Ein schöner Anblick

Eine Teilnehmerin aus einer anderen Maßnahme braucht kurzfristig eine Bewerbung, doch niemand der Angestellten hat Zeit für sie. Daher werde ich gefragt, ob ich mich darum kümmern kann. Da ich mich gerne um Frauen kümmere, lasse ich mir zunächst die Bewerbungsunterlagen der Teilnehmerin zeigen. Abgesehen davon, dass man da fast nichts ändern muss, ist auf dem Bewerbungsfoto eine hübsche, junge Frau mit braunen Locken und einem netten Gesicht zu sehen. So Aufträge nehme ich immer gerne an. Wenig später kommt die Frau zu mir. Maximal 1,65m groß, tolle Figur, nettes Lächeln und scheinbar makellose Haut bringt sie mit. Ich bin entzückt. Leider hat man ihr neben der tollen Optik eine echt heftige Stimme gegeben, die es in meinem Kopf kurz klingeln lässt, als sie zu reden beginnt. Das passt ja nun gar nicht. Was soll denn sowas? Wer produziert denn so etwas und warum? Nachdem ich mich von dem Schreck erholt habe, erkläre ich der guten Frau, was ich geändert habe und sehe in ihrem Lebenslauf, dass sie 35 ist. Ich hätte sie maximal auf 30 geschätzt, so niedlich wie die ausschaut. Weil sie ein so schöner Anblick ist, macht es fast nichts, dass sie eine so blöde Stimme hat. Man muss ja nicht immer reden. Wieso bekommen wir nicht mal so niedliche Teilnehmerinnen serviert? Interessanterweise sitzt während der ganzen Zeit, die ich mich um die Bewerbungsunterlagen kümmere, der Mitarbeiter, der keine Zeit hat, am Nebenschreibtisch und spielt mit seinem Smartphone. Muss ich nicht verstehen. Liegt vermutlich außerhalb meines Verständnisbereichs.

Am nächsten Tag, ich bin gerade verwirrt und starre vor mich hin, klopft es an der Bürotür. Anstatt etwas zu sagen, schaue ich nur zu Tür, die nach einer Weile geöffnet wird. Und da steht dieses schöne Lebewesen wieder vor mir. Da ist sie direkt an der Tür von Grete, der neuen zuständigen Kollegin, welche Steffi ersetzt, vorbei, nur um mir zu sagen, dass die Bewerbung nicht gut ankam. Ich frage mich, was ich da wohl wieder verzapft habe, als die junge Frau mir zeigt, was nicht so gut ankam. Lediglich eine Formulierung, die man dort, wo sie sich beworben hat, lieber so formuliert hätte, wie es vor vielen Jahren üblich war. Da wollte ein Wichtigtuer wohl einfach mal wieder zeigen, dass er es drauf hat. Wenn es nicht wirklich etwas zu bemängeln gibt, sollte man einfach schweigen. Andererseits hat mir dieser lächerliche Blödsinn jetzt diesen hübschen Besuch beschert. Heute redet sie zwar etwas mehr, was schon etwas wehtut, dafür lächelt das hübsche Geschöpf aber, was es sofort wieder ausgleicht. Sie hat ein paar Sätze der Bewerbung umformuliert und sagt, dass sie echt viel Zeit dafür gebraucht hat. Wäre vermutlich nicht nötig gewesen, aber ich lobe sie und sage ihr, dass es toll ist und jetzt auch viel mehr nach ihr klingt. Dabei kann ich das nicht beurteilen, ob das nach ihr klingt oder eben nicht. Sie allerdings freut sich und das ist schön anzuschauen. Ich weiß wirklich, wie man junge Frauen glücklich macht. So verlässt sie mein Büro, zeigt die Bewerbung stolz Grete und wird leider aus ihren Träumen gerissen, weil Grete irgendwas an dem Anschreiben zu bemängeln hat. Ich kann Frauen einfach nicht nachhaltig glücklich machen. Konnte ich noch nie. Schade.

Seminar mit Sonderling

Ob man es nun Fortbildung oder Seminar nennt, spielt keine Rolle, wichtig ist nur, dass ich dabei bin. Aber warum bin ich dabei? Zum einen, weil ich denke, dass man sich nicht immer verweigern kann und zum anderen, weil ich nicht möchte, dass mein Arbeitgeber mich für desinteressiert hält. Außerdem glaube ich, dass ich mehr und mehr verblöde, da kann etwas Input sicher nicht schaden.

Das Seminar hat den klangvollen Titel „Arbeitsmarktorientierte Potenzialanalyse“, was für mich direkt gruselig klingt. Aber ich habe eh viel zu viele Vorurteile, um das realistisch zu betrachten. Zumindest rede ich mir das ein und lasse es mir auch gern bestätigen. Insgesamt haben sich elf Interessierte eingefunden. Weibliche Interessenten sind mehr da, was ich durchaus zu schätzen weiß. Bevor es losgeht, stellt sich mir eine der Frauen vor. Erwartungsgemäß vergesse ich unverzüglich ihren Namen wieder. Als hätte ich Lochfraß im Gehirn. Maike, die von der Weihnachtsfeier, ist auch da und sieht wieder gut aus. Aber das tut nichts zur Sache, weil sie nicht am Seminar teilnimmt und auf meine albernen Witze, die ich zur Kontaktaufnahme präsentiere, nicht reagiert.

