Mitternachtswasser

Es ist Mitternacht. Ich habe Kopfhörer auf, gieße mir ein Glas Wasser ein und gehe Richtung Schlafzimmer. Es läuft Constantinople. Laut. Ich verliere kurz die Kontrolle und hüpfe, weil ich hüpfen muss. Augenblicklich wird es nass. Ich bin irritiert. Dann fällt mir das Glas ein. Jetzt macht Sinn was eigentlich keinen Sinn macht. Zurück ins Wohnzimmer. Ich brauche Wasser und habe echt Glück, dass ich meist Wasser trinke. Kurz konzentrieren, das frisch gefüllte Wasserglas neben das Bett stellen, dann muss ich weiter hüpfen oder was man eben so macht, wenn man Kopfhörer aufhat. Beängstigend.

Begegnung am Morgen

Morgens bin ich
generell unkonzentriert und leicht aus dem Konzept zu bringen. Doch dass ich am
frühen Morgen schon Laute des Entsetzens oder der Überraschung ausstoße, ist
selbst für mich neu. „Öööhheee!“ oder auch „Eeeheee!“, gebe ich von mir als ich
die Mülltonne öffne und eine Ratte erschrocken aufschreckt, mich ansieht und sich
dann versteckt. Direkt im Anschluss sage ich laut „Scheiße“, was auch keinen
Sinn macht. Vielleicht hätte es Sinn gemacht, den Deckel unverzüglich zu
schließen, doch das kam mir nicht in den Sinn. Als ich mich von dem kurzen
Schock erholt habe und die Ratte längst in den Tiefen der Tonne verschwunden
ist, gebe ich ihr meinen Müll und schließe den Deckel. So beginnt der Tag
aufregender als üblich und ich hoffe, dass ich die Ratte nicht zu sehr
erschreckt habe.

Fahrradergometer

Vor zwei Jahren
kaufte ich mir nach langer Recherche ein Fahrradergometer, welches meine kleine
Wohnung optisch deutlich abwertete und in den letzten zwei Jahren so gut wie
gar nicht benutzt wurde. Meine sportliche Zeit ist einfach vorbei, da helfen
hässliche Ergometer auch nicht weiter. Vor ein paar Tagen stellte ich das gute
Stück zum Verkauf ein. Groß war die Hoffnung nicht, da von diesem Ergometer
erstaunlich viele im Angebot waren und ich mich weigerte, den Preis den
günstigen Angeboten anzupassen. Umso überraschter war ich, dass jemand sich
meldete und zu mir kommen wollte. Und nun steht er vor mir, betrachtet das
sperrige Gerät und möchte, dass ich ihm etwas darüber erzähle. Ich erinnere
mich, dass ich mal Verkäufer war und Artikel, die mich nicht interessiert
haben, nie anpreisen konnte. Mein Ergometer interessiert mich auch nicht
wirklich, dennoch sage ich ein paar bedeutungslose Dinge, die keinem helfen. Dessen
ungeachtet wirkt der Mann so als wäre er hier, um das Teil  mitzunehmen und ich habe absolut nicht das
Gefühl, dass ich es groß anpreisen muss. Er fragt, ob es von einem Discounter
ist, was ich verneine. Stattdessen erzähle ich ihm, dass ich ausgiebig im
Internet nach einem hochwertigen Gerät gesucht habe und dieses dann bestellte. Nur
um doch etwas möglicherweise Sinnvolles zu sagen. Ich glaube allerdings nicht,
dass er sich nicht vorher auch informiert hat. Nachdem wir etwas unbeholfen
geplaudert haben, ohne fruchtbares zu sagen, kommen wir auf den Preis zu
sprechen. Ich möchte 155 Euro, worauf er anmerkt, dass der Preis ja Verhandlungssache
ist. Ich bestätige und er haut einen raus. „100 Euro“ – „Der war gut. Aber das ist
viel zu wenig. Machen wir es kurz. 130 ist das Mindestgebot.“ – „120.“ – „Nein.
130. Und sie können das Teil sofort mitnehmen. Die Anleitung kriegen sie dazu. Ihre
Entscheidung.“ Ich schaue ihn nicht an, sondern desinteressiert auf das
Ergometer und drehe den Haltegriff wieder in die Ursprungsposition zurück. Er
hatte den vorher zum Transport weggedreht. Nun greift er in die Tasche, gibt
mir 120€ und öffnet dann sein Portemonnaie, um die restlichen zehn Euro zu
bezahlen. Ich bin fast stolz auf mich, dass ich mich durchgesetzt habe, obwohl
ich, wenn er gegangen wäre, das olle Ergometer möglicherweise niemals
losgeworden wäre. Aber in meinem Kopf waren halt 130€. Da konnte ich nicht
nachgeben, das wäre sowas von uncool gewesen. So musste heute ein Mann um zehn
Euro von seinem Plan abweichen. Und ich war nicht dieser Mann. Großartig.

