, dass mein Chef dumm ist.
Am Freitag bin ich am Vormittag der einzige Verkäufer im Haus. Ich muss Aufträge für alle am Vortag angekommen Fahrzeuge schreiben, mich um die Auszeichnungen kümmern, die Fahrzeuge fotografieren und ins Internet stellen, den neuen Mitarbeiter mit Arbeit versorgen und kontrollieren, was er macht. Dummerweise ist er nicht wirklich gut in dem, was er tut. Vielleicht bin ich auch zu blöd es ihm richtig zu erklären. Jedenfalls hält es am Ende nur auf. So kann ich nicht arbeiten.
Gegen Mittag erzählt der Chef mir, dass ich alles vollkommen beschissen geplant habe, da noch immer keine Autos gewaschen sind. Ich weise ihn darauf hin, dass ich nichts dazu kann, dass ich der einzige bin, der derzeit einen Führerschein besitzt und dass ich die Aufgabe hatte mich um alle Aufträge, den Praktikanten und Kunden zu kümmern. Nein, das will er nicht akzeptieren. Meine Organisation war Scheiße. Ich hätte zwischendurch die Autos zur Waschstraße fahren können, dann hätten wir nicht so viel Zeit verloren. Vielleicht sollte ich ihm jetzt vorwerfen wie viel Blödsinn er schon verzapft hat. Aber vermutlich bin ich nicht in der Position dafür. Also verzichte ich darauf. Was ich nicht verstehen kann ist die Tatsache, dass er, obwohl er weiß, dass ich alles falsch mache, nicht auf die Idee kommt seinen Mitarbeitern konkrete Anweisungen zu geben. Muss ich als Praktikant den Laden erst leiten und dann übernehmen?
Um 17.00 Uhr hat unser neuer Mann nicht eine der Aufgaben erledigt, die ich ihm aufgetragen habe. Als ich ihm sage, dass er draußen ein Fahrzeug fotografieren soll, fällt ihm ein, dass er eine Bindehautentzündung hat und kein Licht verträgt. Da die Sonne scheint bittet er mich die Fotos zu machen.
Wenig später frage ich ihn, ob er denn wenigstens die Fotos auf Festplatte gespeichert hat. Nein, dass hat er nicht. Dafür hört er Internetradio und guckt irgendwelche Videos. Mein Chef sagt dazu nur, dass der Neue eben etwas langsam ist und Zeit braucht. So lang kann der vermutlich gar nicht leben, wie er Zeit braucht.
Als ich wenig später erneut sein Büro aufsuchen muss, sitzen die beiden Werkstattpraktikanten bei ihm. Als sie mich sehen springen sie sofort auf. "Entspannt euch mal." - "Wir haben nur schnell eine geraucht." - "Kein Problem." Mein Gott. Wirke ich so auf Praktikanten, dass sie sich sofort wieder auf ihre Arbeit stürzen, wenn ich auftauche? Bevor der zweite Praktikant das Büro verlassen kann, ruft unser neuer Mann ihn zurück, um ihm zu zeigen welch unangenehme Aufgabe er zu erledigen hat. Toller Auftritt. Leider habe ich weder Zeit ihn zu bedauern noch zu applaudieren.
Einige Zeit später darf ich ihn dabei beobachten wie er die Arbeit der Werkstattpraktikanten kontrolliert und für gut befindet. Als er mich sieht, fragt er, ob ich auch zufrieden mit deren Arbeit bin. Bin ich nicht. Ich zeige ihm, was mir nicht gefällt und er sagt den Praktikanten, dass es so nicht geht und nachgebessert werden muss. Zumindest das kann er. Pappnase.
Als ich ihn bitte weitere Fotos auf Festplatte zu speichern sagt er mir, dass er nun Feierabend hat. Ist ja auch schon 17.23 Uhr. Morgen will er aber weitermachen. Ich dachte immer, um weiter zu machen muss man angefangen haben. Aber gut, möglicherweise irre ich mich auch.
Nachdem er gegangen ist stelle ich fest, dass er weder den Ventilator ausgeschaltet, noch das Büro abgeschlossen hat. Komisch, dabei bin ich mir sicher ihn heute Vormittag darauf hingewiesen zu haben, dass Büro abzuschließen und mir dann den Schlüssel zurück zu geben. Will der mich verarschen oder ist er wirklich so doof? Vielleicht hält er sich auch für was Besseres, weil sein Vater Bankdirektor ist oder war. Wie werde ich diesen Klotz am Bein nur wieder los?
Am Samstag kommt der Klotz am Bein eine halbe Stunde zu spät. Keine Ahnung was er sich dabei gedacht hat. Die wenigen Fotos, die er angeblich gestern auf Festplatte abgelegt hat, kann keiner finden. Scheinbar hat er sein eigenes Ablagesystem entwickelt.
Erneut bitte ich ihn Fotos zu machen und auf Festplatte abzulegen. Da sich nach zwanzig Minuten nichts getan hat, schaue ich mal nach, was bei ihm abgeht. Nichts geht bei ihm ab. Er sitzt einfach nur da und teilt mir dann mit, dass er, wie jeden Tag, sein Passwort vergessen hat. Ich bin entzückt. Vielleicht ist er geistig behinderter als zunächst angenommen. Etwa zehn Minuten später ruft er bei mir an, um mich zu fragen, in welchem Verzeichnis er die Bilder ablegen muss. Ein echter Fortschritt, dass er diesmal nicht einfach so ins Nichts gestarrt hat, sondern aktiv nachgefragt hat. Ist er doch kein hoffnungsloser Fall?
Es ist etwa 13.15 Uhr als ich ihn auffordere schnell noch die eine oder andere Auszeichnung vorzunehmen, da wir langsam mal voran kommen müssen. Als ich einen Blick auf seinen PC werfe, sehe ich, dass er im Internet surft und einen Virus auf den PC geholt hat. Er mag sich dazu nicht äußern und tut ganz überrascht. Das Programm zum erstellen der Auszeichnungen ist nicht geöffnet, aber irgendwelche Internetseiten, unter anderem Google. Ich lösche den Virus und sage ihm, dass wir die Auszeichnungen bis zum Feierabend brauchen. Ich hätte auch mit einem toten Reh sprechen können, denn bis zum Feierabend tut sich nichts mehr.
Als ich ihm kurz vor 14.00 Uhr sage, dass er den PC runterfahren soll, surft er erneut bei Google und es werden wieder irgendwelche Warnmeldungen angezeigt. Ich äußere mich nicht mehr dazu, ich gebe auf. Der Klotz ist zu viel für mich. Warum wir so viel Rücksicht auf den Klotz nehmen müssen scheint auch geklärt. Sein Vater und unser Chef knobeln zusammen. Mich interessieren solche Verbindungen nicht. Sollte es am Montag irgendwelche Probleme mit dem Chef geben, werde ich ihn darauf hinweisen, dass es an dem Klotz liegt. Dafür werde ich mich nicht anscheißen lassen.
Trotz der widrigen Umstände habe ich es in dieser Woche geschafft ein Hyundai Coupe zu verkaufen. Man bin ich gut.
Arbeitszeit in dieser Woche: 51 Stunden und 35 Minuten.
Elfte Praktikumswoche
Als der Klotz am Montag seinen PC startet, gibt es ein kleines Problem. Das Antivirenprogramm schlägt an und findet über 1000 infizierte Dateien. Der Klotz hat so etwas noch nie gesehen und ist natürlich unschuldig. Bis zum Mittag ist das Virenprogramm damit beschäftigt infizierte Dateien anzuzeigen und zu vernichten. Klotz liest dabei ein Buch. Als das Virenprogramm fertig ist, versucht Klotz seine Aufgaben der letzten Woche zu bearbeiten. Geht nicht. Alle paar Minuten stürzt der PC ab. Klotz tut weiterhin unschuldig und bettelt mich an ihm irgendeine Aufgabe zu geben. Ich lasse ihn die Post wegbringen. Nachdem ich ihm die Aufgabe übermittelt habe, plagen mich Zweifel. Wer weiß, wo der Dummkopf die Briefe einwirft. Vermutlich legt er sie in der Telefonzelle neben dem Briefkasten ab. Ich zwinge mich, nicht darüber nachzudenken.
Wenig später setze ich ihn an einen PC im Kundendienst. Ich habe nämlich keine Lust seine Arbeit zu machen, während er ein Buch liest. Mal gucken, wie lange der Trottel braucht, bis er den PC dort verseucht hat. Als er um 17.30 Uhr seinen Arbeitstag beendet teilt er mir mit, dass er eine Fahrzeugauszeichnung fertig hat. Das kann ich kaum glauben. Doch tatsächlich, er hat es geschafft. Er hat zwar bei der Finanzierung vergessen die Anzahlung und den Prozentsatz anzugeben und die Fotos nicht hochgeladen, so dass ich die Auszeichnung nicht ausdrucken kann, aber ansonsten eine tadellose Leistung abgeliefert.
Am Dienstag sagt der Klotz, dass jeder, der in Deutschland Arbeit sucht, auch Arbeit findet. Ich widerspreche und frage ihn wie alt er ist. 28 Jahre. Mich schätzt er auf 29 bis 30 Jahre. Zur Belohnung darf er nun Preisschilder aufkleben. Scheint ihm zu gefallen.