Zu Beginn des Seminars halte ich tapfer durch. Konzentriert lausche ich den Erklärungen zum Talentkompass NRW. Beim persönlichen Talentkompass mache ich anfangs noch mit, dann wird mir alles irgendwie zu abstrakt. Anstatt weiter konzentriert mitzumachen, fange ich an Striche zu malen und warte nur noch auf die Pause. Beim Lebensblatt bin ich komplett raus und klinke mich langsam völlig aus. Nur die Pause rettet mich vor dem völligen abdriften. Wir dürfen den Raum verlassen.
Weil ich vermutlich nicht zurechnungsfähig bin, lächle ich als erstes, und völlig ohne Grund, Maike an als ich sie sehe. Sie lächelt zurück. Konsequenterweise finde ich sie ab sofort sympathisch. Hoffentlich will ich sie nicht irgendwann auch umarmen. Dann mache ich etwas, was ich zuvor für unmöglich gehalten hätte. Anstatt nach meiner Kollegin und Carsten Ausschau zu halten, setze ich mich zum Dozenten, um eine kleine Mahlzeit zu mir zu nehmen. Zu uns gesellt sich die Frau, die sich mir anfangs vorgestellt hatte und unternimmt einen Versuch ein Gespräch mit mir zu führen. Ich gebe eine vermutlich abweisende Antwort und das Gespräch ist vorbei noch bevor es zu einem wurde. Dann setzt sich ein eine etwas schräge Sozialpädagogin an unseren Tisch. Das anschließende Gespräch findet ohne mich statt.

Später sitze ich mit Patzi in einer gemütlichen Sitzecke und wir unterhalten uns. Dann kommen der Dozent und die Frau ohne Namen zu uns. Ich erkenne mich kaum wieder.

In der zweiten Hälfte des Seminars habe ich mich in eine Art Standby-Modus geschaltet. Ich höre alles, was um mich herum gesprochen wird, schaue mich um, nehme alles zur Kenntnis, reagiere aber nicht mehr auf die Witze, die immer wieder gemacht werden. Selbst, wenn die Witze gut sind, bleibe ich irgendwie teilnahmslos. Als wäre mein Körper lediglich ein Kokon, der nicht viel mit mir zu tun hat. Ich wirke sicher gestört mit meiner eingeschränkten Mimik und meinem ganzen Dasein. Aber ich kann da jetzt nicht raus, kann nicht reden, kann nicht auf Witze reagieren, kann einfach nur anwesend sein und die Stimmen hören. Irgendeine Behinderung muss das sein, denn so ist das schon immer gewesen. Wenn mich etwas nicht interessiert, oder ich einen sonstigen Ausfall habe, klinke ich mich aus. Dann kann man mich auch nur schwer wieder einschalten. Daher bin ich innerlich sehr angespannt, als jeder von uns am Ende sagen muss, was für ihn gut und was für ihn weniger gut war. Ich weiß, dass ich nicht lügen kann. Ich kann nicht sagen, dass es mir gefallen hat, dass mich das weitergebracht hat. Ich will gar nichts sagen, so wie in den letzten neunzig Minuten schweigen. Ich spüre meinen Herzschlag, sehe mein Herz durch den Pullover schlagen. Ich bin sicher, dass alle es sehen, wenn ich an der Reihe bin. Ich schwitze. Dann bin ich an der Reihe, alle Augen sind auf mich gerichtet. „Positiv finde ich, dass wir recht pünktlich Feierabend machen.“ Ich schaue niemanden an. Gemurmel, leichtes Gelächter. Vielleicht halten es manche für einen Scherz. Ist es aber nicht. „Weniger positiv ist, dass ich mit all dem gar nichts anfangen kann.“ Ich komme mir vor wie ein Verräter. Gerne hätte ich etwas Positives gesagt, den Dozenten gelobt, aber es war nicht möglich. Ich kann das nicht. Wie ein irrer Zwang muss raus, was raus muss. Das Ende der Veranstaltung ist eine Erlösung. Außer mir hat sich jeder nur positiv geäußert. Keiner war froh, dass es endlich vorbei war. Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut und frage Carsten, ob mein Kommentar zu hart war. Er sagt, dass er genau das von mir erwartet hat, dass es klar war, dass ich es sage. Man kennt mich und manche scheinen es zu akzeptieren, was mich durchaus beruhigt. Dennoch frage ich mich, ob ich mir das nicht abgewöhnen sollte. Mein Bedürfnis gewisse Dinge auszusprechen hat mir schon das eine oder andere Mal Ärger gebracht und hier spricht sich alles immer schnell rum. Ich bin ein echter Sonderling.

Weihnachtsfeier 2017

Die wohl unvermeidbare Einladung zur Firmenweihnachtsfeier wird mir persönlich überreicht und zunächst mache ich mir auch keine weiteren Gedanken, ob ich wirklich hingehe. Ich sage sogar recht bald zu, nur um dann endgültig an meiner Entscheidung zu zweifeln. Denn erstens dauert so eine Feier ja länger und zweitens muss ich die Wohnung verlassen und etwas tun, was nicht meinen üblichen Routinen entspricht. Erschwerend kommt die bisweilen sehr miese Stimmung unter den Kollegen hinzu. Irgendwie ist das nichts für mich. Dass ich letztendlich dennoch zur Feier gehe, ist vermutlich typisch für mich und ich hätte mir all die Gedanken und Zweifel schenken können.