Der Maler bringt Farbe rein

Zum dritten und
letzten Akt bringt der Maler nicht nur eine etwas gelbliche oder gar beige
Farbe mit. Nein, er hat sich für Sonnengelb entschieden. Ich bin durchaus
überrascht und sehr gespannt, wie dieses doch intensive gelb meiner Küche wohl
steht. Kaum hat der Maler losgelegt strahlt meine Küche in leuchtendem Gelb und
ich weiß gar nicht, wo ich hinsehen soll. So eine kräftige Farbe habe ich wirklich
nicht erwartet und hätte mich auch nie getraut, so eine Farbe zu kaufen.
Vielleicht wird die Farbe etwas weniger auffällig, wenn sie getrocknet ist. Wenn
nicht, ist es auch nicht schlimm, dann ist die Küche ab sofort der Raum, den
ich betrete, um Depressionen vorzubeugen oder zu bekämpfen. Gelb soll ja eine
positive Wirkung haben. Zumindest bilde ich mir ein, das irgendwo gelesen zu
haben. Andererseits sieht man bald vor lauter Schränken eh kaum noch was von
den Wänden, was durchaus zu bedauern ist. Letztlich hat der Maler gute Arbeit
geleistet nach seiner lustigen Schimmelsprayeinlage zu Beginn. Zum Abschied
schenkt er mir den Rest der gelben Farbe und einen fast vollen Eimer weißer
Farbe. Mehr kann ich wirklich nicht verlangen. Als ich mir den Eimer mit der
gelben Farbe genauer ansehe, muss ich jedoch feststellen, dass es sich gar
nicht um Sonnengelb handelt. Der Farbton nennt sich BVB gelb und wenn ich das im
Bekanntenkreis erzähle, wird man sicher den einen oder anderen Witz darüber machen.
Aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht sollte ich mir eine schwarze
Küche zulegen, um es perfekt zu machen.

Der Maler tapeziert

Heute erscheint
der Maler ordnungsgemäß gekleidet und mit professionellem Equipment. Noch immer
bin ich skeptisch, dass wirklich schon morgen alles fertig ist. Doch schon bald
muss ich erkennen, dass hier jemand am Werk ist, der sein Handwerk zu verstehen
scheint. Spielerisch leicht fliegen die Tapeten an die Wände. Es wird gemessen,
geschnitten und gewirbelt. Ich hätte Stunden gebraucht, um nur annähernd so
weit zu kommen. Vergessen ist die lustige Sprüheinlage vom Vortag. Und schon
nach zweieinhalb Stunden ist es vollbracht und die Tapeten zieren meine Wände. Natürlich
könnte ich mich an kleinen Ecken und Übergängen hochziehen, die nicht perfekt
kleben, doch das möchte ich nicht. Stattdessen erfreue ich mich daran, dass
endlich schimmelfreie Tapeten an den Wänden kleben und frage den Mann, wie
lange er schon selbständig ist. 13 Jahre. Nun stellt sich die Frage, welchen
Farbton die Küche bekommen soll. Heute ist er nicht so streng und ich bekomme
wohl eine Mischung aus beige und gelb, womit ich durchaus leben kann. Die
Außenwände von Schlaf- und Wohnzimmer möchte er weiß machen, was ich ablehne,
weil ich das Wohnzimmer komplett neu streichen will und die Wand im
Schlafzimmer die Farbe wie der Rest des Zimmers bekommen soll. Er sagt, dass
die weiße Spezialfarbe bezahlt ist und ich sie behalten darf. Das finde ich
anständig und glaube nun fest daran, dass am Ende alles gut werden kann.

