Seminar mit Sonderling

Ob man es nun Fortbildung oder Seminar nennt, spielt keine Rolle, wichtig ist nur, dass ich dabei bin. Aber warum bin ich dabei? Zum einen, weil ich denke, dass man sich nicht immer verweigern kann und zum anderen, weil ich nicht möchte, dass mein Arbeitgeber mich für desinteressiert hält. Außerdem glaube ich, dass ich mehr und mehr verblöde, da kann etwas Input sicher nicht schaden.

Das Seminar hat den klangvollen Titel „Arbeitsmarktorientierte Potenzialanalyse“, was für mich direkt gruselig klingt. Aber ich habe eh viel zu viele Vorurteile, um das realistisch zu betrachten. Zumindest rede ich mir das ein und lasse es mir auch gern bestätigen. Insgesamt haben sich elf Interessierte eingefunden. Weibliche Interessenten sind mehr da, was ich durchaus zu schätzen weiß. Bevor es losgeht, stellt sich mir eine der Frauen vor. Erwartungsgemäß vergesse ich unverzüglich ihren Namen wieder. Als hätte ich Lochfraß im Gehirn. Maike, die von der Weihnachtsfeier, ist auch da und sieht wieder gut aus. Aber das tut nichts zur Sache, weil sie nicht am Seminar teilnimmt und auf meine albernen Witze, die ich zur Kontaktaufnahme präsentiere, nicht reagiert.

Zu Beginn des Seminars halte ich tapfer durch. Konzentriert lausche ich den Erklärungen zum Talentkompass NRW. Beim persönlichen Talentkompass mache ich anfangs noch mit, dann wird mir alles irgendwie zu abstrakt. Anstatt weiter konzentriert mitzumachen, fange ich an Striche zu malen und warte nur noch auf die Pause. Beim Lebensblatt bin ich komplett raus und klinke mich langsam völlig aus. Nur die Pause rettet mich vor dem völligen abdriften. Wir dürfen den Raum verlassen.
Weil ich vermutlich nicht zurechnungsfähig bin, lächle ich als erstes, und völlig ohne Grund, Maike an als ich sie sehe. Sie lächelt zurück. Konsequenterweise finde ich sie ab sofort sympathisch. Hoffentlich will ich sie nicht irgendwann auch umarmen. Dann mache ich etwas, was ich zuvor für unmöglich gehalten hätte. Anstatt nach meiner Kollegin und Carsten Ausschau zu halten, setze ich mich zum Dozenten, um eine kleine Mahlzeit zu mir zu nehmen. Zu uns gesellt sich die Frau, die sich mir anfangs vorgestellt hatte und unternimmt einen Versuch ein Gespräch mit mir zu führen. Ich gebe eine vermutlich abweisende Antwort und das Gespräch ist vorbei noch bevor es zu einem wurde. Dann setzt sich ein eine etwas schräge Sozialpädagogin an unseren Tisch. Das anschließende Gespräch findet ohne mich statt.

Später sitze ich mit Patzi in einer gemütlichen Sitzecke und wir unterhalten uns. Dann kommen der Dozent und die Frau ohne Namen zu uns. Ich erkenne mich kaum wieder.