Wir werden am Eingang von den Chefs empfangen, müssen Hände schütteln und meine Chefin hat direkt Mitleid mit mir, weil sie ja weiß, wie furchtbar ich Händeschütteln finde. Erstaunlicherweise stehen meine Kollegin und ich eine ganze Weile neben den Chefs, kommunizieren und lassen uns die Namen von Kollegen, die wir nicht kennen, mitteilen. Mich interessieren konsequenterweise mehr die Frauennamen, aber das kann mir niemand verübeln. Dann kommt eine Frau herein, die sofort meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sie ist auf eine besondere Art und Weise attraktiv und ich muss ständig zu ihr rüber schauen, was, wie könnte es auch anders sein, bald bemerkt wird. Ich sage zu meiner Kollegin, dass diese Frau, die Maike heißt, echt attraktiv ist, aber irgendwas an ihr komisch ist. Irgendwas stimmt da nicht. Meine Kollegin sieht es genauso. Sehr merkwürdig. Aber kein Grund, sie nicht weiter im Auge zu behalten. Erst als Sonja und Anke die Feier betreten, gerät Maike kurz in Vergessenheit. Die beiden sehen wieder vorzüglich aus und besonders Sonja in ihrem Outfit ist nahezu umwerfend. Es muss toll sein attraktiv zu sein. Sollte ich irgendwann wieder erschaffen werden, dann bitte in attraktiv. Aber nicht innerlich hohl. Das wäre was.

Nach einer kurzen Ansprache der Chefs setzen wir uns an einen Tisch. Zeitgleich setzen sich drei Frauen an den Tisch, die unser Alphateddy direkt wegschickt indem er behauptet, der Tisch sei reserviert. Da eine der drei Frauen sehr attraktiv ist, sage ich ihm, dass er ein Blödmann ist. So sitzen wir in der üblichen Konstellation zusammen und es wird gegessen. Irgendwann setzt sich Miri, die ich seit Monaten nicht gesehen habe, an unseren Tisch. Ich sage ihr, dass ich mich freue und gehofft hatte, dass sie heute auch da ist, weil ich ein Zimmer für uns gebucht habe. Zimmer 371. Wir können uns da nachher treffen. Ich weiß, wie man eine Frau zum Schweigen bringt. Vermutlich hat sie einen Schock. Es war jedenfalls ein mehr als kurzes Wiedersehensgespräch, welches diejenigen, die es mithören durften, köstlich amüsierte. Es fließen sogar die ersten Tränen. Ich kann gut mit Frauen.

Später gibt es ein kleines Spiel. Ich setze mich an einen Platz von dem aus ich alles im Blick habe und beobachte die ganzen Menschen. Ich betrachte Maike, sie bemerkt es und schaut zu mir. Was sie wohl denkt? Ich beschließe, dass ich nicht mit ihr reden will, da sie mir immer noch komisch vorkommt. Beim Spiel macht sie aktiv mit und ich finde das alles irgendwie befremdlich. Dann gewinnt sie eine Runde, steht auf, lässt sich quasi feiern, hebt die Arme als hätte sie ein Tor geschossen und holt ihren Preis ab. Der Alkohol zeigt schon seine Wirkung. Mich schreckt es durchaus ab.

Dann sitze ich eine ganze Weile neben dem Chef, er lobt uns, ich weiß nicht, wie ich auf Lob reagieren soll, und anschließend erzähl er recht locker Geschichten aus seinem Leben, lacht über meine Witze und es wird wieder mehr als deutlich, dass ich eigentlich nur ein Clown bin. Dabei hatte ich mir vorgenommen, heute nicht rumzublödeln und auf keinen Fall viel zu reden. Ich bin echt ein Spinner.

In den nächsten Stunden rede ich mit so vielen Frauen, wie noch nie. Ich spreche manche sogar einfach an, frage nach ihren Namen und was mir sonst so einfällt. Eine Kollegin, mit der ich ab und zu mal zusammen gearbeitet habe, sagt, sie hat mich noch nie so entspannt gesehen. Ich erwidere, dass ich diese menschlichen Züge ausschließlich auf der Weihnachtsfeier habe. Sie hört mir nicht zu.

Meine Kollegin trifft Maike draußen beim Rauchen und sagt später, dass diese nur Mist redet und so besoffen ist, dass sie ziemlich lallt. Das passt irgendwie. Später tanzt Maike völlig ausgelassen und ich nehme ihr all diese betrunkene Fröhlichkeit nicht ab. Sie wirkt eher verloren als wirklich glücklich. Ich kenne diesen Blick bei Betrunkenen und finde es bei ihr extrem. Sonja, die selbstverständlich heute auch anwesend ist, hat auch so etwas in ihrem Blick. Ich sitze neben ihr, mache ihr ein Kompliment und wie so oft erwähnt sie ihre Attraktivität. Ich bestätige das natürlich, weil sie Recht hat, glaube aber, dass sie nicht wirklich glücklich ist. Aber das bedeutet nicht, dass es auch so ist.