Der Maler und der Schimmel

Gespannt warte
ich auf den Maler, der heute den Schimmel entfernen will, bevor er morgen mit
dem Tapezieren beginnt. Ich erwarte, dass er, wie der letzte Maler, den
verschimmelten Putz von den Wänden entfernt und dann die Wände neu verputzt.
Doch als der Maler vor mir steht, weiß ich, dass ich zu hohe Erwartungen hatte.
In ziviler Kleidung und mit einer Flasche Schimmelentferner steht er vor mir.
Ich bitte ihn herein und er sagt, dass dieses Spray ganz toll ist. Ich bin
enttäuscht und als er mir dann noch erklärt, dass ich den Rest
Schimmelentferner behalten darf, sage ich ihm, dass ich eigentlich davon
ausgehe, dass das Thema Schimmel für mich erledigt ist. Schwerer Fehler, denn
nun erklärt er mir, dass immer und überall mit Schimmel zu rechnen ist,
besonders in Schlafzimmern, weil es da feucht ist. Ganz besonders hinter Betten
muss mit Schimmel gerechnet werden. Ein besorgniserregender Monolog, der mich
daran zweifeln lässt, dass hier ein Fachmann vor mir steht. Nachdem ich fast
eingeschlafen bin, legt er los und sprüht in der Küche die Wände voll und sagt,
freudig erregt, wie ein kleiner Junge, dass die Stellen gleich weiß werden.
Anstatt mich ebenfalls zu freuen, frage ich ihn, ob er nicht eine Leiter
möchte, da der kleine Mann sich ganz schön strecken muss, um die Decke
einzunebeln. Möchte er nicht. So sprüht er fröhlich von unten weiter und der
Sprühnebel verteilt sich im ganzen Raum. Normal kann das nicht sein. Nachdem
der Schimmel in der Küche schön eingesprüht ist, geht es weiter ins Wohnzimmer.
Aus sicherer Entfernung beobachte ich, wie er selbst Stellen einsprüht, die nie
von Schimmel befallen waren. Dabei verteilt sich der Sprühnebel auf meiner
einzigen noch lebenden Pflanze, der Fensterbank, dem Teppich und dem kleinen
Maler. Fasziniert beobachte ich das Schauspiel. Schimmelreiniger läuft an den
Fenstern herunter, der Maler ist begeistert von seinem Werk und zieht weiter
ins Schlafzimmer. Dort das gleiche Schauspiel. Großzügig verteilt der das Zeug,
steht im Sprühnebel und bekommt einen Hustenanfall. Hoffentlich stirbt er mir
jetzt nicht noch weg. Vorsichtshalber bin ich im Wohnzimmer geblieben, weil es mir
sicherer schien. Zurück in die Küche. Dort zeigt er mir, wie die besprühten
Stellen weiß geworden sind und sieht glücklich dabei aus. Ich frage mich, was
er wohl beruflich macht. Noch ein paar Sprühstöße, dann ist es vollbracht.
Morgen kommt er tapezieren und Übermorgen streicht er alles weiß. Ich sage ihm,
dass ich die Küche wieder in einem Gelbton haben will, so wie es derzeit auch
ist und dass ich weiß absolut nicht haben will. Er wiederum hält nichts von
gelb und erst nach kurzer Diskussion willigt er ein, einen Ton anzurühren, der
farblich eventuell in Richtung gelb geht. Aber die Decke, die wird auf jeden
Fall weiß, weil das einfach besser aussieht. Ich gebe mich geschlagen.
Samstag erwarte
ich Gäste und ich kann mir so gar nicht vorstellen, dass er bis dahin fertig
ist, da er ja immer erst ab 17.00 Uhr bei mir ist. Nachdem er sich
verabschiedet hat, suche ich im Internet nach irgendwelchen sachdienlichen
Hinweisen zu dem von der Hausverwaltung geschickten kleinen Maler. Ich finde
nicht einen Hinweis. Womöglich gibt es den Mann gar nicht.