In der zweiten Hälfte des Seminars habe ich mich in eine Art Standby-Modus geschaltet. Ich höre alles, was um mich herum gesprochen wird, schaue mich um, nehme alles zur Kenntnis, reagiere aber nicht mehr auf die Witze, die immer wieder gemacht werden. Selbst, wenn die Witze gut sind, bleibe ich irgendwie teilnahmslos. Als wäre mein Körper lediglich ein Kokon, der nicht viel mit mir zu tun hat. Ich wirke sicher gestört mit meiner eingeschränkten Mimik und meinem ganzen Dasein. Aber ich kann da jetzt nicht raus, kann nicht reden, kann nicht auf Witze reagieren, kann einfach nur anwesend sein und die Stimmen hören. Irgendeine Behinderung muss das sein, denn so ist das schon immer gewesen. Wenn mich etwas nicht interessiert, oder ich einen sonstigen Ausfall habe, klinke ich mich aus. Dann kann man mich auch nur schwer wieder einschalten. Daher bin ich innerlich sehr angespannt, als jeder von uns am Ende sagen muss, was für ihn gut und was für ihn weniger gut war. Ich weiß, dass ich nicht lügen kann. Ich kann nicht sagen, dass es mir gefallen hat, dass mich das weitergebracht hat. Ich will gar nichts sagen, so wie in den letzten neunzig Minuten schweigen. Ich spüre meinen Herzschlag, sehe mein Herz durch den Pullover schlagen. Ich bin sicher, dass alle es sehen, wenn ich an der Reihe bin. Ich schwitze. Dann bin ich an der Reihe, alle Augen sind auf mich gerichtet. „Positiv finde ich, dass wir recht pünktlich Feierabend machen.“ Ich schaue niemanden an. Gemurmel, leichtes Gelächter. Vielleicht halten es manche für einen Scherz. Ist es aber nicht. „Weniger positiv ist, dass ich mit all dem gar nichts anfangen kann.“ Ich komme mir vor wie ein Verräter. Gerne hätte ich etwas Positives gesagt, den Dozenten gelobt, aber es war nicht möglich. Ich kann das nicht. Wie ein irrer Zwang muss raus, was raus muss. Das Ende der Veranstaltung ist eine Erlösung. Außer mir hat sich jeder nur positiv geäußert. Keiner war froh, dass es endlich vorbei war. Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut und frage Carsten, ob mein Kommentar zu hart war. Er sagt, dass er genau das von mir erwartet hat, dass es klar war, dass ich es sage. Man kennt mich und manche scheinen es zu akzeptieren, was mich durchaus beruhigt. Dennoch frage ich mich, ob ich mir das nicht abgewöhnen sollte. Mein Bedürfnis gewisse Dinge auszusprechen hat mir schon das eine oder andere Mal Ärger gebracht und hier spricht sich alles immer schnell rum. Ich bin ein echter Sonderling.

Gedankensalat

Nachts sollte man schlafen. Alternativ könnte man auch Sex haben. Sich Gedanken über sein Leben zu machen, sollte man jedoch besser auf andere Zeiten verlegen. Da ich aber gerade weder schlafe noch Sex habe, muss ich mich wohl zwangsläufig (m)einem Gedankenkarussell hingeben. Heute möchte das Karussell sich mit meinem Leben und was ich daraus gemacht habe beschäftigen. Es fängt damit an, wie ich mir mein Leben vorgestellt habe als ich noch mitten in der Pubertät steckte. Und da gab es genau eine Vorstellung. Ich lebe mit einem großen Hund in meinem Haus am Ende einer Straße und fahre entweder einen neuen Porsche oder Mercedes. Das war wohl mein ganzer Lebensplan. Einen ernsthaften Berufswunsch gab es erst als ich das vierzigste Lebensjahr überschritten hatte. Da haben andere ihre Ziele längst erreicht.
Nachdem der Gedankengang abgeschlossen ist, geht es darum zu analysieren, was ich von all dem erreicht habe. Und da sieht es gar nicht mal so schlecht aus. Einen Hund habe ich zwar nicht, möchte ich aber auch gar nicht mehr, weil ein Hund Verantwortung bedeutet und ich keine Verantwortung übernehmen mag. Außerdem machen Hunde Häufchen und die mag ich nicht wegmachen. Da würde ich mich nur übergeben.
Das mit dem Auto hat irgendwie geklappt. Es ist sogar ein Benz. Nicht neu, aber immerhin. Und ich musste ihn nicht einmal bezahlen, weil ich ihn geerbt habe. Das Haus ist eine winzige Eigentumswohnung. Auch da musste ich nicht wirklich viel zu beitragen.

Der Luxus meines Lebens wird durch ein zweites Auto aufgewertet. Auch da musste ich keinen großen Beitrag leisten, um es zu bekommen. Und der Jobwunsch, den es erst sehr spät gab, hat sich auch erfüllt. Ebenfalls ohne große Schwierigkeiten und ohne große Bemühungen meinerseits. Und so frage ich mich, ob es vielleicht sinnvoll gewesen wäre, weitere Ziele zu haben, weil es ja leicht zu sein scheint, diese zu erreichen. Andererseits ist die Frage quatsch, weil ich ja schon fast alles erreicht habe, was mir möglich war. Das ist natürlich auch Quatsch, aber lässt mich wenigstens (wieder) einschlafen.