Maike tanzt und lallt derweil weiter, mal mit dem einen, dann mit einem anderen, und dann mit Sonja, was mir optisch am besten gefällt.

Später sitze ich mit meiner Kollegin in einer Ecke, mache einen meiner gemeinen Witze und wir lachen laut, als sich Sonja, die in der Nähe steht, zu uns umdreht und ernst ansieht. „Lacht ihr über mich?“ – „Nein.“ – „Über wen lacht ihr dann?“ – „Ich hab nur einen meiner albernen Witze gemacht.“ – „Über wen?“ – „Das weiß ich nicht, ich kenne nicht alle Namen.“ Sie wirkt plötzlich unsicher und ernst. „Doc, sei ehrlich, lacht ihr über mich?“ – „Hör mal, habe ich je über Dich gelacht oder Witze gemacht?“ – „Nein.“ – „Siehst Du, und das werde ich auch nie tun.“ Sie scheint mir zu glauben, kommt zu mir und sagt, dass es ihr heute nicht so gut geht. Manchmal glaube ich unter ihrem ganzen Verhalten, ihrer Fröhlichkeit, eine gewisse Traurigkeit und Unsicherheit zu entdecken. Wir reden noch kurz, dann muss sie wieder tanzen.

Kaum ist eine attraktive Frau weg, steht die nächste schon bei uns. Wir unterhalten uns eine Weile mit Anke, dann geht meine Kollegin ihre Jacke holen, während Anke und ich versuchen das Alter des anderen zu schätzen. Nachdem sie mich fünf Jahre jünger geschätzt hat und ich ihr daraufhin versichert habe, sie nun noch mehr zu mögen, bin ich an der Reihe. Da ich mir sicher bin, ihr Alter schon mal irgendwann gehört zu haben, sage ich diese Zahl und liege falsch. Eine Frau sollte man nicht älter schätzen als sie ist, auch wenn es nur zwei Jahre sind. Wieso hatte ich nur diese blöde 38 im Kopf? Das ist voll peinlich und ich entschuldige mich sofort und frage, wie ich das wiedergutmachen kann. Mit einer Umarmung komme ich aus der Nummer raus. Wenn das immer die Strafe ist, kann ich gut damit leben.

Ich verabschiede mich von Carsten, der umgeben von vier Frauen glücklich und zufrieden an einem Tisch sitzt. Eine der Frauen hatte ich vorhin angesprochen, weshalb wir uns jetzt zuwinken. Das ergibt auch keinen Sinn. Ebenfalls am Tisch sitzt Maike, die ich mir aber nicht von Carsten vorstellen lasse und von der ich mich auch nicht verabschiede.

Zwischenzeitlich hat Anke meine Fehlschätzung bezüglich ihres Alters Sonja mitgeteilt und sagte bei der Gelegenheit auch gleich, dass ich Sonja auf 40 geschätzt hätte. Ich versichere Sonja, dass ich das nie tun würde, was auch irgendwie schwachsinnig ist. Daraufhin will Sonja umarmt werden. Obwohl das alles keinen Sinn ergibt, finde ich es sehr vernünftig, weil ich dann die beiden attraktiven Frauen an einem Abend umarmt habe. Das könnte ich Stunden so weiter machen, was aber sehr komisch wäre und völlig unangebracht. Interessanterweise war die Hoffnung, beide umarmen zu dürfen, meine einzige Hoffnung diese Weihnachtsfeier betreffend und ich wäre vermutlich echt enttäuscht gewesen, wenn sie mich nicht hätten umarmen wollen. Erschreckend, denn eigentlich finde ich dieses Umarmen zumeist befremdlich.

Hätte ich nicht die Banane vergessen, wäre es der perfekte Abend gewesen. Sechs Stunden bin ich geblieben und es gibt mir zu denken, dass eine Firmenweihnachtsfeier der Ausgehhöhepunkt meines Jahres ist. Dass dieser Abend zu den lustigsten und entspanntesten des Jahres gehörte und ich mich lange nicht so wohl gefühlt habe, war so nicht zu erwarten. Ich glaube, ich habe mich heute Abend tatsächlich zeitweise lebendig gefühlt. Ich frage mich echt, was nur aus mir und meinem Leben geworden ist. Wo ist mein Leben mir abhanden gekommen?

