Das letzte Ehrenamt

Es ist soweit.
Mein letzter Tag als Ehrenmann bzw. ehrenamtlicher Mitarbeiter hat begonnen.
Ich fülle alle wichtigen Unterlagen für meine künftige Tätigkeit aus und
wundere mich, dass ich noch immer nichts vom Jobcenter gehört habe. Schließlich
fördern die das doch alles, da könnten die mich auch informieren. Sehr verwirrend.
Noch während ich darüber nachdenke, ob man mich von Seiten des Jobcenters hätte
informieren müssen, kommt auch schon die erste Besucherin des Tages, um sich
zwei Bewerbungen schrieben zu lassen. Während ich das mache, atme ich ihren
alles andere als angenehmen Duft ein. Hat was von Urin, kann aber auch ein
exquisites Parfum sein. Ich mag mich da nicht festlegen. Kaum ist sie weg,
steht schon der nächste Besucher vor der Tür. Ein alter Bekannter. Der Pilzfreund,
der einen Gourmetführer schreiben wollte und nun als Spülhilfe arbeiten möchte.
Er hat in den letzten Jahren als Küchenhelfer gearbeitet und will in Zukunft spülen.
Wie erwartet, hat er eigene, kaum eigenwillige, Anschreiben produziert, die ich
minimal verändere und dann ausdrucke. Ich glaube, der Pilzfreund wird mich bis
zu seiner Rente immer wieder mal besuchen. Ich finde, er riecht nach
Gemüsesuppe. Nachdem er mein Büro verlassen hat, lüfte ich kurz durch. Die
Mischung meiner letzten beiden Besucher ist nicht ganz das, was ich mir für
meine empfindliche Nase gewünscht habe. Als die Luft wieder brauchbar ist,
wasche ich mir die Hände, esse eine Kleinigkeit und frage mich, was aus mir
später mal werden wird. Dann fällt es mir wieder ein. Nichts. Aus mir wird
nichts mehr. Ich habe das Maximum aus mir herausgeholt. Weil ich das irgendwie
erbärmlich finde, sitze ich eine Stunde einfach so da und drehe nur gelegentlich
den Kopf, um aus dem Fenster zu gucken. Das ist es, was ich wirklich kann.
Wahrlich beeindruckend.
Loerz ruft mich
an und sagt, dass er sich für mich freut, dass ich bald täglich ins Büro darf.
Er erzählt obendrein, wie schön es ist, wenn man einen Job und tolle Kollegen
hat. Wenn ich mich doch auch mal freuen könnte. Aber Freude ist ein Gefühl,
dazu noch ein positives. Mit so Sachen tue ich mich seit jeher schwer.
Vermutlich ein Gendefekt. Oder irgendein Fehler im Gehirn. Wer weiß das schon?
Einer der
Kollegen aus der vierten Etage schaut kurz bei mir rein und sagt, dass ich,
wenn ich täglich da bin, ab und zu mal in die Küche kommen soll, um die anderen
Kollegen kennenzulernen und so. Damit erwischt er mich auf dem falschen Fuß,
hatte ich doch geplant mein Büro nur zu verlassen, wenn ich mal zur Toilette
muss und nach Hause gehe. An Kommunikation mit anderen hatte ich bisher nicht
gedacht. Ich sehe da auch keinen Sinn drin, weil ich eh nichts zu sagen habe
und ein Eigenbrödler bin. Vermutlich sollte ich darüber nachdenken, ob das
wirklich so angebracht ist. Andererseits bin ich mittlerweile auch zu alt, um
mich noch groß zu ändern. Veränderungen, egal welcher Art, sind meist auch gar
nichts für mich. Veränderungen bringen mich nur durcheinander. Das möchte ich
nicht.
Die letzte
Besucherin des Tages gehört zu denen, die schon seit Jahren regelmäßig
herkommen. Zwischenzeitlich hatte sie mal einen Job, aber nun scheint sie zu alt,
obwohl man  ihr das Alter gar nicht ansieht.
Sie wirkt bis zu zehn Jahre jünger als sie wirklich ist, was ihr aber auch
nichts nützt. Der Arbeitsmarkt hat keine Verwendung für so alte Menschen. Ihr
Besuch ist dennoch verwirrend, weil er lustig ist und ich sie so zum Lachen
bringe, dass ihr fast die Tränen kommen. Das ist befremdlich, habe ich doch
seit Jahren keine Frau mehr so zum Lachen gebracht. So endet mein letzter Tag
als ehrenamtlicher Mitarbeiter fast menschlich.
Zum Abschluss
mache ich die am Monatsende üblichen QM-Statistiken und schicke sie meinem
Chef. Es muss alles seine Ordnung haben, auch wenn manche Ordnung keinen Sinn
zu machen scheint.

Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt

„Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“ ist eine Art Nachfolge für
die Bürgerarbeit. Geschaffen für Personen, die dem Arbeitsmarkt sehr fern sind.
So sollen diese „Problemfälle“ fit für den allgemeinen Arbeitsmarkt gemacht
werden, so dass man sie später in eben diesen Arbeitsmarkt integrieren kann. Um
in den Genuss der sozialen Teilhabe am Arbeitsmarkt zu kommen, sollten die
Personen das 35. Lebensjahr vollendet haben und seit mindestens vier Jahren im
Leistungsbezug sein. Wer also wäre geeigneter für so ein Programm als ich? Und
so ist es fast gar nicht überraschend, dass ich ab dem 01. März 2016 ein Teil
dieser Aktion bin. Meine ehrenamtliche Tätigkeit tausche ich somit ab nächste
Woche gegen eine tägliche Tätigkeit. Sonst ändert sich nicht so viel für mich,
da ich genau das weiter mache, was ich derzeit ehrenamtlich und vor vielen
Jahren sogar mal als Teil einer anderen Maßnahme vierzig Stunden pro Woche
machen durfte. Dieses Mal sind es zum Glück nur dreißig Wochenstunden. Damals
hat mich das insofern weiter gebracht, dass ich anschließend ehrenamtlich
weiter arbeiten durfte. So könnte es dieses Mal auch laufen. Nur ist der
Zeitrahmen etwas großzügiger ausgelegt und ich werde bis zum 31.12.2017 beschäftigt
sein. Vermutlich sollte ich mich über diese Chance freuen, doch da Freude nicht
zu meinen Grundeigenschaften gehört, gehe ich es skeptisch an. Nur so ist
gewährleistet, dass niemals eine unangebrachte Euphorie aufkommt.