Urlaubsende

Zwei Wochen Urlaub bringen erneut die Erkenntnis, dass ich absolut ohne Arbeit leben, es mir aber nicht mehr leisten kann. Irritiert blicke ich zurück und frage mich, wie ich nur vor meiner Arbeitslosigkeit mit so wenig Geld leben konnte. Es ist mir ein Rätsel. Rätselhaft erscheint mir auch, wie viel Geld ich derzeit einfach so ausgebe. Nie war ich verschwenderischer, nicht einen Cent lege ich zurück. Schlimmer noch, ich komme nicht einmal bis zum Ende des Monats mit meinem Geld aus. Mein ganzes System ist durcheinandergeraten, wo früher Zurückhaltung herrschte, heißt es heute nur noch konsumieren. Als wäre ich zu einer Geldvernichtungsmaschine mutiert. Passend dazu lege ich eine nie zuvor gekannte Trägheit an den Tag. Sport gehört gar nicht mehr zu meinem Leben. Ich nehme mir nicht einmal mehr vor Sport zu machen. Mein Körper ist schlaff wie nie zuvor, der Anblick erschreckt mich und ich nehme es hin. Ich habe nie verstanden, wie man sich so gehen lassen kann und jetzt bin ich selbst so geworden. Motivation ausgelöscht. Als wäre jede Art körperlicher Betätigung Teil eines früheren Lebens und hätte nichts mit mir zu tun. Ich muss gestehen, dass ich das mehr als erschreckend finde, aber scheinbar nicht erschreckend genug, um dagegen anzusteuern.

Grau wie die letzten Tage kommt mir der Rest des Jahres vor. Der Gedanke nur noch wenige Urlaubstage zur Verfügung zu haben, prickelt einfach nicht. Keinen Urlaub für dieses Jahr mehr angemeldet zu haben, erscheint mir unklug. Anderseits kommen jetzt die dunklen Tage. Braucht man da Urlaub?

Meine Kollegin, die oft gestresst ist, sagt in besonders stressigen Situationen immer, sie denke nur an Miete und Kühlschrank, die sich durch den Job bezahlen lassen, um es zu ertragen. Ich möchte das nicht, doch ich denke auch immer öfter so. Ja, der Job finanziert mein Leben, aber beängstigend, wenn es am Ende nur noch das ist. Ich will eigentlich nicht irgendwo hingehen, ausschließlich um mein Leben zu finanzieren. Vielleicht hätte ich echt was Anständiges lernen sollen. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn ich irgendwann einen Plan gehabt hätte. Ich denke tatsächlich wieder darüber nach, mich woanders zu bewerben, doch dann fällt mir stets ein, dass mir jegliche Qualifikation fehlt und ich eh nicht weiß, was aus mir werden soll. Meist beende ich dann diese nutzlosen Gedanken und denke an was anderes. Oder ich höre einfach nur Musik und träume vor mich hin, weil das ganze Denken mir noch nie was gebracht hat außer schlechter Laune. Und das möchte ich nicht. Ein Job ist ein Job ist ein Job. Mehr nicht. Aber eben auch nicht weniger.