Per Mail fragt mich ein Kunde, ob wir seinen MB gegen einen gebrauchten PT tauschen. Da der PT kurz vorher verkauft wurde, teile ich ihm mit, dass sich der Tausch erledigt hat. Mein Chef findet das doof und erklärt mir, dass ER dem Mann auf jeden Fall einen Wagen verkauft hätte. Warum tut ER es dann nicht? Ist ER nur ein Maulheld? Der Chef sagt, dass aus mir nie ein guter Verkäufer wird, wenn ich immer so schnell aufgebe. Ich soll dem Kunden jedenfalls andere Fahrzeuge anbieten, schließlich will dieser unbedingt ein neues Fahrzeug. Außerdem habe ich mittlerweile so viele Telefonnummern gesammelt, dass mein Telefon glühen müsste, weil ich all diesen Menschen am Telefon ein Auto verkaufen sollte. Die meisten davon haben zwar längst woanders gekauft, doch das darf mich nicht abhalten. Von zehn Anrufen ist einer von Erfolg gekrönt. Die gleiche Scheiße habe ich damals, als ich so tat als wäre ich Finanzberater, auch immer gehört. Und was sagt mir das? Aus mir wird nie ein guter Verkäufer. Und was sagt mir das noch? Keine Ahnung. Der Tauschkunde antwortet sogar auf meine Mail. Er will einen anderen gebrauchten PT gegen seinen MB tauschen. Und er will keinen Cent dazu zahlen. Ich habe aber keinen anderen gebrauchten PT. Ich bin überfordert. Völlig überfordert. Total. Ja.
Am Mittwoch holen Kunden ein Fahrzeug ab. Bevor sie losfahren gerät mein Chef in Panik. Die Kunden müssen noch zahlen und ich soll das Geld kassieren. Ich bin überrascht, da ich sonst nur Autos rausgeben darf, die schon bezahlt sind. Ich sage ihm, dass ich davon ausgegangen bin, dass die Kunden das Geld überwiesen haben und nicht mehr bezahlen müssen. Er sagt, dass vereinbart war, dass die Kunden jetzt bar bezahlen. Mir kommt das komisch vor und ich weise ihn darauf hin, dass er zuletzt mit den Kunden telefoniert hat und ich davon ausgehen musste, dass er das Finanzielle geregelt hat. Er scheint verwirrt. Als er dann noch sieht wie andere Kunden den Laden verlassen, ohne bedient worden zu sein, wird er fast wahnsinnig und schreit wütend los. Was für ein Choleriker.
Als ich meine Kunden frage, ob sie das Geld dabei haben, sind sie etwas verdutzt. Das Geld wurde überwiesen, so wie mit dem Chef besprochen. Viel schlechter hätte ich es auch nicht machen können. Da will er immer so schlau sein und am Ende weiß er nicht, was er vereinbart hat. Zum Abschied loben die Kunden mich nochmal beim Chef. Dem armen Kerl bleibt heute auch nichts erspart.
Wenig später verkaufe ich einen blauen Chevrolet Matiz. So ist der Tag einigermaßen gerettet.
Die anderen Mitarbeiter im Haus nennen den Klotz nur Robocop. Wir haben eine Mitarbeiterin, die nur einmal in der Woche da ist und sich um Organisatorisches kümmert. Als Robocop an ihrem Büro vorbei geht und sie ihn zum ersten Mal sieht kommt sie sofort raus und fragt: "Was war das denn?" - "Robocop." - "Kann der sprechen?" Sie scheint vollkommen fasziniert von dem Kerl. "Was macht der hier?" - "Verkaufen." Es ist keiner der Anwesenden in der Lage sich das Grinsen zu verkneifen. Zumindest zieht er sich wie ein Verkäufer an. Als ich anmerke, dass er schon Autos verkauft hat, schauen mich alle ungläubig an. Niemand kann es glauben. Ich eigentlich auch nicht. Andererseits ist er ein unglaublich netter Kerl, warum soll er nicht mal ein Auto verkauft haben? Ich bin schließlich auch ein unglaublich netter Kerl und verkaufe ebenfalls ab und zu ein Auto.
Weil Robocop immer nach Arbeit fragt, gebe ich ihm alle Aufgaben auf die ich keine Lust habe. Autos auszeichnen, Autos putzen und den Hof sauber halten. Ohne murren nimmt er alle Aufgaben an. Er ist quasi mein ganz persönlicher Diener. Mir gefällt das. Vielleicht wird doch noch was aus ihm.
Am Donnerstag schnappt mir Robocop einen Kunden vor der Nase weg. Da er keine Ahnung hat, holt er wenig später noch den Willi dazu. Wenn die jetzt den Wagen verkaufen, kriege ich Depressionen. Ich bin der Chevrolet Verkäufer hier. Scheiß Robocop. So kann ich nicht arbeiten. Warum unnötig bleiben, wenn man eh nicht gebraucht wird? Also gehe ich zum Chef und teile ihm mit, dass ich um 16.00 Uhr gehen muss. "Das geht nicht." - "Das muss gehen." - "Na gut."
Am Freitag suche ich nach Gründen nächste Woche wieder herzukommen, aber so recht fällt mir keiner ein. Oder doch? Unsere brasilianische Putzfrau hat eine tolle Figur. Aber ist das Grund genug nächste Woche wieder hier zu sein? Vermutlich nicht. So werde ich also vollkommen grundlos wiederkommen. Bescheuert.
Außerdem muss ich heute mein Büro mit Robocop teilen. Es ist keine Freude mit ihm zusammen zu arbeiten. Er ist träge und ich kann nicht einmal mehr seine Stimme ertragen. Als er in meinem Büro rauchen will, weise ich ihn darauf hin, dass es nicht gestattet ist. Ich hasse es, ihn hier sitzen zu haben. Natürlich ist das gemein von mir, weil davon auszugehen ist, dass er eine schwere Kindheit hatte. Aber hatten die nicht wir alle?
Was auch gar nicht geht ist die Tatsache, dass er hier alle Bonbon wegfrisst. Er stopft die in sich hinein als wäre es seine letzte Mahlzeit. Geh weg, Robocop, geh weg.
Am Nachmittag haben wir Verkäuferbesprechung. Das einzig Positive daran ist, dass Robocop mitgeteilt wird, dass er ab sofort in keinem Büro mehr rauchen darf. Ich bin für den Hauch eines Augenblicks zufrieden. Seinen Führerschein bekommt Robocop übrigens frühestens im Dezember, so dass man ihn bis dahin zu keiner Dienstfahrt schicken kann, von der er vielleicht nie zurück kommt. Schade.
Ich bin ab sofort offiziell für die Fotos zuständig. Scheiße. Robocop ist für die Auszeichnungen zuständig. Auch wenn es gemein ist, ich wünsche ihm, dass er dafür mal richtig zur Sau gemacht wird. Der kann das doch nicht. Oder irre ich mich? Als wir endlich ins Wochenende entlassen werden, sagt Robocop mir, dass wir in Zukunft mein Büro teilen werden. Ich glaube, jetzt dreht er vollkommen durch. Einer von uns kann dann am Nachmittag an den PC und der andere am Vormittag. Kaum zwei Wochen hier, da teilt er schon die Büros auf. Hat der einen Schatten? Hau endlich ab, Robocop. Rette die Welt oder lauf gegen einen LKW.
Arbeitszeit in dieser Woche: 44 Stunden und 27 Minuten.
Zwölfte Arbeitswoche
Montag. Es ist erschreckend, aber ich habe absolut keine Lust mehr auf mein Praktikum. Dabei ist noch nicht einmal Halbzeit. Meine Kekse habe ich auch vergessen. So kann ich nicht arbeiten.
Kurz vor 18.00 Uhr betritt ein Mann den Laden. Er möchte, dass ich ihm 9.200 €uro für seinen Peugeot 207 gebe. Biete ich weniger, so kauft er woanders. Vermutlich hat er einen Hirntumor, denn so viel Geld kriegt er von mir für die Kiste nicht. Ich habe auch gar keine Lust mit solchen Menschen zu reden. Hau ab, Du Arschkopf. Natürlich sage ich das nicht zu ihm, sondern bleibe freundlich.
Am Dienstag schaffe ich es kaum aus meinem Bett zu klettern. Ich will nicht mehr. Alles wiederholt sich, vor allem die Dinge, die mich nerven. Diese Art von Stillstand bringt mich um. Ich bin dermaßen unkonzentriert, dass ich teilweise gar nicht höre, was mein Chef zu mir sagt. Ich nicke nur hin und wieder und bin gedanklich nicht einmal in der Nähe.
Robocop erzählt mir von seinen neuen 200€ Schuhen. Und dass er sonst auch mal 300€ für Schuhe ausgibt. Gleichzeitig erzählt er mir, dass er Arbeitslosengeld II bezieht. Da stimmt doch was nicht. Sohn aus reichem Elternhaus kassiert zu Unrecht Arbeitslosengeld II. Ich bin bestürzt.
Meine Motivation reicht mittlerweile so weit, dass ich nach der Arbeit nur noch auf meinem Sofa liege und die Decke anstarre. Wie zu meinen besten Zeiten. Filme interessieren mich ebenso wenig wie ein gutes Buch, Musik oder soziale Kontakte. Ich habe die Lethargie aus dem Büro direkt mit nach Hause genommen. Ich vermute sogar, dass ich tot bin. Beste Voraussetzungen für ein glückliches Leben.
Am Mittwoch schaffe ich es nur unter größten Anstrengungen mich ins Büro zu schleppen. Meine Arbeitskollegen meinen, dass ich völlig unmotiviert und genervt aussehe. Ich sage ihnen, dass ich eigentlich gar nicht mehr da bin und mich auf das Ende vorbereite. Welches Ende lasse ich offen. Sie finden das witzig. Wenig später stellen sie fest, dass ich gar nicht darauf reagiere, wenn sie mich ansprechen. Als ich endlich doch etwas merke, teile ich ihnen mit, dass ich diesen Ort vorübergehend verlassen habe und nur noch mein Körper hier ist.
Donnerstag. Robocop hat einen Kunden, der ein 40.000€ Auto für 30.000€ haben möchte. Ich finde solche Kunden lächerlich. Robocop sucht nun schon seit einer Stunde nach Möglichkeiten, das Auto günstiger zu machen. Er will günstigere Felgen nehmen oder einen Gebrauchtwagen für 30.000€ auftreiben. Ich bin der Meinung er vergeudet seine Zeit. Er will scheinbar unbedingt sein erstes Auto verkaufen. Endlich ist hier jemand, der jedem sinnlosen Ziel nachläuft. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Zu allem Überfluss habe ich heute wieder keine Kekse oder sonstigen Leckereien mit. Ich könnte durchdrehen. Ich will Kekse, Kekse, Kekse, Kekse, Kekse....