Über QM zu getönten Haaren

Wenn man, so wie ich es bin, ein ausgesprochener QM Liebhaber
ist, dann gibt es selbstverständlich kaum etwas Schöneres als direkt, noch
bevor irgendwelche Kunden die QM Harmonie zerstören, in die QM Tiefen
einzutauchen. Und so genieße ich die vielen Mails und Informationen, die mich,
kaum ist der PC betriebsbereit, anlächeln. Ich drucke sofort alles was nötig
ist aus, unterschreibe, dass ich alles zur Kenntnis genommen habe und fühle
mich wie ein vollständiger Mensch. Es kommt eben doch darauf an, dass man sich
darauf einlässt, dann ist QM ein wunderschöner Traum, der niemals enden darf.
Und das wird er auch nicht. Die Frage ist nur, wie ich meine neu gewonnene,
fast gar nicht geheuchelte, QM Begeisterung aufrechterhalten kann. 
Ich stecke noch ganz tief in den QM Welten als eine Besucherin
mich zurück in die grausige Realität holt. Sie möchte, dass ich ihre
Bewerbungen auf ihren USB-Stick kopiere und stellt noch ein paar einfache
Fragen, welche ich souverän beantworten kann. Wenn man mich mit so einfachen
Fragen beglückt, dann scheint es so als wäre ich ein Fachmann. Auch wenn man wohl
niemals erfahren wird, welche Art Fachmann ich hier abgebe. Anschließend
protokolliere ich den Besuch QM konform, was zwar gar keinen Sinn zu machen
scheint, in Wahrheit aber sicher Sinn macht, weil es diese Dokumentation sonst
sicher gar nicht gäbe.
Der nächste Besucher ist kaum im Büro, da fragt er mich, ob ich
meine Haare gefärbt habe. Möglicherweise hätte ich eine hellere Tönung nehmen oder
die Einwirkzeit der Tönung nicht so ausdehnen sollen. Ob ich mit meinen
getönten Haaren wieder aussehe als wäre ich unter dreißig? Das wäre schön, ist
aber unwahrscheinlich. Dennoch kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich
meine Haare nicht färbe. Da bin ich fast stolz drauf. Vielleicht gibt es auch
coole Tönungen für Augenbrauen und Bärte. Ich muss mich da mal erkundigen.
Augenbrauen kann man sich zur Not auch tätowieren. Sieht zwar beschissen aus,
ist aber möglich.

Weiberfastnacht

Der Tag im
Büro beginnt mit einer äußerst wichtigen Aktion. Ich hänge eine Vollmacht, die
der Geschäftsführer meinem Chef ereilt hat, gut sichtbar auf. Diese Vollmacht
besagt, dass mein Chef Leute einstellen und entlassen kann. Ich frage mich
ernsthaft, warum man so etwas aufhängen muss und wem es etwas nützt. Der
Ursprung dieser hängenden Vollmacht ist irgendwo in den Tiefen des QM versteckt.
Der Sinn des Ganzen ist vermutlich nirgendwo auffindbar.
Weil meine
Kunden heute scheinbar vom schlechten Wetter verhindert sind, kann ich die Zeit
nutzen, um in die Untiefen des QM einzutauchen. Beim letzten Audit gab es wohl
einige Dinge, die nicht optimal waren. Um dies zu optimieren werden Listen
vorgeschlagen, die man nutzt, um alles ordnungsgemäß einzutragen. Meiner
Meinung nach sagt ein solcher Listeneintrag zwar nichts darüber aus, ob das,
was da eingetragen wird, auch wirklich jemals gemacht wurde, aber ich bin auch
ein Blödmann und somit kein Maßstab. Vermutlich denken die QM Heiligen, dass
niemand dort etwas eintragen würde, was er es nicht auch wirklich gemacht hat.
Auch haben in der Vergangenheit nicht alle immer alles ordnungsgemäß in irgendwelche
Dokumenten unterzeichnet, so dass niemand weiß, ob alle Mitarbeiter überhaupt
von den neuesten Neuerungen des QM wissen. Es darf bezweifelt werden, dass
alle, die immer alles brav unterzeichnet haben, mehr wissen. Sie haben nur mehr
unterschrieben, was aber in Zeiten des QM Wahnsinns mehr zählt als alles
andere. Ich muss allerdings gestehen, dass ich QM unterschätzt habe, denn ich
kann mich nicht daran erinnern, wann ich beim Lesen zuletzt so gelacht habe.
Vielleicht ist QM in Wirklichkeit eine total witzige und unterhaltsame
Angelegenheit. Vielleicht ist QM aber auch nur ein riesiger Haufen Scheiße. Ich
werde es wohl nie erfahren und bin echt froh als endlich Leute ins Büro kommen,
um sich Bewerbungen schreiben zu lassen. Was wohl aus mir hätte werden können,
wenn mir bei QM regelmäßig einer abgehen würde?
Der dritte
Gast des Tages ist die attraktive 28 jährige. Zu meiner Freude zieht sie auch
sofort ihre Jacke aus, so dass ich mich wieder am Anblick ihrer Brüste, die
unter dem engen Pulli gut zur Geltung kommen, erfreuen kann. Ich habe definitiv
einen an der Waffel. Da kann QM mir sicher auch nicht helfen. Ob ihre Brüste
mir auch so gut gefallen, wenn sie ihren Oberkörper frei macht? Ob sie das wohl
für mich tun würde? Ich sollte mich auf ihre Bewerbungen und nicht auf ihre
Brüste konzentrieren. Was ist nur los mit mir? Ich bin ein seriöser Mann Mitte
vierzig und kein pubertierender Jüngling. Und weil das so ist, schreibe ich der
Frau drei tolle Bewerbungen und sage ihr, dass sie beim nächsten Mal doch ihren
Hund mitbringen soll, weil ich Hunde toll finde. Dabei gibt es gar keinen
Grund, dass sie noch einmal wieder kommt. Herrlich sinnlose Konversation.
Meine
frühere Kollegin, die uns als ehrenamtliche Mitarbeiterin erhalten bleibt, was
Jabba the Hut alles andere als entzückend findet, ruft an und ich sage ihr,
dass ich keine Zeit habe und zurück rufe, was ich allerdings nicht tun werde. Anschließend
widme ich mich wieder QM. So ist es am Ende meine erste QM Weiberfastnacht und
wird sicher in die Geschichte eingehen.