Cordulas 60. Geburtstag

Weil Cordula zu ihrem 60sten Geburtstag
auch ein paar Arbeitskollegen eingeladen hat, sitzen Alpha, meine Kollegin,
Carsten, Patzi, ein anderer Kollege, der nicht besonders groß gewachsen ist,
und ich in Waltrop im Blue Inn. Es befinden sich natürlich noch weitere Leute,
die ich natürlich nicht kenne, mit uns hier. Zu viert sitzen wir zusammen an
einem Tisch. Wir haben uns quasi abgesondert, denn Patzi und der kleine Kollege
dürfen natürlich nicht bei uns sitzen, weil wir die blöd finden und es
obendrein ungünstig wäre, da wir fast permanent Witze über Patzi machen. Wenn
wir keine Witze machen, dreht sich das Gespräch, wie hätte es auch anders sein
können, meist um die Arbeit. Ich schweige größtenteils, weil ich zwar
mittendrin bin, aber nicht wirklich das Gefühl habe auch dazuzugehören. Mir
erscheint das immer wieder alles einfach nur surreal. Man redet über neue
Kollegen und fragt sich, welche Qualifikationen die überhaupt haben, um den Job
machen zu können. Ich indes frage mich, welche Qualifikation ich eigentlich
habe. Mir kommt das alles wie eine riesige Verarsche vor. Wie ein Streich aus
Verstehen Sie Spaß…? Wie kann ausgerechnet ich ein Teil des Ganzen sein? Für
mich ergibt das alles keinen Sinn und so lausche ich den Ausführungen der Kollegen,
mache Fotos und beobachte das Geschehen um mich herum. Mit steigendem
Alkoholpegel wird die Stimmung unserer kleinen Gruppe ausgelassener. Wir haben
uns zwischenzeitlich noch weiter abgesondert und sitzen nun an dem Tisch, der
am weitesten von allen anderen entfernt ist. Echte Sonderlinge halt. Dann wird
es immer witziger und ich habe großen Anteil daran, was dafür spricht, dass ich
eher ein Clown als alles andere bin. Vielleicht auch ein Alleinunterhalter, der
Comedian unserer kleinen Gruppe. Witze auf Kosten anderen waren seit jeher
meine Spezialität. Bei einem Opfer wie Patzi kann mich fast nichts bremsen. Und
wenn mein Publikum lacht und sich kaum mehr einkriegt, dann stoppe selbst ich
mich nicht. Die anderen Gäste schauen schon etwas merkwürdig, was mich aber nur
kurzzeitig ablenkt. Meine drei Zuhörer liegen fast auf ihren Stühlen, halten
sich die Bäuche, sagen, dass ihnen vom Lachen alles wehtut, und bekommen
weitere Sprüche von mir serviert. Ich kann mich nicht erinnern, je zuvor eine
solche Show der Gemeinheiten zum Besten gegeben zu haben. Es ist als bräuchte
ich diese Bühne und als wir uns nach einer Weile beruhigen stelle ich erneut
fest, dass das vermutlich das Einzige ist, was ich wirklich beherrsche. Das
Spiel mit den Worten, die Unterhaltung des geneigten Publikums. Alles möglichst
unpersönlich, dennoch treffend formuliert und mit einem Humor gewürzt, der bei
manchen einfach gut ankommt. Meiner Meinung nach zwar alles völlig Substanzlos,
aber darüber sollte ich vermutlich nicht zu viel nachdenken.
Mein größtes Problem des Abends ist, dass
ich dem Lokal geraucht werden darf. Keine Ahnung, welche Ausnahmeregelung da
greift, aber mich macht es fertig. Irgendwann bin ich so eingenebelt, dass ich
fast einschlafe und nur noch vor mich hinstarre. Für mich ein Zeichen, dass ich
gehen muss. Da es schon nach 23.00 Uhr ist, ist es sowieso spät genug und ich
verabschiede mich von meinen Kollegen. So haben sie auch noch genug Zeit sich
über mich zu unterhalten.
Zu Hause angekommen ziehe ich mich komplett
aus, packe die stinkenden Klamotten sicher weg, hänge die Jacke auf den Balkon
und dusche ausgiebig, weil ich so dermaßen stinke, dass es nicht gereicht hätte
nur die Haare zu waschen. Mehrmals muss ich mich komplett einseifen, um den
Gestank loszuwerden. Hätte ich doch nur eine Badewanne. Nachdem ich den Gestank
los bin, mache ich mich Bettfertig und beende den Abend. Eine weitere Feier bei
der geraucht werden darf, wird es für mich nicht geben. Zumindest nehme ich es
mir so vor.