Robocop labert nun schon eine Ewigkeit auf mich ein. Ich erfahre, dass er seine Ausbildung hier zu Ende machen will. Und zwar bis Februar 2010. Wenn man sein Arbeitstempo so betrachtet, dann wird es vermutlich auch bis 2010 brauchen bis er die vier Fahrzeuge ausgezeichnet hat, die ich ihm heute Morgen als Aufgabe zuguteilt habe. Bis jetzt hat er fünf Stunden gebraucht, um die erste Auszeichnung zu machen. Leider ist sie fehlerhaft. Nur gut, dass er bis 2010 Zeit hat. Ob der Chef sich das so lange bieten lässt, wage ich zu bezweifeln. Jammern kann Robocop hingegen richtig gut. Er will die Autos nicht entstauben, weil er eine Hausstauballergie hat. Er will keine Auszeichnungen machen, weil das keinen Spaß macht und dem Chef will er sagen, dass er auf jeden Fall noch in der Werkstatt arbeiten muss, weil es zum Lehrplan dazu gehört. Was will er denn da? Die Mechaniker zu Tode langweilen?
Um 15.00 Uhr fragt er mich, ob der Chef Theater macht, wenn er die vier Auszeichnungen heute nicht macht. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass der Chef tierisch Theater macht, wenn er das nicht schafft. Was ist denn das für ein Schwachkopf? Vier Auszeichnungen macht man, wenn man sich eine Hand auf den Rücken bindet in maximal einer Stunde. Robocop braucht tatsächlich bis 2010. Nun will er Pause machen. Komisch, ich hatte das Gefühl, dass er seit Stunden nichts anderes macht.
Um 16.00 Uhr fragt er mich, ob ich ihm nicht eine Auszeichnung abnehmen kann, da er heute nicht so wirklich vorwärts kommt. Nicht nur heute. Ich lehne ab. Ich habe zwar selber nichts zu tun, aber da muss er durch. Schließlich ist es sein Zuständigkeitsbereich und niemand konnte vorher ahnen, dass ihn das dermaßen überfordert. Nein, dass stimmt nicht, ich hatte mir das schon so gedacht.
Er ruft mich auch etwa alle drei Minuten an, um mich irgendwas zu fragen, was ich ihm schon hundertsiebenundzwanzig Mal erklärt habe. Er ist nicht nur äußerlich blond. Und ständig jammert er mich voll, dass er kein eigenes Büro hat. Soll er doch kündigen oder sich vor Wut in eine Comicfigur verwandeln, die wir dann irgendwo hier in ein Büro stellen. Dann hat er sein eigenes Büro und ich meine Ruhe.
Am Freitag freuen wir uns über ein selbst hergestelltes Chaos. Eigentlich hat der Chef das Chaos hergestellt, aber da er der Chef ist, liegt es wohl an uns. Kunden von ihm sind da, um ihr Fahrzeug abzuholen. Wer nicht da ist, ist der Chef. Und natürlich hat er niemanden informiert und niemand weiß, wo sich die Akten von dem Fahrzeug befinden. Das wirkt vertrauenserweckend. Das macht den Kunden Spaß.
Ich ziehe mich dezent zurück und nutze meine Chance, Robocop einen Kunden, der sich für ein Hyundai Coupe interessiert, wegzuschnappen. Da ist sie wieder, die Gier in mir und meine absolute Loyalität gegenüber meinem geliebten Kollegen Robocop. Was bin ich doch für ein Arschloch. Herrlich.
Als ich später im Büro des Chefs bin sagt er mir, dass er zufrieden mit mir und positiv überrascht ist. Dabei klopft er mir auf die Schulter. Ich bin etwas verwirrt und frage mich, was es zu bedeuten hat. Ich frage, warum er positiv überrascht ist. Weil er schon viele Praktikanten hatte und schon etliche Luschen dabei waren. So wie Robocop, den ich bei der Gelegenheit direkt als Katastrophe bezeichne. Wir kommen zum Thema Job nach der Umschulung. Er könne mir ja nix versprechen, aber er hat einen Vorschlag. Ich bin sehr gespannt. Akquise für Gasanlagen. Und für jede verkaufte Gasanlage gibt es natürlich etwas Geld. Ich wundere mich, dass ich nicht lache oder seinen Vorschlag als Scherz der Woche prämiere. Zeit das Thema zu wechseln.
Am Samstag zeigt Robocop seine coole Seite. Statt Krawatte trägt er Sonnenbrille zu seinem teuren Anzug. Irgendwie vollkommen daneben sein Auftritt. Merkt der noch irgendwas?
Um 13.00 Uhr lasse ich ihn ein Preisschild anbringen. Wenige Augenblicke später entscheide ich, dass wir den Wagen 500€ teurer verkaufen sollten. Also teile ich Robocop mit, dass er die 3 gegen eine 8 austauschen soll. Es ist 13.07 Uhr und Robocop hat keine Lust mehr. Ich gucke ihn an und mir fehlen die Worte. Was für ein Versager.
Arbeitszeit in dieser Woche: 52 Stunden und 22 Minuten.
Dreizehnte Praktikumswoche
Es ist Montag und alle paar Minuten klingelt mein Telefon. Robocop. Er hat eine Frage nach der anderen. Und mit jedem Anruf wird meine Wut auf ihn größer. Die Fotos, die er macht, sind auch größtenteils unbrauchbar. Was geht bloß in seinem Schädel vor?
Vor zwei Wochen wurden alle Kunden, die jemals ein Auto mit Benzinmotor hier gekauft haben, angeschrieben. Werbung für Gasanlagen. Danach mussten natürlich alle Kunden angerufen werden, um nachzufragen, ob Interesse am Einbau einer Gasanlage besteht. Bisher waren dafür die Mitarbeiter der Abteilung Teile und Zubehör zuständig. Da ihr Erfolg mäßig war, dürfen die Verkäufer nun ran. Was soll der Scheiß? Jetzt ist alles wieder wie damals, als ich so tat als wäre ich Finanzberater. Da rief ich auch ständig Leute an, die nicht wollten, dass ich sie anrufe. Ich bin wahrlich kein Freund der Telefonakquise. Nun habe ich hier eine Liste mit ein paar hundert Namen liegen. Wie verzweifelt muss ein Unternehmer sein, wenn er zu solchen Maßnahmen greifen muss? Zum Glück kostet der Gaseinlageneinbau bei uns mehr als bei den Mitbewerbern. Da macht der Telefonterror doppelt Sinn.
Am Dienstag erzählt uns der Chef, dass von zehn Anrufen einer von Erfolg gekrönt ist. Jeder Telefonterrorist erzählt einem dieselbe Scheiße. Dass die Fakten eindeutig dagegen sprechen scheint keine Rolle zu spielen.
Zur Abwechslung erzählt mir Robocop eine nette Geschichte. Er stand mal in der Straßenbahn neben zwei schönen Frauen als er nießen musste. Dabei flog ihm der ganze Schnodder direkt in seine Hand. Und als ob das noch nicht genug wäre katapultierte sein Nießen noch weiteren Schleim aus seiner Nase. Eine wirklich schöne Geschichte, die sehr gut zu ihm passt. Doch warum erzählt er mir so etwas?
Am Mittwoch bin ich endlich wieder erkältet. Meine Stimme funktioniert auch nicht richtig. So kann ich definitiv nicht an der Telefonterror-Aktion teilnehmen. So eine Erkältung hat scheinbar nicht nur Nachteile. Wir haben Verkäuferbesprechung und ich werde erneut darauf hingewiesen, dass ich der Fotomann bin. Voll behindert.
Am Donnerstag sagt der Chef mir, dass ich, obwohl ich für die Fotos zuständig bin, keine Fotos mache. Gefällt ihm gar nicht. Ich äußere mich nicht dazu. Ich glaube einfach nicht, dass wir mehr Autos verkaufen, wenn wir schönere Fotos haben. Fünfzehn Fotos soll ich von jedem Auto machen. Sitze vor, Sitze umklappen, Kofferraum auf, Kofferraum zu, Motor auf, usw. Das ist mir zu lästig. Gestern habe ich einige Fotos gemacht. Allerdings habe ich mich nicht wirklich an die Vorgaben gehalten und werde es in Zukunft auch nicht tun. Das macht einfach keinen Spaß.
Freitag. Nächste Verkäuferbesprechung. Und wieder werde ich darauf hingewiesen, dass ich für die Fotos zuständig bin. Und wieder sage ich nichts dazu, außer dass ich nicht weiß, ob von allen Autos Fotos vorliegen. "Das ist ihre Aufgabe." Ich nicke nur.
Wenig später fotografiere ich endlich ein paar Autos. An die Vorgabe kann ich mich nicht erinnern. Ich fotografiere einfach lustlos drauf los.
Weil nicht alle Autos ausgezeichnet sind, mache ich Robocop darauf aufmerksam, dass er das noch erledigen muss. Er jammert, dass er so viel zu tun hat und das alles nicht schaffen kann. Da er eh meinen PC blockiert, nehme ich ihm zwei Aufgaben ab. Als ich in mein von ihm besetztes Büro zurück komme, surft er im Internet anstatt seine Aufgaben zu erledigen. Der merkt echt gar nix mehr.
Als er Minuten später endlich eine Aufgabe erledigt hat, fragt er mich allen ernstes, ob ich die andere Auszeichnung nicht für ihn machen kann. "Nein." - "Wie, Nein? Du hast doch nichts zu tun." - "Doch, ich habe viel zu tun. Nur kann ich das nie machen, wenn Du meinen PC blockierst." Jammernd zieht er ab. Wo werden eigentlich solche Idioten produziert? Und warum?