Ein guter Mann

Kaum bin ich im Büro, steht die Besucherin, die letzte Woche schon
spontan meinen Arbeitstag bereicherte in der Tür und fragt, ob ich Zeit habe.
Ich schaue mich kurz um, erkenne nichts, was meine Zeit derzeit beanspruchen
könnte und bitte die Frau herein. Sie ist türkischer Abstammung, spricht nur schlecht
deutsch, aber, so behauptet sie es, gut niederländisch, weil sie früher in den
Niederlanden gelebt hat. Ich kann nur eine einzige Sprache, was ich irgendwie
bedauerlich finde, schreibe der Frau eine Bewerbung und schenke ihr eine
Bewerbungsmappe, weshalb sie sagt, ich sei ein guter Mann. Wenn man so leicht
zu einem guten Mann wird, dann sollte ich öfter Bewerbungsmappen verschenken.
QM konform trage ich anschließend die Ausgabe der gebrauchten Bewerbungsmappe
ein. Vielleicht bin ich wirklich ein guter Mann.
Später kommt eine attraktive 28 jährige Frau, um sich bei ihren
Bewerbungen helfen zu lassen. Zunächst möchte sie nur, dass ich ihr ein paar
Fragen beantworte, dann ändert sie ihre Meinung und ich darf ihr die Bewerbung
komplett schreiben. Zwischendurch betrachte ich meinen Gast, denn schließlich
ist es nicht üblich, dass attraktive Frauen in meinem Büro sitzen. Sie ist etwa
1,65m, hat braunes Haar, eine prima Figur, schöne Zähne und trägt eine Brille,
die ihr gut steht. Sie ist wirklich ein gelungenes Exemplar und ich bin fast
erfreut als sie sagt, dass sie mich nächste Woche wieder besuchen wird. Kaum
ist sie weg, steht der nächste Mensch vor der Tür, um sich Bewerbungen schreiben
zu lassen. Und dann den nächste und der nächste. So habe ich in den nächsten
zwei Stunden keine Zeit etwas zu essen oder zu trinken. Fast wir in alten
Zeiten. 
Um 15.00 Uhr erscheint die blonde Frau mit dem feinen Hintern,
den ich allerdings nicht sehen kann, weil sie eine lange Jacke trägt, die alles
verdirbt. Im Gegensatz zu der 28 jährigen zieht sie ihre Jacke auch nicht aus,
was ich sehr bedauerlich finde. Dafür erzählt sie viel von ihrer Maßnahme,
ihrem bevorstehenden Umzug und anderen Dingen, die mich nichts angehen. Es
klingt nicht so als hätte sie viele Freunde. Vielleicht erzählt sie mir deshalb
so viel. In ihrer Maßnahme, in der auch regelmäßig gekocht wird, waren
ursprünglich 15 Teilnehmerinnen, mittlerweile sind es aber nur noch sechs.
Vermutlich werden bis zum Ende der Maßnahme, die insgesamt dreieinhalb Monate
geht, gar keine Teilnehmerinnen mehr da. Die sinnfreien Maßnahmen der Jobcenter
werden vermutlich immer weiter bestehen. Ihren Lebenslauf hat man dort kontrolliert
und gesagt, dass in Lebensläufen nicht mehr „Arbeit suchend“ stehen darf. Man
muss „aktiv Arbeit suchend“ schreiben, wenn man mal arbeitslos war oder ist.
Ich frage mich, was das für einen Unterschied macht und wie man passiv nach
Arbeit suchen kann. Ist man, wenn man nach etwas sucht, nicht automatisch
aktiv? Wenn ich nur etwas gebildeter wäre, könnte ich solche Fragen
beantworten.  Irgendwann wird es sicher
nicht mehr reichen, wenn man „aktiv Arbeit suchend“ schreibt. Was folgt dann?
Hyperaktiv  Arbeit suchend? Voll krass
Arbeit suchend? Mit Einsatzfreude und Leidenschaft Arbeit suchend? Und was zum
Teufel macht es für einen Unterschied, was da steht? Wenn man arbeitslos ist,
dann ist man arbeitslos, da ändern auch solche Formulierungen nichts. Weil ich möchte,
dass Pamela, so heißt mein blonder Gast, einen ordnungsgemäßen Lebenslauf hat,
ändere ich ihn dahingehend. Schließlich will ich nicht dafür verantwortlich
sein, wenn sie wegen eines solchen gravierenden Fehlers keinen Job bekommt.
Manchmal ist Hilfe von echten Fachleuten eine feine Sache.  Da ist es unwesentlich, wenn ich nicht sofort
den Nutzen erkennen kann. Sofort sage ich Pamela, dass sie dem Fachmann auch
mal ihr Bewerbungsanschreiben vorlegen soll damit er es prüfen kann, weil er
dazu ja schon einen wichtigen Hinweis gegeben hat. Und zwar müssen alle
Bewerbungen individuell auf den zukünftigen Arbeitgeber angepasst werden. Keine
Bewerbung darf aussehen wie eine andere. Weil ich das einfach nicht
ordnungsgemäß hinbekomme,  bin ich sehr
gespannt, wie das geht und freue mich absolut darauf, es schon bald zu
erfahren. Vielleicht wird aus mir doch noch mehr als nur ein guter Mann. Während
Pamela nun wieder aus ihrem Leben erzählt, betrachte ich ihre Fingernägel. Sie
sind wirklich gut gepflegt und passen gut zu ihren schlanken Fingern, was mir gut
gefällt. Sie merkt von meinen Blicken nichts, weil sie ganz intensiv von ihrem
Umzug erzählt. Scheinbar hat sie außer ihrer Mutter niemanden, der ihr dabei
hilft.  Erwartet sie von mir, dass ich
meine Hilfe anbiete? Das wäre dumm von ihr, da ich das niemals machen würde.
Pamela riecht gut, was mir gefällt, aber nichts an der Tatsache, dass sie nun
schon lange genug auf mich eingeredet hat, ändert. Ich finde dreißig Minuten
sind für einen Besuch echt ausreichend. Pamela sitzt nun seit über einer Stunde
hier und findet immer wieder ein Gesprächsthema, um doch noch nicht zu gehen.
Ich verstehe ja, dass sie sich in meiner Gegenwart wohl fühlt, aber man sollte
es dennoch nicht übertreiben. Ich träume so vor mich hin, betrachte sie und
höre nicht wirklich zu als sie sagt, dass sie nun geht, aufsteht und sich
verabschiedet. Das finde ich sehr nett von ihr, weil es auch wirklich nichts
mehr zu sagen gab. Zumindest von meiner Seite nicht. Zum Abschied teilt sie mir
mit, dass sie sich bald wieder melden wird, um einen neuen Termin zu vereinbaren.
Warum auch nicht? Attraktive Frauen sind mir als Gast tausendmal lieber als
übel riechende Männer. Und sie muss ja nicht jedes Mal so lange bleiben.
Kurz vor Ende meines Arbeitstages ruft mich Jabba the Hut an, um
irgendwas zu fragen und mir mitzuteilen, dass sie eine unserer Bewerbungen für
einen Kunden, der nicht mehr zu uns kommen mag, fast komplett überarbeiten
musste, weil sie voller Rechtschreibfehler und anderer Fehler war. Sie weist
ebenfalls darauf hin, dass sie weiß, dass die Bewerbung nicht von mir war und
sie langsam die Schnauze voll hat, weil sie solche Bewerbungen der Kollegin,
die nicht mehr meine Kollegin ist, langsam satt hat. Ich sage ihr, dass es mir
genauso geht. Außerdem nervt es sie, dass die Kollegin sie ständig anruft, um
zu quatschen, weil sie, im Gegensatz zu der Kollegin, viel zu tun und keine
Zeit zum quatschen hat. Meine ehemalige Kollegin scheint wirklich bei allen
durchgefallen zu sein. In drei Wochen wird sie wohl Geschichte sein und
niemandem mehr diese liederlichen Bewerbungen servieren. Ich bin wirklich froh,
dass sie die letzten Wochen ihrer aktiven Zeit nicht mehr hier ist, sondern in
einem andern Büro ihr Unwesen treibt.