Berlin

Die Anreise
Die Sonne
scheint und es liegen etwa 500 Kilometer vor mir. Perfekte Bedingungen für den
Benz also. Die Klimaanlage auf eine angenehme Temperatur stellen und mit 170
km/h über die Autobahn gleiten, so ist es einfach herrlich. Dennoch habe ich
mich anders entschieden und sitze nun im Coupé. Warum ich den Luxus des Benz
gegen die Reise im Alltagsauto getauscht habe? Die Parkmöglichkeiten vor Ort
schienen mir fragwürdig und unangemessen für den Benz. Und während ich so über
die Autobahn fahre, frage ich mich, warum ich mir das antue. Statt flott
voranzukommen, fahre ich meist um die 120 km/h, weil das Coupé ab 140 nicht
mehr wirklich Freude bereitet und ab 160 zu viel Konzentration fordert. Ob es
tatsächlich am Coupé liegt oder doch an mir, weiß ich nicht, ist auch
unwesentlich, da nicht mehr zu ändern. Die Autobahn ist recht  leer und ich fahre zumeist auf der rechten
Spur. Lediglich die Mittelspurblockierer zwingen mich immer wieder auf die
linke Spur, weil man nicht rechts überholen darf. Wenn ich diese
Mittelspurblockierer beim Überholen anschaue, sehe ich meist dumme Gesichter,
die vermutlich zu geistigen Flachpfeifen gehören. Ich weiß nicht, ob es gut
ist, dass die Auto fahren dürfen.
Nach einer
Weile vermisse ich die Mittelarmlehne, die mir im Benz bei längeren Fahrten
eine bequemere Sitzposition gestattet. Dafür ist der Klang im Coupé besser und
so werde ich fast während der ganzen Fahrt von Modern Talking begleitet. Ich
wusste gar nicht, dass ich so viele Lieder von denen habe.
Der erste Abend
Nachdem ich gut
sechs Stunden angereist bin, ziehe ich in mein winziges Zimmer mit Bad und
mache mich auf den Weg, um Nahrung aufzunehmen. Die Möglichkeiten sind
vielfältig und ich entscheide mich für ein asiatisches Restaurant in dem kaum
Leute sind. Dort setze ich mich in eine Ecke, so dass ich niemanden sehen muss.
Dabei wollte ich genau das nicht tun. Ich wollte mit diesem im Abseits sitzen
aufhören. So stelle ich mir die Aufgabe für den Abend. Ich muss mich in
irgendeinen Biergarten setzen und dort was trinken. Etwas, was ich sonst nicht
tun würde. Aber ich kann den Abend ja kaum in meinem Zimmer verbringen. Das
wäre albern. So wandere ich nach dem Mahl los. Mal ist es mir zu voll, dann zu
leer. Dort kann ich nicht sitzen, weil alles essen und ich nicht trinken will
und woanders kann ich mich nicht hinsetzen, weil, ja, warum eigentlich nicht?
Genau, weil ich etwas gestört bin.
Nachdem ich
über eine Stunde umhergewandert bin, finde ich einen geeigneten Platz. Zwei
Tische, durch Pflanzen von allen anderen Tischen getrennt, scheinen meinen
Ansprüchen zu genügen. Niemand würde sich freiwillig dort hinsetzen, wenn
woanders genug Platz ist. Woanders ist viel Platz und ich nehme Platz. Doch
noch geschafft. Ich bestelle einen Ananasnektar und sitze eine Stunde einfach
so da, beobachte die Menschen und habe das Gefühl, dass hier keiner in meinem
Alter ist. Wo sind die älteren Menschen nur hin?
Der zweite Tag
Am nächsten Tag
bin ich ganz Tourist, fahre mit der Bahn zum Alexanderplatz und steige dort in
einen Touristenbus. Die Sonne brennt und ich bereue, dass ich nicht mehr Sonnenschutz