Wenig später regt sich der Robocop, den unser Azubi "Bauer sucht Frau" nennt, tierisch auf. Er hat nämlich erfahren, dass er keine Provision bekommt, wenn er ein Auto verkauft. Er will aber 50€. Ich sage ihm, dass er das dem Chef sagen soll. Traut er sich nicht, aber seine Motivation ein Auto zu verkaufen ist nun dahin, sagt er. Armer Robocop. Ich sage ihm, dass er hier wohl falsch ist und mir demnächst sofort seine Kunden geben soll. Mein Gott ist der Scheiße.
Die Woche geht zu Ende und ich habe noch kein einziges Auto verkauft. Es sieht in der Tat so aus als würde ich hier keine Autos mehr verkaufen. Vielleicht liegt es doch an den Fotos. Jedenfalls werde ich so lange, bis ich das nächste Auto verkaufe, mein Namensschhild verkehrt herum tragen.
Kurz vor Feierabend wird Robocop vom Chef ganz klein gemacht. Als ich die Fehler, die Robocop jetzt gemacht hat, damals machte, wurde ich nicht so beschimpft. Ein paar Tage will sich der Chef das noch angucken, dann ist Robocop wohl Geschichte. Ich bin gespannt.
Erwähnenswert ist an dieser Stelle noch, dass jetzt Halbzeit ist, ich bisher nicht einen einzigen Tag gefehlt und nur acht Autos verkauft habe. Heute ist der letzte Freitag, den ich im Büro verbringe. Ab jetzt habe ich nämlich jeden Freitag Urlaub. Bin schon gespannt, was für Veränderungen die zweite Halbzeit bringt.
Arbeitszeit in dieser Woche: 47 Stunden und 30 Minuten
Vierzehnte Praktikumswoche
Der Montag macht da weiter, wo die letzte Woche aufgehört hat. Es gibt keine Kunden. Zumindest sehe ich keine. Ich hoffe, ich bin nicht längst erblindet. Selbst in der Werkstatt ist nichts zu tun. Man schlägt die Zeit tot und wartet auf das Ende. Zum Glück ist der Chef im Urlaub. Zum ersten Mal seit Jahren macht er zweimal im Jahr Urlaub. Wenn es hier so weiter geht, kann er bald immer Urlaub machen. Es ist fast wie auf einem Totenschiff. Unglaubliche Ruhe, selbst das Telefon steht still. Als würde dieses Autohaus nicht existieren. Vielleicht kann ich den Untergang persönlich miterleben. Ob ich auch untergehe?
Am Dienstag wird zunächst geputzt und aufgeräumt, da ein Kunde sich über den schlechten Zustand des Autohauses beschwert hat. Nach der Aufräumaktion setzt sich Robocop an einen PC und guckt einen Film. Eigentlich müsste er ein Kundenfahrzeug einem unserer Aufkäufer anbieten, doch scheinbar interessiert ihn das nicht wirklich. Volltrottel.
Wir haben derzeit drei Praktikanten, die maximal 16 Jahre alt sind. Genau die richtigen Kumpel für Robocop. Er gesellt sich zu ihnen und unterhält sie. Eine äußerst vergnügte Runde, deren lachen im ganzen Haus zu hören ist, hat sich dort im Untergeschoss versammelt. Der Oberdepp Robocop erzählt etwas von Kontoführungsgebühren und anderen Dingen von denen er keine Ahnung hat. Bevor ich kotzen muss, schließe ich meine Bürotür.
Nach seinem Auftritt sucht Robocop im Internet nach Ferraris, die man sich ausleihen kann. Der Prinz lebt einfach in einer anderen Welt. Ich frage mich, was in seinem Schädel vorgeht. Heute Morgen habe ich ihm gesagt, dass er fegen soll. Nichts ist passiert. Den Aufkäufer hat er auch nicht angerufen, stattdessen guckt er Filme im Internet. Ich könnte ihn so mit dem Kopf gegen die Wand schlagen. Was ist er nur für ein ignorantes Arschloch? Aber nicht mehr lange. Seine Tage sind gezählt. Nächste Woche ist der Chef zurück, dann wird der Pisser sicher bald gefeuert. Danach kann er Ersatzteile auf dem Schrottplatz sortieren oder sich den Finger in den Arsch stecken und dabei wichtig gucken. Vollidiot.
"Ich gucke mir jetzt den zweiten Film an." - "Aha." - "Ja. Rocky Balboa. Den kenne ich noch nicht. Oder hast Du was zu tun für mich?" - "Ja. Du musst noch fegen." - "Die Putzfrau war doch hier. Die macht aber auch gar nichts." - "Ja. Also musst Du es machen." - "Das mache ich dann in der letzten halben Stunde." - "Mach das." Was für ein Arschloch. Warum zerfällt er nicht zu Staub? Und wieso geht der Kunde hier nicht weg? Steht demonstrativ vor meinem Büro. Ich beachte ihn nicht. Ständig kommt der her, guckt sich Autos an, erzählt irgendeine Scheiße und geht dann wieder. Ich kann nichts dafür, dass er einsam ist. Ich bin nicht zuständig für einsame Männer und will deren Geschichten nicht hören. Langsam verschwindet er aus meinem Sichtfeld. Aber nur kurz, schon ist er wieder da. Das kann doch nicht wahr sein. Nun kratzt er sich am Rücken und guckt sich das Auto an, welches er sich immer anguckt. Geh weg, Du Freak, geh weg. Wie angewurzelt steht er vor dem orangenen Dodge Avenger. Ist der bekloppt? Nach endlosen Minuten verschwindet er endlich in die untere Etage, wo er minutenlang vor einer Werbesäule steht. Er muss sehr verzweifelt sein oder unter Lochfraß leiden. Nach der Werbesäule sind ein paar Prospekte dran. Wenig später fragt er nach dem Preis für ein Modellauto. Vollkommen skurril. Nach etwa 30 Minuten ist sein Auftritt vorbei. Er steigt in seinen Audi und braust davon. Bin gespannt, wann er uns das nächste Mal beehrt mit seiner zweifarbigen Meerschweinchenfrisur.
Irgendwann rufe ich tatsächlich eine Kundin an und frage, ob sie eine Gasanlage haben will. Will sie nicht. Wie überraschend. Zeit die Aktion zu beenden.
Am Mittwoch passiert überhaupt nichts. Ich bin so gelangweilt, dass ich den ganzen Nachmittag chatte.
Robocop hat mittlerweile viele Namen. Bauer, Pisser und Spasti sind die meist benutzten. Heute sitzt dieser Spasti wieder in einem Büro und surft durchs Internet. Er fragt nicht einmal mehr nach Arbeit. Auf meine Ansagen, dass er fegen soll reagiert er mittlerweile gar nicht mehr. Er sitzt einfach nur da und glaubt, er sei der Mann des Tages. Und wie immer kam er auch heute erst nach 09.00 Uhr ins Büro. Nächste Woche werden wir vorschlagen ihn zu entlassen. Dann ist er der Mann, der morgens länger schlafen kann.
Arbeitszeit in dieser Woche: 40 Stunden und 14 Minuten.
Fünfzehnte Arbeitswoche
Der Montag vermittelt das Gefühl auf einem Totenschiff über den Ozean zu treiben. Erst am frühen Nachmittag tut sich was. Ein paar Anrufe, ein paar Anfragen per Mail und dann, nach drei Wochen ohne einen einzigen verkauf, verkaufe ich einen Dodge Avenger. Ich bin entzückt und drehe noch während ich den Kaufvertrag erstelle mein Namensschild um. Zum ersten Mal trage ich mein Namensschild richtig herum. Ein unglaublich schöner Moment der Freude und des Glücks.
Am Dienstag erhalte ich eine Mail, in der mir der Kauf eines Seat Altea angedroht wird. Am Mittwoch um 14.00 Uhr wollen die Kunden vorbei kommen. Ich bin gespannt.
Mein Büro muss ich erneut mit Robocop teilen, was mich echt fertig macht. Während ich einige Kundenanfragen beantworte, labert er mich pausenlos zu. So kann ich nicht arbeiten. Scheinbar ist er sich nicht darüber im klaren, wie ernst ich meine Arbeit nehme. Komisch.
Robocop erledigt wichtige Dinge an meinem PC. Er druckt sich Bahnverbindungen nach Westerland aus, da er dort bald Urlaub macht. Und er druckt sich Spieleanleitungen oder Spielelösungen für irgendein Spiel, dass er mit seinen Freunden spielt, aus. Ein kompetenter Mann.
Am Nachmittag erfahre ich, dass die Spinne gekündigt hat. Möglicherweise konnte er Robocop nicht mehr ertragen.
Kurz bevor Robocop Feierabend macht fragt er mich noch, ob ich nicht morgen beim Stadtanzeiger anrufen kann, um nach Preisen für Werbung zu fragen. Er hatte da heute irgendwie keine Lust zu. Ich sage ihm, dass ich auch keine Lust haben werde. Was bildet der sich eigentlich ein? Den ganzen Tag jammert er rum, dass er nichts zu tun hat und am Ende des Tages versucht er seine Aufgaben an andere abzugeben. Diese Masche funktioniert sicherlich oft, aber bei mir kann er das vergessen. Da kann er am Donnerstag, wenn er wieder hier ist, schön selber anrufen. Idiot.
Der Mittwoch ist sehr ruhig. Lediglich der angedrohte Fahrzeugverkauf findet statt. So kann es weiter gehen.
Am Donnerstag passiert gar nichts. Um 17.00 Uhr verabschiede ich mich ins Wochenende. So lässt es sich aushalten.
Arbeitszeit in dieser Woche: 35 Stunden und 30 Minuten.