Die Puddingfrau

Zum ersten Mal hat sie uns im Sommer 2016 besucht, um sich über die Maßnahme von Alpha zu informieren. Sie wirkte jünger als sie war und es war ein lustiger Plausch. Sie nahm nie an der Maßnahme teil. Ein paar Monate später war sie wieder da. Dieses Mal wurde ihr unsere Maßnahme vorgestellt, und wieder war es sehr unterhaltsam und wir haben viel gelacht. Sie sollte dann bei uns teilnehmen, tauchte aber niemals auf. Nun, gut 16 Monate nach der ersten Begegnung, sitzt sie wieder vor mir. Sie sieht nicht mehr Jahre jünger aus, hat deutlich zugenommen und wirkt ziemlich reduziert. Die Agilität, die ein Teil von ihr war, ist nicht mehr vorhanden. Ihr früher fast schon spitzes Gesicht ist zu einer Art Puddinggesicht geworden und ich kann nicht einmal sicher sein, dass vor mir dieselbe Frau sitzt, die uns damals besuchte. Um Jahre gealtert sitzt sie da, hört was ich sage, reagiert langsam und völlig emotionslos. Sie wirkt wie ein Pudding, der auf äußere Anreize mit der gewohnten Trägheit eines Puddings reagiert. Weder meine Versuche mit albernen Witzchen die Stimmung aufzulockern, noch meine einfühlsame und verständnisvolle Art, bewirken wirkliche Reaktionen. Es scheint als reagiere sie auf alles durch eine für mich unsichtbare Nebelwand. Ich suche nach Leben in ihrem Gesicht, irgendwas von dem, was bei ihren ersten Besuchen noch da war, doch ich finde nichts. Ich sehe einen Pudding in Menschengestalt mit einem reduzierten Artikulationsumfang. Nie zuvor ist es passiert, dass ich mein Gegenüber so wenig erreichte. Es ist als hätte man sie unter Drogen gesetzt und jegliche Menschlichkeit ist unter all dem Pudding verschwunden. Für einen Moment bin ich wie gelähmt, weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Stelle dann Routinefragen, frage, ob sie irgendwelche Wünsche hat, ob sie einen bestimmten Coach haben will. Alles ist ihr recht, sie verspricht lediglich, dass sie dieses Mal auf jeden Fall teilnehmen wird. Ich weiß nicht, ob das gut für uns alle ist. Es erscheint mir absolut unmöglich auf irgendeine Art und Weise zu ihr durchzudringen. Die Frau hinter all dem Pudding wird von uns nicht zu finden sein. Wir sind keine Psychologen, nur Jobcoaches.

Ich bespreche den Fall mit ihrem Betreuer vom Jobcenter. Ihm geht es nicht unbedingt darum, dass sie einen Job bekommt, sondern, dass es ihr besser geht und unsere Maßnahme hält er dafür für geeignet. Ich bin dafür nicht ausgebildet, denke, dass sie andere Hilfe braucht, sage aber nichts, weil ich mich auch irren kann. Sollte sie zu uns kommen, wird es definitiv unsere größte Herausforderung. Wir können sie auf keinem Fall unserem dritten Mann anvertrauen. Das ist eigentlich alles, was ich entscheiden kann. Vielleicht haben wir alle Glück und sie muss nicht zu uns kommen. Alles hat seine Grenzen. Dies sind unsere.

Der Mann ohne Zukunft und zwei andere Sorgenkinder

Der Mann ohne Zukunft ist mittlerweile in der dritten Woche hier und starrt noch immer meist seine Bewerbungsunterlagen an, kontrolliert, ob auch alles stimmt und meldet sich brav ab, wenn er zur Toilette geht. Er stellt mir eine Frage, die ich ihm beantworte. Direkt danach stellt er sie erneut, so als hätten wir das Gespräch davor nie geführt. Das ist schon irgendwie gruselig, aber ich bleibe vollkommen ernst dabei und wiederhole einfach meine Antwort. Ihn macht es sichtlich glücklich, da wäre es unhöflich seine Aussetzer nicht zu ignorieren.
Als wir ihm eine neue E-Mail-Adresse einrichten, weil er nicht weiß, wie er auf sein schon vorhandenes E-Mail-Postfach zugreifen kann, kommt er ganz schön ins grübeln. Etwas lässt ihn nicht los, macht ihm gar zu schaffen. Und so kommt er wenig später zu mir, um mich zu fragen er, ob er nun Probleme bekommt mit T-Online, weil er ja dort seine ursprüngliche Mailadresse hat. Er ist wirklich besorgt und fragt daher mehrmals nach, ob es wirklich keine Probleme gibt. Nach einer Weile kann ich ihn scheinbar beruhigen.
Wichtig ist ihm auch zu wissen, was er tun soll, wenn er seine erste Bewerbung geschrieben hat und eingeladen wird. Was er dann sagen soll, welches Verhalten angebracht ist. Dann träumt er sich quasi in ein Vorstellungsgespräch und ist ganz aufgeregt und ich sehe ihn nur an, mit all seinen Hoffnungen und weiß doch, dass es hier keinen gibt, der weiter als er von einer Einladung zu einem solchen Gespräch entfernt ist, als er es ist. Und sollte er tatsächlich durch ein Wunder ein Gespräch irgendwo haben, fürchte ich, dass es ihn total zerstört. Er ist jedenfalls sichtlich aufgeregt und bräuchte meiner Meinung nach eher einen Betreuer als einen echten Job. Möglicherweise könnte er in einer Werkstatt für Menschen mit Einschränkungen arbeiten. Mehr geht definitiv nicht bei ihm. Die Frage ist nur, was ich hier mit ihm soll und wie ich ihn vor irgendwelchen Enttäuschungen, die es definitiv geben wird, schützen kann. Abschließend bedankt er sich für die Hilfe, die er von uns bekommt und ist in seiner kleinen Welt scheinbar glücklich und zufrieden. Das ist echt hart und für einen Moment sitze ich, nachdem er gegangen ist, einfach nur da. Ratlos, verständnislos und fassungslos, dass man ihm das hier antut.