aufgetragen habe. Beim zweiten Halt steige ich schon aus, weil man dort eine
Schiffstour machen kann. Schiffstouren ziehen mich magisch an. Und so kaufe ich
ein Ticket für die kleine Rundfahrt, sitze in der prallen Sonne und spüre, dass
ich anbrenne. Ansonsten genieße ich aber die kleine Tour. Anschließend wird
wieder asiatisch gespeist, bevor ich in den Bus steige und die Touristenrundfahrt
fortsetze. An manchen Stationen steige ich aus, mache Fotos, renne hin und her
und bin beschäftigt. Danach klettere ich zurück in einen Bus und merke, dass
der Sonnenbrand behandelt werden muss. Am Schloss Charlottenburg steige ich
aus. Aber nicht, um das Schloss zu bewundern, sondern um mir eine Creme für
meine verbrannten Arme und das angeschmorte Gesicht zu kaufen. Nachdem ich
eingecremt bin, lasse ich mich mit dem Touristenbus zum Ausgangspunkt
zurückbringen. Es scheint so als könnte ich gut alleine verreisen.
Lucy
Nachdem ich
mich etwas erfrischt habe, treffe ich mich am Abend mit Lucy. Lucy habe ich vor
über zehn Jahren über einen Blog kennengelernt und nun können wir uns endlich persönlich
kennenlernen. Dieses Treffen hat einen großen Anteil daran, dass mein Reiseziel
Berlin wurde und ich nicht mit etwas leichterem meine Alleinreisekarriere
gestartet habe.
Lucy ist fast
70 und damit unwesentlich älter als ich es bin. Wir verstehen uns so gut wie am
Telefon und gehen erst etwas essen und sitzen später irgendwo herum, um eine
Kleinigkeit zu trinken und über dies und das zu philosophieren. Möglicherweise
reden wir aber auch nur Unsinn. Bis nach Mitternacht dauert unser Treffen, dann
bin ich wieder auf meinem Zimmer und denke  darüber nach, dass dieses ganze altwerden und alt
sein schon eine ziemliche Scheiße ist. Im Geiste noch in der Pubertät hat man
einen Körper, der einfach so verrottet. Wäre ich nicht so müde, würde ich da
noch Stunden drüber nachdenken.
Über Berlin
Den Tag
verbringe ich zunächst am Leipziger Platz. Mit dem schnellsten Aufzug Europas
werde ich auf etwa 100m Höhe gebracht und betrachte Berlin von oben. Etwas, was
ich neben Schiffstouren, sehr mag. Das ist schräg, denn zum einen habe ich
Höhenangst, zum anderen kann ich nicht schwimmen. Da erscheinen meine Vorlieben
irgendwie widersprüchlich. Nachdem ich alles gesehen habe gönne ich mir ein
asiatisches Mahl in der Mall of Berlin. Es folgt ein Besuch bei den
Mauerresten. Diese sind ein weiterer Beweis dafür, dass Menschen völlig
beschränkt sind. Wie käme man sonst auf die Idee so eine Mauer mitten in eine
Stadt zu bauen und auf Leute zu schießen, die gerne die Seite wechseln wollen?
Menschen sind echt zu blöd. Wie so minderwertige Lebewesen schon über einen so
langen Zeitraum existieren können, werde ich nie verstehen.
Nachdem ich mir
in den nächsten Stunden noch einiges angesehen habe, geht es zurück zum
Alexanderplatz. Dort besuche ich die Aussichtsterrasse
Radisson Park Inn. Ganz alleine genieße ich dort die Aussicht und bin
unzufrieden, weil ich morgen abreisen muss. Ich suche nach Übernachtungsmöglichkeiten,
finde aber nichts, was meinen geringen Ansprüchen genügt.
Noch einmal Lucy
Den letzten Abend in Berlin verbringe ich
wieder mit Lucy. Wieder sind wir einen Tag älter und mir scheint es als wären