Sechzehnte Arbeitswoche
Am Montag ist die Tür zu meinem Büro nicht abgeschlossen und es ist verdammt kalt. Das liegt vermutlich daran, dass das Fenster das ganze Wochenende offen stand. Wenn ich das dem Chef sage, dann kann Robocop seine Sachen packen, denn der Trottel hat das Fenster offen gelassen. Wie kommt so ein Haufen menschlichen Mülls nur so durchs Leben? Wieso darf dr Müllhaufen überhaupt leben? Kann den mal einer umprogrammieren oder kaputt machen? So bringt das doch nichts.
Am Dienstag steht unsere neue Praktikantin im Autohaus. Sieht ganz niedlich aus. Sofort schnappe ich sie mir und fahre mit ihr ein Auto abmelden und Ersatzteile holen. Die Entführung dauert anderthalb Stunden, dann bringe ich sie zurück.
Am Nachmittag fragt mich der Chef, ob die neue Praktikantin besser als Robocop ist. Ich sage ihm, dass jeder Kaktus besser als Robocop ist. Zur Belohnung bekomme ich den Auftrag mich ab sofort und für die nächsten zwei bis drei Wochen um die Praktikantin zu kümmern. Da ich das größte Büro habe, wohnt sie nun bei mir. Süß finde ich, dass sie mir immer folgt, wenn ich etwas dienstliches zu tun habe. Sie ist allerdings erst 21 Jahre und deshalb nicht zum Verzehr bzw. vernaschen geeignet.
Wenig später verkaufe ich einen Dodge Nitro am Telefon. Als der Kunde den Kaufvertrag unterschrieben per Fax zurück schickt, kommt der Chef zu mir und dreht mein Namensschild um. Den Rest der Woche darf ich es richtig herum tragen. Sehr schön.
Am Mittwoch wird mir mal wieder eine Rede zum Thema Zuverlässigkeit gehalten. Ich habe gestern vergessen ein Werbeplakat reinzustellen und nun muss ich mir wieder dieselbe Story anhören, die mir schon vorgetragen wurde als ich vergas mein Bürolicht auszuschalten. Man kann sich nicht auf mich verlassen und muss mich ständig kontrollieren. Tja, so ist das eben. Nach der Rede erfahre ich, dass Robocop nicht wieder kommen wird. Er wurde entsorgt. Kurz und schmerzlos. Seinen Platz nimmt, wie erwartet, die Praktikantin ein. Sie wird wohl jetzt eine Ausbildung bei uns machen. Sofort schnappe ich sie mir und fahre mit ihr einkaufen. Selber fahren kann sie leider nicht, denn sie hat keinen Führerschein.
Wenig später fordere ich sie auf die Autos zu entstauben. Macht sie ohne Murren. Gutes Mädchen.
Dann passiert etwas Unglaubliches. Der Chef gibt mir, dem Unzuverlässigen, den Generalschlüssel. Er muss heute eher weg und außer mir sind dann nur der Auszubildende und die Noch-Praktikantin anwesend. Die Verantwortung wird also an mich übertragen. Ich bin etwas verwirrt, war ich doch heute morgen noch die Ausgeburt der Unzuverlässigkeit. Ob der Chef mir den Generalschlüssel auch gegeben hätte, wenn er wüsste, dass ich den Schlüssel für das Werbeplakat verloren habe?
Am Abend ist es dann so weit. Der Auszubildende geht ein paar Minuten früher und ich schicke die Noch-Praktikantin nach Hause. Die letzten Minuten bin ich ganz alleine in dem großen Autohaus. Verrückte Welt.
Am Donnerstag wird es noch verrückter. Robocop ist (wieder) da. Scheinbar hat ihm niemand gesagt, dass er nicht wieder kommen darf. Ich bezweifle sogar, dass der Chef irgendwem gesagt hat, dass er Robocop nicht mehr will. Was das für die Zukunft bedeutet wird sich zeigen. Bin ich am Ende derjenige, welcher von der Noch-Praktikantin ersetzt wird? Ich bin gespannt.
Am Nachmittag verschlechtert sich mein Blatt. Kunden, die einen 5-türigen Kalos bei mir gekauft haben, haben einen 3-türigen hingestellt bekommen. Verantwortlich dafür bin natürlich ich. So sagt es der Chef dem Kunden. Ich sehe das anders und eine unglaubliche Wut klettert in mir herauf. Als der Kunde vom Kaufvertrag zurück getreten ist, ist mein Chef sehr erbost. Durchs ganze Autohaus brüllt er mich zu sich ins Büro herunter. Er fragt mich, wieso er sich das noch antut, wieso er das alles ertragen muss. Anstatt ihm zu sagen, dass er all das ertragen muss, weil er ein Idiot ist, sage ich ihm, dass ich keine Ahnung habe, warum er so leiden muss. Nun fängt er an mich für das Dilemma verantwortlich zu machen. "Sie haben das zu verantworten. Sie haben dem Kunden das Auto verkauft. Sie…" - "Stop! Den Schuh zieh ich mir nicht an. Ich habe sie nach all den Details gefragt und sie haben alles bestätigt. Ich hatte von nichts seine Ahnung und habe alles von IHNEN absegnen lassen." - "Ich kann doch nicht alles wissen" - "Das ist doch nicht mein Problem. Sie haben Punkt für Punkt bestätigt und ich habe es genau so weitergegeben." Erstaunlich, obwohl ich stinksauer bin bleibe ich sachlich, beleidige den Chef nicht und gehe nicht einfach nach Hause. Zur Belohnung darf ich nun versuchen alles wieder hinzubiegen bevor es vor Gericht landet. Nichts leichter als das. DrSchwein macht das schon.
Am Samstag entdecke ich ganz zufällig ein junges Pärchen mit Kleinkind hinter einem Hyundai Santa Fe. Keine Ahnung, wie die da hingekommen sind. Ich nehme sie mit in mein Büro und verkaufe ihnen einen Seat Altea XL. Wenn doch alles so einfach wäre.
Arbeitszeit in dieser Woche: 43 Stunden und 0 Minuten.
Siebzehnte Praktikumswoche
Immer die gleichen sinnlosen Diskussionen. "Haben Sie den Auto-Dispo-Plus an den Kunden verkauft." - "Nein, der Kunde wollte den nicht." - "Dann machen Sie etwas falsch." - "Wahrscheinlich." Und es interessiert mich einen Dreck. Wenn mich diese verfickten Zusatzgeschäfte interessieren würden, dann wäre ich Versicherungsvertreter oder Bankangestellter. "Es gibt nur zwei Leute in unserem Haus, die das nicht verkaufen können. Sie sind einer davon." - "Ja." Was für eine überraschung. Solche Gespräche, dazu das trübe Wetter, was kann ein Praktikant mehr verlangen?
Meinen Chef kann ich immer weniger ernst nehmen. Er ist wie eine dieser bekloppten Puppen, bei der man am Bändchen zieht und die dann immer denselben Text rausplärren. Anfangs ganz witzig, doch irgendwann nur noch nervig. So alte Puppen landen dann auf dem Müll oder Dachboden und wenn man sie Jahre später auf dem Dachboden findet, dann zieht man wieder an diesem Bändchen und heraus kommt dieselbe Scheiße. Zunächst findet man es wahrscheinlich witzig, doch nach einer Weile klatscht man das Teil einfach wieder in eine Ecke. Mein Chef ist so eine Puppe. Nur, dass bisher niemand auf die Idee kam ihn auf dem Dachboden zu entsorgen. Kurz vor Feierabend ziehen wir gemeinsam am Bändchen und sofort plärrt er los. "Immer muss ich alles zweimal sagen. Ständig muss ich alles kontrollieren. Sie sind alle durch die Bank weg unkonzentriert. Es kann doch nicht sein, dass ich immer alles kontrollieren muss... . " Einmal kurz am Bändchen gezogen und zur Belohnung sprudelt es nur so aus ihm heraus. Minutenlang. Vielleicht sollten wir das Bändchen abschneiden. Wobei zu befürchten ist, dass es nachwächst und alles noch viel schlimmer wird. Olle Plärrpuppe. Manchmal zieht er sogar selbst an seinem Bändchen und plärrt einfach so los. Vielleicht muss er bald eingeschläfert werden.
Was ich ebenfalls sehr an ihm schätze ist die Tatsache, dass er Absprachen, die ich mit Kunden treffe, bricht und sich dann wundert, wenn die Kunden woanders kaufen. Selten habe ich einen so blöden Geschäftsmann gesehen. Gebrauchtfahrzeuge macht er so teuer, dass niemals Nachfragen kommen. Als ich bei einem Fahrzeug eigenmächtig den Preis senke, ist es plötzlich interessant für die Leute. Und wir könnten es trotz Preissenkung mit ordentlichem Gewinn verkaufen. Doch auch hier hat mein Chef seine eigenen Pläne. Der Kauf scheitert.
Am Mittwoch sagt mir ein Kunde, dass ich zu meinem Chef gehen und ihm sagen soll, dass ich ein guter Verkäufer bin. So etwas mache ich nicht. Deshalb teilt mir der Kunde mit, dass er es selber tut, wenn er demnächst ein Auto bei uns kauft. Vermutlich wird der Kunde nie wieder hier auftauchen. Aber egal, solche Aussagen helfen mir dabei ein überheblicher und eingebildeter Verkäufer zu werden. Ich bin auf einem guten Weg. Und so macht es auch nichts, dass ich in dieser Woche kein einziges Auto verkaufe.
Arbeitszeit in dieser Woche: 38 Stunden und 0 Minuten.
Achtzehnte Praktikumswoche
Da ich keinen einzigen Kunden zu Gesicht bekomme, schaue ich mir ein paar Verträge des Chefs an. Wenn meine Verträge so aussehen, dann unterzeichnet er sie nicht und ich darf sie überarbeiten. Seine Verträge entsprechen alle nicht seinen Normen. Kein einziger Vertrag ist so wie er sein sollte. Und wie es sich für einen guten Verkäufer gehört, spreche ich ihn darauf an. Wie erwartet redet er viel, aber erklären kann er es nicht wirklich. Ich soll es jedenfalls nicht so machen. Hatte ich auch nicht vor.