Zurück im Büro

Nach längerer Pause bin ich zurück im Büro. Noch immer erinnern
Kaffeeflecken auf dem Tisch und dem Boden an meine Kollegin, die nun nicht mehr
hier ist und vermutlich auch nicht wiederkommen wird. Außerdem zeigen sie
deutlich, dass die Putzfrauen hier nicht wirklich putzen. Ich lese ein paar
dienstliche Mails und erkenne gleich, dass es einige Dinge gibt, die sich
geändert haben. Alles QM, alles lästig und zeitaufwendig. Irgendwann werden wir
alles zu Tode verwaltet haben. Und wenn es weiter so läuft, werde ich live
dabei sein. Zu meiner Überraschung kommt eine Kundin, um sich Bewerbungen
schreiben zu lassen. Jetzt bin ich wirklich zurück. Wenige Minuten später ruft
die blonde Frau, deren Jeans ihren Hintern immer gut zur Geltung bringt, an, um
sich einen Termin für nächsten Donnerstag geben zu lassen. Nebenbei erzählt sie
mir noch, dass sie derzeit an einer mehrwöchigen Maßnahme teilnimmt und man ihr
dort sagte, dass unsere Bewerbungen nicht aktuell sind und einiges so nicht
mehr gemacht wird. Ich bin schon sehr gespannt, was das alles ist, was ich hier
so falsch mache und frage mich, wieso die blonde Frau einen Termin will, wenn sie
hier keine guten Bewerbungen bekommt. Und warum redet sie immer weiter? Ist sie
einsam? Braucht sie jemanden zum reden? Und wenn ja, warum ausgerechnet mich?
Weil danach nichts mehr passiert, räume ich hier im Büro etwas
auf und um. Ein Kollege aus dem Nebenbüro kommt zu mir und wir quatschen etwas.
Er sagt, dass ich unbedingt die Ausbilderprüfung machen soll, weil es immer
wieder Stellen zu besetzen gibt und mein Chef sicher ein gutes Wort für mich
einlegen kann. Das ist sicher nett gemeint, setzt mich aber nur noch mehr unter
Druck, weil Morgen meine Prüfung ist, was ich ihm allerdings nicht sage. Je
mehr Leute es wissen, desto mehr Leuten muss ich erklären, wenn ich versagt
habe. Das möchte ich nicht.
Später besucht mich der Loerz für ein paar Minuten, weil er
gerade in der Nähe zu tun hatte. Dann kommt noch eine Frau, um sich Bewerbungen
schreiben zu lassen. Ich erinnere mich noch, dass es noch gar nicht so lange
her ist, dass sie noch voller Zuversicht war, dass sie bald einen Job findet.
Nun ist sie mittlerweile über ein Jahr arbeitslos und ihre Zuversicht ist nur
noch eine mehr und mehr verblassende Erinnerung. Ja, so ist das in Deutschland.
Bist Du erst mal raus, dann bleibst Du es oft auch. Vor allem, wenn Du ein
gewisses Alter erreicht hast. Ich war schon raus bevor ich dieses Alter
erreicht hatte. Zu guter Letzt besucht mich Manni in meinem bescheidenen Büro
und bleibt so lange bis ich abschließe und den Arbeitstag beende. Anschließend
gönnen wir uns im Extrablatt den Cake Deal, geben aber so viel Trinkgeld, dass
der Deal sich für uns nicht wirklich gelohnt hat. Manchmal sind wir echt tolle
Kunden.