um uns herum nur junge und attraktive Menschen. Ich war noch nie attraktiv, aber
immerhin mal jung. So muss ich wenigstes niemals traurig sein, dass ich
irgendwann meine Attraktivität verliere. Dank dieser Erkenntnis kann ich den
Rest des Abends beruhigt weiter Menschen beobachten. Dann heißt es Abschied
nehmen. Ich glaube nicht, dass wir uns je wiedersehen, weil wir beide nur noch
eine begrenzte Lebenserwartung haben und Berlin einfach zu weit weg ist.
Abreisetag
Pünktlich räume ich mein Zimmer und
beklage mich als ich die Schlüssel abgebe, dass ich eigentlich noch bleiben
will. Leider ist mein Zimmer aber schon vergeben und auch die anderen Zimmer hier
sind belegt. Doch der Mann vom Apartment hat eine Idee. Er ruft in anderen
Pensionen an und findet tatsächlich in unmittelbarer Nähe ein Zimmer für mich. Ich
ziehe also für eine Nacht um und bleibe.
Sommersonnenwende
Den Tag verbringe ich ganz entspannt am
Alexanderplatz, hänge einfach nur rum und als ich am Abend zurück in Prenzlau
bin, finde ich mich inmitten von Menschenmassen wieder. Das alljährliche
Sommersonnenwendefest findet statt und ich bin mittendrin. Hübsche Menschen,
wobei ich da nur auf die Frauen achte, soweit das Auge reicht und mittendrin
ein fast fünfzigjähriger Sakkoträger, der so gar nicht her zu passen scheint. Dummerweise
bin ich dieser alte Sack. Obwohl ich so Menschenmassen nicht mag, lasse ich
mich in der Masse treiben. Als wäre ich ein Teil des Ganzen. Vermutlich bin ich
es auch.
Gegen 22.00 Uhr bin ich zurück in meinem
Zimmer, betrachte mich im Spiegel und erkenne mich kaum. Diese alte Hülle passt
nicht zum Kern. Selten kam ich mir dermaßen bewusst so gealtert vor. Egal, wie
lange ich nicht zum Friseur gehe, wieviel Cremes ich benutze, da ist nichts zu
retten. Ich bin jetzt in einem furchtbaren Alter. Die Zeit läuft ab, da kommt
nicht mehr viel. Erst recht nicht, wenn man seinen Alterungsprozess nicht
irgendwann akzeptiert. Frauen unter 30 sehen mich nicht mehr und in ein paar
Jahren kann ich nur noch hoffen, dass sie mich mal aus Mitleid über die Straße
führen oder fragen, ob der Opi verwirrt ist und sich verlaufen hat. Es wird
auch nicht besser, wenn ich noch länger vor dem Spiegel stehe. Also verlasse
ich noch einmal das Zimmer, um ein wenig umherzuwandern. Nur nicht zu viel
nachdenken, sonst muss ich am Ende noch kotzen.
Zurück zu mir
Am nächsten Morgen mache ich mich auf den
Heimweg. Berlin hat mir gut gefallen und es war sehr entspannt. Ich habe gut
gegessen, meist gut geschlafen und bin durchaus in der Lage alleine zu
verreisen. Diese Erkenntnis lässt hoffen, denn so erscheint es möglich, dass
ich meinen Plan, zweimal pro Jahr ein paar Tage wegzufahren, umsetzen kann.
Vorausgesetzt ich kann es mir leisten.
Während der unendlich erscheinenden
Autobahnfahrt bin ich mehrmals kurz davor einzuschlafen und habe Glück, dass
auch heute nicht wirklich viel Verkehr ist. So weite Autofahrten sind nichts
für mich und ich muss meinen nächsten Urlaub in geringerer Entfernung verbringen.
Letztlich bin ich durchaus erleichtert als ich nach etwa sechseinhalb Stunden
heile zu Hause ankomme. Der Alltag hat mich wieder. Fast schon enttäuschend.