Mein Büro teile ich mit der Noch-Praktikantin. Das macht keinen Spaß, denn das einzige was man meiner Meinung mit Frauen teilen sollte ist das Bett. Wobei ich sagen muss, dass ich mit der Noch-Praktikum mein Bett nicht teilen möchte. Zumindest nicht länger als zehn bis fünfzehn Minuten.
In dieser Woche gibt Robocop alles. Er sitzt plötzlich im besten Büro und schnappt sich Kunden. Er schließt die Tür zu seinem Büro, qualmt es voll, so dass man, wenn man es betritt, eine Rauchvergiftung erleidet. Wenn er mal nicht rauchend in seinem Büro sitzt, berät er Kunden. Da er nun das beste Büro hat, berät er oft. Und so dauert es nicht lange bis er seinen ersten Wagen verkauft. Einen Seat Leon. Da er von nichts eine Ahnung hat, darf ich den Kaufvertrag mit ihm machen. Es fällt mir schwer mich anständig zu benehmen. Ich koche vor Wut. Warum sitzt der im besten Büro? Warum kaufen Menschen bei so einem Trottel und wie steh ich jetzt da?
Wenig später fragt er mich, ob ich einen seiner möglichen Kunden anrufen will. Ich frage ihn, warum er mir den Kunden geben will. Als Dankeschön, weil ich ihm gerade geholfen habe. Ich verkrafte das nicht. Nun bekomme ich schon aus Mitleid Kunden von Robocop. Und natürlich ist der geschenkte Kunde ein Witz. Da hat Robocop mich ja richtig vorgeführt. Wie tief bin ich nur gesunken?
Etwas später will er mir einen weiteren Kunden übergeben. Ich lehne ab bevor ich mich übergebe. Einige Minuten spä hat er schon wieder einen Kunden für mich. Als ich dort anrufe stellt sich heraus, dass die Telefonnummer nicht stimmt. Ich komme mir irgendwie verarscht vor. Kurze Zeit später kommt Robocop erneut in mein Büro. Er will mir nur mitteilen, dass er gerade einen Nissan Note verkauft hat und die Kunden am Freitag kommen, um den Vertrag zu machen. Ich bin kurz vorm zerplatzen. Während er Autos verkauft mache ich Verträge für den Chef und für Willi, der einen Krankenschein hat. Wenn Robocop dann Hilfe braucht bin ich auch zur Stelle. Ich bin für die Post zuständig und für Preisauszeichnungen, weil Robocop sie einfach nicht macht. Warum er sie nicht macht ist klar. Er stellt sich dumm oder sagt, dass er bei dem Wetter nicht raus will oder gibt die Aufgaben weiter. Ich Depp arbeite ordentlich und zur Belohnung bin ich für alles verantwortlich und werde für jeden Fehler mit einer gnadenlos langweiligen Rede bestraft. Robocop guckt stattdessen Filme und schert sich einen Dreck um alles andere. Aber ist es richtig ihn deshalb zu hassen? Sollte ich ihn nicht lieber dafür bewundern, dass er mit dieser Masche durch kommt und versuchen ihn zu kopieren?
Am Donnerstag bin ich für einen kurzen Moment äußerst zufrieden. Die Kunden, welche den Nissan Note vom Robocop kaufen wollten, sitzen nun bei einem anderen Kollegen und machen dort den Vertrag. Robocop ist stinksauer. Er kann nicht verstehen, wieso die Kunden nicht bei ihm gelandet sind. Kurz Kurz danach erfahre ich, dass sie Robocop für total unfähig halten und deshalb nicht bei ihm gekauft haben.
Als ich wenig später den Chef auf Robocop anspreche, sagt er nur, dass wir uns ja geeinigt hatten, dass wir es mit ihm versuchen und deshalb keine Diskussionen zum Thema Robocop mehr geführt werden. Nun hat dieses blöde Arschloch doch tatsächlich einen Freibrief. Er hat keine Aufgaben mehr, sondern kann machen was er will. Vielleicht sollte ich mir einen Krankenschein nehmen.
Am Samstag erfahre ich endlich warum Robocop nicht gefeuert ist und wieso er machen darf, was er will. Er hat, als er erfahren hat, dass er entlassen wird, ganz fürchterlich im Büro des Chefs geweint. Und mein Chef fällt auch noch drauf rein. Tränen als Mittel zum Zweck. Robocop beherrscht wirklich alle Tricks, die man beherrschen muss, um es im Leben zu etwas zu bringen.
Als ich kurz vor Ende der Arbeitzwoche einen Kunden eine Stunde lang belügen muss, damit er einen gebrauchten Peugeot 406 kauft, weiß ich wieder, warum ich Verkäufer nicht leiden kann. Was mache ich hier nur?
Arbeitszeit in dieser Woche: 43 Stunden und 02 Minuten.
Neunzehnte Praktikumswoche
Zu Beginn der Woche wird mir eine 17jährige Praktikantin geschenkt. Langsam weiß ich echt nicht mehr wohin damit. Wir haben jetzt mehr Mitarbeiter als Fahrzeuge. Verstehen muss ich das nicht.
Am Dienstag sitze ich gemütlich mit meinen beiden Praktikantinnen im Büro als Robocop sich zu uns gesellt. Nach wenigen Minuten kriegt er seinen ersten Einlauf von mir. Ich sage ihm, dass es langsam reicht und ich seit letzter Woche darauf warte, dass ein Preisschild in den Wagen kommt. Als er widerspricht werde ich etwas deutlicher und sage ihm, dass ich keine Ausreden mehr hören will und genug davon habe. Keine zehn Minuten später ist das Preisschild angebracht. Zwar Stümperhaft, aber immerhin. Von den restlichen Aufgaben, die ich ihm gebe, vergisst er die Hälfte. Entweder liegt es an dem Vakuum in seinem Kopf oder an seiner Arroganz und Ignoranz. Wenn er weiter so arbeitet werde ich ihn wohl beschimpfen müssen. Spasti.
Den Rest der Woche lässt er sich kaum hier oben sehen. Auch seine Anrufe werden seltener. Er scheint tatsächlich gewisse Fortschritte zu machen. Die neue Praktikantin nennt ihn Wasserleiche. Ein weiterer schöner Name für diesen schönen Mann. Die neue Praktikantin soll bis 18.30 Uhr arbeiten. Ich sage dem Chef, dass das so nicht geht, da sie erst siebzehn ist und nicht länger als 40 Stunden in der Woche hier sein darf. Er bedankt sich für die Informationen und sie hat um 17.00 Uhr Feierabend. Dafür, dass ich das so toll für sie geregelt habe, werde ich mit Keksen und Schokolade belohnt. Was bin ich bloß für ein toller Kerl? Wenn ich jetzt noch Autos verkaufen würde, wäre es kaum auszuhalten.
Am Ende der Woche liegt mein Schreibtisch voller Arbeit. Ich habe einige Verkäufe vorbereitet, die meine Kollegen vermutlich zum Abschluss bringen. Mein Magen rebelliert und ich bin alles andere als entspannt. Mit jeder Woche scheine ich für mehr Dinge verantwortlich zu sein. Ich glaube, das nennt man Stress. Stress ist ungesund. Nächste Woche sollte ich kündigen.
Arbeitszeit in dieser Woche: 38 Stunden und 07 Minuten.
Traumwelten
Letzte Woche sollte der 18jährige Auszubildende, Manuel C., einen Brief verschicken. Er konnte Absender und Empfänger nicht richtig zuordnen und so kam der Brief am nächsten Tag zurück. Ihn interessierte das nicht wirklich, denn er weiß, dass er gut ist. Und wann verschickt er schon mal einen Brief? Schwamm drüber.
Die 21jährige Auszubildende, Doreen S., fand die ganze Aktion witzig. Dabei wusste sie vor ein paar Wochen nicht einmal, wohin die Briefmarke gehört und wollte diese direkt mit dem Firmenstempel abstempeln. Jetzt soll sie einen Brief für den Chef schreiben, doch leider weiß sie nicht mehr so ganz genau, was sie in den Brief schreiben soll. Nun steht sie hier und klagt mir ihr Leid. Ich formuliere ihr zwei Sätze und sage ihr, dass sie darauf aufbauen kann. Doch anstatt darauf aufzubauen, legt sie dem Chef nur die beiden Sätze vor. Dummerweise wimmelt es in den beiden Sätzen auch noch vor Fehlern. Rechtschreibung und Grammatik sind scheinbar nicht ihre Welt. Der Chef ist jedenfalls außer sich.
Als ich in ihr Büro komme sitzt sie da wie ein Häufchen Elend und ist kurz davor zu heulen. Sie kann das alles gar nicht verstehen, denn in der Schule hatte sie immer eine Eins in Deutsch. Ich hatte immer eine Vier. Und für Leistungen, wie sie die hier regelmäßig abliefert, hätte es damals maximal eine Fünf gegeben. Ich frage mich ernsthaft, wie sie eine Eins bekommen konnte. Ich fand meine Vier damals immer absolut gerechtfertigt und würde auch heute mit einer Vier für meine Leistungen zufrieden sein. Doch vermutlich würde ich heute auch eine Eins bekommen. Wahrscheinlich sogar eine Eins Plus. Reicht es heute wirklich schon, wenn man im Unterricht anwesend ist, um eine Eins zu bekommen? Oder sind schlechte Noten schlecht fürs Selbstbewusstsein der Schüler und sie bekommen deshalb nur gute Noten? Ich finde das jedenfalls sehr bedenklich. Da glaubt die Auszubildende nun, dass sie einfach nur einen schlechten Tag hat und eigentlich weiß, wie man richtig schreibt. Als ich ihren neuen Entwurf sehe, weise ich sie darauf hin, dass sie ihn so besser nicht dem Chef vorlegt, da die Grammatik doch ziemlich daneben und die Anzahl der Rechtschreibfehler etwas hoch ist. Ich korrigiere den Mist und sage ihr, dass sie demnächst besser zuerst zu mir kommt, damit ich ihre Briefe korrigiere, bevor sie den Chef noch mehr verärgert. Erneut weist sie mich darauf hin, dass sie heute einen schlechten Tag hat, da sie ja früher eine Eins in Deutsch hatte und weiß, wie man alles richtig schreibt. Dass ich den Eindruck habe, dass für sie jeder Tag ein schlechter ist und sie nicht wirklich etwas weiß, sage ich ihr nicht. Ich will die Traumwelt, die man ihr mit solchen Noten geschaffen hat, nicht zerstören. Nicht heute.