Der letzte Tag

Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, früh aufstehen zu
müssen. Früh bedeutet heute für mich, dass ich schon um 06.27 Uhr aus dem Bett
klettere, obwohl ich erst um neun im Büro sein muss. Da ich zu dieser Zeit so
gar nicht in die Gänge komme und tatsächlich fast zwei Stunden brauche, bis ich
das Haus verlassen kann,  werde ich in den nächsten Tagen noch früher
aufstehen müssen, weil der Unterricht schon um 08.00 Uhr beginnt. Aber da mag
ich heute nicht weiter drüber nachdenken.
Mein erster Besucher am letzten Bürotag des Jahres,
möglicherweise meinem letzten Tag hier überhaupt, ist der junge Mann, der ein
Problem mit dem Geruch von Nitro hat, aber dennoch eine Ausbildung zum Maler-
und Lackierer machen will. Natürlich schreibe ich seine Bewerbung ein wenig um.
Damit hat er sicherlich noch keine gute Bewerbung, aber immerhin eine bessere
als zuvor. Vielleicht ist es doch das Beste, wenn hier ab Januar geschlossen
ist und die interessierten Bewerber sich in Zukunft woanders ihre Bewerbungen
erstellen lassen. Fragt sich nur wo das sein soll.
Damit ist mein letzter Arbeitstag, wenn man es denn Arbeitstag
nennen darf, fast vorbei, da nur noch ein Besucher um 11.00 Uhr vorgesehen ist.
Sollten niemand spontan das Büro stürmen, wird es ein ruhiger und entspannter,
möglicherweise auch langweiliger, letzter Tag.
Ein Mann möchte einen Termin für Januar vereinbaren. Ich sage
ihm, dass ich nicht weiß, ob hier im Januar  überhaupt noch jemand ist.
Wir einigen uns darauf, dass er in zwei Wochen anruft und nachfragt. Vielleicht
wissen wir dann mehr. Vielleicht aber auch nicht. So bleibt es vermutlich
wieder einmal spannend bis zum letzten Tag des Jahres. Ich finde sowas ja
albern, aber zum Glück ist meine Meinung irrelevant.
Die Kaffeeflecken auf dem Boden werden mit Sicherheit nächstes
Jahr noch da sein. Es sei denn, man tauscht die Putzfrauen gegen Putzfrauen,
die wirklich putzen, aus. Wie mies die Putzfrauen hier arbeiten fällt ganz
besonders dann auf, wenn ich zur Toilette muss. Oberflächlich sauber, aber der Uringestank
ist bestialisch. Es riecht schon auf dem Flur nach altem Urin und ist drinnen
kaum auszuhalten. So versuche ich natürlich möglichst selten zur Toilette zu
gehen. Wenn es sich mal nicht vermeiden lässt, will ich mich anschließend
desinfizieren und duschen. Am besten beides zugleich. Normal ist das sicher
nicht.
Ansonsten ist es hier teilweise erschreckend still. Der 11.00
Uhr Termin fällt einfach so aus. Perfekte Bedingungen, um einzuschlafen, was
ich nur mit großer Mühe verhindern kann. Nachdem ich mich erfolgreich gegen das
Einschlafen gewehrt habe, versuche ich herauszufinden, wie Bewerbungen und
Lebensläufe derzeit denn korrekt auszusehen haben. Ich stelle fest, dass einige
Sachen an unseren Lebensläufen mittlerweile wohl anders gemacht werden. Bei
anderen Sachen gibt es verschiedene Meinungen. Sollte ich nächstes Jahr zurück
kommen, werde ich die Lebensläufe dem aktuellen Standard anpassen. Vermutlich
wird es dann aber schon wieder anders gemacht. Nur gut, dass unsere Besucher in
der Regel noch weniger Ahnung von der Materie haben als wir. Wenig später endet
der Bürotag und ich fahre nach Kamen, weil dort im Cafe Extrablatt ein
gemeinsames Treffen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und des Chefs
stattfindet. Bei so einem Treffen darf ich natürlich nicht fehlen. Schließlich
bin so etwas wie eine Koryphäe im Bewerbungsgeschäft.
 Der ehrenamtliche
Veranstalter und ich sind die ersten unserer erlesenen Runde. So unterhalten
wir uns eine Weile und er erzählt mir, dass sich meine Kollegin völlig
überschätzt. Kunden fahren sogar nach Bergkamen, nur um nicht zu ihr zu müssen.
Viele halten sie, so sagt er, für faul und schlecht. Ich äußere mich nicht
weiter dazu, weil ich den ehrenamtlichen Veranstalter für ein Plappermaul halte.
Ein Plappermaul mit stinkender Kleidung, einem Zahnproblem und einer Frau, die
nicht nur Lehrerin ist, sondern den ehrenamtlichen Veranstaltungskalender auch
noch heiraten und zum Hausmann machen will. Und wer wäscht dann die Wäsche?
Endlich erscheinen zwei der drei Mitarbeiterinnen und die ehrenamtliche QM-Wachtel.
Wir gehen ins Extrablatt und setzen uns an die reservierten Tische. Kaum sitzen
wir, ist der Chef auch schon da und die Party beginnt. Ach ne, ist ja gar keine
Party. Zum Glück sitze ich neben dem Chef und nicht wieder neben dem
übelriechenden Ehrenamtler, der ja durchaus ein netter Kerl ist, mir aber
dennoch suspekt bleibt. Erstaunlicherweise muss ich gestehen, dass die Person
mit der ich hier absolut am wenigsten anfangen kann, meine Kollegin ist. Warum
ist das so? Liegt es an den Kaffeeflecken? Dem Zigarettengeruch? Der Frisur?
Ihrer Arbeitsweise? Ihrer Haarfarbe? Am Ozonloch? Ich weiß es einfach nicht.
Sie ist doch eigentlich immer freundlich und nett. Vielleicht bin ich einfach nur
ein Arschloch.
Nachdem wir gegessen haben und uns irgendwie auch unterhalten
haben, teilt uns die ehrenamtliche QM-Wachtel mit, dass sie Ende des Jahres
aufhört. Dann hat es sich ausgewachtelt. Emotionslos nehme ich die Mitteilung
auf und frage mich, wer sie ersetzen wird? Meine Kollegin vielleicht?
Ich frage den Chef, wie es weitergeht, wenn es weitergeht. Er
sagt, dass er weiter der Chef bleibt und ihm nur jemand einen Teil der Arbeit
abnimmt. Aber erst, wenn er wirklich kürzer tritt. Im nächsten Jahr.
Irgendwann. Mal sehen, wann es ein wird, was es bringt und welche Auswirkungen
es für mich, die ahnungslose Koryphäe des Bewerbungswahns, bedeuten wird.