Ein weiterer Arbeitstag ohne Smartphone

Gewöhnlich
vergesse ich alle paar Monate mal mein Smartphone zu Hause. Nun passiert es mir
allerdings zum zweiten Mal innerhalb einer Woche, was mir schon zu denken gibt.
Es ist auch ziemlich ungewohnt, fast schon komisch, wenn man einen Arbeitstag
ohne Smartphone verbringt. Zumindest für mich. Richtig verwirrend und
bedenklich wird es aber erst, als ich mich in mein E-Mail Postfach bei Google
einloggen will. Denn das funktioniert nicht, weil ich erst mit meinem
Smartphone oder Tablet bestätigen soll, dass ich es bin, der gerade versucht
sich anzumelden. Das ist neu und irritierend. Meine Kommunikationsmöglichkeiten
sind mit einem Mal völlig eingeschränkt. Als wäre ich in die Vergangenheit
zurückgereist. Es ist tatsächlich fast wie damals und ich stelle fest, dass ich
durchaus unter einer Smartphone-Abhängigkeit leide. Als wäre ich ausgeschlossen,
wenn ich nicht regelmäßig das Smartphone nutze, um irgendwas zu tun, was nicht
getan werden muss. So stellt sich mir die Frage, wovon ich ausgeschlossen bin, wenn
ich keinen Zugriff habe, denn ich kommuniziere schließlich nicht den ganzen Tag
und habe auch nicht wirklich etwas mitzuteilen.
Stattdessen
kann ich mich nun zu hundert Prozent auf meinen Job konzentrieren. Ganz ohne
mobile Ablenkung. Doch was mache ich in der Pause und was stelle ich mit meinen
Händen an, die sonst mehr als regelmäßig nach dem Mobiltelefon greifen, nur um
festzustellen, dass es nichts festzustellen gibt? Herrlich bescheuerte
Zwangshandlung. So erfahre ich heute knallhart, dass es wirklich nicht nötig
ist, ständig das Smartphone zu benutzen, die Welt sich trotzdem weiter dreht,
ich nicht wirklich etwas verpasse und Smartphones sowohl in der Schule als auch
am Arbeitsplatz durchaus verboten werden könnten. Doch da wahrscheinlich
Millionen Menschen unter ähnlichen Symptomen leiden, ist es womöglich ganz
normal und muss daher weder weiter beachtet werden noch irgendwelche Folgen
haben. Komisch ist es aber schon.

Exit the Room – Bomb

Ziel ist es, in einer Stunde die Rätsel zu lösen, um zu
verhindern, dass eine Bombe explodiert. Völlig ahnungslos machen Petra, Markel
und ich uns in einem dieser Exit-Rooms ans Werk, um schon bald festzustellen,
dass wir eine Menge Zahlen gefunden, aber keine Ahnung haben, wie man eines der
Zahlenschlösser damit öffnet, weil wir die richtige Zahlenkombination natürlich
nicht parat haben. So irren wir rat- und orientierungslos durch den Raum und
brauchen Hilfe, um überhaupt eines der Schlösser öffnen zu können. Wer nun
glaubt, dass uns das wirklich weiter hilft, der irrt, da zwar alle Zutaten zum Lösen
der nächsten Rätsel vorliegen, wir aber nicht die geringste Ahnung haben, wie wir
diese anwenden. Die Uhr tickt währenddessen gnadenlos weiter und wir müssen
erneut um Hilfe bitten. So geht es immer weiter. Ohne Hilfe sind wir völlig
ratlos und müssen wie ziemliche Deppen aussehen bei dem was wir tun. Als dann
eine Tür nicht aufgeht, obwohl wir das Rätsel, natürlich mit Hilfe, gelöst
haben, ist die Zeit fast um. Wir gelangen kurz vor Ablauf unserer Zeit zwar
noch in den nächsten Raum, erleben aber dort lediglich, wie die Bombe uns ins
Verderben reißt. Wir sind kläglich gescheitert und es ist wenig tröstlich, dass
uns ein technischer Fehler etwa fünfzehn Minuten gekostet hat. Denn als man uns
anschließend zeigt, was wir noch alles hätten lösen müssen, um die Bombe zu
entschärfen, ist klar, dass wir das weder in fünfzehn Minuten noch in fünfzehn Stunden
oder fünfzehn Tagen geschafft hätten.
Die Bombe war mehr als nur eine Nummer zu hoch für uns, was uns
aber nicht davon abhält, es demnächst wieder zu versuchen. Schließlich gibt es
noch zwei Räume bei denen wir scheitern könnten. Das wollen wir uns auf keinen
Fall entgehen lassen. Denn Spaß macht es auch, wenn man völlig versagt, und das
ist fast schon tröstlich und verlangt nach einer Fortsetzung. Vielleicht werden
diese Räume ja zu einer neuen Tradition in meinem Leben.