Zwanzigste Praktikumswoche
Die Woche beginnt da, wo die letzte Woche aufgehört hat. Nur ist meine Laune noch schlechter, denn alle Kunden, die ein Fahrzeug kaufen wollen, haben noch ein altes Fahrzeug, welches sie in Zahlung geben wollen. Und damit wird es unmöglich ein Fahrzeug zu verkaufen, denn unsere Aufkäufer bieten zu wenig oder haben kein Interesse. Somit haben die Kunden kein Interesse und ich kann nichts tun. Ich bin kurz davor spontan nach Hause zu gehen, weil mich alles ankotzt. Autoverkäufer ist definitiv nicht mein Beruf.
Der Lehrer meiner Praktikantin kommt vorbei, um sich zu erkundigen, ob seine Schülerin ordentlich arbeitet. Und ich als zuständiger Betreuer diskutiere mit ihm. Ein Praktikant betreut eine Praktikantin. Was für eine verrückte Welt. Später zeigt mir die Praktikantin ihren Wochenbericht damit ich ihn korrigiere. In dem Bericht schreibt sie über ihren Betreuer, Herrn F. Vielleicht sollte ich meine nächste Ausbildung zum Betreuer machen.
Am Mittwoch verkaufe ich einen Suzuki Swift. Aber nur, weil ich dem Kunden sage, dass ich davon ausgehe, dass der Wagen eine Zentralverriegelung hat. Nachdem der Vertrag unterzeichnet ist, stelle ich fest, dass der Wagen gar keine Zentralverriegelung hat. Auf Anweisung von oben verschweige ich diese Tatsache allerdings. Ich weiß nicht, ob ich solche Geschichten auf Dauer mit meinem Gewissen vereinbaren kann.
Robocop nervt auch wieder. Er kommt extra nach der Schule, um einen Kaufvertrag mit einer Kundin abzuschließen. Die Krönung ist allerdings, dass es sich bei der Kundin um meine Kundin handelt. Der hat sie echt nicht alle. Und ich soll ihm auch noch den Vertrag erstellen, da er das noch immer nicht kann. Ich bin erbost. Doch zum Glück kommt der Vertrag nicht zu Stande, weil die Kundin absagt. Wieso darf dieser Vollidiot eigentlich meine Kunden klauen? Ich würde mich ja beim Chef beschweren, aber leider darf man sich nicht über Robocop beschweren. Dieser würde sonst möglicherweise das Autohaus in einem Meer von Tränen versinken lassen.
Zur Krönung verkauft er am Samstag einen Fiat. Und da ich neben mir nur Azubis im Haus sind, muss ich den Vertrag mit ihm machen. Und da er noch nie eine Finanzierung gemacht hat, muss ich diese auch noch mit ihm machen. Während ich so hinter ihm stehe und ihm sagen, was er zu tun hat, möchte ich ihn am liebsten mit einem Stein erschlagen. Es ist unglaublich, wie der Typ mich anwidert mit seinem affektierten Verhalten. Zum Dank für meine Hilfe gibt er mir die Hand. Das ist alles so deprimierend für mich. Wie soll ich das nur weitere sechs Wochen ertragen?
Der Sitz vom WC lässt sich neuerdings nicht mehr hochklappen. So sollen die Mitarbeiter vermutlich zu Sitzpinklern erzogen werden. Funktioniert allerdings nicht. Irgendwer hat im Stehen gepinkelt und alles vollgesaut. Schöne Sauerei. Vielleicht pinkle ich demnächst einfach ins Waschbecken.
Arbeitszeit in dieser Woche: 43 Stunden und 00 Minuten.
Einundzwanzigste Praktikumswoche
Das Praktikum neigt sich dem Ende entgegen. Und es läuft derzeit so gut, dass es immer mehr den Anschein hat, dass nicht nur mein Praktikum zu Ende geht, sondern die Firma gleich mit den Bach runter geht. Allerdings wurde das schon öfter vermutet und passiert ist es dennoch nicht.
Am Mittwoch werde ich versetzt. Nachdem Robocop seinen Kunden, die er mir weggenommen hat, nur Blödsinn erzählt hat, ist der Chef so sauer, dass er ihn wohl nie mehr auf Kunden loslassen will. Und da Willi weiterhin krank geschrieben ist, bekomme ich nun das Büro an vorderster Front, während Robocop, wenn er nächste Woche zurückkehrt, mein schönes Büro bekommt. Sollte Willi allerdings wiederkommen, muss Robocop wohl auf dem Gästeklo untergebracht werden. Es bleibt also spannend.
Das Büro bringt mir einige Kundengespräche, aber keinen einzigen Erfolg.
Donnerstag kurz vor Feierabend schreibe ich zwar einen Vertrag, aber dabei handelt es sich um einen Kunden, der am Telefon beim Chef gekauft hat. Deshalb drehe ich mein Namensschild auch nicht um als mich der Chef, nachdem ich den Vertrag erstellt habe, auffordert es umzudrehen. Ich sage ihm, dass das nicht zählt, da ich ja nichts zum Verkauf beigetragen habe. Ich glaube meine Aussage kann der Chef nicht verstehen. Das macht nichts.
Arbeitszeit in dieser Woche: 35 Stunden und 16 Minuten.
Zweiundzwanzigste Praktikumswoche
Eine weitere Woche in der ich den Chef nicht verstehe. Meine Ehrlichkeit den Kunden gegenüber wird kritisiert und erklärt vermutlich auch, warum ich auch in dieser Woche kein einziges Fahrzeug verkaufe. Mein Chef muss sich mit unzufriedenen Kunden herumärgern. Auf Ehrlichkeit den Kunden gegenüber verzichtet er größtenteils. Und so werde ich am Samstag von einem unzufriedenen Kunden als Lügner bezeichnet. Er fühlt sich verarscht und ich kann ihm nicht die Wahrheit sagen. Ich muss verschweigen, dass er sein bestelltes Fahrzeug auch in den nächsten drei Wochen nicht bekommen wird. Für mich ist diese ganze Lügerei nichts. Verkäufer sind doch fast alle Arschlöcher. Diese Art Arschloch will ich nicht sein.
Arbeitszeit in dieser Woche: 43 Stunden und 05 Minuten.
Dreiundzwanzigste Praktikumswoche
Zu Beginn der Woche bin ich der einzige Verkäufer. Doch auch das hilft mir nicht weiter. Ich telefoniere zwar viel, beantworte Kundenanfragen per Mail, doch ein Verkauf ist in weiter Ferne. Schlechte Zeiten für Autoverkäufer oder nur schlechte Zeiten für mich? Die Antwort ist unwichtig, das Ergebnis bleibt das selbe. Ich denke, ich sollte eine Umschlung machen. Da fällt mir gerade ein, dass dies hier ja Teil meiner Umchulung ist. Mist. Da habe ich wohl was falsch gemacht.
Warum kann ich nicht sein wie Robocop? Er sitzt den ganzen Tag in seinem Büro und hat seine Ruhe. Hin und wieder kommt er zu mir runter, meckert rum, frisst meine Bonbon und geht dann wieder. Oder er kontrolliert die Fahrgestellnummern der angelieferten Fahrzeuge und gibt mir dann plötzlich alle Akten, weil er aufs Klo muss. Ich darf dann zusätzlich diese Tätigkeit auch übernehmen. Das Zubehör der Fahrzeuge kontrolliert er übrigens von außen. Er weiß sofort, wenn er neben einem Auto steht, ob es eine Klimaanlage, ein Navigationsgerät oder sonstiges Zubehör eingebaut hat, ohne nachzuschauen. Fast hätte ich ihn für seine herausragenden Fähigkeiten bewundert, da kommt heraus, dass an einem Fahrzeug die Antenne fehlt. Eine Antenne für Antennen scheint Robocop nicht zu haben.
Am Mittwoch geht es unterhaltsam weiter. Telefonate, Kunden, Mailanfragen. Ich muss ein Fahrzeug in der Ausstellung unterbringen, das Fahrzeug auszeichnen und ins Internet stellen. Eine Fahrzeugübergabe und ein paar Finanzierungsangebote für Kunden erstellen. Zwischendurch schickt mir der Chef Mails, die ich lesen und sortieren muss. Robocop hingegen muss einfach nur anwesend sein. Als er in mein Büro kommt, um mir mitzuteilen, dass er jetzt Lautsprecher an seinen PC anschließen will, um Filme zu gucken, bin ich kurz davor ihm den Schädel zu spalten. Aus gehäuchelter Höflichkeit fragt er, ob ich nichts für ihn zu tun habe. Ich frage ihn, ob er Fahrzeuge mit unserem neuen Programm ins Internet stellen kann. Kann er natürlich nicht. Warum frage ich auch? Und schon macht er sich auf die Suche Lautsprechern für seinen PC. Da er nicht sofort fündig wird, schaut er, ob er nicht irgendetwas brauchbares an meinem PC abbauen kann. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass er nichts von meinem PC abbauen wird. Er zieht wieder ab. Und ich frage mich, ob ich mir nicht einen Besenstiel durch den Arsch ins Gehirn schieben will, um endlich so zu sein wie Robocop.