Ein weiterer Teilnehmer, der neu bei mir ist, hat nicht nur ein Zahnproblem. Er riecht wie mehrere Aschenbecher und wenn ich mal mit ihm reden muss und sein Atem mich erreicht, muss ich mich sofort wegdrehen oder gehen, weil ich würgen muss. Außerdem hat er seine untere Zahnreihe, verloren, verliehen oder verschenkt, was der Optik nicht unbedingt förderlich ist. Im Gegensatz zu dem Mann ohne Zukunft ist er aber schon recht intelligent, was mich alles irgendwie verwirrt. Er ist auch voll nett, arbeitet meist selbständig und hat sogar zwei Ausbildungen abgeschlossen. Was dann aber schief gelaufen ist, kann ich nicht sagen. Auch hier bin ich ratlos, was genau ich mit ihm machen soll. Dank seiner guten Ausbildung und seiner beruflichen Erfahrungen, hätte er eigentlich Chancen, aber sein Gesamtzustand ist schon etwas besorgniserregend. Dennoch wird er, kurz nachdem wir unsere Bewerbungsbemühungen abgeschlossen haben, angerufen und zu einem Gespräch eingeladen. Das ist eine interessante Entwicklung und lässt zumindest für den Moment hoffen, dass er eine klitzekleine Chance hat. Hoffentlich riechen die nächste Woche nicht, was ich rieche.

Und dann gibt es noch einen weiteren Fall, den man uns anvertraut hat. Ganz frisch eingetroffen. Dieses Exemplar zählt mir zunächst alle seine Krankheiten auf. Dazu gehört unter anderem irgendeine Form von Hepatitis und irgendwer aus seiner Familie hat derzeit die „Maul und Klauen-Seuche“, wie er es nennt. Später nennt er die Krankheit dann Hand-Fuß-Mund-Krankheit. Wirklich wohler fühle ich mich dadurch auch nicht, weil diese Krankheit hochansteckend ist. Und der Arsch hat mir zur Begrüßung auch noch seine Hand geben müssen. Bei mir juckt sofort alles und ich bin durchaus angewidert. Nachdem er all seine Krankheiten aufgezählt hat und auch feststeht, dass er laut ärztlicher Gutachten so gut wie keinen Job mehr ausführen kann, ist unsere Maßnahme um einen weiteren Mann ohne berufliche Zukunft erweitert. Kaum ist das menschliche Wrack gegangen, desinfiziere ich mich, seife mir Hände und Gesicht ein und hoffe, dass ich nicht verseucht wurde.

Ich kann echt viel ertragen, aber langsam wird es echt ekelig. Und noch bleiben vier Monate bis zum Ende dieser Maßnahme. Genug Zeit also uns weitere extreme Fälle zu schicken. Ich bin gespannt.

Aus Jobcoaches werden Förderer

Gelegentlich kommen Prüfer und prüfen, was man bei Maßnahmen so prüfen kann. Ich weiß nicht, wer diese Prüfer waren oder wer sie geschickt hat, aber sie haben ganze Arbeit geleistet als sie etwas Unverzeihliches entdeckten und unverzüglich monierten. Eine Datei mit dem Namen Jobcoaching löste diesen Skandal aus. Nicht, weil der Inhalt zu wünschen übrig ließ, sondern weil der Name einfach nicht angemessen ist. Jobcoaching darf man das nicht nennen, es muss Teilnehmerförderplan heißen. Erst dachte ich, die sind bekloppt, sich mit so etwas zu beschäftigen, dann allerdings gab alles einen Sinn für mich. Jobcoaching ist ein völlig bescheuerter und undeutscher Begriff. Jobcoaching klingt tatsächlich so als wolle man einen oder mehrere Jobs coachen. Sinnfrei und nicht umsetzbar. Teilnehmerförderplan klingt da schon nachvollziehbarer. Jetzt hoffe ich, dass es bald auch keine Jobcoaches mehr gibt, sondern wir alle uns als Teilnehmerförderer bezeichnen müssen und daraus irgendwann auch ein anerkannter Beruf wird. Denn schließlich haben wir niemals, zu keinem Zeitpunkt also, Jobs gecoacht, sondern immer nur Teilnehmer gefördert oder es zumindest versucht.  Teilnehmerförderer klingt vielleicht beim ersten Date, wenn man erzählt, was man beruflich macht, nicht ganz so sexy, sondern im ersten Moment nach einer Behinderung, aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg.

Ich glaube, wenn meine Zeit als Teilnehmerförderer vorbei ist, möchte ich in so eine Prüfgesellschaft aufgenommen werden, die stets neue Begriffe erfindet und so immer eine Aufgabe hat. Ich glaube, das kann ich mir wirklich vorstellen.

Wie würden Sie entscheiden?

Eine Teilnehmerin, Mitte 50, die noch nie als Haushaltshilfe gearbeitet hat, möchte sich aber gerne auf eine solche Stelle bewerben. Und obwohl sie nicht meine Teilnehmerin ist, bittet sie mich, ein Anschreiben für sie zu erstellen. Ich bin zwar nicht begeistert, aber da es mein Job ist, erstelle ich gleich zwei Versionen, die ich ihr beim nächsten Termin anbieten kann.

Bewerbung als Haushaltshilfe. Version 1.

Sehr geehrter Herr Pilgrim, sind Sie der Vater von Scott Pilgrim, dem Superhelden?

Auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung bin ich an der Mitarbeit in Ihrem Unternehmen sehr interessiert.

Als vielseitig interessierte Frau, die schon viele Erfahrungen sammeln konnte und schon den einen oder anderen Hausputz hinter sich hat, kann ich sicher ohne lange Anlaufphase für Sie tätig werden. Meine Kenntnisse und Erfahrungen als Hausfrau bringe ich gerne in Ihrem Unternehmen ein und bin sehr daran interessiert, diese zu erweitern.

Aufgrund meiner Kreativität und meiner Organisationsfähigkeit kann ich meine Arbeitskraft gezielt in ihrem Unternehmen einsetzen und die von Ihnen erwarteten Voraussetzungen erfülle ich im vollen Umfang. Absolute Zuverlässigkeit, Engagement und Flexibilität dürfen Sie ebenso voraussetzen wie die Bereitschaft mich auf Neues einzustellen.

Wenn Sie also an einer motivierten und fleißigen Mitarbeiterin, die sich schnell in ein bestehendes Team einordnen und neue Akzente setzen kann, Interesse haben, dann laden Sie mich doch unter meiner Telefonnummer 0123 – 456789 zu einem persönlichen Gespräch ein. Ich kann Ihnen versichern, dass ich eine erotische Stimme habe und biegsam bin.

Mit freundlichen Grüßen

 

Bewerbung als Haushaltshilfe. Version 2.

Sehr geehrter Herr Pilgrim,

auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung bin ich an der Mitarbeit in Ihrem Unternehmen sehr interessiert.

Nach meiner Familienphase suche ich einen beruflichen Wiedereinstieg. Während ich mich um meine Familie gekümmert habe, arbeitete ich als Haushaltshilfe in einem privaten Haushalt und fütterte Onkel Egon, wusch seine Füße, kaufte für seine Frau Kartoffeln und bereitete köstliche Speisen zu. Sie erkennen, dass die von Ihnen beschriebenen Aufgaben schon nach einer kurzen Einweisung übernehmen kann. Besonders gefällt mir an der Tätigkeit, dass man viel mit Menschen zu tun hat. Wichtig ist mir, dass ich die Urne von Onkel Egon mit zur Arbeit bringen kann.

Aufgrund meiner Kreativität und meiner Organisationsfähigkeit kann ich meine Arbeitskraft gezielt in ihrem Unternehmen einsetzen und die von Ihnen erwarteten Voraussetzungen erfülle ich, wie oben beschrieben, im vollen Umfang. Absolute Zuverlässigkeit, Engagement und Flexibilität dürfen Sie ebenso voraussetzen wie die Bereitschaft mich auf Neues einzustellen.

Wenn Sie also an einer motivierten und fleißigen Mitarbeiterin, die auch mit Schürze und Gummihandschuhen einen guten Eindruck macht und souverän wirkt, interssiert sind, dann seien Sie nicht schüchtern und rufen mich unter der  Telefonnummer 0123 – 456789 an. 

Ich freue mich sehr darauf von Ihnen zu hören und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

 

Ich bin mir leider nicht ganz sicher, mit welcher Version ihre Chancen höher sind. Daher meine Frage: “Wie würden Sie entscheiden?

Ein Mann ohne Zukunft

Er ist Mitte fünfzig und wirkt sehr unsicher als ich das Erstgespräch mit ihm führe und ihn in die Maßnahme aufnehme. Kaum war er zur Tür hereingekommen, war mir klar, dass er vermutlich nicht zu vermitteln sein wird. Einmal angefangen redet er sehr viel. Wie sehr er unter der Arbeitslosigkeit leidet, wie es ihn sozial beschneidet, wie sein Selbstbewusstsein schwindet usw. Er tut mir leid. Der dritte Mann wird sich um ihn kümmern. Auch das tut mir leid, dabei spielt es letztlich keine Rolle, wer von uns ihn betreut. Er sagt, er fände es schön, wenn er durch diese Maßnahme ein paar soziale Kontakte knüpfen könnte und Arbeit findet. Es ist nicht schön mit anzusehen, wie er Hoffnungen schöpft, die sich kaum erfüllen werden. Ich verspreche ihm nichts, weil jedes Versprechen eine Lüge wäre. Das könnten harte drei Monate für ihn werden. Für uns alle.