Das Audit und fragwürdige Bewerbungen

Erwartungsgemäß war das Audit ein voller Erfolg und ich rechne
damit, dass es sich in Kürze persönlich bedanken wird, soweit nicht schon
gesehen. Es kommt eben doch darauf an, dass man sich perfekt auf so ein Audit
vorbereitet. Leider hat das Audit drei ganz neue Bewerbungen meiner Kollegin
nicht gesehen. Die erste Bewerbung stammt von einem Schüler, der einen
Ausbildungsplatz sucht. Hier ein kurzer Ausschnitt daraus:
Sehr geehrte Damen und
Herren,
ich bin auf ihr
Stellenangebot um eine Ausbildungsstelle zum Klempner aufmerksam geworden.
Ich habe bereits
Berufserfahrung Praktika in verschiedenen Bereichen absolviert.
In meiner Schulischen
Laufbahn konnte ich feststellen, dass ich mich immer schnell in neue Gebiete
einarbeiten konnte. Dabei bin ich auch immer gründlich und zupackend.
Wenn das kein professioneller Einstieg in ein mögliches
Berufsleben ist, dann weiß ich es auch nicht. Leider bin ich mit der deutschen
Sprache nicht so gut vertraut, weshalb der Teil mit den Praktika für mich etwas
komisch klingt. Ich wusste auch nicht, dass man während seiner schulischen
 Laufbahn zupackend sein muss. Das könnte aber daran liegen, dass ich mehr
als einmal sitzen geblieben bin und meine schulische Laufbahn schon über
zwanzig Jahre zurück liegt. Die Zeiten ändern sich halt.
Ebenfalls einen Ausbildungsplatz sucht ein junger Mann, der ein
Geruchsproblem hat.
Wie Sie meinem Lebenslauf
entnehmen können, habe ich eine Ausbildung als Autolackierer begonnen. Da dies
nicht für mich geeignet war, weil ich den Nitro Geruch nicht ertragen konnte.
Wenn ich das richtig verstehe, hat er die Ausbildung zum
Autolackierer begonnen, weil er den Geruch von Nitro nicht ertragen kann und
die Ausbildung deshalb nicht für ihn geeignet war. Dass er nun eine Ausbildung
zum Maler und Lackierer machen will erscheint da nur logisch und konsequent.
Eine weitere Bewerbung hat mich sehr begeistert, aber auch
verwirrt.
Sehr geehrte Damen und Herren,
sind Sie auf der Suche nach einer motivierten Verkaufshilfe,
dann ist meine Bewerbung nicht um sonst und ich darf mich Ihnen kurz
vorstellen.
In meinem Lebenslauf werden Sie ersehen, dass ich einem
Weiterbildungslehrgang – Qualifizierung Verkauf, welches mit einem vierwöchiges
Praktikum verbunden war, um meine Kenntnisse anzuwenden und weiter zu
vertiefen.
Ich bin ein sehr freundlicher, zuvorkommender und hilfsbereiter
Mensch, der auch bei großem Arbeitsanfall den Überblick bewahrt und auch in
schwierigen Situationen stets höflich bleibt.
Ich bin Flexibel einsetzbar und zeige stets Einsatzbereitschaft
und ein Auge für anfallende Arbeiten.
Abgerundet wird mein Profil durch eine sehr gute Teamfähigkeit,
wie auch Kenntnisse im täglichen Umgang mit Kunden und an der Kasse bringe ich
natürlich mit.
Hierbei erscheint mir die Rechtschreibung etwas bedenklich, was
aber an meiner mangelnden und lange zurück liegenden Schulbildung liegen kann.
Den Teil mit dem Lebenslauf und dem Weiterbildungslehrgang kann ich leider
nicht verstehen. Ein Auge für anfallende Arbeiten finde ich allerdings
großartig. Insgesamt handelt es sich vermutlich um eine absolut moderne
Bewerbung, die sicher großen Anklang finden wird. Es fragt sich nur wo. Was das
Audit zu solchen Bewerbungen sagen würde, wüsste ich schon gerne. Aber leider
sind dem Audit Bewerbungen und Kunden völlig egal. Daher ist es wenig
verwunderlich, dass ich mir immer wieder die Frage nach dem Sinn eines Audits
stelle. Diese kritische Einstellung ist vermutlich auf meine Borniertheit und
meine generelle Einstellung zur Arbeit zurückzuführen und daher mein
persönliches Problem.
Die Kaffeflecken auf dem Boden lachen mich unverändert an. Oder
aus. Je nachdem, welche Einstellung man zu Kaffeeflecken auf dem Boden hat. Ich
würde jedenfalls die Putzfrau entlassen. Die Schreibtischunterlage hat meine
Kollegin zwischenzeitlich, vielleicht um das Audit milde zu stimmen,
gewechselt. Was nicht bedeutet, dass auf der neuen Schreibtischunterlage keine
Kaffeflecken sind. Nur eben weniger.
Was mich ebenfalls etwas irritiert ist die Tatsache, dass alle
Bewerbungen, die ich ausdrucke mit einem sogenannten Eselsohr geschmückt sind,
weshalb ich das Papierfach des Druckes öffne, um festzustellen, dass alle
Blätter, die sich darin befinden, Eselsohren haben.  Da ich der Meinung
bin, dass man den Kunden keine Bewerbungen mit Eselsohren mitgeben kann, lege
ich neues, garantiert eselsohrenfreies Papier in den Drucker. Ich bevorzuge es,
wenn die Menschen sich ihre Bewerbungen selbst verknicken.
Gelegentlich, also fast nie, füllen Besucher einen
Bewertungsbogen aus. Frage 7 ist nicht zum ankreuzen, da kann man seine Wünsche
und Anregungen notieren. Irgendwer schrieb dort folgendes: Eine bessere PC wäre wünschenswert. Das finde ich erstaunlich, also nicht, dass der PC
weiblich ist, sondern wie ein Besucher den PC hier beurteilen kann. Hat
vielleicht meine Kollegin den Eindruck vermittelt, dass der PC so schlecht ist?
Entweder durch eine Aussage oder weil sie mit dem PC nicht klarkam und der
Besucher, der auch eine Besucherin gewesen sein kann, es so deutete, dass der
PC das Problem ist und nicht die Person, die ihn bedient. Ich stelle fest, dass
ich mittlerweile zu viele Dinge hinterfrage. So wird nie was aus mir. Aber das
war ja schon immer klar.