Robocop ruft seine Mails nicht ab. Begründung. "So lange ich keine Visitenkarten habe, kann mich auch kein Kunde anschreiben. Also interssieren mich die Mails nicht." Der Typ ist echt knallhart. Vielleicht ist er aber auch nur eine Knalltüte. Ich werde nun wichtige Informationen per Mail an alle Verkäufer schicken. Schade, dass diese Informationen Robocop nicht erreichen werden.
Arbeitszeit in dieser Woche: 38 Stunden und 02 Minuten.
Vierundzwanzigste Praktikumswoche
Mein Chef hält alle seine Mitarbeiter für inkompetent. Er hält jedem seine Fehler vor und er macht jeden Mitarbeiter vor den anderen schlecht. Sehr motivierend. Die Stimmung ist durchgehend schlecht, was natürlich die Fehlerquote erhöht. Den Mitarbeitern ist es mittlerweile egal, da gute Arbeit als selbsverständlich angesehen wird und jeder kleine Fehler einem immer wieder aufs Neue vorgehalten wird. Wenn wenigstes der Chef fehlerlos arbeiten würde, dann könnte er sich solche Aussagen erlauben, aber da der Fisch bekanntlich am Kopf zuerst stinkt, meint er möglicherweise mit seinen ganzen Beleidigungen und Abwertungen immer nur sich selbst.
Unzufriedene Kunden passen da natürlich perfekt ins Bild. Dieses Schiff ist zum kentern verurteilt, wenn das Ruder nicht bald rumgersissen wird. Es ist alles nur noch eine Frage der Zeit. Ich werde das Ende vermutlich nicht mehr miterleben, da meine Zeit hier in wenigen Tagen abgelaufen ist.
Kurz vor Ende der Woche verkaufe ich aus Versehen einen Hyundai i10.
Arbeitszeit in dieser Woche: 43 Stunden und 00 Minuten.
Dooren und der Experte
Folgende Notiz verschickt die Auszubildende Dooren S. am Donnerstag:
"Ich habe mit einem Experten gesprochen. Locosoft hatte eine falsche Verknüpfung."
Was will sie mir damit nur sagen?
Die vorletzte Woche
Kein Verkäufer neben dem Chef da. Nur ich, der Praktikant, und drei Auszubildende. Was bedeutet, dass ich für fast alles verantwortlich bin. Und so habe ich immer gut zu tun.
Zwei besondere Kunden sind auch da. Der Mann mit den Krücken, der vor ein paar Monaten schon hier war und sich unter jedes Auto legen musste, um es genau zu inspizieren. Auch heute spricht er kaum. Vermutlich weil ihn auf deutsch anspreche und er eine andere Sprache bevorzugt. So lasse ich ihn durchs Haus wandern. Ich glaube, er ist einsam und besucht gerne Autohäuser, obwohl er vermutlich sehr enttäuscht ist, dass man nicht in seiner Sprache mit ihm kommuniziert. Armer Kerl.
Der andere Kunde ist nun zum dritten Mal hier. Und wieder soll ich ihm Daten zum Seat Leon ausdrucken. Genau die gleichen, die ich ihm schon zweimal ausgedruckt habe. Als ich ihn darauf anspreche, sagt er, dass ich ihm beim letzten Mal Daten zu anderen Fahrzeugen ausgedruckt habe. Ich vermute, dass er an Alzheimer leidet oder nicht ganz fit im Oberstübchen ist. Vielleicht ist er auch einfach nur einsam. Als er geht, kündigt er an, dass er bald wieder kommt. Da muss er sich aber beeilen, denn nach dem 09. Dezember wird er mich hier nicht mehr antreffen. Ob er und der Krückenmann Freunde werden könnten?
Mein Chef nervt wieder. Ich soll alle Kunden, die Anfragen per Mail gestellt haben nochmal anrufen oder anschreiben, da es nicht sein kann, dass bisher keiner davon etwas gekauft hat. Wenn es nicht sein kann, dann hätten die Kunden wohl gekauft. Jetzt liegt es wieder an mir, dass keiner kauft. Mein Chef sollte echt mal zum Arzt. Vorhin wollte jemand ein Fahrzeug kaufen. Bestand allerdings auf Barzahlung und wollte das Geld nicht überweisen, wenn das Fahrzeug eintrifft. Darauf hatte mein Chef keine Lust und deshalb wurde dem Interessenten kein Auto verkauft. Und jetzt soll ich irgendwelche Kunden nerven. Bescheuert. Ein Teil der Kunden kauft nichts, weil wir für ihre alten Autos nicht genug bieten. Vielleicht sollte ich immer die Differenz zwischen dem, was wir dem Kunden bieten und dem, was der Kunde haben möchte, aus eigener Tasche bezahlen. Vielleicht kann ich so die Verkaufszahlen in schwindelerregende Höhen treiben. Und wenn ich dann vollkommen überschuldet bin, rufe ich Peter Zwegat an und komme sogar ins Fernsehen. Das habe ich mir schon immer gewünscht.
Arbeitszeit in dieser Woche: 38 Stunden und 00 Minuten.
Letzte Praktikumswoche
Es ist verdammt kalt hier im Autohaus, weshalb ich einen Heizlüfter in meinem Büro habe, was meinem Chef ja so gar nicht passt. Sollte er allerdings auf die Idee kommen mir diesen zu verbieten, werde ich mein Praktikum sofort beenden. Die Heizung in der Werkstatt schaltet er jedenfalls morgens immer als erstes aus. Kostet schließlich Geld. Dafür ist es so kalt in der Werkstatt, dass ich da mit Sicherheit nicht arbeiten würde. Hätte er letzte Woche das Auto verkauft, dann könnte er vielleicht heizen, aber da er ja nicht an jeden Kunden verkauft, wird halt gefroren.
Weil ich in den letzten Tagen viele Anfragen per Mail hatte, aber kein Vertrag zu Stande kam, muss ich jetzt alle Mails, die ich den Kunden schrieb vorlegen, um zu sehen, wo die Fehler liegen. Wirkliche Fehlerquellen kann er mir dann aber auch nicht nennen, aber ich soll die Kunden auf jeden Fall noch einmal anschreiben. Fein. Aber was mache ich, wenn ein Kunde plötzlich bar bezahlen will? Dann kriegt er doch eh kein Auto. Verdammter Teufelskreis. Da mein Praktikum nächste Woche endet und ich ein Praktikumszeugnis brauche, mir hier aber keins erstellt wird, muss ich es mir selber schreiben. Selbstverständlich schreibe ich mir ein gutes Zeugnis. Nur Sinn macht das nicht, weil ich nicht beurteilen kann, ob ich ein so gutes Zeugnis auch verdient habe. Meiner Meinung nach nicht, aber ein gutes Zeugnis sieht immer gut aus.
Am Mittwoch möchte ein Kunde ein Auto bei mir kaufen. Dem Chef allerdings reicht ein unterschriebener Vertrag nicht und deshalb will er, dass der Kunde 2103,-€ anzahlt. Scheinbar ist die Krise in der Automobilbranche hier doch noch nicht angekommen. Es bleibt abzuwarten, wie der Kunde auf die Forderung reagiert.
Mein selbsterstelltes Zeugnis bekomme ich am Donnerstag. Ein bedeutungsloses, beschriebenes Blatt Papier.
Am Samstag verkaufe ich einen Fiat Grande Punto. So endet die Woche doch noch akzeptabel.
Arbeitszeit in dieser Woche: 43 Stunden und 00 Minuten.
Kundin der Woche
Scheinbar habe ich ein Händchen für verwirrte oder gar gestörte, jedenfalls eindeutig dämliche Kunden, die mir ihre ganze Dämlichkeit auch noch unverblümt präsentieren.
Hallo Herr F.,
also folgende Sachen waren für mich unklar.
Im Kaufvertrag stand nix von einer Gas anlage, desweitern steht eine barzahlung drin, wobei die Zahlungsmethode nicht einmal klar war.
Dann fehlten mir die Angaben wie Erstzulassung , hätte ich diesen #Kaufvertag unterschrieben haääten sie mir ein jedglich anderen Fiat Punto dahin stellen können.
Ach und sehr gut fand ich das Kommentar keine Schäden bekannt, da es ja ein (so zu sagen)"Neuwagen" ist . ist das meiner Meinung nach eine Falsch aussage.
Da ich mich dann auch noch unter Druck gesetzt gefühlt habe. Habe ich mich gegen ihr Autohaus entscheiden.
Natürlich steht da etwas von einer Gasanlage. Kann man aber leicht übersehen, da es eine fett gedruckte Überschrift ist. Würde man die Kundin verkaufen und "Keine Schäden bekannt" schreiben, könnte man in der Tat von einer 'Falschaussage' sprechen. Vielleicht hätte sie die Schule nicht so früh abbrechen sollen.
Die beiden letzten Arbeitstage
An meinem vorletzten Arbeitstag verkaufe ich einen Chevrolet Aveo. So gefällt mir das. Ein Chevrolet war mein erster Verkauf, ein Chevrolet ist mein letzter.
Am Dienstag verkaufe ich noch ein Auto. Zum Glück ist es wieder ein Chevrolet. Ein weiterer Chevrolet Aveo. Alles andere als einen Chevrolet hätte ich auch nicht verkauft.
Dann ist es vorbei. Der Chef lobt mich tatsächlich und stellt mir Vertragsverhandlungen in weiter Ferne in Aussicht. Ganz so schlecht kann ich ja dann nicht gewesen sein. Glück gehabt. Ob ich allerdings wirklich als Automobilverkäufer arbeiten will, kann ich mir derzeit nicht vorstellen.
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