Weil der dritte Mann nicht da ist, kümmere ich mich eine Woche später um den Mann ohne Zukunft. Ich sage ihm, dass sein Lebenslauf etwas verändert werden muss und zeige ihm, wie er das am schnellsten machen kann. Er aber möchte alles noch einmal neu schreiben. Es ist sein Lebenslauf, also lasse ich ihn, obwohl das unnötig ist. Zweieinhalb Stunden später ist er scheinbar fertig. Nachdem er alles mindestens dreimal kontrolliert hat, ist er aber noch nicht sicher, ob er wirklich fertig ist. Würde ich jetzt nicht dazwischen gehen, könnte er sicher noch Stunden mit seinem Lebenslauf verbringen, ohne einen Schritt weiterzukommen. Während ich fix ein paar Änderungen vornehme, kommen wir ins Gespräch. Er scheint so dankbar zu sein, dass er mit jemandem reden darf und fragt, wie denn unsere Vermittlungsquote sei. Dass sie mittlerweile nur noch bei 33% liegt, sage ich ihm nicht. Es würde ihm nichts nützen. Wie ich denn die Chancen sehe, dass er einen Job findet. Ich hasse das, denn ich will ihn ja nicht völlig deprimieren, so sage ich ihm, dass wir viel Glück brauchen, erzähle von Erfahrungen, Arbeitgebern, versuche ihm klarzumachen, wieviel Konkurrenz er hat und dass sein Lebenslauf nicht viel hergibt. Er klebt an meinen Lippen, saugt all dieses Gefasel auf und tut mir dabei einfach nur leid. Der Arbeitsmarkt hat so wenig Verwendung für Leute wie ihn. Selbst diese Gesellschaft ist nicht für Leute wie ihn gemacht. Ohne gehöriges Glück wird er immer mehr verkümmern. Er erzählt, dass sich die Arbeitslosigkeit wie ein Strick um ihn zieht, dass er kaum soziale Kontakte hat, weil Arbeitslosigkeit abkanzelt. Wie Recht er damit hat. Ich überlege, wo man ihn unterbringen kann. Mein Kopf bleibt leer.

Zum Abschluss gebe ihm die Aufgabe am Montag sein Anschreiben zu überarbeiten und mit dem dritten Mann zu besprechen. Er möchte es aber lieber am Donnerstag mit mir besprechen. Scheinbar hat er entschieden, dass ich sein Ansprechpartner bin. Was für eine Bürde. Ich fürchte vor uns liegen drei Monate der Enttäuschung. Ich muss ihn irgendwie zu einem Vorstellungsgespräch kriegen in der Zeit. Ihm nur diesen Hauch Hoffnung geben, den er braucht. Auch wenn er anschließend enttäuscht sein wird. Das bin ich ihm irgendwie schuldig. Und am Ende muss ich ihn aufbauen und Mut machen in einer hoffnungslosen Situation in einer kalten Welt. Was für eine deprimierende Konstellation.

Im Herzen ein Arbeitsloser

Wenn ich mit Teilnehmern rede, sage ich sehr häufig „wir“ Arbeitslose. Auch privat spreche ich oft von mir als Arbeitslosen. Meine vielen Jahre als Arbeitsloser haben mich durchaus geprägt. Möglicherweise ist mir Arbeitslosigkeit aber auch schon in die Wiege gelegt worden und Zeiten in denen ich nicht arbeitslos bin, sind komplett wider meiner Natur. Im Herzen bin ich vermutlich einfach ein Arbeitsloser, der ab und zu von seinem Weg abkommt. Wenn mein Vertrag im März ausläuft, war es die längste Zeit der Nichtarbeitslosigkeit seit meiner Ausbildung.

Die letzten Tage habe ich verbracht, wie zu besten Arbeitslosenzeiten. Ich war faul, habe Filme konsumiert, Zeit vergeudet und mich nur gewaschen und anständig angezogen, wenn ich das Haus verlassen musste oder Besuch bekam. Die restliche Zeit war absolut nichts mit mir los. Es ist erstaunlich, wie schnell ich in alte Verhaltensmuster zurückkehre und es spricht sehr dafür, dass ich ein guter Arbeitsloser wäre. Ich glaube, dass ist einfach meine Bestimmung.

Es waren einmal drei Sozialpädagogen

Fast unbemerkt ist der Rentner, der noch ein wenig als Sozialpädagoge in diesem Unternehmen tätig sein wollte, verschwunden. Vor ein paar Wochen verabschiedete er sich in den Urlaub und wurde seitdem nicht mehr gesehen. Er taucht auch nicht mehr in der Mitarbeiterdatenbank auf. Möglicherweise ist er an Altersschwäche gestorben. Armer Kerl

Letzte Woche hatte Cordula genug und kurzfristig gekündigt. Sie geht lieber zurück in die Arbeitslosigkeit statt hier weiter beschäftigt zu sein. Nicht, dass sie am Ende als Teilnehmerin zu uns zurückkehrt.

Und Steffi hat ebenfalls gekündigt. Eine durchaus mehr als logische Entscheidung, da ihr hier einfach die Wertschätzung fehlt und Leute wie ich, die es gar nicht beurteilen können, einfach behaupten, sie hätte genug Zeit ein paar Listen zu machen. Dass sie gar keine Zeit hat, beweist sie auch weiterhin bravourös. Bewerbungen, die ihre Teilnehmer geschrieben haben, sortierte sie ordentlich in zwei Stapeln auf dem Tisch. Die Briefe auf dem einen Stapel hat sie frankiert, die auf dem anderen nicht. Dazu hat sie Briefmarken gelegt. Nun ist es ja so, dass sie nach Feierabend bei der Post vorbeikommt und die Briefe hätte einwerfen können, doch weil das nicht zu ihren Aufgaben gehört, liegen halt manche dieser Briefe schon seit Freitag auf dem Tisch. Heute ist Mittwoch. Und weil Brandy in den letzten Tagen frei hatte, mussten die Briefe auf ihre Rückkehr warten, um endlich verschickt zu werden. So ein Portobuch führt man schließlich auch nicht nebenher, wenn man eine hochdekorierte Sozialpädagogin ist. Fragt sich nur, wer diese Koryphäe ersetzen soll.