Kaffeeflecken

Nachdem ich festgestellt habe, dass
meine Kollegin gestern nicht da war, steht auch schon der erste Besucher vor
der Tür. Er hatte eigentlich gestern einen Termin, aber weil da ja niemand da
war, ist er spontan vorbei gekommen. Kaum ist er weg, steht der nächste
Besucher im Büro. Auch er stand gestern vor verschlossenen Türen. Geht ja gut
los hier. Noch bevor ich mit ihm fertig bin, steht der nächste Besucher vor der
Tür. Er ist der erste, der heute einen Termin hat, muss aber warten. Erst zwei
Stunden nachdem ich das Büro aufgeschlossen habe, sind keine Besucher mehr da
und ich kann mich endlich um die Kundendaten auf der Festplatte kümmern. Die
übliche Überprüfung, was meine Kollegin in den letzten Tagen so verzapft hat. Und
wie ich sehe, hat sie konsequent für das übliche Durcheinander gesorgt. Ich
ordne alles ordnungsgemäß und erinnere mich daran, was der letzte Besucher
vorhin über meine Kollegin sagte. Manche kann man in keinem echten Beruf
gebrauchen und bei meiner Kollegin ist es logisch, dass sie keinen wirklichen
Job findet. Außerdem sagte er, dass sie jedes Mal, wenn er einen Termin hat,
privat telefoniert, wenn er die Tür öffnet. Das könnte erklären, warum hier so
manches im Argen liegt. Sie hat ganz klare Prioritäten gesetzt. QM und
telefonieren. Beides definitiv wichtiger als alles, was ich hier so mache. Da
könnte man fast von perfekter Arbeitsteilung sprechen. Aber nur fast. Zwei
halbe Kräfte leisten, zumindest hier nicht, keine wirklich gute Arbeit. Das
kann ich jederzeit bestätigen.
Meine Kollegin hat mittlerweile eine
Kaffeefleckenspur auf dem Fußboden von der Kaffeemaschine zum Arbeitsplatz
gelegt. Vermutlich damit sie sich in dem weiträumigen Büro nicht verläuft. Was
ich ebenso fragwürdig finde ist die Tatsache, dass die Putzfrau diese Kaffespur
nicht beseitigt. Ich frage mich sowieso schon länger, was die Putzfrau hier
macht. Denn bis auf geleerte Papierkörbe gibt es keine weiteren Hinweise, dass
sie da war. Die Kaffeekanne ist so verschmiert, dass ich sie nicht anfassen
würde. Für mich gehört die  entsorgt und die
Kaffeemaschine müsste dringend mal gereinigt werden. Ich weiß nicht, ob ich da
besonders empfindlich bin, aber diese Kaffeeschmierereien widern mich total an.
Das ist abstoßend. Total abstoßend.
Dass der Aktenvernichter schon wieder
so voll ist, dass man ihn nicht benutzen kann, ohne ihn vorher zu leeren, nehme
ich nur am Rande war. Vielleicht würden den Aktenvernichter ein paar
Kaffeeflecken aufwerten. Einen Versuch ist es allemal wert. Alleine schon,
damit er sich dem Gesamtbild besser anpasst.
Gegen Ende des Tages schaue ich mir
an, was für beindruckende Mails die ehrenamtliche QM-Wachtel geschickt hat.
Alles fürs Audit. Wir sollen die Anhänge ausdrucken und abheften. Nachfolgend
schreibt sie einen Satz, der mich fast vom Stuhl kippen lässt. „Das Audit wird
Ihnen danken.“ Ich glaube, nun ist es soweit. Da geben wir den Kunden teilweise
Bewerbungen, dass man sich schämen muss und alles, was wirklich zählt ist die
Dankbarkeit eines Audits. Ich frage mich, wie so ein Audit wohl aussieht und
was es frisst. Haben die Menschen echt so einen an der Klatsche, dass sie
glauben, ein Audit hätte Gefühle? Frisst das QM-Virus Hirnzellen oder wie sind
solche Sätze sonst zu deuten? Ich frage mich, wie es wohl nach so einem Audit
abgeht. Warten alle, dass es sich artig bedankt und gehen dann in einen
Konferenzraum um sich ordentlich selbst zu feiern?  Mit gegenseitigem abklatschen, freudigem
einnässen und abschließendem Kaffeeflecken produzieren?  Ich bin fassungslos, dass ich so etwas
miterleben muss. Wenn ich nur etwas klüger wäre, dann wäre ich schon längst auf
den QM-Zug aufgesprungen. Dann hätte ich eine Karriere wie die Wachtel machen
können. Von der Zwergenfrau zur QM-Wachtel. Ich bin schwer beeindruckt und
dennoch unglaublich froh, dass ich bei dem Audit nicht dabei bin. Nicht
auszudenken, was passieren würde, wenn sich das Audit am Ende noch bei mir
bedankt. Da wäre ich völlig aus dem Häuschen. Das möchte ich nicht.