Vogelschießen

Ich habe diesen
ganzen Schützenfestfetisch nie verstanden. Menschen verkleiden sich außerhalb
der Karnevalszeit, marschieren durch die Straßen zu zünftiger Musik und trinken
anschließend so viel Alkohol, dass das Leben doppelt schön ist. Oder Scheiße.
Oder ganz anders. Was weiß denn ich?
Sobald diese
blöden grünweißen Fähnchen im Ort hängen, wird mir schon ganz anders, weil ich
weiß, es ist wieder soweit. Dieses Jahr findet das traditionelle Vogelschießen
auf dem Marktplatz statt und somit bin ich fast dabei, ohne es zu wollen. Denn
dieser Marktplatz ist in Sichtweite meiner Wohnung. Zum Glück versperren
allerdings Bäume die perfekte Sicht. Den Lärm verhindern sie aber nicht und so
höre ich stundenlang teils gruselige Musik, höre die Schüsse und den Kommentator,
der die Schützen ansagt und geistreiche Kommentare abgibt. Nach etwa drei
Stunden verlasse ich die Wohnung, um ein Eis zu essen und gehe am Marktplatz
vorbei. Da stehen sie in ihren albernen Uniformen. Allerdings weniger Personen
als erwartet und ich frage mich, wie so ein Schützenverein seine Mitglieder
findet. Vermutlich ist es eine Familientradition und wenn Mama und Papa so
alberne Kostüme tragen, möglicherweise gerne auf Holzvögel schießen und
unfassbar lustig sind, vor allem nach ausreichendem Alkoholkonsum, dann werden
die Kinder direkt auch aufgenommen in diesen elitären Club. Oder so
Außenseiter, die wenig Freunde haben und durchaus als merkwürdig bezeichnet
werden können. Die stehen da bei so Festen komisch rum, gucken verstört zu
Boden und werden irgendwann von einem verkleideten Kasper angesprochen. Dann
wird die kleine, durchaus gestörte Kreatur in einen lustigen Anzug gesteckt,
zahlt einen Jahresbeitrag und hat endlich Freunde. Damit wäre sogar die soziale
Komponente abgedeckt. Egal, wie behämmert man ist, hier findet man einen Kreis,
der einen akzeptiert, wie man eben ist.
Ich weiß echt
nicht, woher meine Vorurteile kommen und wieso ich seit Jahren fest davon
überzeugt bin, dass diese Schützenbrüder einen an der Waffel haben. Aber ich
kann einfach keine Menschen ernst nehmen, die sich außerhalb der Karnevalszeit
alberne Uniformen anziehen und Holzvögel abschießen wollen.
Bis 20.00 Uhr
ist die Stimmung jedenfalls bombig und der neue Schützenkönig wird vermutlich
schon in der nächsten Woche durch den Ort gefahren. Dann winken er und seine
Königin in die Menge und die Menge winkt zurück. Alles zu alberner Musik und in
den schönen Kostümen. Und wie immer werde ich es zur Kenntnis nehmen und
hoffen, dass ich eines Tages verstehe, was mir alles entgeht.

WC-Steine

Ich muss gestehen, dass ich mir früher nie Gedanken über diese WC-Steine
gemacht habe, die seit Jahren in meiner Toilette hängen. Ich habe dieses Ritual
von meinen Eltern übernommen und nun frage ich mich, ob diese WC-Steine
überhaupt Sinn machen oder nur umweltschädlich sind. Okay, es schäumt ganz nett,
riecht manchmal auch freundlich, aber macht es auch Sinn? Und wie kommt es,
dass ich mir ausgerechnet jetzt Gedanken darüber mache? So hocke ich mich vor
meine Toilette, bestaune das Plastikteil in dem dieser WC-Stein aufbewahrt wird
und glaube nicht, dass dieses Ritual eine Zukunft hat. Ich sollte mich echt mal
schlau machen, ob so etwas wirklich irgendeinen Sinn macht oder ausschließlich
die Umwelt schädigt. Außerdem glaube ich nicht, dass es mir optisch wirklich
zusagt, wie es da so hängt. Ich werde eine Entscheidung treffen müssen. In der
Regel dauern Entscheidungen bei mir länger, aber weil die Umwelt schon genug
verschmutzt ist, beschließe ich nach nur wenigen Augenblicken, dass dies mein
letzter WC-Stein ist, nehme ihn angewidert aus der Toilette und entsorge ihn.
Das Thema WC-Steine ist von heute an Geschichte und die Optik meiner Toilette
dadurch durchaus verbessert.