Die Strullerin wird plötzlich sympathisch

Um 06.47 Uhr klingelt der Wecker, so
dass ich neunzig Minuten Zeit habe, bevor ich die Wohnung verlassen muss. Neunzig
Minuten klingen vielleicht nach viel, sind aber nicht wirklich viel.
Schließlich gibt es morgens einiges zu tun bis ich das Haus verlassen kann.
Neben den ganzen Aktionen den alten Körper zu pflegen gibt es auch noch die
notwendige Nahrungsaufnahme und den Stuhlgang. Dazu kommen die schlechte Laune
und die Antriebslosigkeit, die mich jedes Mal ergreifen, wenn ich mitten in der
Nacht und bei Dunkelheit genötigt werde aufzustehen. Und ehe man sich versieht
sind neunzig Minuten um und ich muss mich auf den Weg machen. Ein Job, bei dem
ich täglich schon um 08.00 Uhr anfangen müsste, würde mich innerhalb kurzer
Zeit total fertig machen. Möglicherweise sogar umbringen.
Im Büro ist es heute irgendwie laut, was
daran liegt, dass im Nebenraum irgendwelche Jugendlichen unterrichtet werden.
Die Situation erinnert mich an damals im alten Büro als im Nebenraum die
Alleinerziehenden gewütet haben. Der Lärmpegel ist ähnlich und ich frage mich,
was aus denen, die da unterrichtet werden, je werden soll. Sie klingen
irgendwie nicht so als würde man sie für irgendwas gebrauchen können.
Vielleicht ist das in dem Alter aber auch normal und ich dramatisiere ein wenig.
Erschreckend finde ich, dass sich eine Dozentin bei den Wilden befindet. Es ist
absolut nicht zu erkennen, welche Aufgabe sie tatsächlich ausführt. Es wirkt so
als wäre sie nur da, damit die Jugendlichen nicht alleine sind. Ich sollte auch
mal an so einer Maßnahme teilnehmen, um mir einen Eindruck davon zu verschaffen,
wie es sich anfühlt ein Teil von so etwas zu sein. Doch dazu bin ich leider
schon zu alt und als Dozent tauge ich auch nichts.
Meine Kollegin schreddert sehr gerne
Papier. Den Papierbehälter leert sich allerdings nicht so gerne. Sie presst das
Papier so lange hinein bis der Behälter so voll ist, dass man nichts mehr
schreddern kann. Irgendwann habe ich dann das Vergnügen den Behälter zu leeren,
was aber nicht ganz so einfach ist, weil ich das gepresste Papier mühsam aus
dem Behälter holen muss. Auskippen unmöglich. Keine Ahnung welche Phobie meine
Kollegin gegen das Ausleeren des Behälters hat. Vermutlich irgendeine
Entleerungsallergie. Zum Glück hat sie keine Allergie gegen Kaffeeflecken, denn
sonst könnte sie hier nicht arbeiten.
Im Nebenraum wird es wieder lauter,
was mir unnötig erscheint. Ein Teilnehmer legt sich mit der Dozentin an. Es
geht um seine Meinung, die ich leider nicht mitbekommen habe. Die Dozentin sagt
ihm jedenfalls, dass er den kürzeren ziehen wird und er ist danach wohl frustriert.
Klingt alles wenig produktiv, was sich da so abspielt. Ein anderer Schüler,
vermutlich aus einer anderen Klasse, wird nun vor dem Nebenbüro wegen seines
Verhaltens von der attraktiven Strullerin ermahnt. Sie trägt heute eine Jeans
mit Löchern und ich bin ganz angetan bei dem Anblick. Sie ist optisch wirklich
eine Bereicherung für dieses Gebäude. Es gefällt mir auch gut, wie sie den
Schüler zurechtweist. Manchmal ist sie echt nur attraktiv. Im Nebenraum wird nun
die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern erklärt. Fastenzeit nennt man die.
Die Strullerin verlässt ihr Büro und lächelt mich an. Ich glaube, ich mag sie. Ab
sofort nenne ich sie nur noch Tanja, denn das ist ihr Name.
Im Nebenraum geht es munter weiter
nun der Karneval wird besprochen. Soweit ich weiß ist das die Zeit, zu der man
sich lächerlich anzieht und in der viel gebumst wird. Aber darum scheint es
nebenan nicht zu gehen. Die Dozentin hat einen Text aus dem Internet
ausgedruckt, der nun von einem Teilnehmer vorgelesen wird. Es geht wohl darum
warum Karneval am 11.11. beginnt. Der Teilnehmer liest zu schnell,  zu leise und zu undeutlich, so dass ich nicht
wirklich was verstehe. Das ist blöd, denn nun wissen die Teilneher mehr als
ich. Ich will verdammt noch mal auch in einen solchen Kurs. Sofort suche ich im
Internet nach der Antwort warum Karneval am 11.11. beginnt. Rasch langweilt
mich der Text, den ich dazu lese, und als klar wird, dass die Kirche damit zu
tun hat, interessiert es mich gleich noch weniger, weshalb ich die Frage nach
dem 11.11. in die Abteilung unnützes Wissen verfrachte. Unnützes Wissen habe
ich schon lange genug, da brauche ich das nicht auch noch. Karneval hat mich eh
noch nie interessiert. Vermutlich ist es genau dieses Desinteresse, weshalb
nichts aus mir geworden ist. Ich interessiere mich nur für Filme und für mich.
Alles andere sind Nebensächlichkeiten. Dafür habe ich weiß Gott keine Zeit.
Der letzte Besucher des Tages hat
Fragen, die ich nicht beantworten kann. Da zufällig Tanja ihr Büro verlässt, rufe
ich sie zu mir und frage, ob sie eine Idee hat. Sie hat eine Idee und ist mir
ab sofort nur noch sympathisch. Wer hätte das gedacht?